abreißen, sagte der Führer

von H.-P. Schröder

abreißen, sagte der

„…. Die Amerikaner, ohne traditionelle Bindung, sind uns hier voraus. In ihren Hochhäusern, ihren Wolkenkratzern, zeigt sich Ingenieurdenken und statisch ermittelte Konstruktion mit Gestaltung durch Architekten. Aber man spürt, daß diese Vertikal-Tendenz aus kommerziellem Denken veranlaßt und durch Felsengrund begünstigt ist.

Für mich ist dieser gigantische Vertikalismus zu Lasten der städtebaulich notwendigen Horizontalen eine maßstabslose Brutalität. Ich denke allgemein an Manhattan und im besonderen an die jetzt errichtete Rücksichtslosigkeit, an das Rockefeller-Center mit dem Rang, den das Großkapital beansprucht. Sie kennen die Situation: Dies hat nichts mehr mit Städtebau zu tun, nichts mehr mit dem Maßstab,- es sind Symbole der eiskalten Berechnung von Aufwand und Ertrag, dargestellt in der Auftürmung von 70 Geschossen und mehr, aus Stahl, Beton und Glas. Was dies in Wirklichkeit bedeutet, erkennt man an der angrenzenden Kirche im neugotischen Stil, – sie wird in diesen Schluchten zur Katakombe. Manhattan muß eine Bedrückung sein, doch für die Amerikaner ist es der Stolz, die höchsten Nutzgebäude der Welt errichtet zu haben.

Daß auch wir in Zukunft Hochhäuser bauen, ja bauen müssen, – wir werden sie bauen und nicht errichten oder auftürmen – das ergibt sich aus verschiedenen Gründen. Aber diese Hochhäuser müssen sinnvoll einbezogen sein in die jeweilige städtebauliche Situation, und sie müssen als notwendige Vertikaltendenz, als Maßstab für die Stadtgestalt erkannt werden. Ihre Berechtigung finden sie erst dann, wenn aus ihrer Formung die Einheit von Ingenieurleistung und Architektur, also von Denken und Empfinden, zum Ausdruck kommt. Über die ermittelte Statik muß eine neue Tektonik sichtbar werden, die dem Stahl und dem Stahlbeton eigen ist. …

Da hat mir doch neulich einer darlegen wollen, daß gerade in der Demokratie das edelste Bauwerk mit dem göttlich-menschlichsten Maßstab gebaut wurde, der Parthenon! Ja, habe ich gesagt, aber nicht in der Demokratie wurzelt der Parthenon, sondern im Kulturbewusstsein der Hellenen und im Rang der Persönlichkeit des Perikles – aber auch im Rang, im einsamen Rang der Künstler, die den Parthenon gestalteten: Des Architekten Iktinos und des Bildhauers Phidias!

Man kann den Parthenon nicht der Demokratie des Stadtstaates zuordnen, weil eine zeitliche Übereinstimmung mit der Staatsform vorliegt. Die Demokratie fördert nicht die Persönlichkeit, sie schafft weder das Klima noch gibt sie den Nährboden, für alles, was sich abheben will aus dem Materiellen. ……..

. Letztlich entscheidet aber nicht nur der Maßstab allein, sondern die Gestaltung und die Zuordnung im Raum, im Stadtorganismus. In diesem Zusammenhang muß man diese Vertikal-Giganten von Manhattan sehen. Sie sind keineswegs Bauzeichen oder Symbole der amerikanischen Demokratie, sie sind vielmehr der Ausdruck einer Gigantomachie des Materialismus und des Kapitals gegen einen echten Rang, der dem Ausdruck einer Gemeinschaft oder der Ordnung eines Staates zusteht. Doch Manhattan fand nicht die Duldung allein, auch die Förderung in einer Demokratie, die damit diese Maßstabsverwirrung ermöglichte. …..

.. Giesler, Sie haben keinen Einblick in das hämische Geschreibsel, was sich ausserhalb unserer Grenzen tagaus, tagein vollzieht! Emigrierte Journalisten, die sich als Intellektuelle von Weltformat verstehen, fangen schon mit dem Geschwätz in der Presse an, ehe wir richtig angefangen haben zu bauen. Sie schreien: „Megalomanie“, – ja, das muss was Furchtbares sein! es meint Größenwahn; ein Schlagwort dieser kleinwahnsinnigen Intellektuellen, die alles und nichts verstehen.

Größenwahn also war die Ursache aller Bauten, die über den Horizont dieser Heuchler und Zersetzer geht! Maßlosigkeit der Pyramiden und Tempel, – Größenwahn liegt dem Kolosseum, den Thermenhallen und Basiliken zugrunde. Maßlos sind die Kathedralen, die Münster und Dome – auch der von Florenz und St. Peter mit der Zange des Bernini – auch das Straßensystem des Haussmann, die Champs-Elysées, der Eiffelturm, – alles entspringt dem Größenwahn!

Manhattan? Für uns schon, doch nicht für diese Schreiberlinge: Nein, das ist alles berechtigt und sinnvoll und schön – nur nicht das, was wir bauen wollen, denn das ist „Megalomanie“! …“

und es ward

und es ward abgerißen

Lit. Ausschnitte aus Giesler, Hermann: Ein anderer Hitler, Bericht seines Architekten Hermann Giesler, Druffel, 4. Auflage 1978, Seite 202 – 205

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