der dritte Gefechtsabschnitt der Skagerrak-Schlacht (7 Uhr 50 Minuten bis 9 Uhr 5 Minuten).

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Die zwei weissen Völker! (The two white Nations!)

Heiße Kämpfe mit Linienschiffen, Kreuzern und Torpedobooten. Vernichtung der „Invincible“. „Derfflinger“ muß zum Klarieren des Torpedoschutznetzes stoppen.


Um 7 Uhr 40 Minuten setzten kleine Kreuzer und Zerstörer des Feindes einen Torpedobootsangriff auf uns an. Wir gingen deshalb auf Kurs Nord-Nord-Ost, also etwa sechs Strich nach Steuerbord.

Die Sichtigkeit wurde jetzt recht schlecht, so daß es schwierig war, die gegnerischen Schiffe auszumachen. Wir beschossen kleine Kreuzer und Torpedoboote. Um 7 Uhr 55 Minuten schwenkten wir auf Ostkurs, und um 8 Uhr staffelte der ganze Schlachtkreuzerverband, als die Torpedoboote uns angriffen, auf Kurs Süd ab. Wir wichen dadurch den auf uns abgefeuerten Torpedos sehr wirkungsvoll aus.

Um 8 Uhr 12 Minuten machten wir wieder Kehrt auf den Feind zu. Während dieser Zeit hatten wir nur gelegentlich mit der schweren und Mittelartillerie gefeuert. Um 8 Uhr 15 Minuten bekamen wir schweres Feuer. Überall um uns herum blitzte es auf. Nur undeutlich konnte man die Schiffsrümpfe erkennen. Aber soweit ich den Horizont übefsehen konnte, überall standen feindliche Schiffe. Da ich weder Anfang noch Ende der feindlichen Linie sah, konnte ich auch nicht „das zweite Schiff von rechts“ unter Feuer nehmen, sondern wählte mir ein Schiff, das ich besonders gut erkennen konnte. Und nun begann ein erbitterter Kampf. Binnen kurzem steigerte sich der Schlachtenlärm zu höchster Höhe. Uns wurde völlig klar, daß wir jetzt der gesamten englischen Flotte gegenüberstanden. Ich erkannte ohne weiteres an dem massigen hohen Schiffs-rumpf, daß ich ein riesiges Linienschiff unter Feuer genommen hatte. Zwischen den beiden Linien tobten noch Kreuzerund Torpedobootskämpfe. Plötzlich sehe ich in meinem Sehrohr, daß ein brennender deutscher kleiner Kreuzer vorübertreibt. Ich erkenne die „Wiesbaden“. Sie ist fast vollkommen in Rauch gehüllt, nur das Achterschiff ist noch frei, und das dort stehende Geschütz feuert unausgesetzt auf einen kleinen englischen Kreuzer. Brave Wiesbaden! Tapfere Besatzung dieses guten Schiffes! Nur der Oberheizer Zenne ist nach dreitägigem Treiben auf einem Flosse von einem norwegischen Fischerfahrzeug gerettet worden, alle übrigen, darunter der Dichter Gorch Fock, der das Meer so über alles liebte, haben ihre Treue zu Kaiser und Reich mit dem Seemannstode besiegelt! Die „Wiesbaden“ wurde von einem kleinen englischen Kreuzer unter wirkungsvollem Feuer gehalten. Immer wieder schlugen die Granaten in die arme „Wiesbaden“ ein. Mich erfaßte die Wut, und ich ließ von meinem bisherigen Ziele ab, ließ die Entfernung vom kleinen englischen Kreuzer messen, kommandierte die Entfernung und den Schieber und „Rums!“ — prasselte eine Salve auf den Quälgeist der „Wiesbaden“ heraus! Noch eine weitere Salve, und ich hatte ihn! Eine hohe Feuersäule stieg zum Himmel. Anscheinend explodierte eine Pulverkammer. Der Kreuzer drehte ab, lief mit hoher Fahrt davon, wobei ich ihm noch zwei oder drei Salven nachpfefferte. In diesem Moment fragte mich Kapitänleutnant Haußer, der bis dahin mit seiner Mittelartillerie auf Torpedoboote gefeuert hatte: „Herr Kapitän, ist dieser Kreuzer mit vier Schornsteinen ein Deutscher oder ein Engländer?“ Ich richtete mein Sehrohr auf das bezeichnete Ziel ein und prüfte das Schiff. In der nebelgrauen Beleuchtung sah die Farbe der deutschen und englischen Schiffe fast gleich aus. Der Kreuzer war gar nicht weit ab von uns. Er hatte vier Schornsteine, zwei Masten, genau wie unsere „Rostock“, die mit uns fuhr. „Es ist bestimmt ein Engländer“, rief Kapitänleutnant Haußer, „darf ich feuern?“ „Ja, los, feuern!“ Es wurde mir zur Gewißheit, es war ein größeres englisches Schiff. Die Mittelartillerie richtete ihre Geschütze auf das neue Ziel ein, Kapitänleutnant Haußer kommandierte: „60 Hundert!“ Da geschah in demselben Moment, in dem er „Feuer!“ kommandieren wollte, etwas Ungeheuerliches, Gewaltiges: Das englische Schiff, das ich mittlerweile als einen älteren englischen Panzerkreuzer erkannt hatte, brach mit einer gewaltigen Explosion auseinander, schwarzer Rauch und Schiffsteile wirbelten empor, eine Flamme zuckte durch das ganze Schiff, und dann verschwand das Schiff vor unseren Augen in der Tiefe; nur eine riesige Rauchwolke bezeichnete noch die Stelle, wo eben noch ein stolzes Schiff gekämpft hatte. Meiner Meinung nach ist das Schiff durch das Feuer unseres Vordermannes „Lützow“, das Flaggschiff unseres Admirals Hipper, vernichtet worden.

