der erste Gefechtsabschnitt der Skagerrak-Schlacht (5 Uhr 48 Minuten bis 6 Uhr 55 Minuten).

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Die zwei weissen Völker! (The two white Nations!)

Kampf mit der „Queen Mary“. Torpedobootsangriffe und ihre Abwehr.


Als ich auf der Kommandobrücke anlangte, erfuhr ich, daß von der „Frankfurt“ in westlicher Richtung einzelne feindliche Streitkräfte in Sicht gemeldet seien.

Die Schlachtkreuzer liefen bereits in Kiellinie mit höchster Fahrt auf den gemeldeten Punkt zu. Vor uns sah man die kleinen Kreuzer mit ihren Torpedobooten unter großer Rauchentwicklung dahinpreschen. Unser eigenes Gros war nicht mehr zu sehen. Die uns begleitenden Torpedoboote konnten uns kaum folgen, sie verloren durch die hohe Ozeandünung viel Fahrt. Sonst war aber die See ziemlich glatt, es wehte nur ein leichter nordwestlicher Wind, Windstärke 3.

Ich stieg in den vorderen Artilleriestand. Ich sage steigen, weil eine ziemliche Kletterei notwendig war, um nach Passieren der Panzertür auf das Podest zu gelangen, wo die Artilleriesehrohre standen. Bereits langten Meldungen an: „Die Mittelartillerie ist klar!“, „Befehlsübermittlung ist klar!“ „Vormars, achterer Artilleriestand, Großmars ist klar“, usw. Schließlich hatten alle Gefechtsstellen gemeldet, und Ich meldete dem Kommandanten „Artillerie ist klar!“

Wir Offiziere legten unsere Kopftelephone um, und der Tanz konnte beginnen. Ich bitte den Leser, sich jetzt einmal in die nebenstehende Skizze 1 zu vertiefen. Die erste eingetragene Zeit ist 4 Uhr 28 Minuten. Bis dahin hatten die Schlachtkreuzer Kurs. Nord gesteuert. Um 4 Uhr 28 Minuten schwenkten sie auf westliche Kurse, die bis 5 Uhr 2 Minuten gesteuert wurden. Es sind dann nördliche Kurse bis 5 Uhr 33 Minuten, südliche Kurse bis 6 Uhr 53 Minuten, nördliche Kurse bis 7 Uhr 55 Minuten, stark wechselnde Kurse bis 9 Uhr 20 Minuten, westliche Kurse bis 9 Uhr 45 Minuten und dann hauptsächlich südliche Kurse bis zur Beendigung der Tagschlacht gesteuert worden.

Unter Zuhilfenahme dieser Skizze wird es dem Leser bei meiner Beschreibung der einzelnen Gefechtsabschnitte leicht sein, den Weg des „Derfflinger“, der zugleich der Weg aller übrigen Schlachtkreuzer gewesen ist, und derjenigen feindlichen Schiffe, die vom „Derfflinger“ unter Feuer genommen worden sind, zu verfolgen. An dem vom „Derfflinger“ zurückgelegten Weg ist mit rotpunktierten Strichen Richtung und Schußentfernung (in hm) derjenigen Salven eingetragen, die der Schießliste nach Treffer gewesen waren oder jedenfalls den Gegner eingedeckt hatten. Bei diesen Salven entspricht also die Schußentfernung der wirklichen Entfernung, der Endpunkt der Schußentfernung ist zugleich der Standort des Gegners im Moment des Einschlagens der Salve.

Der Weg der von uns beschossenen Gegner ist durch eine rote Linie gekennzeichnet. Dieser Weg ist mathematisch vollkommen genau, soweit er durch die Treffpunkte unserer Salven festgelegt ist. Die übrigen Strecken können den Anspruch auf mathematische Genauigkeit nicht erheben, können aber von dem tatsächlich zurückgelegten Weg der englischen Schiffe nur um ein Geringes abweichen.

Wir liefen also anfänglich etwa eine halbe Stunde nach Westen und dann eine halbe Stunde nach Nordwesten.

Unsere sämtlichen Sehrohre und Fernrohre sahen nach dem Feind aus, unsere kleinen Kreuzer versperrten uns aber mit ihrem Qualm die Aussicht. Gegen 5 Uhr hörten wir die ersten Schüsse, und bald sahen wir, daß die „Elbing“ beschossen wurde und das Feuer heftig erwiderte. Mein Listenführer als Chronist in der Artilleriezentrale hat als erste Nachricht, die ich an die Geschütze gegeben habe, niedergeschrieben: „5 Uhr 5 Minuten. Unsere kleinen Kreuzer melden vier feindliche kleine Kreuzer! Vom ,Derfflinger‘ noch nicht zu sehen!“ Und die später folgenden Befehle: „5 Uhr 30 Minuten. Unsere kleinen Kreuzer haben Feuer eröffnet! Richtung auf den zweiten kleinen Kreuzer von rechts! Mit Sprenggranaten laden und sichern! Abkommpunkt rechte Kante, Wasserlinie! 180 Hundert! Feuer verteilen von rechts! Schieber links 20! 170 Hundert!“

Im Artilleriestand fing es bereits an heiß zu werden. So zog ich meinen Mantel aus und ließ ihn in das hinter dem Artilleriestand befindliche Kartenhaus hängen. Wiedergesehen habe ich ihn nicht!

Zu dieser Zeit glaubten wir alle noch nicht recht daran, daß wir es mit ebenbürtigen Gegnern zu tun haben könnten. Da ließ mir der Kommandant in den Artilleriestand sagen: „Es sind feindliche Schlachtkreuzer gemeldet worden.“ Ich gab diese Meldung an die Artilleriemannschaften weiter. Jetzt wurde uns klar, daß sich binnen kurzem ein heißer Kampf auf Leben und Tod entspinnen würde. Es wurde doch für einen Augenblick merklich stiller im Artilleriestand. Aber das dauerte nur kurze Minuten, dann siegte bereits wieder der Humor, und nun entwickelte sich alles in tadelloser Ordnung und Ruhe. Ich ließ die Geschütze in die Richtung schwenken, wo der Feind ungefähr stehen mußte. Ich hatte mein Sehrohr auf die größte Vergrößerung eingestellt, 15 fache Vergrößerung, die für sichtiges klares Wetter bestimmte Einstellung. Aber noch zeigte sich nichts vom Feind. Doch war eine Änderung vor uns eingetreten: die kleinen Kreuzer und Torpedoboote hatten kehrt gemacht und suchten hinter uns Schlachtkreuzern Deckung. So waren wir jetzt die Vordersten in der Reihe, der Horizont vor uns wurde rauchfreier, und wir konnten jetzt einige englische kleine Kreuzer ausmachen, die ebenfalls kehrt gemacht hatten. Und plötzlich erspähe ich in meinem Sehrohr große Schiffe. Dunkle Kolosse, sechs hoch- und breitbordige Riesenschiffe, in zwei Kolonnen fahrend. Noch waren sie weit ab, aber sie zeichneten sich klar am Horizont ab, sie wirkten selbst auf diese großen Entfernungen gewaltig, massig. Nur noch kurze Zeit behielten wir den nördlichen Kurs bei, um 5 Uhr 33 Minuten schwenkte unser Flaggschiff „Lützow“, hinter dem wir als zweites Schiff in der Linie fuhren, auf südlichen Kurs. Der Feind rangierte sich ebenfalls auf südlichem, konvergierendem Kurse, und so liefen beide Linien, sich immer mehr einander nähernd, mit höchster Fahrt nach Süden. Die Absicht des Admirals Hipper lag klar zutage: er wollte kämpfend die feindlichen Schlachtkreuzer auf unser Linienschiffsgros führen.

