Wie baue ich mein Haus? – Die laufenden Ausgaben

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Alle die bisher betrachteten Kosten sind einmalige. Außer ihnen ergeben sich laufende Kosten, und diese erfordern eine gesonderte Betrachtung. Die für das Anwesen verausgabte Anlagesumme würde, wenn sie anders angelegt wäre, Zinsen bringen; die Höhe dieser nach Errichtung des Baues eingebüßten Zinsen ist der Mietwert des Hauses.

In welcher Höhe die Zinsen berechnet werden, hängt natürlich von dem herrschenden Geldzinsfuß ab. Es liegt für den einzelnen keine Veranlassung vor, sich den Mietwert seines Hauses nach einem höheren Zinsfüße zu berechnen, als nach dem für mündelsichere Staatspapiere. Ja, es wird sich sogar für den Geldanteil, der auf das Grundstück entfällt, ein weif niedrigerer Zinsfuß rechtfertigen lassen. Bauland in verkehrsreichen Gegenden, in aufstrebenden Städten und Vororten hat die Eigenschaft, im Werte zu steigen. Der Wertzuwachs kommt dem Bauherrn zugute. Der Bauplatz kann sehr wohl in 10 oder 15 Jahren das Doppelte der ursprünglichen Kaufsumme wert sein.

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Im Falle eines so raschen Wachstums wäre es richtig, Grundstückzinsen überhaupt nicht in Ansatz zu bringen. Was die Verzinsung des Anlagegeldes für das Haus selbst betrifft, so ist zu bedenken, daß hier nicht eine Wertsteigerung, sondern vielmehr eine Wertverminderung vorliegt. Diese wird aber beim Einfamilienhause am besten gesondert berechnet, statt daß man sie, wie es häufig geschieht, dadurch zum Ausdruck kommen läßt, daß von vornherein ein erhöhter Zinsfuß des Anlagegeldes eingesetzt wird. Sie kann sich auf die natürliche Abnutzung beziehen, die sich im Verschleiß gewisser Bau- und Ausstattungsteile oder im Brüchigwerden gewisser Bauausführungen äußert. Insoweit hängt sie natürlich in hohem Maße von der Gediegenheit des Bauens ab. Sie kann aber auch, und das ist der häufigere Fall, darin beruhen, daß das Haus, wie man sagt, unmodern wird, das heißt, daß die Grundrißanlage oder die künstlerische und technische Ausstattung nicht mehr den Zeitanforderungen entsprechen. Die allermeisten bestehenden Gebäude werden aus solchen, nicht aber aus Gründen der Baufälligkeit niedergerissen oder umgebaut. Um ein Haus auf recht lange Zeit für seinen Zweck auszurüsten, ist es ratsam, es nicht nur so gediegen wie möglich zu bauen, sondern auch den Hausplan nach den fortgeschrittensten Grundsätzen zu gestalten, die technischen und gesundheitlichen Einrichtungen so vollkommen zu treffen, wie es der Entwicklungsstand zuläßt, und das Haus künstlerisch so gut wie möglich zu gestalten. Natürlich läßt sich die Zukunft nicht voraussehen. Es ist aber anzunehmen, daß, wer das Beste heranholt, das seine Zeit ihm bietet, damit immerhin geeigneter für die Zeit nach uns sorgt, als derjenige, der sich von vornherein mit Leistungen zweiten Ranges begnügt.

Die Lebensdauer gut ausgeführter Wohnhäuser wird auf 200 Jahre geschätzt. Bei der Annahme, daß der Wert innerhalb dieser Zeit vom Vollwert auf Null sinke, tritt demnach jedes Jahr eine Wertverminderung von % v. H. ein. Mit einer solchen Angabe ist aber wenig gewonnen, sie kennzeichnet nur den allgemeinen Abschreibungswert.

