Wie baue ich mein Haus? – Leben auf dem Lande und Verkehr nach der Stadt

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Das Leben im Landhause ist grundsätzlich verschieden von dem Leben in der Stadtwohnung. Rechnet man nach einem alten Grundsätze ein Drittel der. 24 Tagesstunden auf Arbeit, ein Drittel auf Erholung und ein Drittel auf Schlaf, so ist es hauptsächlich die Verwendung der Erholungsstunden, in der sich das Leben des Städters von dem des Landhausbewohners unterscheidet. Der Städter hat für seine freien Stunden die Vergnügen der Stadt, der Landbewohner die Annehmlichkeit des Landes zur Verfügung.

Dies ist die natürliche Verwendung und an ihr muß festgehalten werden, wenn beide Teile zu ihrem Rechte kommen sollen. Mißachtet der Landhausbewohner die ihm zunächst liegenden Freuden des Landlebens, wünscht er statt ihrer wöchentlich mehrere Male Theater oder Konzerte zu besuchen, so wohnt er falsch. Geradeso falsch wie der Städter wohnen würde, der etwa jeden Nachmittag einen ausgedehnten Spaziergang weit draußen in der freien Natur vornehmen wollte. Natürlich wird auch der Landhausbewohner nicht ganz auf städtische Vergnügungen verzichten wollen. Bei einem weit von der Stadt entfernten Landhause erwachsen dann freilich recht große Unbequemlichkeiten. Das Abpassen des letzten Zuges, der Weg vom Bahnhof oder von der Straßenbahn nach Hause in später Nachtstunde sind gewiß keine Annehmlichkeiten. Das Verbringen der Abende in der Stadt wird besonders für den zur Last, der regelmäßig tagsüber in der Stadt zu arbeiten hat. Denn wenn auch ein einmaliger langer Hin- und Rückweg noch erträglich ist, so wird die vierfache Fahrt zur Qual, ganz abgesehen davon, daß bei einer größeren Entfernung von der Stadt der viermalige Weg einen ansehnlichen Bruchteil der 24 Tagesstunden in Anspruch nehmen würde.

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Dem an die Genüsse der Großstadt gewöhnten Städter wird es vielleicht, wenn er sich entschließt, aufs Land zu ziehen, anfänglich wie ein Opfer Vorkommen, auf diese Anregungen zu verzichten. Der Besuch von Theatern, Konzerten und Gesellschaften ist in gewissen Kreisen fast zur täglichen Gewohnheit geworden. Schließlich fragt es sich aber doch, ob der daraus erhoffte Gewinn für das Leben wirklich sö hoch anzuschlagen ist. Denn eine fortgesetzte Kette von Vergnügungen übt einen gewissen abflachenden Einfluß aus; das zur Gewohnheit Gewordene wirkt nicht mehr nachhaltig. Vor allem aber unterbinden solche Zerstreuungen gerade das, was das Leben eigentlich erst wertvoll macht: die Selbstbetätigung. Äußere Anregungen sollten nur die innere menschliche Arbeit fördern, selbst, wenn diese Arbeit in nichts anderem bestände als im Nachdenken. Wer kommt aber zum eigenen Nachdenken, wenn er seine ganze freie Zeit dazu benutzt, sich anregen zu lassen. Diese Anregungen sollten Festtage im werktägigen Leben sein, nicht, aber die Alltagsunterhaltung. Gute Theateraufführungen, Konzerte der größten Künstler, gesellige Zusammenkünfte mit anregenden Menschen werden zum Erlebnis für denjenigen, der sie sparsam genießt, sie gehen aber ohne Eindruck an dem vorüber, der sie als Alltagsspeise zu sich nimmt. Der Musikliebhaber kommt mehr als in Konzerten auf seine Rechnung durch Ausübung von Hausmusik. Die vor dem Kriege üblich gewesenen großen Gesellschaften sind von vielen auch schon als das erkannt worden, was sie wirklich sind, als mehr oder weniger lästige Abfütterungen, die weder dem Wirt noch dem Gaste Freude bereiten.

Der Wunsch nach Umgestaltung unserer Geselligkeit ist dringend geworden, wir werden hoffentlich im neuen Deutschland zu einer veredelten Form des gesellschaftlichen Lebens kommen, die nicht mehr auf gegenseitige Überbietung im Essen und Trinken ausgeht. Jeder Versuch dazu sollte als unwürdig gebrandmarkt werden.