Der Listenführer buchte um diese Zeit meine Befehle: „5 Uhr 35 Minuten. Schiff dreht Steuerbord! Normalschaltüng für Gefecht an Steuerbord! 170 Hundert! 165 Hundert! Schwere Artillerie Panzersprenggranaten! Richtung auf den zweiten Panzerkreuzer von links, 102 Grad! Schiff läuft 26 Seemeilen, Kurs Ost-Süd-Ost! 170 Hundert! Unser Gegner hat zwei Masten und zwei Schornsteine, außerdem einen schmalen Schornstein dicht am vorderen Mast! Schieber links 10! Entfernungsunterschied minus 1! 164 Hundert!“

Noch immer kam keine Feuererlaubnis vom Flaggschiff!

Es wurde immer klarer, daß beide Parteien die Entscheidung auf mittleren Schußentfernungen anstrebten. Ich sah mir mittlerweile unsere Gegner genau an. Die sechs Kolosse riefen in mir die Erinnerung an jenen Tag wach, an dem ich zur Begrüßung des englischen Admirals dem englischen Geschwader in der Kieler Bucht entgegengefahren war. Wieder sah ich ein stolzes englisches Geschwader ankommen, aber diesmal sollte die Begrüßung eine ganz andere sein! Wieviel größer und dräuender wirkten, 15 fach vergrößert, diesmal die feindlichen Schiffe, die ich jetzt ohne weiteres als die sechs neuesten feindlichen Schlachtkreuzer ausmachte. Sechs Schlachtkreuzer standen unseren fünf gegenüber: in fast gleicher Anzahl ging’s in den Kampf. Es war ein nervenerregender, majestätischer Anblick, wie das Schicksal selber zogen die dunkelgrauen Kolosse daher.

Die sechs Schiffe, die zuerst in zwei Kolonnen gestanden hatten, rangierten zur Linie. Wie eine Herde Riesentiere der Urwelt schoben sie sich durcheinander, mit langsamen Bewegungen, schemenhaft, unwiderstehlich.

Doch es gab jetzt Wichtigeres zu tun, als lange Betrachtungen anzustellen. Immer kleiner wurden die gemessenen Entfernungen. Als wir auf 165 hm angekommen waren, hatte ich befohlen: „Panzersprenggranaten!“ Das war das Geschoß des Nahkampfes. Jetzt wußte jedermann im Schiff, daß es hart auf hart gehen würde, denn oft genug hatte ich erklärt, wie die beiden Geschoßarten verwendet würden.

Die Entfernungen gab ich entsprechend der Meldungen des Bg-Offiziers laufend an die Geschütze. Auf dem Flaggschiff ging unmittelbar nach der Schwenkung um 5Uhr35Minuten das Signal hoch: „Feuerverteilung von links!“ Das bedeutete, daß jedes deutsche Schiff ein englisches unter Feuer nehmen sollte, und zwar vom linken Flügel ab gerechnet. Demnach mußten von uns fünf deutschen Schlachtkreuzern die ersten fünf englischen Schiffe unter Feuer genommen werden, und dem „Derfflinger“ fiel das zweite Schiff zu, das ich als ein Schiff der „Queen Mary“-Klasse identifizierte. Es ist die „Princess Royal“, ein Schwesterschiff der „Queen Mary“ gewesen. Alles war schußbereit, die Spannung steigerte sich von Sekunde zu Sekunde, aber noch durfte ich den ersten Feuerbefehl nicht geben, das Signal vom Flagschiff „Feuer eröffnen“ mußte abgewartet werden. Auch der Gegner zögerte noch, näherte sich uns noch immer mehr.

„150 Hundert!“ lautete mein letzter Befehl, da, ein dumpfes Krachen, ich sehe nach vorn: „Lützow“ schießt ihre erste Salve, und gleichzeitig wird das Signal „Feuer eröffnen“ geheißt, In derselben Sekunde rufe ich: „Salve — feuern!“ und donnernd kracht unsere erste Salve heraus. Unsere Hinterleute fallen sofort ein, wir sehen bei unseren Gegnern überall Feuerschlünde und sich ballende Rauchwolken, — die Schlacht ist im Gange! Mein Chronist in der Artilleriezentrale schrieb um 5Uhr48Minuten nieder: „5Uhr 48Minuten. Schiff dreht Steuerbord! Entfernungsunterschied minus 2! 150 Hundert! Salve — feuern!“ Fast 30 Sekunden vergehen, bis unsere Aufschlagmeldeuhren — diesmal alle drei gleichzeitig — „blöken“. Die neu eingesetzten Elemente haben geholfen! Die Aufschläge liegen gut zusammen, aber „weit“, das heißt hinter dem Ziel, und an der rechten Kante. „Schieber 2 mehr nach links! 4 zurück! Weiter!“ Das waren die Kommandos für die nächste Salve. 4 zurück bedeutete: Der Fähnrich am Aufsatztelegraphen sollte den Zeiger des Telegraphen um 400 m verstellen. Und „weiter!“ bedeutete: Sobald er seine Einstellungen gemacht hatte, sollte er selber von der Artilleriezentrale aus den Befehl geben „Salve feuern!“ Dies entlastete den Artillerieoffizier, und außerdem konnte es nicht Vorkommen, daß „Feuern“ kommandiert wurde, wenn etwa der neue Aufsatz am Geschütz noch nicht eingestellt war. Denn durch einen besonderen elektrischen Kontrollzeiger konnte der Fähnrich in der Zentrale für jedes Geschütz kontrollieren, ob der Aufsatz am Geschütz auch bereits richtig eingestellt war.

