Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Politische Phantasien

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Vor kurzem erschien in einer belgischen politischen Korrespondenz eine Nachricht, die besagte, daß der Ausbau einer großen transasiatischen Bahn geplant würde, die vom fernen Osten bei Kiautschou (!) beginnend China und den Norden von Tibet durchqueren, vom Pamir-Hochland nach Afghanistan ziehen und über Persien den südlichen Endpunkt der Bagdadbahn erreichen solle. Und hinter allen diesen Plänen stünde Deutschland!

Man könnte diese Hirngespinste eines tollgewordenen Publizisten auf sich beruhen lassen, wenn sie nicht auch von der russischen Presse aufgenommen worden wären und jetzt selbst in sonst gut redigierten französischen Zeitschriften, die sich mit den Vorgängen im Orient beschäftigen, auftauchten. In Deutschland hat bisher noch niemand von diesem Riesenprojekt etwas gewußt, das angeblich von deutscher Seite ausgegangen sein soll und das der jetzt entthronte Sultan Abdul Hamid mit Eifer aufgenommen haben soll.

In diesen Plänen heißt es, wäre der große Gedanke Abdul Hamids zum Ausdruck gekommen, den Panislamismus zu einer die Welt beherrschenden Macht zu erheben. Und Deutschland wäre bereit gewesen, diese Pläne zu unterstützen! Mit der Begründung dieser Behauptung nimmt man es leicht. Die Orientreise Kaiser Wilhelms II. wird als Beweis ins Feld geführt; um gut 20 Jahre zurückliegende Aeußerungen werden zitiert, die im Grunde genommen nichts besagen, als daß Kaiser Wilhelm damals, beherrscht von den ersten Eindrücken der ihn umgebenden orientalischen Welt, aufmunternde Worte an das türkische Volk richtete, an seiner Zukunft nicht zu verzweifeln. Dann muß natürlich der Bau der Bagdadbahn herhalten, um glauben zu machen, daß diese Bahn nur den Anfang der großen Ueberlandbahn bilden solle, die nach Durchquerung des asiatischen Kontinents ihren Endpunkt in Kiautschou, dem deutschen Territorium auf asiatischem Boden, finden würde. Wie gerade Kiautschou zu der Ehre kommen soll, als Ausgangspunkt der transasiatischen Bahn am Gestade des Stillen Ozeans zu dienen, darüber verlautet nichts. Aber es erweckt doch im Leser ganz unwülkürlich Mißtrauen gegen Deutschland, wenn erliest, daß just in Kiautschou die große Bahn beginnen soll, deren westlicher Endpunkt am Schatt-el-Arab, am südlichen Ende der Bagdadbahn, liegen würde. Wer „Kiautschou“ und „Bagdadbahn“ liest, denkt unwillkürlich an Deutschland, und dieser Gedanke soll ja dem harmlosen Leser suggeriert werden. Er darf gar nicht weiter darüber nachdenken, woher denn wohl die Mittel genommen werden sollen, um das Riesenwerk zu vollenden, mit dem verglichen Rußlands Sibirische Bahn noch klein erscheinen würde. Ebenso ficht es die politischen Kannegießer nicht weiter an, welche gewaltigen technischen Hindernisse bei der Durchquerung des asiatischen Kontinents, an den südlichen Ausläufern des Pamirplateaus, inmitten der hohen Bergketten Afghanistans und auf den Hochebenen und Randgebirgen Persiens zu überwinden wären. Es kommt Publizisten von dieser Sorte nur darauf an, Deutschland etwas am Zeuge zu flicken und die politischen Aspirationen Deutschlands wieder in ein möglichst ungünstiges Licht zu stellen, damit nur ja männiglich davon überzeugt werde, welche Gefahren hinter allen politischen Maßnahmen Deutschlands im Orient lauern und wie sehr alle Weltmächte vor Deutschland auf der Hut sein müssen. Es geht doch nichts über politische Ammenmärchen. Vielleicht hören wir nächstens von einem Projekt deutscher Unternehmer, mit Hilfe Zeppelinscher Lenkballons den Mars zu erobern, um dort für das an Uebervölkerung leidende deutsche Vaterland eine neue Kolonie zu gründen. Doch Scherz beiseite; es maß weit gekommen sein mit unserer publizistischen Wahrheitsliebe in Europa, wenn allen Ernstes solche politische Phantasien in Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht werden. Noch schlimmer aber ist es, daß derartige Publizisten darauf rechnen können, Leute zu finden, die an die im Tone vollster Ueberzeugung vorgetragenen Märchen auch glauben. Man tut ihnen wahrlich zuviel Ehre an, wenn man ihre Elaborate noch weiter beachtet; aber im vorliegenden Fall erschien es doch nützlich, einmal wieder festzustellen, zu welchen Mitteln der Verdächtigung alle die politischen Intriganten greifen, die nun einmal Deutschland den Platz an der Sonne nicht gönnen wollen.

Text aus dem Buch: Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte, Verfasser: Wiedemann, Max.

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Siehe auch:
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Vorwort
Die Türkei, Deutschland und die Westmächte.
Deutschlands Verhältnis zur Türkei
Der Verkauf deutscher Kriegsschiffe an die Türkei
Die Sorgen der türkischen Marine um ausreichende Transportschiffe
Frankreich — noch immer die „christliche Vormacht“ im Orient
Frankreich als Lehrmeister der neuen Türkei
Eine türkische Studienreise nach Frankreich
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Überraschungen
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Nervosität
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Übertreibungen
Der Streit um die Bagdadbahn
Deutschland und die Bagdadbahn
Die Bahn von Bagdad nach Damaskus
Der Anteil Deutschlands am Handelsverkehr in Bassra und Bagdad
Einiges über Kapitalanlagen in türkischen Eisenbahnbauten und über die Bagdadbahn
England deckt im Streit um die Bagdadbahn seine Karten auf
Kuweit als Endpunkt der Bagdadbahn aufgegeben?
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Eine Enttäuschung

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