Wie baue ich mein Haus? – Das kleine Einfamilienhaus

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Die ungeheure Mehrzahl der Menschen verfügt über ein Einkommen, bei dem das heute übliche Landhaus, sei es auch kleinsten Umfanges, als Wohnung gar nicht in Betracht kommen kann. Da auf der anderen Seite die Vorzüge des Wohnens im Einfamilienhause nach jeder Richtung hin so groß sind, daß diese Wohnweise möglichst breiten Volksschichten zugänglich gemacht werden sollte, so ist es zu verstehen, daß die Frage des billigen Einfamilienhauses eine der brennendsten geworden ist.

Sie ist, schon vor dem Kriege, der Lösung nach einer gewissen Richtung hin in den Arbeitersiedlungen entgegengeführt worden.*) Dort ist es gelungen, zu Mieten, die sich je nach dem Bodenwerte damals von 350 oder 450 M. an jährlich aufwärts bewegten, Einfamilienhäuser zu bauen. Fast durchweg sind die Siedlungen von gemeinnütziger! Gesellschaften gegründet worden und werden von diesen auch verwaltet. Obgleich ursprünglich für Arbeiter bestimmt, werden die Häuser auch vielfach von Beamten und der kleinbürgerlichen Bevölkerung bewohnt. Etwas weiträumigere Einfamilienhäuser, im Rahmen einer vorkriegerischen Miete von 800 bis 1200 M., haben die Beamtenwohnungsvereine geschaffen. Auch hier hat bisher fast nur die genossenschaftliche und gemeinnützige Bautätigkeit gewirkt. Daß die Stellen, die sich sonst mit der Herstellung von Wohnungen beschäftigten, nämlich die Baugeschäfte, vor dem Kriege das kleine Haus noch nicht aufgenommen hatten, hat seinen Grund darin, daß die heutige gewerbsmäßige Wohnungsherstellung ganz und gar mit dem Baustellenhandel verwachsen ist, dieser sich aber nur bei großen Mietkasernen lohnt. Namentlich ist das Baugeldleihgeschäft ganz auf das große Massenmiethaus zugeschnitten. Die Beleihungsverhältnisse des kleinen Hauses sind noch nicht ausgebildet.

aus dem Kunstmuseum Hamburg

*) Die Frage des Kleinhauses ist ausführlich behandelt in des Verfassers Buch: Kleinhaus und Kleinsiedlung, 2. Aufl. 191t), im selben Verlage

Das Arbeiterhaus sowohl wie das kleine Beamtenhaus hat sich als Reihenhaus entwickelt und ist seiner Natur nach auch mehr oder weniger an diese Form gebunden. Die Kostenbeschränkung, die nötig ist, um den Mietwert innerhalb der obenerwähnten Grenzen zu halten, führt dazu, nicht nur einen ganz kleinen Bauplatz zu wählen, sondern auch höchst sparsam zu bauen. Das Reihenhaus ist schon deshalb billiger als das freistehende, weil nur zwei Seiten auszubilden sind, denn das Haus stößt mit den beiden anderen an die Nachbarhäuser. Ersparnisse dem freistehenden Hause gegenüber ergeben sich auch in der Heizung, da ein eingebautes Haus nur mit zwei statt mit vier Seiten Wärme nach dem Freien hin abgibt. Der Hauptgesichtspunkt bei seiner Anlage ist meistens der, daß es ein Mindestmaß von Land beansprucht, denn es fallen bei ihm die Streifen Landes links und rechts des Hauses weg.

Alle diese Gründe und noch manche andere sprechen dafür, das Reihenhaus auch für Häuser mit etwas höherem Mietwert anzuwenden. Tatsächlich ist es in den Städten Englands, Hollands und des westlichen Deutschlands auch für größere Häuser völlig eingebürgert. In den sogenannten Villenvororten, die sich in den letzten dreißig Jahren um die Großstädte gelegt haben, war es bisher nicht zugelassen, da dort die „offene Bauweise“ vorgeschrieben war, das heißt nur freistehende Häuser erlaubt waren, jedes in einem gewissen Mindestabstand von dem andern. Erst ganz neuerdings sind für einzelne Straßen Ausnahmen zugestanden worden, und allerorts werden jetzt Versuche unternommen, das Reihenhaus einzuführen. Dieses größere Reihenhaus ist die geeignetste Form für Häuser, deren Mietwert sich, je nach der Kostbarkeit des Bodens, vor dem Kriege in den Grenzen unterhalb 2000 oder 3000 Mark hielt.

