der historische Wert persönlicher Darstellungen von Seegefechten.

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Die zwei weissen Völker! (The two white Nations!)

Wenn jemand Kriegserlebnisse schildern will, so kann er das auf zweierlei Art tun. Bei der ersten Art schmückt der Erzähler seine für viele Zuhörer oder Leser im einzelnen oft uninteressanten Erlebnisse durch von anderer Seite Gehörtes und wohl auch Kombiniertes romantisch aus und es kommt ihm dann nicht so sehr darauf an, nur eine restlos wahrheitsgetreue Schilderung derjenigen Ereignisse zu geben, die er tatsächlich selber mit erlebt hat, sondern er will ein möglichst vollständiges, packendes und in bunten Farben gemaltes Bild der ganzen Kampfhandlung geben.

Die andere Art der Schilderung von Kriegserlebnissen ist die, daß man in schlichter Form nur seine eigenen Erlebnisse schildert, mögen sie so einfach und im Vergleich zu der Größe und Masse aller Kampfhandlungen noch so unbedeutend sein, daß man sich aber bei allem Erzählen seiner historischen Verantwortlichkeit auch im kleinsten voll bewußt bleibt. Mein Bestreben soll sein, auf diese zweite Art von der Skagerrak-Schlacht zu erzählen.

Der Tag von Lowestoft hatte mir sehr nachdrücklich in Erscheinung gebracht, daß es bereits unmittelbar nach einem Gefecht kaum noch möglich ist, sich den Verlauf des Gefechtes aus den mündlichen Angaben der Teilnehmer zu rekonstruieren. Es war in der Marine üblich, daß im Gefecht keine Schießlisten geführt wurden, da jeder Mann nur für das Gefecht zur Verfügung stehen sollte. Daher konnte ich unmittelbar nach dem Gefecht von Lowestoft schon nicht mehr einwandfrei feststellen, auf welche Entfernungen und in welcher genauen Richtung wir geschossen hatten, als wir die Städte bombardiert und dann die Kreuzer und Torpedoboote unter Feuer genommen hatten. Die Angaben, ob die feindlichen Torpedoboote nach Westen oder nach Osten weggelaufen seien, gingen bei der Aufsetzung des Gefechtsberichtes vollkommen auseinander! Ich beschloß daher damals für zukünftige Gefechte eine peinliche Registrierung aller artilleristischen Befehle und Vorkommnisse sowie meiner Beobachtungen sicherzustellen. Ich beauftragte einen bewährten, älteren Unteroffizier in der Artilleriezentrale der schweren Artillerie jeden von mir gegebenen Befehl aufzuschreiben. Er hörte jeden Befehl von mir durch sein Kopftelephon, das an mein Kopftelephon angeschlossen war, mit dem ich mich mit dem Beobachtungsoffizier im Vormars und mit dem Fähnrich zur See an der Aufsatztelegraphenuhr in der Zentrale verständigte. Außer meinen Befehlen schrieb er für jede Salve der schweren Artillerie auf, mit welchem Aufsatz (das heißt also auf welche Entfernung vom Gegner) sie gefeuert wurde, und in welcher Richtung die Geschütze bei jeder Salve standen. Die Richtung wird an Bord nach Graden angegeben, in der Richtung nach vorn mit 0° beginnend. 90° stehen also die Geschütze, wenn sie Steuerbord querab, 180° wenn sie genau nach achtern und 270°, wenn sie Backbord querab stehen. In der Artilleriezentrale befand sich ein elektrischer Kontrollapparat, an dem man die augenblickliche Stellung eines jeden Geschützturmes auf Grade genau ablesen konnte. Bei jedem Befehl und bei jedem Schuß wurde außerdem die auf zehn Sekunden genau abgelesene Uhrzeit aufgeschrieben.

