Auszug aus den im Herbst 1918 im „London Magazine“ veröffentlichten Aufsätzen des englischen Marineministers Churchill

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Die zwei weissen Völker! (The two white Nations!)

Vom ersten Tage des Krieges an hat die englische Marine die volle und unbestrittene Seeherrschaft ausgeübt. Die überlegene Schlachtflotte auf ihrer Station im Norden beherrscht alle offenen Weltmeere, so lange sie nicht herausgefordert und nicht geschlagen wird. Sie ist die alles beherrschende Vorbedingung für alle Unternehmungen des Verbandes auf jedem Kriegsschauplatz, das unbedingte Veto für jede Auslandsbetätigung des Feindes. Obgleich die Linienschiffsgeschwader der Großen Flotte erst ein einziges Mal für ein paar kostbare Augenblicke mit den deutschen Schiffen im Kampfe waren, obgleich ihnen jede Gelegenheit zur Entscheidungsschlacht versagt war, haben sie doch von Anfang an alle Früchte eines vollkommenen Sieges genossen. Hätte Deutschland niemals ein Großkampfschiff gebaut oder wären alle deutschen Großkampfschiffe versenkt, die alles leitende, gesetzmäßige Macht der englischen Marine hätte nicht wirksamer sein können.

Auch ohne ein Trafalgar sind die vollständigen Folgen eines Trafalgar andauernd wirksam gewesen, und zwar mit einer unerhörten Strenge. Das gesamte ungeheure Geschäft des englischen und verbündeten Handels- und Transportverkehrs vollzieht sich ungehindert. Eine Versicherung von 1% deckt nicht nur die Kriegsgefahren, wie man sie vor dem Kriege verstand, sondern auch die Verluste infolge des ungesetzmäßigen und unmenschlichen Unterseekrieges gegen Handelsschiffe. Verbandsarmeen können, beschränkt nur durch den Umfang des verfügbaren Schiffsraumes, nach jedem Teile der Welt gesandt und an ihren Landestellen unterhalten werden. Das Vereinigte Königreich, seine Kolonien, Festungen, Schutzgebiete und die seiner Bundesgenossen liegen sicher und unberührt da. Dem Feinde jedoch ist jeder Besitz außerhalb der Linie seiner Festlandsarmeen genommen worden oder er wird ihm genommen; auf dem weiten Spiegel der offenen See kann er keinen Kiel schwimmen lassen. Um einen Brief nach NewYork zu schicken, müssen die Deutschen tatsächlich ein eigenes Fahrzeug bauen, das unter Wasser fährt. Die diesige Luft der Nordsee, die finsteren und stürmischen Nächte, die ungeheuren Weiten der Meere und Ozeane sind kein Deckmantel, um vor der unaufhörlichen, allumfassenden Überwachung Schutz zu bieten, die jede deutsche Bewegung zu Wasser verbietet. Es liegt kein Grund dafür vor, daß dieser Stand der Dinge nicht unbegrenzt so weiter besteht. Der Glaube ist durchaus begründet, daß die unbegrenzte Fortdauer desselben — abgesehen von allen anderen Angriffs mittein — das Schicksal des Kampfes entscheiden wird. Wir sind berechtigt, mit dieser Lage völlig zufrieden zu sein. Die Kriegsaufgabe der englischen Marine wird unbedingt gründlich und erfolgreich erfüllt. Ohne eine Schlacht haben wir alles, was die siegreichste Schlacht uns geben könnte. Das ist der Ausgangspunkt für alle Betrachtungen über den Seekrieg. Wir sind zufrieden!

Wenn die Deutschen mit dem Stand der Dinge nicht ebenso zufrieden sind, so liegt das Abhilfsmittel auf der Hand. Um sie von jeder Unbequemlichkeit, unter der sie leiden, zu erlösen, brauchen sie nur die Große Flotte aufzusuchen und vernichtend zu schlagen. Ist das geschehen, so würden für Deutschland alle Schwierigkeiten beendet sein. Die englischen Armeen könnten nicht länger auf dem Festlande aufrecht erhalten werden; das Leben und die Industrie des Vereinigten Königreiches wäre gelähmt, die Munitionszufuhr abgeschnitten und das ganze Gebäude des Krieges, der Diplomatie und des Handels der Verbandsmächte würde mit einem Zauberschlage zusammenbrechen. Der Sieg in dem großen Kriege, der sichere, schnelle und endgültige Sieg, die Überwachung der Meere, die Beherrschung der Welt, die ganze Zukunft der Zivilisation liegt in ihrer Hand, wenn nur dieses erste Hindernis überwunden ist. Ihre Sache ist es zu handeln.