Am Aufsatztelegraphen in der Artilleriezentrale saß der Fähnrich zur See Stachow, ein junges Blut von 17 Jahren, der den Aufsatztelegraphen und die Aufsatzuhr bediente, den Geschütztürmen meine Befehle übermittelte und die Feuererlaubnis regelte. Er war durch ein Kopftelephon mit mir verbunden und ich konnte so jeden von ihm erteilten Befehl kontrollieren. Der junge Fähnrich hat bis zum Schluß der Schlacht kaltblütig und sachgemäß die Feuerdisziplin der schweren und mittleren Artillerie geregelt, — nur beim Beginn des Schießens hat er einen Fehler gemacht.

Die zweite Salve sauste heraus. Wieder lag sie „weit“. „4 zurück!“ kommandierte ich. Auch die dritte und vierte Salve lag weit, obwohl ich nach der dritten Salve „8 zurück“ befohlen hatte. „Himmeldonnerwetter, Fähnrich Stachow, da wird irgendein Blödsinn gemacht“, fluchte ich. „Nochmal 8 zurück!“ Die Schießliste ergab später, daß die ersten „8 zurück“ vom Fähnrich vielleicht nicht verstanden, auf jeden Fall nicht eingestellt waren. Jetzt aber kamen die „8 zurück“ zur Geltung. Die sechste Salve, um 5 Uhr 52 Minuten gefeuert, lag deckend, drei Schüsse hinter dem Ziel, ein Schuß vorm Ziel! Wir waren mittlerweile, da die Aufsatzuhr zuerst mit 2, dann mit 3 hm Entfernungsabnahme pro Minute gelaufen war und ich bereits 16 hm zurückgegangen war, auf 119 hm angelangt. Vier Minuten befanden wir uns bereits im Gefechte, und erst jetzt erfolgte die erste deckende Salve! Das war kein erfrischendes Resultat. Das Ziel war zuerst völlig überschossen worden. Schuld daran war die falsche Messung der Anfangsentfernung und eine Verzögerung in den ersten Meldungen über die gemessene Entfernung. Ich erkläre mir den großen Meßfehler folgendermaßen: Die Bg-Messer waren durch den ersten Anblick der feindlichen Kolosse überwältigt. Jeder sah das feindliche Schiff durch sein Gerät in 23 facher Vergrößerung! Da konzentrierten sich ihre Gedanken anfänglich auf das Aussehen des Gegners. Sie bemühten sich festzustellen: wer ist unser Gegner? So hatten sie, als plötzlich der Befehl „Feuer eröffnen“ kam, die gemessene Entfernung nicht genau eingestellt. Denn am Können kann es nicht gelegen haben, da die Entfernungsmesser während des ganzen übrigen Gefechtes ausgezeichnet gemessen haben, und an der Leistungsfähigkeit unserer Meßgeräte auch nicht, im Gegenteil haben unsere Zeißschen stereoskopischen Basisgeräte sich während der Schlacht ausgezeichnet bewährt. Mir meldete später der Bg-Offizier, daß die Messungen sämtlicher Geräte selbst auf den großen Entfernungen selten mehr als 3 hm auseinander gelegen haben.

Kostbare Minuten waren verlorengegangen, aber nun war ich gut am Ziel, und um 5 Uhr 52 Minuten 20 Sekunden buchte der Listenführer meinen Befehl „Gut, schnell! Wirkung!“ „Gut, schnell!“ bedeutete, der Fähnrich zur See Stachow in der Artilleriezentrale sollte aller 20 Sekunden für die schwere Artillerie kommandieren „Salve — Feuern!“ Und das Wort „Wirkung!“ bedeutete: die Mittelartillerie sollte unmittelbar nach jeder Salve der schweren Artillerie zwei Salven schnell hintereinander feuern und von jetzt ab dauernd zusammen mit der schweren Artillerie mit eingesetzt werden. Ein ohrenerschütterndes, betäubendes Gekrache begann. Einschließlich der Mittelartillerie feuerten wir nun also durchschnittlich aller sieben Sekunden eine gewaltige Salve. Wer ein Schießen mit Gefechtsmunition an Bord eines Großkampfschiffes einmal mitgemacht hat, kann sich einen Begriff davon machen, was das bedeutete. Während die Salven fielen, war eine Verständigung ausgeschlossen. Dickster Pulverqualm ballte sich fortgesetzt an den Mündungen der Rohre zusammen, entwickelte sich zur haushohen Rauchwolke, die sekundenlang wie eine undurchdringliche Mauer vor uns stand und wurde dann vom Wind und durch die Fahrt des Schiffes über das Schiff hinweggetrieben. Dadurch kam es, daß wir oft sekundenlang vom Feind nichts sahen, daß unser Kommandoturm vollkommen in dicksten Rauch gehüllt war. Natürlich konnte ein solch rasendes Schnellfeuer beider Kaliber nur eine beschränkte Zeit durchgeführt werden. Es stellte fast übermenschliche Anforderungen an die Geschützmannschaften und an die Munitionsmänner. Auch geschah es leicht, daß man schließlich die Aufschläge der schweren und Mittelartillerie gar nicht mehr auseinanderhalten konnte. Dann befahl ich „Mittelartillerie schweigen“ und kontrollierte nun erst mal allein das Feuer der schweren Artillerie. Gewöhnlich dauerte es nicht lang, so wurde das Ziel infolge irgendwelcher Bewegung des Gegners über- oder unterschossen, dann wurde das Feuer wieder verlangsamt. Jede Salve wurde dann wieder neu kommandiert, und es wurde nun wieder so lange herumgefeilt, bis wieder eine Salve deckend lag. Und dann setzte wieder das Höllenkonzert des „Gut, Schnell!“ ein. Wieder krachte dann aller 20 Sekunden eine Salve der schweren Artillerie heraus, und in den Zwischenpausen feuerte dann die Mittelartillerie. Leider konnte die Mittelartillerie damals nur bis auf Entfernungen von 130 hm schießen.