,,Genießen macht gemein.“

Der Landhausbtwohner tauscht für alles das die stets Vorzüge des wechselnden Freuden der Natur ein. Er lebt mitten in Landlebens ihr, Wald und Wiese umgeben ihn, mit zwei Schritten ist er draußen, von köstlicher Luft umgeben. Die Natur ist immer schön, auch im Winter; selbst Regen und Sturm, in der Stadt unleidlich, haben draußen ihre Reize. Und in der Tat haben alle städtischen Errungenschaften, Bildungsgelegenheiten und Zerstreuungen noch nicht die Sehnsucht nach der Natur bei der Menschheit ausrotten können.

Tausende und Abertausende von Stadtbewohnern ziehen an Sonn- und Feiertagen in anliegende Fluren und Wälder. Der Arbeiter sucht sein kleines Paradies in der Laubenkolonie auf. Ja, es ist zu beobachten, daß heute gerade im Städter die eigentliche leidenschaftliche Naturliebe erwacht ist und sich am lebendigsten betätigt. Der Landbewohner nimmt die Naturschönheit vielfach als selbstverständlich hin, der Städter aber genießt sie inbrünstig, indem er gleichsam aus der Gefangenschaft zu ihr zurückkehrt.

Braucht noch ein Wort darüber gesagt zu werden, daß das ländliche Leben auch gesundheitlich zuträglicher ist als das städtische? Wenn dieser Satz noch eines Beweises bedürfte, so würde er durch die heranwachsenden Kinder erbracht. Die in ländlicher Umgebung sich bewegende Jugend sieht anders aus als die städtische: kräftig, gesund, hochaufschießend. Von den Kindern Berlins sind nach der Statistik 10 v. H. mit dem 6. Jahre noch nicht so weit gediehen, daß sie in die Schule aufgenommen werden können, ein deutlicher Beweis für die gesundheitlich unzureichenden Verhältnisse des Stadtlebens. Auch die geistige und seelische Entwicklung der Großstadtkinder ist nicht die beste. Im steinernen Meer der Stadt findet eine Übersättigung mit Reizen der Sinne statt, die es zu keiner klaren Vorstellungsbildung kommen läßt. Deshalb pflegt sich eine Unbestimmtheit und Flachheit einzustellen, bei dem die einfachsten Anschauungen aus der Natur fehlen. Ein großer Bruchteil der Großstadtschulkinder hat noch nie ein Kornfeld, nie einen Sonnenaufgang gesehen. Das Geistesleben entbehrt der sachlichen Grundlage, und das muß auch auf das Gemütsleben unheilvoll zurückwirken. Für das heranwachsende Geschlecht ist die Stadt ein Fluch, und es ist schon rein vom bevölkerungspolitischen Standpunkte aus nötig, eine Änderung in der Wohnungsweise herbeizuführen. Denn wir können nicht weiter Zusehen, wie ein großer Bruchteil unserer Bevölkerung körperlich zurückgeht. Die Rekrutenausmusterungen vor dem Kriege ergaben, daß 55. v. H. Tauglichen der Landbezirke nur 30 v. H. Taugliche in Berlin gegenüberstanden. Die Aufgaben, die Deutschland gestellt sind, erfordern gerade nach dem verlorenen Kriege sorgsamste Wirtschaft, vor allen Dingen auch in der körperlichen und geistigen Erziehung des Menschenvorrates.

So kann es kaum einem Zweifel unterliegen, daß das, was der Landhausbewohner gegen die städtischen Vergnügimgen eintauscht, den Übergang auf das Land reichlich lohnt. An und für sich genommen zweifelt auch niemand daran, daß es eine Verbesserung sei, auf das Land zu ziehen. Geht es aber an die Ausführung, so pflegen noch allerhand Bedenken aufzutauchen. Nur einige der täglich gehörten sollen hier angeführt werden.

Der Städter, der den Gedanken des Auszuges aus der Stadt gefaßt hat, macht sich in der Regel über keine Frage so großes Kopfzerbrechen wie über die Besorgung des täglichen Bedarfes an Lebensmitteln. In der Stadt findet oder fand man vor dem Kriege alles im nächstgelegenen Laden. Wie ist es aber auf dem Lande? Es ist merkwürdig, daß sich hier die Sorge an etwas heftet, was gerade die geringsten Schwierigkeiten verursacht, sich gewissermaßen von selbst regelt. Es gibt wohl keine Landhaussiedelung, in der sich nicht sofort Bäcker, Schlächter, Kolonialwarenhändler einfänden. Sie sind im Handumdrehen da, schon nachdem einige Häuser stehen. Wo sie noch nicht vorhanden sind, sind die Händler anschließender Ortschaften nur allzu bereit, alles Gewünschte ebenso schnell und zuverlässig, wie es in der Stadt geschieht, ins Haus zu schicken. Darüber hinaus ist es auch zur Gewohnheit aller größeren Stadtgeschäfte, besonders aber der Warenhäuser, geworden, täglich in die Vororte zu schicken. Und wo schließlich auch deren Wagen nicht hinkommen, da bringt die Post die Sendungen der Stadtgeschäfte, deren große Mehrzahl auf Versand nach außerhalb eingerichtet ist. Während des Krieges hat sich gezeigt, daß der Landhausbewohner sogar viel besser daran ist als der Städter, da er sich einen Teil seiner Nahrung in seinem Garten ziehen kann. Gerade die Erfahrungen des Weltkrieges sprechen Bände gegen das Stadt- und für das Landleben, sie haben gezeigt, daß die Massenansammlung in der Stadt unnatürlich ist und beim Eintreten von Verwicklungen verhängnisvoll werden kann. Also die Versorgungsfrage braucht keinerlei Kopfzerbrechen zu verursachen.