Die Betrachtung dieser einfachen Tatsachen wird dem Laienverstand deutlich machen, was so oft übersehen oder nicht begriffen worden ist, nämlich, daß die Handlungen der englischen Marine in Wirklichkeit offensiv und aggressiv sind. Wir haben die Initiative ergriffen und alle Vorteile geerntet; unser stiller Angriff auf die Lebensinteressen des Feindes geht ohne Aufhören weiter, Sommer und Winter, Tag und Nacht, jahrein, jahraus. Keine Kriegsverpflichtung verlangt von uns, weiter zu gehen. Der nächste Schachzug kommt den Deutschen zu. Es ist ein ganz einfacher und selbstverständlicher Zug. Wenn sie ihn unterlassen, so ist es, weil sie nicht stark genug dazu sind und es nicht wagen, ihn zu tun. Niemals war die Not größer oder das Abhilfsmittel offenkundiger.

Die obige Lage ist in sich vollständig und von unserem Standpunkt aus in sich durchaus befriedigend. Wenn wir zur Schlacht bei Jütland kommen, so treten neue und weitere Züge hinzu. Die Engländer hatten es überhaupt nicht nötig, jene Schlacht zu suchen. Ein strategischer Grund oder ein dahin wirkender Zwang, unsere Schlachtflotte in dänische Gewässer vorzuschieben, lag nicht vor. Wenn es uns beliebte, dahin zu gehen, so geschah es aus Eifer und dem Gefühl der Stärke. Ein heißer Wunsch, den vor uns hergetriebenen Feind in ein Gefecht zu verwickeln, und eine kühle Berechnung des weiten Spielraumes an Überlegenheit rechtfertigten eine Bewegung, die aber keinerlei praktisches Bedürfnis notgedrungen verlangte. Was schadet es uns, wenn die deutsche Flotte einmal in See spazieren fährt? — Inwiefern würde eine solche Leistung die grimmige und tödliche Lage zur See ändern, aus der Deutschland ein Entkommen finden oder in der es umkommen muß? Wenn Deutschland das Glück wenden will, so muß seine Flotte nicht nur herauskommen; sie muß herauskommen und kämpfen bis zur endgültigen Entscheidung; es bleibt der englischen Flotte zur Entscheidung anheimgestellt, wo und unter welchen Bedingungen die Schlacht geschlagen werden soll.

Wenn wir demnach hören, daß Sir John Jellicoe über die Nordsee eilt, seine Schlachtflotte mit äußerster Fahrt den deutschen Küsten zusteuernd, Admiral Beatty und seine Schlachtkreuzer weit voraus; wenn wir sehen, wie diese großen Schiffe südostwärts dampfen, weißen Schaum vor dem Bug, schwarze Rauchsäulen über ihren Dreibeinmasten, dann müssen wir uns sofort sagen: „Was für eine Übermacht muß der in Händen haben!“ Sicherlich würde die englische Flotte nicht an der Küste des Feindes die Schlacht suchen, wenn sie sich nicht nur stark genug fühlte, ihn zu schlagen, sondern auch stark genug, um alle noch weiter damit verbundenen Gefahren zu laufen und die Nachteile auf sich zu nehmen, die mit einem Kampf weit von den eigenen Stützpunkten und in seinen gefährlichen Gewässern verbunden sind. Wir dürfen uns darauf verlassen, daß diese Entscheidung nur getroffen worden ist auf Grund der sorgsamsten (conservative) Stärkeberechnungen und mit einem wohlbegründeten Vertrauen. Angenommen z. B., wir hätten ein Dutzend unserer besten Schiffe verloren, so würden wir nicht imstande sein, noch weiter eine so abenteuerliche Politik zu verfolgen, sondern dann würden wir auf die sichere und weit stärkere Stellung zurückgehen, den Feind zu zwingen, geradezu nach unseren Küsten herüberzukommen, um die letzte Entscheidung zu suchen. So muß die Schlacht bei Jütland als ein kecker Versuch angesehen werden, den Feind zur Schlacht zu stellen, ein Versuch, der aus dem durch die Ereignisse völlig gerechtfertigten Bewußtsein einer überwältigenden Überlegenheit entsprang.