Viel wichtiger ist die Kenntnis desjenigen Betrages, der jährlich bereitgehalten werden muß, um das Haus dauernd in gutem Wohnzustande zu erhalten. Hier ist der Punkt, wo die Güte der gewählten Baustoffe und die Gediegenheit der Ausführung eine ausschlaggebende Rolle spielen. Wer zum Beispiel bei der Umwehrung des Grundstückes die Holzpfosten in die Erde steckt, statt einen Steinsockel zu bauen, muß damit rechnen, daß nach 8 bis 10 Jahren ihre Erneuerung nötig wird. Wer an einem sonst mit vollendeter Gediegenheit ausgeführten Hause die Dachrinnen und Abfallrohre aus Zink ‚anfertigen läßt, muß wissen, daß die Lebensdauer dieser Bauteile nur einen Bruchteil von der des übrigen Baues beträgt. Gegen Zink ist unter dieser Einschränkung nichts einzuwenden, ja, die Erfahrungen des Krieges werden wohl der Anwendung von Kupfer in Zukunft stark im Wege stehen. Gestrichene Putzhäuser erfordern von Zeit zu Zeit einen Neuanstrich, hölzerne Fensterläden desgleichen. Bei einem Hause dagegen, dessen Außenflächen den natürlichen Stein oder Backstein zeigen, fällt diese Ausgabe weg; Schieferdächer setzen im allgemeinen geringere Ausbesserungen voraus ‚als Ziegeldächer. Auch im inneren Ausbau und bei den Möbeln finden Unterschiede statt; gestrichenes Holz erfordert öfters einen neuen Anstrich, der bei sogenanntem echten Holz wegfällt; dafür tritt aber mit jedem Neuanstrich, sei es im Innern oder am Äußeren, stets auch ein sauberes neues Aussehen ein (man wird fast an das Wechseln der Wäsche erinnert).

Allgemein läßt sich sagen, daß die Instandhaltungskosten bei einem in allen Teilen gediegen durchgeführten Hause in den ersten 10 bis 15 Jahren entweder gar nicht in Erscheinung treten oder nur einen verschwindend geringen Betrag ausmachen. Es würde genügen, zwischen K und 1 v. H. der Bausumme dafür anzunehmen, wenn nicht die Löhne und Baustoff kosten inzwischen so ungeheuer gestiegen wären. Für unter früheren Verhältnissen gebaute Häuser müssen daher die heutigen Instandhaltungskosten höher geschätzt und mindestens mit 1 bis 2 v. H. eingesetzt werden.

In späteren Jahren pflegt sich bei den meisten Häusern das Bedürfnis nach irgendeiner eingreifenden Änderung, Erneuerung, Erweiterung, Anpassung an die Zeit einzustellen, das von vornherein vorauszusehen oder gar zu veranschlagen ganz unmöglich ist.

Wer also zu den Zinsen der eigentlichen Herstellungskosten noch XA v. H. für Abschreibung und, je nach Gediegenheit des Hauses und Abnutzungsart zwischen 1 und 2 v. H. für Instandhaltung hinzusetzt, der berechnet die Miete für sein Eigenhaus ungefähr zutreffend. Wenn beispielsweise der Geldzinsfuß 5 v. H. beträgt, so ergibt sich einschließlich Abnutzung (A v. H.) und Instandhaltung (im Mittel VA v. H.) eine Miete für die ersten 10 bis 15 Jahre von rund 7 v. H. der Bausumme. Die Grundstückzinsen sind aber in allen Fällen besonders zu beurteilen, und zwar unter Ausgleich mit der vor sich gehenden Wertsteigerung.

Wenn es darauf ankommt, die Mieten, die der Bauherr vielleicht früher im städtischen Miethause bezahlt hat, mit den Kosten zu vergleichen, die ihm aus dem Wohnen im Landhause erwachsen, so findet sich allerdings noch eine Anzahl weiterer Ausgaben ein, die, ohne daß sie an sich sehr bedeutend sind, doch in Betracht gezogen werden müssen. Der Mieter der städtischen Wohnung ist in dieser Beziehung sehr verwöhnt. Er zahlt nichts als seine Miete, in der nicht nur die Instandhaltung der Wohnung mit eingeschlossen ist, sondern in der auch die Beträge für Sammelheizung und Warmwasserbereitung, m einigen Fällen sogar für Wasser enthalten sind. Im Landhause treten alle diese Ausgaben besonders auf. Zu den Instandhaltungskosten für das Haus selbst kommen überdies noch die Instandhaltungskosten für die Nebenanlagen, wie Umwehrung, Zufahrtsweg, Garten usw. Es ist ferner zu bedenken, daß im Eigenhause etwas mehr Reinigungsarbeit dadurch erwächst, daß auch das Treppenhaus, die Zugangswege, ja sogar der Bürgersteig vor dem Hause sauber gehalten werden müssen, was alles im Miethause dem Hausbesitzer obliegt. Zu den allgemeinen Ausgaben des Draußenwohnens ist ferner hinzuzurechnen das Fahrgeld nach der Stadt. Wenn nicht nur das Familienoberhaupt, sondern auch etwa noch andere Familienmitglieder täglich den Weg zur Stadt zurücklegen müssen, so ergibt sich immerhin eine erkleckliche Summe.