In Verbindung mit der vom Navigationsoffizier während des Gefechtes anzufertigenden Gefechtsskizze, die von einem Steuermannsmaaten in der Schiffszentrale nach dem Kompaß und dem Fahrtmesser peinlichst genau gezeichnet wurde, mußte es dann ein leichtes sein, nachträglich den jeweiligen genauen Ort des Gegners festzustellen, wenn man für die gewünschte Uhrzeit an dem in der Gefechtsskizze eingetragenen eigenen Kurs die Schußrichtung und die Schußentfernung eintrug. Dieses System der Gefechtslistenführung bildete ich bei den Schießübungen und Klarschiffübungen nach dem Gefecht von Lowestoft bis ins einzelne aus. Ich ließ auch an anderen wichtigen Gefechtsstellen in den Geschütztürmen und in der Artilleriezentrale der Mittelartillerie alle Befehle und Meldungen, die dort ankamen bzw. durchgingen, aufschreiben. Auch im hinteren Kommandostand, wo der zweite Artillerieoffizier als mein Ersatz und der vierte Artillerieoffizier als Ersatz des dritten Artillerieoffiziers ihre Gefechtsstation hatten, ließ ich alle wichtigen Vorkommnisse aufschreiben. Ich betonte bei unseren Übungen immer wieder, daß ich größten Wert darauf lege, daß diese Aufzeichnungen auch im Gefecht gemacht würden. Tatsächlich sind dann auch in der Skagerrak-Schlacht an allen befohlenen Stellen Aufzeichnungen gemacht worden, und diese setzen mich in den Stand, noch jetzt fast über jeden einzelnen Schuß der Artillerie genaue Rechenschaft geben zu können. Außerdem ist es ein leichtes, an der Hand dieser Aufzeichnungen ein mathematisch richtiges Gefechtsbild zu zeichnen, wenn man zur Bestimmung des Ortes des gegnerischen Schiffes nur diejenigen Salven heranzieht, von denen man weiß, daß sie getroffen haben oder daß sie in unmittelbarer Nähe des Gegners gelegen haben. Diese noch in meinem Besitz befindlichen Aufzeichnungen sowie mein Tagebuch und Briefe an die Meinen lege ich meinem Bericht über die Schlacht zugrunde. Leider sind die in den 30,5 cm-Türmen „Cäsar“ und „Dora“ gemachten Aufzeichnungen bei der völligen Zerstörung dieser Türme mit vernichtet worden.

Über den Wert offizieller und persönlicher Darstellungen von Seegefechten und im besonderen über die Skagerrak- Schlacht erschien am 9. Juni 1916 ein Artikel in der englischen Zeitschrift „The Spectator“. Der Autor, Bennet Copplestone, gibt darin ein ausgezeichnetes Urteil über den Wert all solcher Darstellungen ab, wie sie im Kriege nicht anders entstehen können, wo Zensur und militärische Interessen die Darstellung entscheidend beeinflussen. Um so mehr muß es das Bestreben aller derjenigen sein, die nach dem Kriege Kriegserlebnisse schildern, nur das zu schreiben, für dessen historische Richtigkeit sie sich mit ihrer ganzen Persönlichkeit einsetzen können. Der Autor des „Spectator“-Artikels ist meiner Meinung nach schon damals ernstlich bemüht gewesen, den wahren Verlauf der Schlacht aus den englischen und deutschen Darstellungen zu ermitteln. Natürlich konnte auch er sich nicht ganz davon frei machen, die Dinge mit englischen Augen anzusehen. Der Verfasser bringt teilweise uns völlig Neues über die Schlacht, besonders über die Taktik des Führers der englischen Schlachtkreuzer, des Admirals Beatty, der unter Ausnützung der uns weit überlegenen Geschwindigkeit seiner Schiffe ein geradezu vorbildliches Umfassungsmanöver ausgeführt hat. Ich gebe im folgenden eine Übersetzung des „Spectator“-Artikels wieder, dessen Veröffentlichung in deutschen Zeitungen im Jahre 1916 wohl von der deutschen Zensur nicht gestattet worden ist.

„The Spectator“ vom 9. Juni 1916.

„Die Seeschlacht vor dem Skagerrak.“ Was die Deutschen für sich in Anspruch nehmen.

„Mit dem Wissen wächst der Zweifel“ (Goethe).

Es ist ein großer Fehler über die deutschen offiziellen und persönlichen Darstellungen von Seegefechten hinwegzugehen als über Erfindungen, die nur zum Zwecke des Betrügens ersonnen sind. Selbst wenn sie kein Wort Wahrheit enthielten, würden sie als unbewußte Offenbarungen des Geistes des Feindes des Studiums wert sein. Die deutschen Darstellungen sind sehr verschieden in ihrer Qualität. Graf von Spees Brief über Coronel ist die bescheidene, ungefärbte Erzählung eines tapferen und ehrenhaften Gentleman. Von seinen Offizieren gegebene Darstellungen über die Gefechte von Coronel und Falkland sind in ihrer Güte denen gleichzeitigen Erzählungen von englischen Offizieren, die in diesen Seegefechten gefochten haben, gleichwertig. Sehr wenige Offiziere oder Mannschaften sehen in einem Seegefecht überhaupt nur irgend etwas von dem, was sich ereignet; nur wenige begünstigte Stellen sehen einen großen Teil davon; aber wenn man sich daran macht, die persönlichen Erzählungen zu prüfen, selbst von denjenigen, die den für die Beobachtung günstigsten Platz inne hatten, so sind die Widersprüche einfach lächerlich. Der persönliche Beobachtungsfehler beeinflußt alle Erzählungen. Offizielle Darstellungen, seien es englische oder deutsche, sind der konzentrierte Auszug einer Masse von individuellen Beobachtungen, verkürzt und von der Zensur zusammengestrichen für politische und militärische Zwecke. Wir erhalten als Ergebnis eine englische und eine deutsche Tatsachenverdrehung, einen offenkundigen Widerspruch der sich auf beobachtete Tatsachen aufbauenden Beweismittel, einen unverkennbaren englischen Standpunkt und einen ebenso unverkennbaren deutschen Standpunkt.