Die Bewegungen unserer Schlachtkreuzer und schnellen Linienschiffe dürfen mit Recht verwegener und unternehmungslustiger Art sein. Diese schnelldampfende Flotte ist zum mindesten dreimal so stark, wie die schnellen schweren Schiffe des Feindes. Sie kann von keiner Streitmacht, die stark genug wäre, um ihr gefährlich zu werden, eingeholt oder zur Schlacht gezwungen werden. Mit deutschen Linienschiffen braucht sie sich nie in den Kampf einzulassen. Sie kann sich der gesamten deutschen Flotte nähern, ohne der Unterstützung zu bedürfen, und kann ganz in der Nähe weit überlegener Streitkräfte bleiben, ohne sich bloßzustellen oder in einer entscheidenden Weise auf ein Gefecht einzulassen. Wenn Sir David Beatty 100 Seemeilen vor Sir John Jellicoe steht, so ist er weder außer Verbindung, noch außer Fühlung mit ihm. Die gegenseitigen Stellungen sind vollkommen gesichert und befriedigend. Beatty kann in jedem Augenblick zurückgehen, oder Jellicoe kann ihn zurückrufen. Der Verkehr ist ununterbrochen und die Lage völlig in ihrer Gewalt. Die einzige Gefahr liegt darin, daß ein einzelnes Schiff nicht mitkommen kann. Aber so hart es auch sein mag, einen Genossen im Stich zu lassen, so sollte man es doch nicht zulassen, daß dies an sich der Grund für eine allgemeine Schlacht mit der feindlichen Schlachtflotte würde. Unter diesem Vorbehalt sind die Bewegungen unserer schnellen Flotte gänzlich frei. Von einer Unbesonnenheit oder Überstürzung im Hinblick auf den weiten Abstand zwischen den schnellen Schiffen und der Großen Flotte im Augenblick des Schlachtbeginns kann gar nicht die Rede sein.

Die Schlacht wurde durch den Angriff von sechs englischen Schlachtkreuzern auf fünf deutsche eröffnet — wobei die englischen Schiffe an Geschoßgewicht weit überlegen waren. Der Feind zog sich erklärlicherweise auf seine eigene anmarschierende Schlachtflotte zurück. Während der Schlacht erhielten wir Verstärkung, erstens durch die vier schnellen Linienschiffe („Queen Elizabeths“) und zweitens durch Admiral Hoods drei ältere Schlachtkreuzer. Somit war, was die schnellen Streitkräfte der beiden Flotten anlangt, die englische Überlegenheit zahlenmäßig wie 13 zu 5 und an Geschützstärke mindestens wie 4 zu 1. — Als die deutsche Hochseeflotte auf dem Kampfplatze erschien, vermied Beatty mit Leichtigkeit eine allgemeine Schlacht mit ihr durch das einfache Mittel, daß er seine Geschwindigkeit steigerte und die deutschen Schlachtkreuzer zwang, mit ihm Schritt zu halten oder von ihm überflügelt (crossed) zu werden. So liefen die schnellen Schiffe von der deutschen Hochseeflotte weg, und nur die Schiffe der „Queen Elizabeth“-Klasse am Ende unserer Linie standen ernstlich mit den vordersten feindlichen Linienschiffen im Gefecht, wozu sie ja auch wohl geeignet waren. Alles dies scheint natürlich und befriedigend zu sein. Erstaunlich ist es jedoch, daß das Feuer der sehr überlegenen englischen Batterien in den drei Stunden der Schlacht keine entscheidenden Ergebnisse auf die feindlichen Schlachtkreuzer zuwege brachte. Die „Lützow“ wurde zum Sinken gebracht. „Seydlitz“ und „Derfflinger“ wurden schwer getroffen und die anderen beiden arg mitgenommen. Die wechselnden Dunstbänke gaben uns alles in allem das schlechtere Licht. Die Vernichtung dreier unserer Schiffe verminderte unsere Streitkräfte in einem kritischen Augenblick. Aber die Tatsache, daß vier von fünf der deutschen Schlachtkreuzer während des ganzen Zeitraumes der Schlacht andauernd dampften und feuerten und schließlich entkamen, ist bemerkenswert. Die leichteste Erklärung ist die, daß es dem viel schwereren Panzer zuzuschreiben ist, den diese sehr steifen Schiffe im Gegensatz zu unseren Schlachtkreuzern tragen. Auf alle Fälle hielten die Schiffe der „Queen Elizabeth“-Klasse, die am stärksten gepanzerten Schiffe der Welt, ein fürchterliches Schießen an Zahl überlegener deutscher Linienschiffe aus, ohne irgendeinen Verlust oder eine Einbuße an Gefechtskraft. Soweit es zur Zeit möglich ist, Lehren aus diesem Ereignis zu ziehen, scheint der Wert des starken Panzers erwiesen. Als die beiden Gros ins Gefecht kamen war die englische Feuerüberlegenheit fast sofort erkennbar, obwohl nur ein Teil der englischen Schlachtlinie im Gefecht lag. Die deutsche Flotte brach das Gefecht ab und zog sich in der diesigen Luft und der sinkenden Dämmerung zurück. In dem kurzen, aber denkwürdigen Treffen erlitt sie ernsthafte Beschädigungen. Unzweifelhaft war das einzelne Schiff der englischen Schlachtflotte dem Gegner an Leistung überlegen, Schiff gegen Schiff, von der Überzahl ganz abgesehen. Es kann auch nicht bezweifelt werden, daß die Schlacht, hätte man sie fortgesetzt, nur zu einem Schluß geführt haben könnte, und dies wurde von dem Feinde erkannt und anerkannt.