Indes würde es falsch sein, für diese Beträge hohe1 Sicherheitssätze einzuführen. Auch der Stadtbewohner hat tägliche Fahrgeldauslagen, nur mit dem Unterschiede, daß sie niemals zu Monatsbeträgen zusammengezählt werden, wie- es bei der Dauerkarte geschieht. Die vermehrten Bewirtschaftungskosten sind bei kleineren Häusern nicht sehr beträchtlich. Erst bei größeren und großen Häusern kann man den oft gehörten Satz gelten lassen, daß das Landhaus einen Dienstboten mehr erfordere. Die Rechnung für Kohlen der Heizungs- und Warmwasserbereitung fällt selbstverständlich sehr ins Gewicht, besonders, nachdem die Kohlenpreise auf schwindelnde Höhe gestiegen sind. Aber auch in der Stadt werden diese Dinge dem Mieter nicht geschenkt, sie werden stillschweigend der Miete zugeschlagen und bilden beispielsweise jetzt den Hauptgrund für die großen Mietsteigerungen. Allerdings ist die Heizung der Stadtwohnung an und für sich billiger, weil die Wohnung hier als kleiner Bestandteil eines großen Hauses, ja Häuserblockes auf tritt, der in seiner geschlossenen Masse wärmer bleibt als ein einzeln stehendes Haus mit seinen vielen Außenwänden. Gerade die Ausgaben für die Sammelheizung pflegen den Landhausbewohner anfangs sehr unangenehm zu überraschen. Das Haus verschlingt aber im ersten Jahre nach der Fertigstellung des Baues weit größere Wärmemengen -als später, weil noch viel wärmebindende Feuchtigkeit in den Mauern vorhanden ist, die erst allmählich verdunstet. Im übrigen wird die Kohlenteuerung von selbst einschneidende Änderungen in der Beheizungsart unserer Häuser hervorrufen, zumal nicht zu verkennen ist, daß hier vielfach eine große Vergeudung von Mitteln getrieben worden ist.

Eine unter Umständen sehr fühlbare Ausgabe ist die Unterhaltung des Gartens. Wer nicht selbst Gartenarbeiten verrichtet und die heute üblichen, sehr hohen Arbeitslöhne bezahlen muß, kann auf große Summen für Tagelohnarbeiten gefaßt sein. Es ist nötig, schon beim Entwurf darauf zu achten, daß, wo die Mittel nicht reichlich fließen, die gärtnerischen Unterhaltungsarbeiten beschränkt werden. An und für sich hat es selbstverständlich etwas Verlockendes, ein Grundstück mit großem Garten zu bewohnen. Man kann in solchem Falle sehr wohl die gärtnerische Gestaltung so treffen, daß die Anlagen wenig Arbeit erfordern.

Zu den bisher betrachteten laufenden Kosten kommen noch die Grundsteuern, die der städtische Mieter ebenfalls nicht zu zahlen braucht. Über diese Beträge allgemeine Angaben zu machen, ist bei der Verschiedenheit der Verhältnisse und angesichts der in Aussicht stehenden neuen Steuergesetzgebung nicht möglich; bei Bauabsichten werden die heute geltenden Zahlen ohne Mühe von den Gemeindeverwaltungen zu erhalten sein. Schließlich sind auch Versicherungsgebühren (für Feuer-, Diebes- und Unfallversicherung), Gebühren an die Gemeinde für Entwässerung und Müllabfuhr, die Schornsteinfegergebühren, Hausbewachungskosten und andere kleinere Abgaben in Betracht zu ziehen.

Wenn nach diesen ausführlichen Darlegungen nunmehr die oft gestellte Frage näher ins Auge gefaßt wird, ob es möglich ist, mit der bisher in der Stadt bezahlten Miete ein Landhaus zu bewohnen, so sei diese Frage zunächst an einem der Wirklichkeit entnommenen Beispiele erläutert. Es handelt sich dabei allerdings um die Verhältnisse vor dem Kriege. Die jetzigen gänzlich ungeklärten Zustände lassen einen Gegenwartsvergleich noch nicht zu. Indessen ist anzunehmen, daß nach Neureglung unseres Wirtschaftslebens sich, von kleinen Verschiebungen abgesehen, ungefähr dieselben Verhältniszahlen wieder ergeben werden, wie sie vor dem Kriege Vorlagen.