Ernsterer Natur sind die Schulfragen für Familien mit schulpflichtigen Kindern, sie bedürfen einer gründlichen Prüfung. Zwar für Volksschulen pflegt allerorten gesorgt zu sein. Höhere Schulen aber befinden sich in Vororten meist nicht, oder doch nicht in der gewünschten Auswahl. Unter Umständen ergeben sich weite Wege, die bei schwächlichen Kindern lästig und für Mädchen besonders unerwünscht sind. Man sollte sich aber klar machen, daß, so lange es überhaupt noch möglich ist, die Kinder im Hause wohnen zu lassen, die Gesundheit des Landaufenthaltes reichlich für alle Mühe entschädigt. Müssen jedoch die Kinder zum Besuche einer höheren Schule aus dem Hause getan werden, so ist dieses Schicksal nicht schlimmer als das, das den gebildeten Ständen der ganzen großen Landbevölkerung überhaupt auf erlegt ist. Die heraufkommende Einheitsschule wird im übrigen dahin wirken, daß der Besuch der höheren Schulen erst in reiferen Kindesjahren beginnt.

Wesentliche Befürchtungen hegt schließlich der Städter, der aufs Land ziehen will, für den Zeitaufwand, den die täglichen Fahrten nach der Stadt erfordern. Er erscheint erschreckend groß. Bei näherer Untersuchung stellt sich dann meistens heraus, daß die Reise innerhalb der Großstadt von der Wohnung nach der Arbeitsstätte ebensoviel Zeit in Anspruch nimmt, wie die Bahnfahrt aus dem Vorort. Dabei ist aber nicht zu vergessen, daß ein für den Vorort günstiger Unterschied in der Bequemlichkeit der Vorortbahn gegenüber der elektrischen Straßenbahn liegt. Im Eisenbahnabteil kann man ungestört lesen oder sich anders beschäftigen, während in der Straßenbahn ein fortwährendes Ein und Aus vor sich geht und Zugluft Herrscht, so daß von einer Beschaulichkeit keine Rede ist. Trotzdem wird die Straßenbahn von vielen für das einfachere und natürlichere Beförderungsmittel gehalten, wohl deshalb, weil man nicht an den Fahrplan zu denken braucht, auch weil das Ein- und Aussteigen sich in einfacherer Form abspielt, während bei der Vorortbahn gewöhnlich erst Stufen zum Bahnsteig zu überwinden sind.

Gute und schnelle Verkehrsmittel sind ausschlaggebend für die weitere Besiedelung des Landes. Vorausgesetzt, daß Verkehrsmittel da sind, kann eine Landhaussiedelung an irgendeinem entfernten Ort gegründet werden. Die bequeme Zugänglichkeit ist daher die allererste Frage, die bei der Wahl eines ländlichen Wohnsitzes zw erwägen ist, es sei denn, daß der Landhausbewohner sich in völlige Einsamkeit zurückziehen will. Dieser Fall dürfte aber nur Ausnahmen treffen.

Die gute Verbindung und die Einschulung der Kinder sind die beiden wichtigen Fragen, die bei Wahl des ländlichen Wohnortes zu stellen sind. Alle anderen sind nebensächliche^ Art und erledigen sich in der Regel von selbst.

Text aus dem Buch: Wie baue ich mein Haus? Author: Muthesius, Hermann.

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Siehe auch:
Wie baue ich mein Haus? – Einleitung
Wie baue ich mein Haus? – Die Kostenfrage
Wie baue ich mein Haus? – Die laufenden Ausgaben
Wie baue ich mein Haus? – Das kleine Einfamilienhaus

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2 Gedanken zu „Wie baue ich mein Haus? – Leben auf dem Lande und Verkehr nach der Stadt

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