der Nationalismus in Asien

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Das Nein ist der Gegenwurf des Ja, sagt Jakob Böhme. Und Goethe:

„Jedes ausgesprochene Wort erregt den Gegensinn.“

Wie bei Worten, so bei Taten. Jede Handlung ruft eine Gegenhandlung hervor. Der indische Zug Alexanders hatte das Reich der Gupta, den ersten indischen Einheitsstaat, zur unmittelbaren Folge. Auf das Vordringen der Römer erfolgte der Gegendrang der Sassaniden. Durch Byzanz wurden die Araber erweckt. Auf die Kreuzzüge nach Syrien kam der Sturm der Mongolen und Osmanen. Auf den Kreuzzug der Mächte nach China kam der Vorstoß Japans in Nordasien.

Einst waren die Europäer gar nicht so verhaßt im Orient. Seit dem späten Mittelalter hatten die europäischen Angriffe auf Asien aufgehört. So hatte sich der Orient daran gewöhnt, uns weniger zu fürchten. Daher konnten Marko Polo und Pordenone unbehelligt ganz Asien durchziehen, daher waren Landreisen von Europäern aus Indien über Afghanistan oder Belutschistan nach Syrien oder Rußland keine allzu große Seltenheit — eine Art Bädecker geradezu für die Reise von der Krim nach Turkestan und China ist uns aus dem 14. Jahrhundert erhalten —; daher endlich konnten die Kapuziner noch im 18. Jahrhundert ungestört in Lhasa wirken und verkehren. Weit entfernt, den rothaarigen Barbaren zu hassen, zogen vielmehr die südlichen Daimyo, die Herrscher von Siam und die Mandschu Portugiesen, Deutsche, Franzosen an ihre Höfe, um ihre wissenschaftlichen Kenntnisse, ihr politisches Geschick, ihre militärische Technik, ihre Verbindungen und Fähigkeiten auszunutzen. Das alles änderte sich, als die europäischen Absichten auf Asien immer offenkundiger wurden, als wir den Orientalen immer härter „an die Gurten“ gingen. So wurden zuerst in dem am meisten exponierten Japan die Christen grausam verfolgt, so wurden um etwa 1740 China, Tibet und Afghanistan für Europäer verschlossen. Der Osten fühlte sich in seiner Herrschaft, in seinem Glauben, in seiner ganzen Lebensführung aufs unmittelbarste bedroht.

Doch der Westen drang jetzt umso unaufhaltsamer vor. Plassey und Seringapatam gaben Indien den Engländern, die Russen wollten schon 1787 sich in Kobdo festsetzen und 1805 Japan erschließen. Der kurze Sonnentag eines Jahrhunderts ward der Europäerherrschaft beschieden.

Und wieder folgte auf das Ja des Angreifers das Nein des Angegriffenen. Die Rückwirkung äußerte sich im Entstehen des Panislamismus und des Panbuddhismus, in der wachsenden Abneigung gegen Europa bei den Arabern, den Afghanen, Tibetern, Chinesen, in der Bildung eines indischen Nationalparlaments, in dem waffenstarrenden Chauvinismus der Japaner.

Noch ist Asien zum größten Teil zerfallen. Noch wühlen in Persien die Babisten und Sufi gegen den Islam, noch ist „der Weg der Götter“, das Shinto, gegen den Buddhismus; noch sträuben sich die arabischen Seyide, den Barbarensultan, der nicht zur Nachkommenschaft des Propheten gehört, den Padischah anzuerkennen. Auch verachtet der einzelne Araber den ungebildeten Türken, der Türke den noch roheren Kurden. Es fehlt jedoch nicht an bedeutsamen Zeichen der Zeit, die darauf hinweisen, daß eine Annäherung der feindlichen Elemente im Werke ist, daß die einende Macht der orientalischen Weltkirchen größer wird und daß gleichzeitig in die zersplitterten Völker der nationale Gedanke dringt.

Am wichtigsten ist für die nächste Zukunft die Frage der Wiedergeburt Chinas. Von Peking ist vor einiger Zeit der Befehl ergangen, das ganze Heer gleichartig zu organisieren. Damit begänne die Nationalisierung des ungeheuren Reiches. Noch zieht Japan aller Augen auf sich. Demnächst werden wir aber auch der militärischen Erstarkung des Reiches der Mitte alle Aufmerksamkeit zu schenken Ursachen haben. Wir dürfen dabei nicht nur die tatsächlichen, sondern müssen auch die latenten Fähigkeiten des Chinesen berücksichtigen. Auch die Möglichkeit eines moralischen Umschwunges ins Auge ‘fassen. In der Neuzeit war China das Land der Gelehrten und Kaufleute. Unter den Tsin galt des Soldat mehr als beide. Noch im 11. Jahrhundert n. Chr. wurde die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht von patriotischen Chinesen gefordert. Noch um 1790 war das Reich der Mitte der kriegerischste Staat Asiens. Was einst lebendig war, kann es wieder werden. Ein Volk wie das chinesische verliert nicht seine Eigenschaften in einem kurzen Jahrhundert. Und war nicht auch die deutsche Reichsarmee das Gespött des In- und Auslands? Aber auf den tiefsten Stand der Reichsarmee in der Rheinbundzeit folgten die Freiheitskriege. In China ist der selbe Umschwung möglich, wenn auch eine neue Sensation längere Zeit braucht, um den Elephantenleib zu durchzittern.

Noch mag Persien fallen und vielleicht Arabien; aber dann ist der Nationalismus Asiens reif, und seine Frucht wird uns nicht wohlschmeckend sein. Und dazu hat der lange, faule Frieden den Westen geschwächt.

Was aber tun? —

Rüsten und kämpfen!

Text aus dem Buch: Orient und Weltpolitik, Verfasser: Albrecht Wirth.

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Siehe auch:
Der deutsche Gedanke in der Welt
Kultur-Europa bei den andern Völkern
Orient und Weltpolitik – die Weltlage

Ein Gedanke zu „der Nationalismus in Asien

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