Die Abbildungen 8 bis 13 stellen ein 1910 gebautes mittleres Haus in einem nördlichen Vororte von Berlin dar. Es hat zwei ausgebaute Geschosse, ist teilweise unterkellert und weist im Dach noch zwei Kammern auf. Es ist mit Sammelheizung versehen und hat Warmwasserbereitung, elektrisches Licht, Gas- und Wasserleitung. Die Bauausführung ist bei aller Einfachheit gediegen (Putzbau mit Steinsockel, Biberschwanzdach, Umwehrung mit Untermauer). Der Innenbau ist besseren Ansprüchen angepaßt, die Erdgeschoßräume haben eichenen Stabfußboden, die Obergeschoßräume gestrichenen kiefernen Boden. Das Bad, die Küche und der Abort sind mit Fliesen verkleidet. Das Haus liegt an einer mit Entwässerung versehenen Straße, in nächster Nähe des Vorortbahnhofes, die Fahrt nach Berlin dauert 25 Minuten. Für dieses Haus ist in der folgenden Aufstellung die Berechnung der Miete für das Jahr 1914 aufs genaueste durchgeführt, unter Berücksichtigung aller nur denkbaren, durch das Vorortwohnen hervorgerufenen Neben- und Mehrausgaben.



Bei dieser Mietberechnung ist ein Wertzuwachs des Grundstückes nicht in Ansatz gebracht, vielmehr sind die Grundstückzinsen genau so berechnet wie die Verzinsung des Baugeldes.

Zum Vergleich ist eine Stadtwohnung in Charlottenburg (ganz nahe am Stadtbahnhof Savignyplatz) herangezogen (Abb. 14), für die 1914 4000 M. Miete verlangt wurden. Auch hier ist jede Bequemlichkeit geboten (Sammelheizung, Warmwasser, elektrisches Licht, Vakuumreiniger, Fahrstuhl). Wie stellt sich dieser Vergleich?

Die Anzahl der Räume (8) ist in beiden Fällen dieselbe, doch sind die drei Hauptzimmer der Stadtwohnung nicht unbeträchtlich größer als die des Landhauses. Dafür hat das Landhaus viel mehr Nebenräume. Die bebaute Fläche hat beim Stadthaus 390 qm, die Zusammenzählung der Flächen des Erd- und Obergeschosses des Landhauses unter Hinzuziehung der ausgebauten Keller- und Dachräume ergibt 406 qm, ein Unterschied, der wahrscheinlich durch den zur Stadtwohnung hinzukommenden Verschlag auf dem Boden und Kellerraum gerade ausgeglichen wird. Beide Wohnungen haben also fast genau dieselbe Größe. Als Zugabe hat die Landwohnung aber vor allem den Garten. Er ist von genügender Ausdehnung, um nicht nur angenehmen Aufenthalt zu gewähren, sondern auch Ertrag zu liefern. Gerade der Ertrag des Gartens hat sich während des Krieges als sehr wichtig erwiesen, ganz zu schweigen von der im Landhause gegebenen Möglichkeit der Haltung von Kleinvieh. Beide, im Geldwert sehr hoch zu berechnenden Vorzüge bedeuten der Stadtwohnung gegenüber ein Geschenk. Auch der Wertzuwachs (die aufstrebende Gegend verspricht einen solchen) würde einem Geschenk gleichkommen. Dem Stadthause gegenüber ist aber vor allem die bessere gesundheitliche Verfassung der Landwohnung hervorzuheben, da das Haus von allen vier Seiten von Luft umspült wird und Gegenlüftung der Räume gestattet, auch alle Wohn- und Schlafräume die Sonnenlage haben. Die reichlichen Austritte ins Freie (zwei große Baikone im Obergeschoß) kommen der Stadtwohnung gegenüber als Mehrleistung in Betracht.

Abgesehen von dem erwähnten Unterschiede in der Größe der drei Wohnräume fällt also der Vergleich in jeder Beziehung höchst günstig für das Landhaus aus. Dabei ist die Stadtwohnung noch 139 M. teurer als die Landwohnung. Daß der Städter jeden Sommer mit seiner Familie eine kostspielige Erholungsreise machen muß, während der Landhausbewohner diese sich ersparen kann, kommt als ein weiterer großer Vorteil des Landhauses in Betracht. Dieser Posten ist so bedeutend, daß er, wenn die Sommerreise mit Sicherheit ausfiele, die Überlegenheit der Landwohnung in ein noch glänzenderes Licht stellen würde. Freilich wird die Erholungsreise auch von Landhausbewohnern häufig für nötig gehalten und meistens, wenn auch vielleicht in beschränktem Umfange, ausgeführt.