Für das Reihenhaus ist die Lichtzuführung zu den Räumen, geradeso wie für das städtische Wohnhaus, nur von der Straße und vom Hofe her möglich. Das Reihenhaus mit drei ausgebauten Geschossen ist die allgemeine Grundform des Hauses in den westlichen Ländern. Die Straßenseite solcher Häuser schrumpft dann oft auf 5 bis 6 m zusammen, so daß auch das Keller- und Dachgeschoß zu Hilfe genommen werden muß, um eine genügende Anzahl von Räumen zu erreichen. In solchen Häusern ist das Überwinden der Treppen eine wesentliche Unbequemlichkeit für die Bewohner. Ein gewisser Mißstand ist auch, daß die Häuser unter sich sehr hellhörig sind, besonders wenn sie mit holzlosen Decken gebaut werden. Das Klavierspiel des Nachbars überträgt sich dann mit Leichtigkeit in die angrenzenden anderen Häuser. Der Garten wird lang und schmal und leidet, wenn er nicht gerade im Süden des Hauses liegt, unter dem Schatten der Häuserreihe. Er muß auch unbedingt gegen die Nachbargärten durch eine Mauer oder dichte Hecke abgeschlossen werden, wenn er noch Wert haben soll. Er ist von der Straße her nur durch das Haus erreichbar, so daß für seine Bearbeitung Erde und Dünger, Pflanzen und Geräte durch das Haus getragen werden müssen, ein Übelstand, dem man übrigens jetzt durch Anlegen eines schmalen Wirtschaftsweges im Rücken der Gärten abzuhelfen sucht.

Es ist indessen selbstverständlich, daß im Reihenhause gewisse Beschränkungen gegenüber dem freistehenden eintreten müssen. Küche, Eßzimmer und sämtliche Wohnzimmer im selben Geschoß unterzubringen, wird kaum möglich sein, ein Teil davon wird eine Treppe höher gelegt werden müssen. Der Fall wird eintreten, daß es vorteilhaft ist, die Küche und die Wirtschaftsräume ins Untergeschoß zu legen. Immerhin lassen sich auch auf dieser Grundlage leidlich bequeme und vorteilhafte Anlagen erreichen.

In den Abbildungen 15 bis 23 sind zwei Reihenhäuser Beispiele für kleinbürgerliche bis bürgerliche Wohnansprüche wiedergegeben. Im kleineren erstrecken sich die Wohn-räume nur auf das Erd- und Obergeschoß, während im Dachgeschoß sich nur zwei Kammern befinden. Das größere hat ein Geschoß mehr. Das kleinere hat bei einer ehemaligen Herstellungssumme von 12 000 M. einen Mietwert von 800 M., das größere war vor dem Kriege auf 40 000 M. veranschlagt und hätte dann einschließlich der Bodenverzinsung einen Mietwert von 2800 M. dargestellt. Während das kleinere bescheidene Zimmergrößen und wenig Bequemlichkeiten hat, zeigt das größere schon eine besondere Kleiderablage, eine Veranda vor dem Eßzimmer, einen großen Austritt im ersten Geschoß.

Auf sehr stark beschränktem Boden und für kleine und Zukunft des mittlere Mieten ist das Reihenhaus unbedingt das Ein- Reihenhause familienhaus der Zukunft, es ist das Haus, das sich an breite Volksschichten wendet. Wo es, wie in westlichen Städten, schon eingebürgert ist, wird es vom Unternehmer marktmäßig gebaut oder auf Bestellung eines Bauherrn errichtet, wobei dann Einzelwünsche bis zu einem gewissen Umfange erfüllt werden können. Immer muß bei ihm Rücksicht auf den Nachbar genommen werden, und zwar sowohl in der Höhe des Hauses, als in der Gebäudetiefe, ja selbst in der äußeren Gestalt. Denn das Haus tritt nicht selbständig auf, sondern ist ein Teil der fortlaufenden Häuserreihe, deren Gesamterscheinung es sich unterzuordnen hat.