Mich setzte in Erstaunen, daß wir anscheinend noch nicht ein einziges Mal getroffen worden waren. Nur ganz selten verirrte sich einmal ein Geschoß in unsere Nähe. Ich beobachtete die Geschütztürme unseres Zieles näher und stellte fest, daß dieses Schiff nicht auf uns schoß. Es schoß mit auf unser Flaggschiff. Ich sah einen Moment auf das dritte feindliche Schiff, es schoß auf unseren Hintermann. Kein Zweifel! Wir waren durch irgendeinen Fehler drüben übersprungen worden. Ich lachte ingrimmig, und nun nahm ich in voller Ruhe, wie bei einer Schießübung, den Gegner mit immer größer werdender Genauigkeit unter Feuer. Alle Gedanken an Tod oder Untergang waren wie weggeblasen. Die rein sportliche Freude am Schießen erwachte, alles in mir jauchzte in wilder Kampfesfreude und jeder Gedanke konzentrierte sich nur in dem einen Wunsche: Treffen wollen, schnell und gut und immer wieder und dem hochmütigen Gegner Schaden antun, wie und wo nur immer möglich. Nicht leicht sollte es ihm werden, mich an der Rückkehr an meinen heimatlichen Herd zu verhindern! Ich hatte leise vor mich hingesprochen: „Wir sind übersprungen!“, aber das pflanzte sich im Artilleriestand im Nu von Mund zu Mund fort und erfüllte alle mit einer unbändigen Fröhlichkeit. Außer uns beiden Artillerieoffizieren konnten nur noch die beiden Richtungsweiser-Unteroffiziere und der Entfernungsmesser etwas vom Feinde sehen. Allerdings hatten wir die Sehschlitze offen gelassen — aus einer eigentlich nicht ganz richtigen Forschheit —, aber mit dem bloßen Auge konnte man natürlich den Gegner kaum erkennen. So griffen die Leute im Artilleriestand alles gierig auf, was sie von uns hörten.

Und nun ging der Kampf weiter. Unsere Aufschläge verursachten Wassersäulen, die etwa 80 bis 100 m hoch waren, sie waren etwa doppelt so hoch wie die feindlichen Masten. Die Freude, daß wir übersprungen waren, dauerte nicht sehr lang. Drüben war der Fehler wohl bemerkt worden, und nun wurden wir öfters mit deckenden Salven eingedeckt. Ich sah mir wieder die Geschütztürme unseres Gegners, den ich aufs Korn genommen hatte, genau an und sah, daß die Geschütze jetzt genau auf uns gerichtet waren. Dabei machte ich plötzlich eine Entdeckung, die mich in Erstaunen setzte. Deutlich sah ich bei jeder Salve, die der Gegner schoß, vier oder fünf Geschosse durch die Luft ankommen. Wie längliche schwarze Punkte sahen sie aus. Sie wurden allmählich etwas größer und plötzlich — rums, waren sie da. Sie explodierten beim Aufschlagen aufs Wasser oder im Schiff mit einem ungeheuren Knall. Ich sah es schließlich den Geschossen ziemlich genau an, ob sie vor uns oder hinter uns einschlagen würden, oder ob sie uns persönlich die Ehre geben würden. Die Einschläge im Wasser erzeugten eine ungeheure Wassersäule. Einige Wassersäulen sahen bis etwa zur halben Höhe giftig grün-gelb aus, sie stammten wohl von Lyddit-Granaten. Die Wassersäulen standen wohl fünf bis zehn Sekunden, bis sie ganz zusammengefallen waren. Es waren Riesenfontänen, gegen die die berühmten Wasserkünste von Versailles das reine Kinderspielzeug waren. Im späteren Verlauf der Schlacht, als der Feind sich besser auf uns eingeschossen hatte, kam es häufig vor, daß solche Wassersäulen über das Schiff zusammenbrachen, alles überschwemmend, zugleich aber auch allen Brand löschend. Der erste Treffer im Schiff, der mir zum Bewußtsein gekommen ist, hat über der Kasematte eingeschlagen. Er durchschlug dabei zuerst eine Tür mit einem runden Glasfenster. Hinter diese hatte sich ein prächtiger Unteroffizier, der Bootsmannsmaat Lorenzen, der sich bei den Reserven unter Deck aufhalten sollte, geschlichen, um den Kampf beobachten zu können. Seine Neugierde wurde hart bestraft, das Geschoß trennte ihm glatt den Kopf vom Rumpf.

Wir näherten uns unserem Gegner bis auf 113 hm. Um 5 Uhr 55 Minuten schoß ich aber bereits wieder mit einem Aufsatz von 115 hm, und dann nahm die Entfernung weiter sehr schnell zu. Um 5 Uhr 57 Minuten ließ ich die Aufsatzuhr bereits mit einer Entfernungszunahme von „plus 6“ laufen. Um 6 Uhr betrug die Schußentfernung 152 hm, um 6 Uhr 5 Minuten 180 hm, und damit kam der Gegner bereits außer Schußweite, weil damals 180 hm unsere größte Schußweite war. Ein klein wenig konnten wir unsere Schußweite dadurch vergrößern, daß ich die Geschützführer nicht mehr auf die Wasserlinie des Gegners, sondern auf die Oberkante der Schornsteine, der Marse und schließlich sogar der Mastspitzen zielen ließ. Aber das machte nur wenige hundert Meter aus. Nach der Skagerrak-Schlacht sind unsere Schußweiten durch allerlei Verbesserungen erheblich vergrößert worden. Jetzt aber standen wir dem Feinde ohnmächtig gegenüber und konnten sein Feuer nicht erwidern. Dieser Zustand dauerte bis 6 Uhr 17 Minuten. Um 6 Uhr 10 Minuten hatte unser Flaggschiff eine Schwenkung um mehrere Strich nach Steuerbord ausgeführt, der Gegner hatte anscheinend auch herumgedreht, und so näherten wir uns einander wieder ziemlich schnell. Um 6 Uhr 19 Minuten betrug die Schußentfernung bereits nur noch 160 hm. 16,0 km ist ja eigentlich eine ganz stattliche Entfernung, aber uns kamen diese Entfernungen bei der günstigen Sichtigkeit und den sehr klaren Aufschlägen tatsächlich gering vor. Unsere Zeißschen Gläser in unseren Sehrohren waren ausgezeichnet. Ich konnte auch auf die größten Entfernungen alle Einzelheiten auf den gegnerischen Schiffen erkennen, so z. B. alle Bewegungen der Geschütztürme und der einzelnen Rohre, die nach jedem Schuß zum Laden annähernd horizontal gelegt wurden. Vor dem Kriege hatte kein Mensch in unserer Marine daran gedacht, daß man auf Entfernungen über 150 hm wirklich erfolgreich kämpfen könnte. Ich entsinne mich noch gut verschiedener Kriegsspiele, die wir ein oder zwei Jahre vor dem Kriege im Kieler Kasino unter Leitung des Admirals v. Ingenohl abhielten, und bei denen jedem Schießen über 100 hm grundsätzlich jede Wirkung aberkannt wurde!