Nicht immer aber werden die Verhältnisse so günstig liegen wie hier. In vielen Vororten ist der Grund und Boden teurer, oft‘ sind die Baubedingungen schwieriger, die Baukosten durch Sonderumstände höher.

In kleineren Städten sind die Mietwohnungen meistens viel billiger als in Großstädten. Es werden also auch Beispiele herangezogen werden können, bei denen die Landwohnung ungünstig gegen die Stadtwohnung steht. Wie sich der Mietwert der in jetziger Zeit neugebauten Landhäuser mit den Mieten in altbestehenden Wohnungen vergleicht, ist überhaupt eine Sache für sich. Hier handelt es sich um Augenblicksverschiebungen, die für das große Endergebnis nicht maß- Abb 14. BerlilK.r Mietwohnung gebend sein können.

Jedenfalls werden im zukünftigen Landhause bedeutende Einschränkungen nicht zu vermeiden sein.*) Es wird sich vorzugsweise um eine Verringerung der bebauten Fläche des Landhauses handeln müssen, die Zimmer werden durchweg kleiner als die der Stadtwohnung werden. Das ist aber auch unbedenklich, weil Ellenbogenfreiheit nach dem Garten und der freien Natur hin reichlich vorhanden ist. Der Bewohner der städtischen Mietwohnung schließt sich mit der Treppenhaustür von der Welt ab, sein ganzes Bereich endet mit den Grundrißgrenzen seiner Wohnung. Die städtische Wohnung macht dem flüchtigen Beschauer Eindruck durch zwei oder drei große Zimmer, sie ist gewissermaßen nur auf die bestechenden Vorderzimmer hin entworfen, die sich bei Beurteilung der „Wohnfläche“ dann ins Gedächtnis zu drängen pflegen. Diese in fürstlichen Maßen gehaltenen Prunkzimmer sollen beim Wohnungsuchenden eine gute Meinung erzeugen, sollen ihn über die mehr als spärliche Bemessung der Küche, das Fehlen jeden Nebenraumes zur Küche, die schlecht belichteten und belüfteten Schlafzimmer hinwegtäuschen. In einem gut angelegten Landhause ist das alles anders, man möchte sagen umgekehrt. Hier sind die Wirtschaftsräume reichlich bemessen, die Schlafzimmer geräumig und sonnig, sie sind überdies in größerer Anzahl vorhanden, es fehlt nicht an Kammern für Einzelbedürfnisse, feste Wandschränke können im Überfluß geschaffen werden, Boden und Keller bieten Abstellraum in Menge. Wenn solche Annehmlichkeiten geboten werden, so sollte man annehmen, daß wohl auf die überreichliche Größe der Wohnzimmer verzichtet werden könnte.

Hier trifft man aber gewöhnlich sogleich auf den Widerstand des Bauherrn. Gerade auf die schönen, großen Vorderzimmer, an die er aus der Mietwohnung gewöhnt ist, legt er besonderes Gewicht. Ja, er möchte außer ihnen auch noch eine durch zwei Stockwerke gehende Diele besitzen (diese gehört nach der landläufigen Auffassung nun einmal zum Landhause); es soll ein Weinkeller vorhanden sein, an den sich ein altdeutsches Kneipstübchen anschließt; er will auch selbstverständlich eine große, schöne Veranda für den Sommeraufenthalt haben, vielleicht auch noch einen Pflanzenraum oder Wintergarten, und wie die besonderen Eigentümlichkeiten alle heißen, die in seiner Vorstellung mit dem Begriff Landhaus verwachsen sind.

*) Hierauf ist näher eingegangen in des Verfassers Buche „Vom wirklich sparsamen Hausbau“ im selben Verlage.