Die englischen Darstellungen über Jütland waren von Leuten geschrieben, die enttäuscht waren; es war ihnen die Aussicht gegeben, die Hochseeflotte zu vernichten, die Basis verschwinden zu lassen, auf der das ganze Gebäude der deutschen maritimen Pläne aufgebaut war. Sie waren ihrer Aussichten durch die geringe Sichtigkeit im kritischen Augenblick und durch die vollendete Geschicklichkeit beraubt worden, mit der der deutsche Admiral Scheer das neblige Wetter und die Dunkelheit ausnutzte, um seine zahlenmäßig unvergleichlich schwächere und in ungünstiger taktischer Stellung befindliche Flotte zurückzuziehen.

Andererseits sind die deutschen Darstellungen solche von hochbegeisterten Menschen — de tetes montees —, die sich und ihre Flotte unmittelbar vor der vollkommenen Zerstörung gesehen hatten und wie durch ein Wunder gerettet worden waren. Ihre Erzählungen, sowohl die offiziellen, als auch die persönlichen, glühen von Begeisterung. Aber wenn die Deutschen die Seeschlacht vorm Skagerrak einen Sieg nennen, meinen sie nicht, daß die englische Flotte im militärischen Sinne besiegt war. Sie meinen, daß sie das Ziel der englischen Flotte, die deutsche zu zerstören, vereitelt haben. Sie waren in den Klauen des Löwen gewesen, aber sie hatten es mit Geschick verstanden, sich herauszuwinden, bevor diese schrecklichen Klauen sich schließen konnten. Das ist es, was die Deutschen meinen, wenn sie Skagerrak (Jütland) als einen „Sieg“ feiern. Sie behaupten, daß die Schlacht vom 31. Mai 1916 die alte Wahrheit bestätigt habe, daß „das Großkampfschiff, das Schiff, welches das Höchstmaß an Angriffs- und Verteidigungsstärke in sich vereinigt, die See beherrscht“. Das Stärkeverhältnis zwischen der deutschen und der englischen Flotte war, sagen sie, nach ungefährer Schätzung 1 zu 2. Sie machen keinen Anspruch darauf, daß die englische Überlegenheit durch die Verluste in der Schlacht empfindlich vermindert sei oder daß die englischen Großkampfschiffe — zugegebenerweise größer, zahlreicher und stärker armiert als ihre eigenen — nach Skagerrak aufgehört hätten, die See zu beherrschen. Sie stellen genau betrachtet eigentlich nur die Behauptung auf, daß es in Anbetracht der Umstände ein überaus erfolgreiches Entrinnen für ihre Schiffe war. Und das war es in der Tat!

Dieses Gefühl des Frohlockens, der fast unaussprechlichen Erleichterung geht durch die ganze offizielle Darstellung, die in den deutschen Zeitungen vom 1. bis zum 5. Juni 1916 veröffentlicht wurde. Es ist nicht weniger in der glühenden Beschreibung des Korvettenkapitäns Scheibe zu verspüren, der während der Schlacht erster Offizier auf einem der deutschen Schlachtkreuzer war. Sein „Die Seeschlacht vor dem Skagerrak“ verwebt seine eigenen Erlebnisse in die offizielle Darstellung des Marineamtes. Ich habe diese beiden Darstellungen Zeile für Zeile nachgeprüft, um die Körner Wahrheit von der Spreu zu scheiden, die händevoll ausgestreut ist, um die Bewohner des „Vaterlands“ zu entzücken. In manchen Beziehungen sind diese Darstellungen wundervoll genau. Doch wird ein offenkundiger, fast unverständlicher Fehler gemacht: Korvettenkapitän Scheibe, der doch auf einem Schlachtkreuzer war, nimmt die offizielle Angabe auf, daß fünf „Queen Elizabeths“ in unserem fünften Schlachtgeschwader waren, und daß ein Schiff (Warspite) versenkt sei. Wir wissen, daß es nur vier waren, die „Queen Elizabeth“ selber war nicht dabei, und daß kein Schiff davon verloren ging. Abgesehen von diesem Irrtum bezeichnen Korvettenkapitän Scheibe und die offizielle Darstellung unsere Großkampfschiffe richtig und geben anscheinend ohne Schwierigkeit ihre Stellung während der Schlacht an. Ich habe bisher noch keine englische Liste der fünf deutschen Schlachtkreuzer unter Hipper gesehen, auf welche Beatty zuerst stieß, mit der sich unsere Autoritäten einverstanden erklärt hätten. Im Gegensatz zu dieser englischen Unsicherheit — betreffs eines Geschwaders, das von Anfang an, als die Sichtigkeit noch nicht schlecht war, unter Beobachtung stand — geben die Deutschen die Namen und Typen unserer Schlachtkreuzer und Linienschiffe mit völliger Sicherheit an. Sie identifizieren die Schiffe, die sie sahen, bemerkenswert gut; aber ihr Verständnis für das, was sie nicht sahen, ist unvollkommen.