Viel schneller noch, als ich es erzählt habe, spielte sich dieser Vorgang ab. Nur sekundenlang dauerte das Ganze, dann hatten wir bereits wieder neue Ziele unter Feuer. Das vernichtete Schiff ist die „Defence“ gewesen, ein älterer Panzerkreuzer von demselben Typ, wie der „Black Prince“, der in der folgenden Nacht von „Thüringen“ und anderen Linienschiffen in Grund geschossen wurde. Ein Schiff von 14800Tonnen, mit sechs 23,4 cm- und zehn 15,2 cm-Geschützen und einer Besatzung von 700 Mann. Von der Besatzung wurde kein einziger gerettet! Das Schiff zerstob in Atome, jedes Lebewesen wurde schon bei der Explosion getötet. Da wir das Schiff bei günstiger Beleuchtung auf verhältnismäßig sehr kurze Entfernung sahen, durch die Sehrohre 15 fach vergrößert, konnten wir das Ereignis sehr genau beobachten. Mir wird gerade dieser Vorgang in seiner ganzen Grausigkeit unvergeßlich bleiben.

Ich schoß wieder auf große Schiffe. Ich hatte keine Ahnung mehr, was für Schiffe es waren. Wir waren um 8 Uhr 22 Minuten auf Kurs Südost gegangen. Aber ich hatte in dem jetzt herrschenden Schlachtengetümmel bei der schlechten Übersichtlichkeit kein rechtes Verständnis mehr für die taktische Lage. Einmal schoß mir durch den Kopf: können es nicht etwa deutsche Schiffe sein, auf die wir schießen? Aber dann wurde gelegentlich mal die Sichtigkeit, die von Minute zu Minute wechselte, im ganzen aber allmählich immer schlechter wurde, etwas besser, und man konnte deutlich die typisch englischen Konturen und den dunklen Ton der grauen Farbe erkennen. Ich bin der Meinung, daß unsere hellgraue Farbe günstiger war, als die dunkelgraue Farbe der Engländer. Unsere Schiffe verschwanden in dem dünnen Dunstschleier, der jetzt streifenweise von Osten nach Westen zog, viel schneller.

Um 8 Uhr 25 Minuten hat Leutnant zur See v. d. Decken im achteren Kommandostand aufgezeichnet: „Auf ,Lützow‘ schwere Treffer im Vorschiff. Schiff brennt, viel Rauch.“ Und um 8 Uhr 30 Minuten schreibt er: „Derfflinger drei schwere Treffer.“ Von diesen hatte ein Treffer das zweite 15 cm-Kasemattengeschütz der Backbordseite getroffen, das Geschützrohr in der Mitte glatt durchschlagen und dann durch Sprengstücke den größten Teil der Kasemattmannschaften getötet oder verwundet. Sprengstücke hatten ferner das erste 15 cm-Geschütz aus der Lafette geworfen und auch mehrere Mann in der ersten Kasematte getötet oder verwundet. Die anderen schweren Treffer hatten ins Achterschiff eingeschlagen.