Wie sah es nun beim Gegner aus? Um 6 Uhr ist sein hinterstes Schiff, die „Indefatigable“ in die Luft geflogen. Ich habe es nicht gesehen, da meine Aufmerksamkeit von der Leitung des Schießens gegen das zweite Schiff völlig in Anspruch genommen war. Auch ein Hören des sicher großen Explosionsknalles war natürlich bei dem Höllenlärm im eigenen Schiff und dem Lärm in unserer Nähe krepierender feindlicher Granaten nicht möglich gewesen, wenn wir auch den Knall der feindlichen Salven als dumpfes Geräusch hören konnten, sobald unsere Geschütze einmal schwiegen. Im hinteren Artilleriestand ist die Explosion der „Indefatigable“ beobachtet und gebucht worden. Die „Indefatigable“ ist von unserem Schlußschiff, der „von der Tann“, unter Feuer genommen und durch ein vorzüglich geleitetes Schießen dieses Schiffes niedergekämpft worden. Der erfolgreiche Leiter der Artillerie der „von der Tann“ war deren erster Artillerieoffizier, Korvettenkapitän Mahrholz.

Der nordwestliche Wind bewirkte, daß bei den englischen Schiffen der Rauch der Geschütze in Feuerluv*) an den Schiffen vorbeizog. Dadurch wurde dem Engländer die Aussicht oft genommen und somit das Schießen erschwert. Da auch die Sichtigkeitsverhältnisse nach Osten zu ungünstiger waren, als nach Westen, so hatten die englischen Schlachtkreuzer entschieden eine taktisch ungünstigere Stellung inne. Uns störten die Rauchmassen vor dem Gegner wenig, da es für unsere stereoskopischen Meßgeräte genügte, wenn die Entfernungsmesser nur ein Stückchen Mastspitze sahen.

*) Mit Feuerluv bezeichnet man im Gefecht diejenige Seite, nach der geschossen wird. Die dem Gegner abgekehrte Seite heißt Feuerlee.

Ich nahm um 6 Uhr 17 Minuten wieder den zweiten Schlachtkreuzer von links unter Feuer. Ich glaubte, es sei dasselbe Schiff, die „Princess Royal“, die ich schon vorher unter Feuer genommen hatte. Tatsächlich war es aber die „Queen Mary“, das dritte Schiff in der gegnerischen Linie. Dies kam dadurch, daß das Flaggschiff des Admirals Beatty, die „Lion“, sich um diese Zeit, als ich mein Ziel wählte, für einige Zeit außerhalb der feindlichen Linie aufhalten mußte und infolge des Qualms der feindlichen Linie in seiner zurückgezogenen Stellung von uns überhaupt nicht zu sehen war. Aus späteren Berichten in englischen Zeitschriften geht hervor, daß Beatty damals von „Lion“, dessen Kommandoturm unbrauchbar geworden war, auf die „Princess Royal“ übergestiegen ist. Er mußte also genau so wie später unser Admiral Hipper im Gefecht sein Flaggschiff wechseln. Unser Flaggschiff, die „Lützow“, hatte die „Lion“ fortgesetzt unter einem starken und wirkungsvollen Feuer von Sprenggranaten gehalten. Der Artillerieoffizier der „Lützow“ hatte es vorgezogen, um keinen Geschoßartwechsel eintreten zu lassen, der gewisse ungünstige ballistische Einwirkungen zur Folge haben konnte, erst mal sämtliche Sprenggranaten zu verschießen. Durch deren ungeheure Spreng- und Brandwirkung hat er die „Lion“ gezwungen, zum Feuerlöschen eine Zeitlang die Linie zu verlassen. So beschoß ich denn von 6 Uhr 17 Minuten ab die „Queen Mary“. Gewisse Schwierigkeiten beim Feuerleiten entstanden jetzt dadurch, daß die Gläser der Sehrohre über der Decke des Artilleriestandes infolge des starken Pulverrauches und des Schornsteinqualms immer wieder verschmutzten, so daß man kaum noch etwas sehen konnte. Ich war in solchen Momenten ganz auf die Beobachtung des Artillerie-Beobachtungsoffiziers im Vormars, des Oberleutnants zur See v. Stosch, angewiesen. Dieser treffliche Offizier beobachtete und meldete die Lage der Aufschläge mit einer erstaunlichen Kaltblütigkeit und Ruhe, und er hat mit seinen ausgezeichneten Beobachtungen der Aufschläge, auf deren Richtigkeit ich mich bombenfest verlassen konnte, ganz erheblich zum Erfolge unserer Waffen beigetragen. Während wir nun also nichts sahen, hielt Oberleutnant v. Stosch in seiner luftigen Warte 35 m über der Wasseroberfläche sein Vormars-Sehrohr haarscharf auf den Gegner gerichtet. Ein Kontrollzeiger zeigte bei meinem Sehrohr die Stellung des Vormars-Sehrohres an. Diesen hielt mein Richtungsweiser-Unteroffizier dann mit seinem Zeiger in Deckung, und so richteten wir alle Geschütze auf den Feind, ohne ihn selber zu sehen. Das war aber natürlich nur ein Notbehelf. Der neben mir im Artillerieleitstand stehende Fähnrich zur See Bartels, der mich im Gefecht durch Ausrufen der gemittelten Entfernungen, durch Bedienen meines E-U-Anzeigers und durch Beobachtung des Feindes durch die Sehschlitze unterstützte, sorgte immer schnell für Abhilfe, indem er mit für diesen Zweck besonders angefertigten Wischstöcken vom Stand aus die Gläser abwischte. Im späteren Verlauf des Gefechtes, als mehrmals von feindlichen Aufschlägen herrührende Wassersäulen über dem Schiff zusammengebrochen waren und der Qualm sich dauernd auf den nassen Gläsern niederschlug, mußte er beinahe nach jedem Schuß die Gläser reinigen. Schließlich verschmutzten aber auch die Wischstöcke, und ich mußte mich schweren Herzens entschließen, häufig einen Mann zum Blankhalten der Gläser auf die Decke des Kommandostandes zu schicken, wo er feindlichen Treffern und Sprengstücken schutzlos ausgesetzt war. Meistens besorgte diese Verrichtung mein Läufer vom Artillerie-Mechanikerpersonal, der Mechanikersgast Meyer, der das ganze Gefecht auf der vorderen Brücke neben dem Artillerieleitstand zubrachte, bis ihn schließlich das Schicksal doch haschte und ihm ein Sprengstück den Unterschenkel zerschmetterte.

Wie ich oben ausgeführt hatte, steuertenvon 6 Uhr lOMinuten ab beide Linien stark konvergierende südliche Kurse. Um 6 Uhr 15 Minuten beobachteten wir, daß der Feind seineTorpedo-boote zum Angriff ansetzte. Wenig später durchbrachen unsere Torpedoboote und der kleine Kreuzer „Regensburg“ unsere Linie und stürmten zum Angriff vor. Es entwickelte sich nun zwischen den beiden kämpfenden Linien der Schlachtkreuzer eine kleine Seeschlacht für sich. Etwa 25 englische Zerstörer und fast ebenso viele deutsche Zerstörer lieferten sich hier ein hartnäckiges Artilleriegefecht und verhinderten sich gegenseitig erfolgreich an der Ausnützung der Torpedowaffe gegen die Schlachtkreuzer. Es sind von beiden Seiten gegen 6 Uhr 30 Minuten einige Torpedos gegen die Linien gefeuert worden, aber ohne Trefferergebnis. Für uns war dieser Kampf der Torpedoboote ein prächtiger Anblick.