Die Deutschen teilen die Schlacht in vier Abschnitte, in ungefähr derselben Weise, wie wir es tun. Zuerst das Zusammentreffen und das laufende Gefecht zwischen den englischen und deutschen Schlachtkreuzern, sechs englischen und fünf deutschen. Bis zur Beendigung dieses Gefechtsabschnittes, in welchem die „Indefatigable“ und die „Queen Mary“ versenkt wurden, weichen die deutsche und die englische Darstellung kaum voneinander ab. Der beklagenswerte Verlust der „Indefatigable“ und der „Queen Mary“ gaben den Deutschen unglücklicherweise handgreifliche Veranlassung zum Prahlen. Es begann nun der zweite Gefechtsabschnitt. Beatty schwenkte nach Norden und lief davon, um die Spitze der deutschen Linie zu umfassen. Das fünfte Linienschiffgeschwader, das zu weit abgestanden hatte, um beim ersten Gefechtsabschnitt mit einzugreifen, blieb zurück, um alle in Schußweite befindlichen deutschen Schlachtkreuzer und Linienschiffe zu beschäftigen und so durch diese Bindung der Deutschen dem verkleinerten Geschwader Beattys die Gelegenheit durch Durchführung eines äußerst wirksamen Manövers zu geben. Hier stoßen wir auf einen großen Widerspruch zwischen den englischen und den deutschen Darstellungen. Wir wissen, daß Beatty seinen gefährlichen Versuch auf das schnellste durchführte, es gelang ihm die Spitze der deutschen Linie zu umfassen, und er bereitete damit den Weg für Jellicoes weitere Entwicklung vor. Die Deutschen lassen Beatty und seine Schlachtkreuzer völlig von der Bildfläche verschwinden, —

„sie verlieren sich allmählich in der Ferne und beteiligen sich, soweit beobachtet, wohl infolge bereits erlittener ansehnlicher Beschädigungen nicht mehr am Kampfe.“

Dieser völlig törichte Satz kommt sowohl in der offiziellen Darstellung, als auch in Korvettenkapitän Scheibes Broschüre vor und beleuchtet die geistige Verwirrung des Feindes bei der Beurteilung wichtiger taktischer Gefechtslagen.

Der dritte Gefechtsabschnitt wird von den Deutschen als der „Kampf mit der vollzählig versammelten englischen Hauptstreitmacht“ bezeichnet. Die Sichtigkeit war schwach, die Diesigkeit störte beide Parteien, und es ist schwer auszumachen, was sich tatsächlich ereignete. Die Deutschen übergehen absichtlich ihre spiralenförmige Kehrtwendung nach Süden — und damit nach ihren Heimathäfen — aus den sie umschlingenden Armen des fünften Linienschiffs-Geschwaders, Jellicoes Großer Flotte und Hoods und Beattys Schlachtkreuzern; aber die Tatsache wird zwischen den Zeilen zugegeben. Viel Gerede wird gemacht von Scheers Entschluß, als er sich weit überlegenen Streitkräften gegenübersah, „anzugreifen und beim Angriff zu beharren“. Es wird die Behauptung aufgestellt, daß die deutschen Schlachtkreuzer und Zerstörer zum Schutze des Rückzuges der Linienschiffe zweimal erfolgreich angriffen, und daß die englische Flotte verschwunden war, als sie zum dritten Male zum Angriff vorbrausten. „Wohin sie vor dem vorbereiteten dritten Stoß ausgewichen ist, kann nicht festgestellt werden.“