Vorausgesetzt, daß der Boden billig ist, lassen sich auch einzelnstehende Häuser schon für niedrige Mieten errichten. Sie sind aber dann nicht so wirtschaftlich wie das Reihenhaus, sie sind auch in ihrer äußeren Erscheinung zu klein für das Straßenbild. Zum mindesten sollte die Form des Doppelhauses gewählt werden, bei der ja ebenfalls der Landerwerb kleiner gehalten werden kann und doch das Haus freier im Garten liegt, so daß der Besitzer, was häufig gewünscht wird, beinahe ganz um sein Haus herumgehen kann. Das Doppelhaus vereinigt bis zu einem gewissen Grade die Vorzüge des Reihenhauses mit denen des Einzelhauses, es liegt etwas wärmer und ist für die Erscheinung im Straßenbilde größer als das Einzelhaus. Daß es an der einen Seite angebaut ist, stört die Bewohner nicht, ja, kommt ihnen kaum zum Bewußtsein. Doppelhäuser sind fast immer auch in den Bauzonen für offene Bauweise zugelassen. Es gehört allerdings eine Einigung mit dem Nachbarn dazu, denn beide Häuser sollten auf einmal gebaut werden; das erschwert für den Einzelnen die Errichtung eines Hauses als halbes Doppelhaus etwas. Der Zwang ist sogar größer als beim Reihenhaus in einer geschlossenen Straße, weil hier sich allmählich Haus an Haus fügt.

Zwei Beispiele von kleinen Doppelhäusern sind in Abb. 24 bis 31 gegeben. Beide haben Erdgeschoß und Obergeschoß, bei dem einen liegt die Küche im Erdgeschoß, beim andern im Keller. Der Herstellungswert des halben Doppelhauses betrug vor dem Kriege im einen Falle einschließlich Garten und Umwehrung 12 000 M., im andern 13 500 M., die damaligen Mietwerte waren einschließlich der Bodenverzinsung 825 und 900 M.

Soll ein ganz kleines Einzelhaus freistehend gebaut werden, was meistens nur bei verhältnismäßig billigem Boden am Platz sein wird, so ist es bei zweigeschossiger Bauart fast nicht zu vermeiden, daß das Haus im Straßenbild dürftig und dabei hoch herausgerückt erscheint. Der Anblick wird kaum befriedigend ausfallen. Es gibt Fälle, in denen derartige kleine Häuser ‚an andere anzubauen nicht möglich ist, so bei verstreuten Sommer- und Ferienhäusern, bei Weinberghäuschen oder bei Kleinhäusem in landwirtschaftlichen Gebieten. Richtiger ist dann, das Obergeschoß zu vermeiden. Die eingeschossige Bauweise hat nicht unbeträchtliche Vorzüge und wirkt nur wenig verteuernd. Natürlich kann das Dach noch zu Schlafräumen verwendet werden; und wenn die bebaute Fläche einen zu großen Keller ergibt, braucht nur ein Teil des Gebäudes unterkellert zu werden. Soll aber an der zweigeschossigen Bauart festgeh-alten werden, so hebe man wenigstens nicht noch das Erdgeschoß über den Boden heraus und wähle die Geschoßhöhen so niedrig wie möglich.

Das kleine Haus unterscheidet sich in seiner Wesensart mannigfach von dem großen Hause.*) Die Zimmer werden, abgesehen von einem großen Wohnzimmer, in der Grundfläche kleiner, folglich müssen auch die Höhen abnehmen. Kleine Zimmer erscheinen noch kleiner, wenn sie zu hoch sind. Ein großes niedriges Zimmer bleibt immer noch gemütlich, während ein zu hohes kleines sicher ungemütlich ist. Die Höhe von 2,80 m bis 3 m ist für das Erdgeschoß kleiner Häuser mehr als ausreichend, im Obergeschoß oder Dachgeschoß genügen 2,50 m Höhe vollständig. Treppen brauchen bei weitem nicht 1 m breit zu sein, wie es die Bauordnungen in der Regel vorschreiben, eine Breite von 80 cm erfüllt alle billigen Anforderungen. Auch in der Bauausführung könnten entgegen den Baupolizeibestimmungen wesentliche Erleichterungen durch Zulassung dünnerer Mauern, billigerer Baustoffe und sonstiger Vereinfachungen Platz greifen. Das kleine Haus ist eben eine Sache für sich und darf nicht, wie es die bisherigen Baugesetze taten, mit dem Maßstabe des großen gemessen werden, wenn es in seiner Lebensfähigkeit nicht gehemmt werden soll. Neuerdings sind für den Kleinhausbau behördliche Erleichterungen eingeführt worden, die endlich gestatten, dieser Bauaufgabe gerecht zu werden.

*) Eingehender ist der Gegenstand behandelt in des Verfassers Buche: „Vom wirklich sparsamen Hausbau“, 1919, im selben Verlage.