Während dieser Torpedobootskämpfe kamen die beiden Linien sich immer näher, und nun kamen die artilleristisch interessantesten Kämpfe des ganzen Tages. Ich stellte fest, daß die „Queen Mary“ sich den „Derfflinger“ als Ziel erkürt hatte. Die „Queen Mary“ feuerte langsamer als wir, gab dafür aber gewöhnlich Vollsalven ab. Da sie eine Armierung von acht 34,5 cm-Geschützen hatte, bedeutete dies also, daß sie meist acht von diesen gewaltigen „Koffern“, wie die Russen im russisch-japanischen Kriege die schwersten Geschosse nannten, gleichzeitig auf uns feuerte! Ich sah dieGesehosse herankommen und ich mußte feststellen, daß der Gegner ausgezeichnet schoß. Alle acht Schuß lagen gewöhnlich unmittelbar zusammen. Aber fast immer entweder weit oder kurz, — nur zweimal geriet der „Derfflinger“ in den Höllenhagel, doch hat dabei jedesmal nur ein schweres Geschoß getroffen.

Wir feuerten wie bei einer Schießübung. Die Kopftelephone arbeiteten ausgezeichnet, jeder meiner Befehle wurde richtig verstanden. Oberleutnant v. Stosch meldete mit tödlicher Sicherheit die genaue Lage der Aufschläge. „Deckend! Zwei Treffer!“ „Deckend, die ganze Salve im Schiff!“

Ich bemühte mich zu erreichen, daß ich stets zwei Salven schoß, wenn der Gegner eine Salve feuerte. Manchmal gelang es mir nicht ganz, der Gegner feuerte für Vollsalven fabelhaft schnell. Ich stellte fest, daß der Artillerieoffizier auf der „Queen Mary“ mit Zentralabfeuerung selber abfeuerte, mit dem berühmten Percy Scottschen „firing director“. Denn alle Rohre wurden völlig gleichzeitig abgefeuert, die Geschosse schlugen ebenfalls gleichzeitig ein. Der englische Artillerieoffizier stand wahrscheinlich im Vormars, von wo er über den Geschützrauch hinwegsehen konnte, und feuerte hier elektrisch ab. Diese Möglichkeit bedeutete für die englischen Schiffe einen großen Vorteil. Wir sind leider erst durch die Erfahrungen der Schlacht dazu gekommen, uns Einrichtungen für das indirekte Schießen vom Vormars aus auszudenken. Ich selber habe später nicht unwesentlich zur Einführung des indirekten Schießens in unserer Marine beitragen können, habe auch selber die ersten deutschen indirekten Schießen vom „Derfflinger“ aus geleitet, und zwar nach einem von mir erfundenen Verfahren, das als das „Derfflinger-Verfahren“ später allgemein eingeführt worden ist.

So führten denn „Queen Mary“ und „Derfflinger“ über die zwischen uns tobende Torpedobootsschlacht hinweg ein regelrechtes Artillerieduell durch. Aber die arme „Queen Mary“ hatte es schlecht! Außer dem „Derfflinger“ schoß auch „Seydlitz“ auf sie! Und der Artillerieoffizier der „Seydlitz“, Korvettenkapitän Foerster, war einer unserer tüchtigsten Artilleristen, in allen bisherigen Gefechten des Schiffes erprobt, kaltblütig und von raschem Entschluß. Die „Seydlitz“ hatte nur 28 cm-Geschütze an Bord. Eine durchschlagende Wirkung gegen den stärksten Panzer der „Queen Mary“ konnten diese Geschosse nicht haben. Aber jedes Schiff hat schwächer gepanzerte Stellen, bei deren Durchschlagung auch die 28 cm-Geschosse großes Unheil anrichten konnten.

Das gute Funktionieren unserer Aufschlagmeldeuhren verhinderte, daß Oberleutnant v. Stosch oder ich jemals unsere Aufschläge mit den 28 cm-Aufschlägen der „Seydlitz“ verwechselten. Da die Entfernungen dauernd mehr als 130 hm betrugen, konnten von beiden Schiffen die 15 cm-Geschütze in den Kampf gegen die „Queen Mary“ noch nicht mit eingreifen. Eine gleichzeitige Beschießung desselben Gegners durch zwei Schiffe war auch nur möglich, wenn jedes Schiff nur seine schwere Artillerie verwendete. Hätten auch noch die 15 cm-Batterien dazwischen gefeuert, so hätte kein Mensch die Aufschläge auseinanderhalten können.

Mein Listenführer hat für die Zeit von 6 Uhr 22 Minuten bis 6 Uhr 26 Minuten 10 Sekunden in der Artilleriezentrale folgende Liste geführt:

In dieser Schießliste fällt auf, daß die in Graden angegebenen Seitenstellungen der Türme fast unverändert dieselben geblieben sind, daß also das Schiff in diesen für die Artillerie so überaus wichtigen Minuten geradezu hervorragend gut Kurs gesteuert hat.

Etwa 6 Uhr 26 Minuten war der historische Moment, in dem die„QueenMary“,das stolzeste Schiff der englischen Flotte, ihren Untergang fand. Von 6 Uhr 24 Minuten an hatte jede unserer Salven im feindlichen Schiff gesessen. Die 6 Uhr 26 Minuten 10 Sekunden gefeuerte Salve fiel, als gewaltige Explosionen im Innern der „Queen Mary“ bereits begonnen hatten. Zuerst zuckte im Vorschiff eine grelle rote Flamme auf. Dann erfolgte im Vorschiff eine Explosion, der eine viel gewaltigere Explosion im Mittelschiff folgte, schwarze Bestandteile des Schiffes flogen in die Luft, und gleich darauf wurde das ganze Schiff von einer ungeheuren Explosion erfaßt. Eine riesige Rauchwolke entwickelte sich. Die Masten stürzten nach der Mitte zusammen, die Rauchwolke verdeckte alles und stieg immer höher. Schließlich stand nur noch eine dicke schwarze Rauchwolke da, wo vorhin das Schiff gestanden hatte. Unten hatte sie nur geringe Breite, aber nach oben wurde sie immer breiter, sie sah etwa aus wie eine ungeheure schwarze Pinie. Die Rauchsäule erreichte meiner Schätzung nach eine Höhe von 300 bis 400 m.