Ich suchte jetzt mein Ziel möglichst weit vorn, an der Spitze der feindlichen Linie. Denn ich merkte, daß „Lützow“ nur noch schwach feuerte. Der Rauch vom brennenden Vorschiff machte auf „Lützow“ die Artillerieleitung zeitweise unmöglich.

Von 8 Uhr 24 Minuten ab beschoß ich feindliche Großkampfschiffe in nordöstlicher Richtung. Die Entfernungen waren gering, 60 bis 70 hm, und trotzdem verschwanden die Schiffe oft in den langsam ziehenden Dunststreifen, vermischt mit Pulverqualm und Schornsteinrauch. Eine Beobachtung der Aufschläge war kaum möglich. Alle Aufschläge, die hinter dem Ziel lagen, waren von uns aus überhaupt nicht zu sehen, man erkannte einigermaßen gut nur die Aufschläge, die sehr kurz lagen. Die nützten einem aber verwünscht wenig! Schoß man sich aber nach solchen Aufschlägen wieder ans Ziel ran, so sah man die hellen Wassersäulen nicht mehr und wußte absolut nicht, wohin man eigentlich getroffen hatte. Ich schoß nach Messungen des Bg-Messers im Artilleriestand, des Obermatrosen Hänel, meines getreuen Burschen seit fünf Jahren. Die Messungen waren bei dem dunstigen Wetter vollkommen unregelmäßig, ungenau. Aber da mir die Beobachtungen fehlten, war ich darauf angewiesen, nur nach Messungen zu schießen. Dabei bekamen wir schweres Feuer und zwar ein gut liegendes und rasches Feuer von mehreren Schiffen gleichzeitig. Es war klar, daß der Gegner uns jetzt viel besser sehen konnte, als wir ihn. Wer nicht zur See gefahren ist, wird dies schwerlich verstehen können. Aber tatsächlich sind auf See die Sichtigkeitsunterschiede bei diesigem Wetter nach den verschiedenen Himmelsrichtungen sehr groß. Steckt man selber im Dunst und sieht nach einem dunstfreien Schiffe aus, so kann man dieses besser erkennen, als man selber vom dunstfreien Schiffe aus gesehen wird. Eine große Rolle spielt für die Sichtigkeit der Stand der Sonne. Im Dunst sind die Schiffe, die dem Gegner ihre Schattenseite zeigen, besser zu sehen als die beleuchteten Schiffe.

So entspann sich also ein ungleicher, harter Kampf. Mehrere schwere Treffer hauten mit ungeheurer Wucht in unser Schiff ein und explodierten mit gewaltigem Knall. Das ganze Schiff zitterte beim Auftreffen der Geschosse in allen seinen Fugen. Der Kommandant machte wieder mehrmals Ausweichmanöver aus dem Geschoßhagel heraus. Es war kein leichtes Schießen.

Das dauerte so bis 8 Uhr 29 Minuten.