Wir wissen, daß Scheer seine Hauptfiotte auf wirklich meisterhafte Weise aus den sich schließenden Krallen Jellicoes herauszog. Wir wissen, daß er Jellicoe durch äußerst tapfere und geniale Torpedobootsangriffe fernhielt, so daß wir kaum bis auf Sichtweite an die deutschen Linienschiffe heranschließen konnten. In diesem begrenzten Sinne „griff Scheer an“ — er focht ein erfolgreiches Rückzugsgefecht — aber ein Rückzug, gedeckt durch Schlachtkreuzer und Zerstörer gegen überlegene Streitkräfte, ist nicht ganz dasselbe Ding, wie eine „Schlacht mit der vollzählig versammelten englischen Hauptstreitmacht“.

Wie die sich gegenüberstehenden Flotten, mit ihren Schutzschirmen von leichten Kreuzern und Zerstörern, so vollkommen jede Fühlung nach dem Nachtscharmützel — man kann es keine Schlacht nennen — verloren, so daß die Morgendämmerung sie außer Sichtweite voneinander fand, bin ich nicht imstande zu erklären. Weder die englischen noch die deutschen Darstellungen geben da den geringsten Anhalt. Es darf wohl angenommen werden, daß die Deutschen sich im Dunkel der Nacht in den Schutz ihrer Minenfelder begaben. Ihre eigene Darstellung ist ganz anders: „Als das Frührot des historischen 1. Juni am östlichen Himmel aufdämmerte, erwartete jeder, daß die erwachende Sonne die zu neuer Schlacht aufmarschierende englische Flotte beleuchten würde. Diese Hoffnungen wurden getäuscht. Der Horizont ringsum war leer, soweit das Auge reichte.“ Ohne eine Ungerechtigkeit zu begehen, kann man diese vereitelten „Hoffnungen“ als Unsinn beiseite tun. Eine Schlachtflotte, die nach ihrer eigenen Angabe nicht halb so stark ist, wie die gegnerische, heißt die Erneuerung einer Schlacht am frühen Morgen eines langen Sommertages nicht willkommen. Es war in Wirklichkeit ein großer Glücksfall für die Deutschen, daß am Frühmorgen die See leer war.

Ich halte es für unzweckmäßig, auf die Schätzung der Verluste einzugehen, die die Engländer und die Deutschen sich gegenseitig beigebracht haben. Unsere eigenen Verluste sind offiziell bekannt gegeben worden. Die Deutschen haben eine Liste ihrer eigenen Verluste veröffentlicht, und wie fest auch jemand glauben mag, daß die deutschen Verluste zu gering angegeben sind, es gibt keinen zwingenden Beweisgrund für weitere Verluste. Beobachtungen über Zerstörungen, die dem Feinde während des Wirrwarrs einer Seeschlacht beigebracht sind, sind höchst unzuverlässig. Havarierte Schiffe fallen aus der sich mit rasender Geschwindigkeit fortbewegenden Linie aus und werden oft für versenkt gehalten, während sie flügellahm einen sicheren Hafen zu erreichen suchen. Wir werden wahrscheinlich niemals erfahren welchen Schaden wir bei Jütland der deutschen Flotte zugefügt haben.

Bennet Copplestone.

Dieser Artikel im „Spectator“ gibt einen guten Begriff von den Schwierigkeiten, eine Seeschlacht nachträglich richtig zu erfassen. Um die Seeschlacht vorm Skagerrak vollkommen richtig beschreiben zu können, müßten dem Geschichtsschreiber alle dienstlichen und persönlichen Quellen beider Parteien zur Verfügung stehen. Aber der Engländer wird kein Interesse haben, die Einzelheiten dieser für ihn rühmlos verlaufenen Schlacht der Nachwelt ungeschminkt zu übermitteln.

Und werden wir es nach unserem maritimen Zusammenbruch, mit einer pazifistischen Regierung an der Spitze, noch unternehmen? Ich hoffe es! Einstweilen müssen wir Mitkämpfer das Unsrige dazu tun, daß dieser Zweikampf der „zwei weißen Völker“, Seevolk wider Seevolk, unseren Nachkommen wahrheitsgetreu überliefert wird.

Text und Bild aus dem Buch: Die zwei weissen Völker! (The two white Nations!) Verfasser: Hase, Georg Oskar Immanuel von.

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Siehe auch:

Die zwei weissen Völker! (The two white Nations!)
Die Kieler Woche 1914
Erste Begegnungen mit englischen Seestreitkräften.
Die artilleristischen Grundlagen des Kampfes auf hoher See.
Der historische Wert persönlicher Darstellungen von Seegefechten.

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