Bürgerkrieg in Nordamerika

aus dem Kunstmuseum Hamburg

In die chinesischen Wirren griffen die Vereinigten Staaten nur im Anfänge ein; später zogen sie sich zurück. Sie waren durch Sorgen im eigenen Lande beschäftigt. In Nordamerika selbst ist nämlich 1861 der Bürgerkrieg ausgebrochen. Er ist zwar nicht der Ausdehnung des Schauplatzes nach — darin war schon der Streit zwischen Cäsar und Pompejus bedeutender —, wohl aber der Menge der Krieger nach der größte der Weltgeschichte gewesen. Die Nordstaaten, die über eine Million Freiwilliger aufstellten, fochten gegen die Südstaaten, die zwar nicht so ungeheure Heere auf die Beine stellen konnten, die jedoch in General Lee einen Feldherrn von Genie besaßen. Den Anlaß zu dem erbitterten Kampfe gab die Sklaverei. Der Süden bedurfte der Schwarzen, die mit fast vier Millionen ein Achtel der damaligen Gesamtbevölkemng ausmachten, für die Baumwoll-, Zucker- und Tabakpflanzungen; der Norden verlangte Bürgerrechte auch für die Neger. Vielleicht ebenso wichtig war der Gegensatz zwischen dem industriellen Übergewicht des Nordens und der überwiegend landwirtschaftlichen Art des Südens. Jedenfalls war durch die Einwanderung seit einigen Jahrzehnten das zahlenmäßige Übergewicht auf die Seite des Nordens gekommen.

Seit dem Jahre 1830, als die Gesamtbevölkerung der Vereinigten Staaten noch keine dreizehn Millionen betrug, schwoll die Einwanderung an. Die Revolutionen Europas warfen viele Flüchtlinge nach den Küsten Amerikas. Es waren nicht die schlechtesten Söhne, die so die alte Welt verlor. Nach und nach wurden aber die Gründe für diese Völkerwanderung mehr wirtschaftlicher Art. So haben bereits die Hungersnöte, die 1817 in Deutschland und 1846 in Irland wüteten, der Union viele neue Bürger zugeführt. In der Folge zog in noch viel höherem Grade einfach die wirtschaftliche Blüte jenseits des Atlantischen Meeres unternehmende Leute aus der alten nach der neuen Welt. Man wollte sein Los verbessern, wollte reich werden; nichts weiter! In dem Jahrzehnte, das 1840 zu Ende ging-, zählte man 600000 Einwanderer, in dem nächstfolgenden bereits 1,7 Millionen, und in der Zeitspanne 1850/60 bereits 2,6 Millionen. Das Jahrzehnt des Bürgerkrieges hat begreiflicherweise einen erheblichen Rückgang der Einwanderung gesehen; immerhin brachte es 2,3 Millionen nach Nordamerika. Belangreich war nach den Stürmen von 1848 der Zustrom der Deutschen. Unter ihren führenden Männern sind Karl Schurz, der sogar Minister wurde, ferner Hecker, vom badischen Aufstand her bekannt und im Bürgerkrieg zum General befördert, Jacob Müller, Vizegouverneur von Ohio, und Friedrich Kapp, der gegen sein Lebensende nach der Heimat zurückkehrte und Mitglied des Reichstags wurde, endlich die Gründer der Neuyorker und der Illinois Staatszeitung, sowie der Westlichen Post von St. Louis zu nennen. Überall bildeten sich landsmannschaftliche Vereine, — ich erwähne nur den Schwabenbund, der noch jetzt in Chicago blüht —- und eine unübersehbare Zahl von Turn- und Schützengesellschaften. Eine Zeit lang schien es sogar, als ob die Deutschen, die einen frischen Geist in das versumpfte Leben der Vereinigten Staaten brachten und die mit wenigen Ausnahmen gegen die Sklavenhalter fochten, die Führung in der Union übernehmen sollten. Bald aber ist die Begeisterung abgeflaut, und das besser organisierte Anglo-Ame-rikanertum hat wiederum das Übergewicht errungen. Der Bürgerkrieg dauerte vier Jahre. Er wurde durch die Blockade der Südstaatküsten zu Wasser und die Siege Sheridans und General Grants zu Lande entschieden. Das eine, so heiß ersehnte Ergebnis wurde aber nicht erreicht, nämiieh die Gleichberech-tigung der Neger. Sie ward zwar gesetzlich bestimmt, aber praktisch nur kurze Zeit durchgeführt; gegenwärtig ist sie durch die verschiedensten Beschränkungen des Wahlrechts so gut wie aufgehoben. Dagegen wurde für unabsehbare Zukunft die Einheit der Union durch das vergossene Blut festgekittet. Zwar hatte der Krieg einen düsteren Ausgang, indem der Präsident Lincoln ermordet wurde, und noch jahrzehntelang herrschte eine starke Verbitterung zwischen dem Süden und Norden, aber jetzt darf die Kluft als überbrückt gelten. Eine völlige Aussöhnung hat schon vor dem Eintritt in die Weltpolitik, vor dem Krieg um Cuba stattgefunden.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
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Zeitalter der Revolutionen : Bürgerkrieg in Nordamerika
Zeitalter der Revolutionen : Einigung Italiens und Deutschlands
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Zeitalter der Revolutionen : 1870/71
Zeitalter des Nationalismus : Der Staatsbegriff in der Neuzeit
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