In diesem Moment zerriß der Nebelschleier querab vor uns, als ob sich ein Bühnenvorhang teilte. Und vor uns stand in der Mitte des nebelfreien Teiles des Horizontes in völliger Klarheit und mit scharfumrissenen Konturen ein gewaltiges Großkampfschiff mit zwei Schornsteinen zwischen den Masten und einem dritten Schornstein unmittelbar an den vorderen Dreibeinmast geklemmt. Mit höchster Fahrt steuerte es annähernd parallelen Kurs mit uns. Seine Geschütze hatte es auf uns gerichtet, und krachend schlug gerade wieder eine Salve ein, die uns vollkommen eindeckte. „Messung 90 Hundert!“ brüllte Obermatrose Hänel. „90 Hundert! Salve feuern!“ kommandierte ich, und mit fieberhafter Spannung wartete ich auf unsere Aufschläge. „Weit! 2 Treffer!“ ruft Oberleutnant v. Stosch. Ich kommandiere: „1 zurück. Gut, schnell!“ Und bereits 30 Sekunden nach der vorigen Salve verläßt die nächste Salve die Rohre. Ich beobachte zwei Kurzschüsse, zwei Treffer. Oberleutnant v. Stosch ruft: „Treffer!“ Aller 20 Sekunden saust jetzt eine Salve heraus! Um 8 Uhr 31 Minuten feuerte „Derfflinger“ seine letzte Salve auf dieses Schiff, und dann spielte sich vor unseren Augen zum dritten Male das ungeheuerliche Schauspiel ab, das wir bei der „Queen Mary“ und der „Defence“ beobachtet hatten. Ähnlich wie bei den anderen Schiffen erfolgten schnell hintereinander mehrere gewaltige Explosionen, Masten stürzten um, Schiffsteile wirbelten durch die Luft, eine gewaltige schwarze Rauchwolke stieg gen Himmel, aus den sich lösenden Schiffsverbänden spritzte Kohlenstaub nach allen Richtungen. Flammen zuckten über das Schiff, neue Explosionen erfolgten, und dann verschwand unser Gegner in einer schwarzen Wand unseren Blicken. Ich rief in das Telephon: „Unser Gegner ist in die Luft geflogen!“ und mitten im Gebrüll der Schlacht schallte donnerähnlich ein Hurra durchs Schiff, das aus allen Artillerietelephonen des Artilleriestandes wieder herausschallte, sich von Gefechtsstation zu Gefechtsstation fortpflanzte. Ich sandte ein heißes, kurzes Dankgebet zum Höchsten, rief meinem Burschen zu: „Bravo, Hänel, famos gemessen!“ und dann ertönte mein Kommando: „Zielwechsel nach links auf den zweiten Schlachtkreuzer von rechts!“ Der Kampf ging weiter.

Wer war unser Gegner gewesen? Ich hatte nicht lange geprüft und nachgedacht, aber ich hatte das Schiff für einen englischen Schlachtkreuzer gehalten. Als solchen habe ich ihn auch bei der Zielbestimmung bezeichnet, wie es mein Listenführer in der Artilleriezentrale gebucht hat. Zu Erörterungen über den Typ war keine Zeit vorhanden, solange wir das Schiff beschossen. Handelte es sich doch nur um wenige Minuten, daß wir das Schiff tatsächlich genau erkennen konnten. Nur die Offiziere und Geschützführer der Artillerie sowie die Torpedooffiziere haben das Schiff beobachtet, als es in die Luft flog. Die Aufmerksamkeit des Kommandanten und seiner Helfer, des Navigations- und Signaloffiziers war ganz von der Führung des Schiffes beim Fahren im Verbände in Anspruch genommen. Es war schwierig, hinter der „Lützow“ herzufahren, die kaum noch imstande war, ihren Platz in der Linie zu halten.

Beim Aufsetzen des Gefechtsberichtes nach der Schlacht wurde von der Mehrzahl der Offiziere der Standpunkt vertreten, daß es ein Schiff der „Queen Elizabeth“ Klasse gewesen sei. Ich vertrat die Meinung, daß es ein Schiff der „Invincible“-Klasse gewesen sei, doch gab ich zu, meiner Sache nicht gewiß zu sein. Wenn man sich ein Flottentaschenbuch vornimmt und die Silhouetten der „Invincible“ und der „Queen Elizabeth“ Klasse miteinander vergleicht, so ergibt sich auf den ersten Blick eine verblüffende Ähnlichkeit. Wir meldeten also in unserem Gefechtsbericht, daß wir um 8 Uhr 30 Minuten ein Linienschiff der „Queen Elizabeth“ Klasse durch Artilleriefeuer vernichtet hätten. Unsere dienstliche Meldung im Gefechtsbericht lautete: „Das Schiff ist unter den gleichen Erscheinungen in die Luft geflogen, wie um 6 Uhr 26 Minuten die,Queen Mary‘. Einwandfreie Beobachtung vom ersten und dritten Artillerieoffizier und vom ersten Torpedooffizier im vorderen Stand, vom zweiten und vierten Artillerieoffizier und vom zweiten Torpedooffizier vom hinteren Stand und vom Artillerie-Beobachtungsoffizier im Vormars. Schiff der ,Queen Elizabeth‘ Klasse.“

Von englischen Gefangenen ist nach der Schlacht in Wilhelmshaven ausgesagt worden: „Eins der ,Queen Elizabeth‘-Schiffe, die ,Warspite‘, hat, stark nach der Seite überliegend, die eigene Linie verlassen und sich nach Nordwesten zurückgezogen. Und um 8 Uhr abends ist dann von dem englischen Zerstörer ,Turbulent‘ die funkentelegraphische Nachricht aufgefangen worden, daß ,Warspite‘ gesunken sei.“