Wie kann nun aber jemand, der mit solchen Ansprüchen kommt, erwarten, daß er nur denselben Mietaufwand habe wie für eine städtische Wohnung, die nichts von diesen Räumen enthält? Es ist doch unmöglich, zu verlangen, daß alle hinzukommenden Dinge geschenkt werden. So wichtige Gewinne wie ein Garten, gesunde Schlafzimmer, reichliche Wirtschaftsräume, Wandschränke, eine Diele, Veranda, Pflanzenraum und Gastzimmer erfordern selbstverständlich, wenn auch die Zimmer so groß bleiben sollen wie in der Stadtwohnung, eine Gegenleistung in Gestalt von Mehrmiete.

Hier steigt die Frage auf, ob, eine gute Vermögenslage des Bauherrn vorausgesetzt, nicht ruhig einige wirtschaftliche Opfer bei der Übersiedelung in das Landhaus gebracht werden könnten und sollten. Wenn man untersucht, wofür der Mensch, besonders der besser gestellte, vor dem Kriege sein Geld ausgab, für welches Wohlleben, für welche Nichtigkeiten er überreichliche Mittel zur Verfügung hatte, so ist doch die Frage berechtigt, ob ein Teil dieser Mittel nicht viel besser auf eine so im Grunde ihres Wesens verbesserte Wohnweise verwendet werden möchte, wie sie sich im Landhause bietet. Bei Betrachtung der Kostenfrage sollten Erwägungen dieser Art angestellt werden. Unter den Liebhabereien, die uns, wenn einiger Spielraum in den Mitteln vorhanden ist, das Leben verschönen können, ist die edelste Liebhaberei ein schönes Haus. Es gewährt tausendfältige Freude und tägliche Erquickung, es bietet Erholung von den Mühen des Tages, Ruhe und Frieden, Gesundung der ganzen Familie. Die Kinder wachsen frisch heran und entwickeln sich zu kräftigen, tüchtigen Menschen. Der eigene Besitz bringt Sammlung und Seßhaftigkeit. Der fortlaufende Umgang mit der Natur stärkt die Nerven und stählt die innere Verfassung. Die Pflege des Gartens ruft tägliches Entzücken an dem sich erneuernden Leben der Natur hervor. Sich solche Freuden sichern, heißt die Hand auf eines der edelsten Güter legen, die das Leben bieten kann.

Für sein-Eigenhaus könnte der Mensch, so sollte man meinen, einige Aufwendungen machen, die sich jenseits des Vergleiches mit der städtischen Mietwohnung abspielen. Hat es wirklich für solche, die nicht jeden Pfennig umzudrehen brauchen, Sinn, sich täglich durch rechnerische Gegenüberstellung ins Gedächtnis zu rufen, daß sie sehr teuer wohnen? Und doch werden solche Berechnungen eitrigst betrieben. Der kaufmännisch geschulte Geist scheint es nicht über sich gewinnen zu können, beim Wohnen im eigenen Hause das notwendige Bedürfnis von dem Annehmlichkeitsüberschuß zu trennen, der damit verbunden ist. Für diesen Annehmlichkeitsüberschuß aber sollte er doch endlich einmal, wenn denn durchaus das ganze Leben berechnet werden muß, eine Rechnung besonderer Art aufmachen. Er könnte sich z. B. sagen, daß er nach einem arbeitsreichen Leben sehr wohl einen gewissen Vermögensteil seinem Hause als Liebhaberbetrag widmen könne. Dieser Posten müßte aber dann aus der weiteren Berechnung verschwinden. Wie ein vermögender Mann eine kostspielige Weltreise unternimmt, wie er sich Kraftwagen und Jacht kauft, wie er sich eine Kunstsammlung anlegt, mindestens ebensogut kann er doch einen einmaligen unverzinslichen Betrag auf sein Haus verwenden. Warum soll gerade diese Liebhaberei in Zinsbuchungen verewigt werden? Geschieht es denn bei den übrigen Liebhabereien? Wer in dieser Weise sein Haus bedenkt, der wendet sein Geld wahrhaftig so gut an, wie es auf dieser Welt nur angewendet werden kann.

Das alles bezieht sich aber, wie gesagt, auf den wohlhabenden Mann. Den Nichtwohlhabenden sollen diese Ausführungen nicht abschrecken. Auch für ihn kann gesorgt werden, solange er seine Ansprüche mäßigt und sie, wie es selbstverständlich sein sollte, ins rechte Verhältnis zu seinen Mitteln setzt.

Text aus dem Buch: Wie baue ich mein Haus? Author: Muthesius, Hermann.

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Siehe auch:
Wie baue ich mein Haus? – Einleitung
Wie baue ich mein Haus? – Die Kostenfrage

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