Niemals hat eine Marine es nötiger gehabt, eine Schlacht zu schlagen und sich einen entscheidenden Sieg zu sichern, als die deutsche an jenem Tage. Nie konnte sie eine günstigere Gelegenheit erwarten. Ihr Gegner war bis vor ihre Tür gekommen. Er war weit entfernt von seinen Stützpunkten; er war in ihren eigenen gefährlichen Gewässern. Er ließ sich auf ein Verfolgungsgefecht ein, das den Deutschen alle erdenkliche Gelegenheit bot, ihn über Minenfelder und in den Hinterhalt von Unterseebooten zu leiten. Die geringe Sichtigkeit verhinderte ein Gefecht auf weite Entfernungen, gab ihnen gute Aussicht, ihre viel gepriesene Mittelartillerie zu verwenden, und begünstigte in jeder Weise die Grundsätze, nach denen ihre Flotte konstruiert und ausgebildet war. Und doch, trotz alledem, und obgleich sie einen Sieg so bitter nötig hatten, ließen sie sich auf die Probe nicht ein. So hoch schätzte die englische Flotte ihre Überlegenheit ein, daß sie jede Gefahr lief und sich stark genug fühlte, fast alle ihr zu Hilfe kommenden Vorteile aufzugeben, in der Hoffnung auf eine Entscheidung, die sie strategisch gar nicht nötig hatte. So tief war die Überzeugung von ihrer Unterlegenheit in den Köpfen der deutschen Befehlshaber, so tief bestärkte sie darin der Eindruck von der Berührung mit dem Feinde, daß sie trotz aller auf ihrer Seite liegenden Vorteile die Schlacht ablehnten, wo doch ein Sieg in der Schlacht Deutschland gerettet haben würde. Von Mangel an Mut bei den deutschen Besatzungen und Befehlshabern kann nicht die Rede sein. Das wird von allen frank und frei bezeugt. Hier handelt es sich um kühle und wissenschaftliche Berechnung der kriegerischen Stärke, und da ist das Urteil vollständig und ganz deutlich. Die Seekriegsgeschichte berichtet von keiner stolzeren Behauptung der Kampfüberlegenheit auf Seiten der stärkeren Flotte und von keinem mehr erniedrigenden Eingeständnis der Ohnmacht auf Seiten des Schwächeren, beides durch die Tatsachen und Ereignisse völlig gerechtfertigt, als von dieser Schlacht bei Jütland.