Auf Grund unseres Gefechtsberichtes und auf Grund dieser Gefangenenaussagen mußte unsere Flottenleitung damals annehmen, daß das vom „Derfflinger“ vernichtete Schiff die „Warspite“ gewesen sei, und dementsprechend ist die „Warspite“ anstatt der „Invincible“ als Verlust unserer Gegner gemeldet worden. Daß die „Invincible“ vernichtet war, erfuhren wir erst aus den Meldungen der englischen Admiralität, und naturgemäß wurde ihr Verlust dann später zu den bisher gemeldeten Verlusten hinzugerechnet. Tatsächlich haben wir damals mit der „Invincible“ gekämpft, es war die „Invincible“, die in unserem Feuer in die Luft ging und nicht die „Warspite“! Englische Nachrichten bewiesen dies bald zur Genüge!

Schon am 3. Juni heißt es im „Manchester Guardian“: „Der deutsche Admiralstabsbericht vom 1. Juni enthält eine eingehende und ehrlich genaue Wiedergabe der englischen Verluste — nur, daß er den Namen des Linienschiffes ,Warspite‘ an Stelle des Schlachtkreuzers ,Invincible‘ setzt.“

Die „Times“ berichten am 6. Juni 1916 aus Darstellungen von Mitkämpfern: „,Invincible‘, das Flaggschiff des Admirals Hood, des zweiten Admirals nach Sir David Beatty, nahm sich den ,Hindenburg* vor, und nach einem heißen Gefecht, bei dem nach der Erzählung einiger unserer Leute ,Hindenbürg‘ eine tödliche Wunde erhielt, sank ,Invincible‘ in die Tiefe.“

„Hindenburg“ befand sich damals noch im Bau, „Derfflinger“ war sein Schwesterschiff, die Beobachtung des englischen Mitkämpfers stimmt bis auf den Schiffsnamen: Es war „Derfflinger“, mit dem die „Invincible“ kämpfte, nicht sein noch nicht fertiges Schwesterschiff „Hindenburg“.

Vollkommen richtig, besonders auch bezüglich der Uhrzeit, schildert einer der beiden geretteten englischen Offiziere der „Invincible“ den Artilleriekampf zwischen „Derfflinger“ und „Invincible“. Die „Times“ vom 12. Juni 1916 berichten darüber: „Der Vater eines mit ,Invincible‘ umgekommenen Leutnants erhielt von den beiden überlebenden Offizieren des Schiffes einen Brief, worin es heißt: Ihr Sohn war bei dem Admiral, und wir waren mit dem Schlachtkreuzer ,Derfflinger‘ im Gefecht. Um 8 Uhr 34 Minuten nachmittags gab es eine furchtbare Explosion. Das Schiff brach in zwei Hälften und sank in 10 oder 15 Sekunden.“

Und am 13. Juni 1916 berichten die „Times“: „In einem Brief des Bruders des gefallenen Leutnants Charles Fisher heißt es: Wir erfuhren von Korvettenkapitän Dannreuther, dem einzig Überlebenden von H.M. S. ,Invincible‘, daß eine Granate in die Pulverkammer schlug und dort eine große Explosion verursachte. Als Dannreuther wieder zum Bewußtsein kam, befand er sich im Wasser. Schiff und Besatzung waren verschwunden.“

Daß es Schiffe des Hoodschen Schlachtkreuzer-Geschwaders waren, die ich von 8 Uhr 24 Minuten an auf Entfernungen von 60 bis 70 hm beschossen hatte, geht auch aus dem offiziellen Bericht des Admirals Beatty hervor. Dieser berichtet über das Eingreifen des aus den Schiffen „Invincible“, „Indomi-table“ und „Inflexible“ bestehenden dritten Schlachtkreuzer-Geschwaders wie folgt:

„Um 8 Uhr 21 Minuten nachmittags befahl ich dem dritten Schlachtkreuzer-Geschwader, sich an die Spitze zu setzen, was großartig ausgeführt wurde, indem Konteradmiral Hood sein Geschwader an der Spitze ins Gefecht brachte, in einer geradezu vorbildlichen Weise, seiner großen Vorfahren zur See durchaus würdig. Um 8 Uhr 25 Minuten nachmittags änderte ich Kurs auf Ost-Süd-Ost zur Unterstützung des dritten Schlachtkreuzer-Geschwaders, das um diese Zeit nur 73 hm vom vordersten feindlichen Schiff entfernt war. Sie überschütteten es mit heftigem Feuer und drängten es von seinem südlichen Kurs weiter nach Westen ab.“

Am 5. Juni 1916 heißt es in einer Reuter-Depesche aus Edinburg (Ztg. Tel. 5. Juni): „Als der Kampf einige Stunden im Gange war, erschienen die ,Indomitable‘, ,Invincible‘ und ,Inflexible‘. In diesem Abschnitt war es hauptsächlich ein Duell zwischen den schwersten Geschützen. ,Invincible‘ wurde, nachdem sie sich tapfer geschlagen, und dem Feinde beträchtlichen Schaden zugefügt hatte, von ihrem Schicksal ereilt und ging unter.“

Ich bringe hier so ausführlich neben meinen eigenen Schilderungen die englischen Darstellungen des Kampfes mit der „Invincible“, die meine Angaben bestätigen, weil es in den deutschen Berichten bisher immer offen gelassen worden war, ob die „Invincible“ durch Artilleriefeuer oder durch einen Torpedo vernichtet worden ist. Schon aus historischen Gründen halte ich es für notwendig festzustellen, daß auch die „Invincible“, ebenfalls wie alle übrigen Schiffe, die die Engländer in der Schlacht verloren haben, durch Artilleriefeuer vernichtet worden ist.

Der mit der „Invincible“ untergegangene Befehlshaber des dritten Schlachtkreuzer-Geschwaders, Admiral Hood, ist ein Nachkomme des berühmten englischen Admirals Hood gewesen, der sich im nordamerikanischen Freiheitskrieg unter Graves und Rodney und dann als Oberbefehlshaber in der Schlacht bei St. Christopher (1782) in strategischer und taktischer Hinsicht rühmlichst ausgezeichnet hat. Während des von 1793 bis 1802 dauernden englisch-französischen Krieges befehligte er 1793/94 die Mittelmeerflotte und besetzte 1793 Toulon.

Bis 8 Uhr 33 Minuten hat nach den Aufzeichnungen meines Listenführers die schwere Artillerie gefeuert. Um 8 Uhr 38 Minuten befahl ich: „An den Geschützen rühren!“ Es war kein Feind mehr zu sehen. Wir hatten um 8 Uhr 35 Minuten scharf nach Westen abgedreht. Nach dem Verluste ihres Führers wagten sich die übriggebliebenen Schiffe des dritten Schlachtkreuzer-Geschwaders nicht sofort wieder in unsere verderbenbringende Nähe. Um 8 Uhr 50 Minuten wurde für das ganze Schiff „Gefechtspause“ befohlen. Eine fieberhafte Tätigkeit begann, um die verschiedenen Feuerherde im Schiff zu löschen. Wir beobachteten, daß ein Torpedoboot bei „Lützow“ längsseit ging. „Lützow“ hatte Schlagseite, das heißt, sie lag etwas nach einer Seite über, und ihr Bug tauchte tief ein. Ungeheurer Qualm entströmte dem Vorschiff. Admiral Hipper ging von Bord. Das Torpedoboot legte ab und steuerte auf die „Seydlitz“ zu. Der Admiral machte beim Passieren von „Derfflinger“ Winkspruch: „Kommandant Derfflinger übernimmt Führung bis zu meiner Wiedereinschiffung“. So war jetzt unser Kommandant der Führer der Schlachtkreuzer und ist es bis gegen 11 Uhr nachts geblieben, da es dem Admiral bei der rasenden Fahrt der fast dauernd im feindlichen Feuer befindlichen Schlachtkreuzer nicht eher gelang sich auf einem anderen Schiffe wiedereinzuschiffen.

Auch auf dem „Derfflinger“ sah es jetzt schon ziemlich bös aus! Die Masten und die ganze Takelage war durch unzählige Sprengstücke stark beschädigt, die Antennen hingen in wildem Durcheinander herab, so daß wir unsere F-T-Einrichtung nur noch zum Empfang benutzen konnten. Die Abgabe von F-T-Meldungen war also unmöglich. Ein schweres Geschoß hatte zwei Panzerplatten am Bug abgerissen, dadurch war ein riesengroßes Leck entstanden, wohl 6×5 m groß, eben über der Wasserlinie. Durch dieses Leck strömte bei den Stampfbewegungen des Schiffes fortgesetztWasser ins Schiff.