In den „Times“ vom 9. Juni 1916 gibt ein Geschützführer vom „Tiger“, der im Gefecht als Hintermann der „Queen Mary“ fuhr, folgende Beschreibung des Unterganges der „Queen Mary“:

„Als das deutsche Geschwader wiederum auf uns loskam, konzentrierte es alle seine Geschütze auf „Queen Mary“. Vergeblich hatten sie einige Minuten lang nach der richtigen Entfernung getastet. Aber plötzlich geschah etwas ganz Merkwürdiges: Jede Granate, welche die Deutschen schossen, schien plötzlich gleichzeitig den Schlachtkreuzer zu treffen. Es war, als ob ein Wirbelwind einen Wald niederschmetterte. Die „Queen Mary“ schien langsam nach Steuerbord zu rollen, ihr Mast und ihre Schornsteine waren weg, in der Bordwand gähnte ein riesiges Loch. Sie holte weit über, das Loch verschwand unter Wasser, das nun hineinströmte und sie vollständig zum Kentern brachte. ½ Minuten noch, und alles, was man noch von der „Queen Mary“ sehen konnte, war ihr Kiel; dann verschwand auch er.“

Unsere Torpedoboote haben im weiteren Verlauf des Tages zwei Überlebende der „Queen Mary“ aufgefischt und als Gefangene nach Wilhelmshaven gebracht, einen Fähnrich zur See und einen Matrosen. Auf der „Queen Mary“ befanden sich nach deren Aussage über 1400 Mann, unter ihnen auch ein japanischer Prinz, der Marineattache in London gewesen sein soll. Kommandant der „Queen Mary“ ist Captain C. J. Prowse gewesen. Die englische Admiralität sagte in ihrer Zusammenstellung der Offizierverluste bezüglich der „Queen Mary“: „Mit Ausnahme von vier Fähnrichen sind alle an Bord befindlichen Offiziere verloren.“

Kaum war die „Queen Mary“ in der Rauchwolke verschwunden, so suchte ich mit meinem Sehrohr ein neues Ziel. Ich kurbelte das Sehrohr nach links und entdeckte zu meiner Überraschung, daß da noch zwei Schlachtkreuzer standen. In diesem Moment wurde mir erst klar, daß ich bisher auf das dritte Schiff geschossen hatte. Die „Lion“ hatte sich also mittlerweile wieder an die Spitze der feindlichen Linie gesetzt! Unser Ziel war jetzt wieder die „Princess Royal“.

In der Artilleriezentrale wurden nach der Vernichtung der „Queen Mary“ folgende Befehle gebucht:

Also eine Minute und fünf Sekunden nach der letzten Salve auf die „Queen Mary“ fiel bereits die erste Salve auf die „Princess Royal“. Ich hatte die Entfernung von diesem Schiff von dem Bg-Messer im Artilleriestand messen lassen.

Die gemessene Entfernung betrug nur 122 hm. Ich schoß damit die erste Salve, die lag aber kurz. Ebenso die nächsten beiden Salven, so daß ich für die vierte Salve sehr energisch Vorgriff. Der Bg-Messer hatte anscheinend nicht sofort erfaßt, daß die Entfernung nicht mehr abnahm, sondern vielmehr nach dem Untergang der „Queen Mary“ sehr rasch wieder zunahm. Man ersieht in der Liste aus den dauernd wechselnden Seitenstellungen, daß das Schiff sehr unregelmäßige Kurse steuerte und daß es nach Backbord abgedreht war. Der Gegner peilte jetzt etwas achterlicher. An ein rasches erfolgreiches Schießen war dabei nicht zu denken. Meist dauerte es eine volle Minute von Salve zu Salve. Es mußte jedesmal der Aufschlag abgewartet werden. War er beobachtet, so mußten meist neue Kommandos für Schieber, Entfernung und für den Aufsatztelegraphen gegeben werden.

Um 6 Uhr 36 Minuten betrug die Entfernung 168 hm.

Mittlerweile sahen wir, daß der Feind Verstärkung bekam. Hinter der Schlachtkreuzerlinie erschienen vier große Schiffe. Wir machten sie bald als Schiffe der „Queen Elizabeth-Klasse aus. Von diesen Schiffen war bei uns in der Marine viel geredet worden. Es waren Linienschiffe mit der Riesenarmierung von acht 38,1 cm-Geschützen, 28000 Tonnen Deplacement und einer Geschwindigkeit von 25 Seemeilen. Sie hatten also eine Geschwindigkeit, die sich von der unsrigen — 26 Seemeilen — kaum unterschied, sie verschossen aber Geschosse, die mehr als doppelt so schwer waren als die unsrigen. Auf Riesenentfernungen griffen sie in das Gefecht ein. Wir bekamen jetzt starkes Feuer, und daher steuerten wir fortgesetzt Zickzackkurse. Von 6 Uhr 36 Minuten bis 6 Uhr 45 Minuten bin ich mit der schweren Artillerie überhaupt nicht zu Schuß gekommen. Schuld daran war wohl auch zum größten Teil der Qualm des Torpedobootsgefechtes, das noch immer zwischen den Linien ausgekämpft wurde, und unsere jetzt einsetzende Torpedobootsabwehr, die der dritte Artillerieoffizier, Kapitänleutnant Haußer, leitete. Die englischen Torpedoboote waren uns jetzt teilweise höllisch nahe auf die Pelle gerückt! Da ich von den großen Schiffen nichts sah, hatte ich reichlich Gelegenheit, mir das Wogen des Gefechtes anzusehen. Ein famoses Bild war es, als die „Regensburg“ mit dem Kommodore Heinrich an Bord, unserem früheren „Derfflinger“ Kommandanten, an der Spitze einer Flottille heftig feuernd durch unsere Linien durchbrach. Unsere und die feindlichen Torpedoboote näherten sich einander bis auf kleinste Entfernungen. Ich sah, wie zwei von unseren Booten liegen blieben; sie machten stark Wasser, es war klar, daß sie verloren waren. Andere Boote gingen mitten im Feuer längsseit und nahmen die gesamten Besatzungen über. Ein englischer Zerstörer ging unter, andere blieben bewegungsunfähig liegen. Fortgesetzt krachten unsere 15 cm-Salven, Kapitänleutnant Haußer deckte mehrere Boote, die er nacheinander beschoß, äußerst wirkungsvoll ein. Auf einem Boot erzielte er sichtlich Treffer, das Boot stoppte plötzlich, verschwand dann in einer Rauchwolke.