Daß der Torpedo verhältnismäßig wenig imstande war, den Lauf der allgemeinen Seeschlacht zu beeinflussen, ist ebenso klar und für uns ebenso befriedigend. Die stärkere Marine verläßt sich hauptsächlich auf die Stärke des schweren Geschützes in der Schlachtlinie. Darauf gründet sich unser ganzes System, unsere ganze Auffassung vom Seekriege. So ist es in der Vergangenheit immer gewesen und trotz aller Wandlungen, welche die fortschreitenden Erfindungen nötig gemacht haben, blieb es die Grundlage jeder Politik der Admiralität. Die erste Seemacht verläßt sich auf das Geschütz; die zweite muß ihre Hoffnungen auf den Torpedo setzen. Die Konstruktionspläne und der Bau deutscher Schiffe jeder Klasse, die Organisation ihrer Flotte entspricht in jeder Hinsicht diesem Grundsatz. Die englische Marineanschauung war, während sie dem Grundgedanken von der Macht des Geschützes treu blieb, in jüngster Zeit in wachsendem Maße von der Drohung der Torpedowaffe voreingenommen worden. Es schien tatsächlich schwierig, sie nicht als ein möglicherweise entscheidendes Kampfmittel zu behandeln. In der Schlacht bei Jütland aber haben wir 60 oder 70 große Schiffe der beiden Marinen während nahezu 20 Stunden, bei Tageslicht und in der Dunkelheit, sich in Gewässern bloßstellen sehen, die von fast 200 verwegen geführten Über- und Unterwasser-Torpedofahrzeugen verseucht waren. Auf englischer Seite wird nur ein einziges Schiff, die „Marlborough“, getroffen, ohne gezwungen zu sein, das Feuer einzustellen, während all die rücksichtslose Verwegenheit unserer eigenen Flottillen nicht mehr als drei oder vier Opfer einbrachte. Dies ist vielleicht die überraschendste und für uns eine der beruhigendsten Erscheinungen der Schlacht.

Es wird gefährlich sein, aus den Erfahrungen einer einzelnen Schlacht zu entscheidende Schlüsse zu ziehen oder anzunehmen, daß der lange und stets verschärfte Wettstreit zwischen der Kanone und dem Torpedo mit der unbestrittenen Herrschaft der ersteren geendet hat. Soweit aber diese Schlacht den Weg weisen kann, so deutet sie unweigerlich auf den Vorrang der Geschützkraft und weist dem Torpedo eine Nebenrolle zu, wenn es sich um die großen Entscheidungen handelt. Und hier sehen wir wiederum die harte Regel des Seekrieges unserer Zeit:

„Der stärksten Marine alles, der nächststärksten nichts.“ „Von dem aber, der nichts hat, wird auch das genommen werden, das er hat.“

Alles in allem ist es erstaunlich, daß die Folgen selbst einer mäßigen Überlegenheit zur See so vollständig und weitreichend sind. Nimm zwei Marinen, deren Stärke sich wie 16 zu 10 verhält. Haben sie an den Vorteilen der Seemacht in demselben Verhältnis Anteil? Überwacht die stärkere 16 Meeresteile und die schwächere zehn Teile? Überwacht die schwächere fünf Teile? Überwacht sie auch nur einen einzigen? Nein, wahrhaftig nicht. Die offene See kommt ganz und gar dem Stärkeren zu. Nichts bleibt dem Schwächeren — seine Ausgaben bringen nichts ein; seine Anstrengungen bleiben ohne Lohn. Es kann nicht einmal, wie in den alten Segelschiffstagen, ein verlängerter Kreuzerkrieg solange geführt werden, wie die schwächere Hauptflotte außerstande ist, eine Entscheidungsschlacht zu schlagen. Die Vernichtung jedes Kreuzers oder jedes Handelsfahrzeuges unter seiner Flagge, ja jedes Stützpunktes und jeder Niederlassung im Auslande ist nur eine Frage der Zeit. Bei diesem Wettstreit gibt es keine Trostpreise.