Während wir nach Westen steuerten, kam der erste Offizier auf die Brücke und meldete dem Kommandanten: „Das Schiff muß sofort stoppen. Das Torpedoschutznetz ist achtern abgeschossen, hängt gerade über der Backbordschraube, es muß klariert werden!“ Der Kommandant befahl: „Alle Maschinen stopp!“ Ich suchte mit dem Sehrohr den Horizont ab. Weit und breit war in diesem Augenblicke nichts vom Feinde zu sehen. „Seydlitz“, „Moltke“ und „von der Tann“ standen mit uns nur noch in loser Fühlung, sie kamen jetzt schnell auf und nahmen wieder die vorgeschriebenen Plätze ein. Es war eine äußerst bedenkliche Sache, daß wir hier in der unmittelbaren Nähe des Feindes stoppen mußten! Aber wenn das Torpedoschutznetz uns in die Schraube kam, waren wir verloren. Was hatten wir an Bord immer darüber geschimpft, daß wir diese mehrere hundert Tonnen schweren Stahltorpedonetze immer noch nicht abgegeben hatten! Da wir doch fast nie in der offenen See ankerten, waren sie zwecklos. Außerdem schützten sie nur einen Teil des Schiffes gegen Torpedotreffer. Andrerseits bedeuteten sie in See eine ungeheure Gefahr für unser Schiff, da es in herunterhängendem Zustande die Fahrt des Schiffes stark verminderte und sich schließlich um die Schiffsschrauben wickeln mußte, was gleichbedeutend mit der Vernichtung des Schiffes war. Aus diesen Gründen hatten die Engländer schon kurz vor dem Kriege ihre Torpedonetze abgegeben, — wir taten es erst auf Grund unserer Erfahrungen unmittelbar nach der Skagerrak-Schlacht!

Der Bootsmann und die Turmmannschaften von Turm „Dora“ und „Cäsar“ unter Führung des Oberleutnants zur See v. Boltenstern arbeiteten wie die Wahnsinnigen, um das Netz hochzuholen, es mit Ketten festzuzurren,die herunterhängenden Drahtseile und Ketten mit Beilen zu kappen. Nach wenigen Minuten bereits kam Meldung: „Maschinen können angehen!“ Sofort setzten wir uns wieder in Bewegung. „Lützow“ hatte jetzt die Linie verlassen, mit langsamer Fahrt steuerte sie südlichen Kurs. Der Kommandant wollte den übrigen Schiffen das Signal „Dem Führer folgen!“ geben, aber alle Signalmittel waren unbrauchbar. Die Signalraaen waren sämtlich abgeschossen, die Flaggen an der Gefechtssignalstelle verbrannt, der Signalscheinwerfer war weggeschossen. Aber unsere wackeren Kampfgenossen folgten auch ohne Signal, als der Kommandant jetzt die Schlachtkreuzer mit nördlichem Kurse vor die Spitze unseres Gros führte.

Die Gefechtspause dauerte bis 9 Uhr 5 Minuten, dann blitzten plötzlich wieder Schüsse auf, und von neuem erscholl der Ruf durch das Schiff „Klar Schiff zum Gefecht!“

Text und Bild aus dem Buch: Die zwei weissen Völker! (The two white Nations!) Verfasser: Hase, Georg Oskar Immanuel von.

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Siehe auch:

Die zwei weissen Völker! (The two white Nations!)
Die Kieler Woche 1914
Erste Begegnungen mit englischen Seestreitkräften.
Die artilleristischen Grundlagen des Kampfes auf hoher See.
Der historische Wert persönlicher Darstellungen von Seegefechten.
An Bord des „Derfflinger“ während des Vormarsches nach dem Skagerrak.
Der erste Gefechtsabsehnitt der Skagerrak-Schlacht (5 Uhr 48 Minuten bis 6 Uhr 55 Minuten).
Der zweite Gefechtsabschnitt der Skagerrak-Schlacht (6 Uhr 55 Minuten bis 7 Uhr 5 Minuten).

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