Schade, daß wir keinen Marinemaler mit an Bord hatten! Der bekannte Marinemaler Klaus Bergen war oft auf unseren Streifzügen in der Nordsee mitgefahren. Dieses Mal hatte ihn irgend etwas davon abgehalten. Er bedauerte dies später sehr, ist aber trotzdem der erfolgreichste Darsteller der Skagerrak-Schlacht geworden. Leider war es auch strengstens untersagt worden, an Bord zu photographieren. Kein Apparat durfte an Bord sein. Man hoffte sich so gegen Spionage zu schützen. So ist leider während der Skagerrak-Schlacht auf der ganzen deutschen Flotte kein einziges Bild aufgenommen worden.

Der Listenführer in der Mittelartelerie-Zentrale, der Fähnrich zur See Hauth, der während des ganzen Gefechtes vorzüglich Liste geführt hat, hat für die Zeit der Torpedobootsabwehr folgendes notiert:

„6 Uhr 37 Minuten: Mittelartillerie auf die Torpedoboote! Nach Richtungsweiser! 60 Hundert! Auf das Torpedoboot am weitesten links! Feuern! 70Hundert! Feuern! 64Hundert!

Feuern! 60 Hundert! Feuern! Feuern! Gut, Schnell! Feuern! Feuern! Feuern!

6 Uhr 42 Minuten: Mittelartillerie abwarten! 68 Hundert! Feuern! 55 Hundert! Feuern! 50 Hundert! Feuern! Feuern! 56 Hundert! Feuern! Feuern! 70 Hundert! Feuern! 68 Hundert! Gut, Schnell! Feuern! Feuern! Feuern! 70 Hundert! Feuern! Feuern!

6 Uhr 45 Minuten: Schiff dreht Backbord! Feuern! 80 Hundert! Feuern! 84 Hundert! Feuern! Feuern!

6 Uhr 48 Minuten: Mittelartillerie abwarten!“

Um 6 Uhr 48 Minuten hörte das Torpedoboots-Abwehrfeuer auf, um 6 Uhr 50 Minuten schwenkte der ganze Verband auf Nord-Nord-West-Kurs. Mit diesem Manöver setzte sich Admiral Hipper mit den Schlachtkreuzern mit einem Abstande von etwa sieben Seemeilen vor die Spitze unserer Linienschiffe, die mit höchster Fahrt ungefähr Kurs Nord-Nord-West steuerten und deren Spitze bald darauf in den Kampf gegen die Schiffe der „Queen Elizabeth“-Klasse eingriff.

Aus zahlreichen 10,5 cm-Treffern haben wir hinterher festgestellt, daß auch uns die englischen Torpedoboote recht kräftig unter Feuer genommen hatten. In dem allgemeinen Schlachtenlärm war mir dies entgangen. Die 10,5 cm-Geschosse waren natürlich völlig wirkungslos an unserem Panzer abgeprallt, nur auf den ungepanzerten Stellen hatten sie Wirkung erzielt, so besonders auch in der Takelage, indem sie unsere F-T-Antennen und einige Artillerie-Telephonleitungen zu den Marsen zerstörten. Ein Offizier fand nach dem Gefecht eine nicht krepierte 10,5 cm-Granate in seiner Koje, als er sich gerade hineinlegen wollte.

Von 6 Uhr 45 Minuten bis 6 Uhr 50 Minuten habe ich noch acht Salven auf 180 Hundert mit der schweren Artillerie auf die „Princess Royal“ gefeuert, wohl ohne sonderlichen Erfolg.

Bei der Kehrtschwenkung auf Nord-Nord-West-Kurs erblickten wir die Spitze unseres dritten Geschwaders, die stolzen Schiffe der „König“-Klasse. Alles atmete doch etwas erleichtert auf. Seitdem wir außer den Schlachtkreuzern auch noch das fünfte englische Linienschiffs-Geschwader mit seinen 38ern gegenüber hatten, war es uns doch etwas ungemütlich zumute geworden!

Um 6 Uhr 50 Minuten gab ich an die Geschütze: „Schiff dreht langsam nach SteuerbordI Unser drittes Geschwader ist zur Stelle!“

Damit endete der erste Gefechtsabschnitt. Wir hatten ein englisches Riesenschiff in unserem Feuer auseinanderfliegen sehen, wie ein explodierendes Pulverfaß. Der „Derfflinger“ aber ging mit uneingeschränkter Gefechtskraft aus dem Gefecht hervor. Was Wunder, wenn wir gehobenen Mutes und voller Siegeszuversicht an neue Kämpfe dachten. Wir waren in enger Gefechtsverbindung mit unserem besten Linienschiffs-Geschwader, und. wir glaubten, daß uns nur die vier übrigbleibenden Schlachtkreuzer und die vier Schiffe der „Queen Elizabeth“ Klasse gegenüberständen. Stolze Siegesfreude erfüllte uns, wir hofften auf die Vernichtung der gesamten uns gegenüberstehenden Streitmacht. Wir hatten doch ein Bombenzutrauen zu unserem Schiffe bekommen! Uns erschien es ganz ausgeschlossen, daß unser stolzes Schiff ebenso innerhalb weniger Minuten zerschmettert werden könnte wie die „Queen Mary“ und die „Indefatigable“. Dagegen hatte ich das Gefühl, daß wir jedes englische Schiff binnen kürzester Zeit zur Explosion bringen könnten, falls nur unser Schiff einmal eine Zeitlang ruhigen Kurs steuerte und die Entfernungen nicht allzugroße waren. Möglichst nicht über 150 Hundert! Wir brannten jetzt darauf, uns neue Lorbeeren zu holen. Im ganzen Schiff, das fühlte man, herrschte eine gehobene Stimmung. Die Geschützmannschaften hatten Fabelhaftes geleistet, indem sie selbst beim schnellsten Feuer immer wieder die Geschütze schußbereit hatten, sobald die Feuerglocke ertönte. Von dem einstündigen Feuer fingen die Rohre bereits an sehr heiß zu werden, die graue Ölfarbe fing an zu schwelen, wurde braun und gelb. Vorbildlich hatte auch die Ruhe gewirkt, mit der der Kommandant das Schiff führte. Mich hatte er des öfteren durch Mitteilungen unterstützt, mir aber im übrigen freie Hand gelassen, besonders in der Wahl des Gegners, den ich beschießen wollte.

Text und Bild aus dem Buch: Die zwei weissen Völker! (The two white Nations!) Verfasser: Hase, Georg Oskar Immanuel von.

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Siehe auch:

Die zwei weissen Völker! (The two white Nations!)
Die Kieler Woche 1914
Erste Begegnungen mit englischen Seestreitkräften.
Die artilleristischen Grundlagen des Kampfes auf hoher See.
Der historische Wert persönlicher Darstellungen von Seegefechten.
An Bord des „Derfflinger“ während des Vormarsches nach dem Skagerrak.

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