Es ist merkwürdig, daß die öffentliche Meinung geneigt zu sein scheint, Unternehmungen zur See kritischer, ja befangener zu beurteilen, als Unternehmungen zu Lande. Zu Lande kamen große Verluste vor, zuweilen zwecklos, zuweilen mit sehr geringen und unzureichenden Ergebnissen. Mißwirtschaft, Unentschlossenheit, Halsstarrigkeit, Tollkühnheit spielen ihre Rolle und führen zu schrecklichen Ereignissen. Aber in der Rotglut des Kampfes läßt sich nichts genau unterscheiden. So vieles ist stets fraglich, so vieles ist dunkel, so viel Gelegenheiten sind da, das Bild zu verwirren und den Ausgang zu verwischen. Und durch alles hindurch schimmert die unermüdliche Tapferkeit der Truppen, ihr edelmütiges Opfer, die überragende Notwendigkeit, sie, und nicht den Feind zu ermutigen. Öffentliche Urteile über Ereignisse zu Lande sind deswegen entweder nachsichtig oder abwartend. Mit der Marine ist es ganz anders. Die See ist eben und klar. Auf ihrer Oberfläche ist jedes Fahrzeug zu sehen — ein genaues Ziel. Verliert man eins, so ist das ein Ereignis, worüber nicht zu streiten ist. Der einfachste Verstand kann die Tatsache beurteilen, daß es nicht mehr da ist. Verliert man auch nur ein einziges Schiff, so gilt das als ein Unglück, die Folge irgendeiner einfachen Ursache — Nachlässigkeit, Voreiligkeit, Unfähigkeit, für die irgendeiner getadelt oder bestraft werden muß! Und doch hat sicherlich ein Admiral größeren Anspruch auf die Großmut seiner Landsleute als ein General. Seine Kriegführung ist fast gänzlich neuartig. Kaum einer hatte überhaupt jemals irgendwelche Erfahrung im Seekampf gehabt. Alle hatten sie erst die fremdartigen, neuen und unberechneten, ja in Friedenszeiten meistenteils unberechenbaren Bedingungen zu lernen. Mögen auch Generale in hohen Kommandostellen, welche von ihren Fernsprechern in Schlössern meilenweit hinter der Front Befehle zu verzweifelten Angriffen zu geben haben, oft das Gefühl haben, daß es eine ungeheure Erleichterung wäre, sich für eine Weile auf das Gefechtsfeld zu begeben, so bleibt doch die Tatsache bestehen, daß ihnen dies durch die Bedingungen des Krieges heutzutage versagt ist. Aber der Admiral auf seiner Brücke, der seine Flotte oder sein Geschwader in eigener Person in die Schlacht führt, dessen stolz wehende Flagge das Ziel des vereinigten Feuers ist, der von Augenblick zu Augenblick fast mit einer Gebärde den Gang der größten und heftigsten Schlacht leitet, wie die Kriegerkönige und Paladine des Altertums, der ist eine Heldengestalt. Der gemeine Mann in der Flotte ist lange nicht solchen Gefahren ausgesetzt wie Jellicoe und Beatty. Kein höherer General, wie bewundernswert er auch sei, hat persönlich und unverzüglich, mitten im Donnersturm der Schlacht, den augenblicklichen Tod vor Augen, so wissenschaftliche, so gräßliche, so peinlich genaue Fragen zu lösen wie er. Mächtige Schiffe, jedes als Kriegsmittel mindestens einer ganzen Infanteriedivision gleichwertig, verschwinden in einer einzigen Explosion und hinterlassen nicht einmal eine Spur. Ein Drittel des Schlachtkreuzer-Geschwaders in ein paar Minuten vernichtet, Schiffe von größter Wichtigkeit dahin für immer, das Schicksal der Sache der Verbandsmächte, das Schicksal des englischen Reiches, der Ausgang des Weltringens, alles steht auf dem Spiel, hängt in der Schwebe, überall von dem Unbekannten verborgen! Sicherlich, von allen persönlichen Feuerproben des großen Krieges ist dies die höchste Prüfung, dies der wahre Ruhm.

Text und Bild aus dem Buch: Die zwei weissen Völker! (The two white Nations!) Verfasser: Hase, Georg Oskar Immanuel von.

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Siehe auch:

Die zwei weissen Völker! (The two white Nations!)
Die Kieler Woche 1914
Erste Begegnungen mit englischen Seestreitkräften.
Die artilleristischen Grundlagen des Kampfes auf hoher See.
Der historische Wert persönlicher Darstellungen von Seegefechten.
An Bord des „Derfflinger“ während des Vormarsches nach dem Skagerrak.
Der erste Gefechtsabsehnitt der Skagerrak-Schlacht (5 Uhr 48 Minuten bis 6 Uhr 55 Minuten).
Der zweite Gefechtsabschnitt der Skagerrak-Schlacht (6 Uhr 55 Minuten bis 7 Uhr 5 Minuten).
Der dritte Gefechtsabschnitt der Skagerrak-Schlacht (7 Uhr 50 Minuten bis 9 Uhr 5 Minuten).
Der vierte Gefechtsabschnitt der Skagerrak-Schlacht. (9 Uhr 5 Minuten bis 9 Uhr 37 Minuten.)
Der fünfte Gefechtsabschnitt der Skagerrak-Schlacht (von 9 Uhr 37 Minuten bis 10 Uhr 35 Minuten) und die Nacht zum 1. Juni.
Betrachtungen über die Skagerrak-Schlacht.

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