Auch in der Grundrißanlage wird das kleine freistehende Haus von dem großen verschieden sein. Man sollte den oft gemachten Fehler vermeiden, es als maßstäbliche Verkleinerung des großen Hauses auszuführen. Die Erdgeschoßräume können beschränkt werden auf ein Wohn-und Eßzimmer oder auf ein gemeinschaftliches Wohn- und Eßzimmer und ein Besuchszimmer (was weniger zu emp fehlen ist), oder ein einziges großes Zimmer. Für kinderreiche Familien wird es immer viel mehr darauf ankom men, die erforderliche Anzahl von Schlafzimmern zu schaffen als etwa eine Vielheit von Wohnzimmern. In jedem für eine Familie bestimmten Hause, auch im kleinsten Arbeiterhause, müssen 3 Schlafzimmer vorhanden sein, eins für die Eltern, eins für die Knaben und eins für die Mädchen. Eine Diele anzulegen ist natürlich im kleinen Hause nicht möglich, es sei denn, daß sie zugleich als einziges Wohnzimmer dient, was in Sommerhäusern wohl angängig ist. Ein Windfang ist nicht nötig, doch sollte ein Raum zum Ablegen der Kleider nie fehlen. Vom Arbeiterhause wird sich das kleinbürgerliche Haus stets dadurch unterscheiden, daß die Wohnküche, die sich in der Arbeiterbevölkerung einer gewissen Beliebtheit erfreut, hier nicht vorkommt.

In den Abb. 32 bis 39 sind vier kleine Einfamilienhäuser dargestellt. Die Baukosten betrugen vor dem Kriege 17 000, 22 000, 24 000 und 29 000 M., die Mietwerte, einschließlich der Verzinsung des Grundstückes, entsprechend 1120, 1500, 1620 und 2100 M. In allen Fällen ist reichlicher Abstellraum sowie eine Waschküche im Keller vorhanden, und im Dach sind 1 bis 2 Kammern ausgebaut. Die zugehörigen Gärten sind klein, das kleinste Haus hat 450 qm, das größte 900 qm Grundstückfläche.

Nach dem Muster der jährlichen Aufwandberechnung bei dem weiter vorn betrachteten mittleren Hause wird sich nun leicht ein Vergleich mit der städtischen Mietwohnung aufstellen lassen, der ein genaues Bild darüber gibt, ob in der betreffenden Gegend das Wohnen im Einfamilienhaus teurer oder billiger als das in der Mietwohnung ist. Es wird sich in vielen Fällen auch hier herausstellen, daß das Einfamilienhaus, wenn auch vielleicht die zwei Hauptwohnzimmer kleiner sind als die entsprechenden in der Stadtwohnung, doch viel mehr Bequemlichkeit in den Nebenräumen und den Schlafzimmern bietet, und außerdem der Garten als besondere Annehmlichkeit hinzukommt. Im allgemeinen wird man finden, daß bei sparsamer Bauart und billigem Boden auch das kleine Einfamilienhaus sehr wohl den Kampf mit der städtischen Mietwohnung aufnehmen kann. Dabei ist in Betracht zu ziehen, daß bei vermehrter Herstellung sich die Baukosten des Einfamilienhauses entsprechend verbilligen werden. Bei der städtischen Mietkaserne waren schon vor dem Kriege alle Baupreise auf das Mindestmaß herabgedrückt, aller Vorteile herausgesucht und wahrgenommen worden. Das war beim kleineren Einfamilienhause bisher noch nicht der Fall. Es ist eine volkswirtschaftliche Tatsache, daß nur das wirklich billig sein und den letzten Preis tragen kann, was in großem Umfange hergestellt wird. Das kleine Einfamilienhaus hat vorläufig noch keinen Marktwert.

Nur in Kleinsiedlungen sind mit dem sogenannten Arbeiterhause schon eingehendere Erfahrungen gesammelt worden, und die Baupreise sind durch Einführung der Einheitsform entsprechend verbilligt worden. Es kam darauf an, die Zweifel zu beseitigen, die gegen die Lebensmöglichkeit des kleinen Einfamilienhauses bestanden und von den Vertretern der Mietkaserne eifrig genährt und geschürt wurden.

Der Beweis, daß die Einfamilienhauswohnung mit der Wohnung des Arbeiters in der Mietkaserne sehr wohl in Wettbewerb treten kann, ist fast überall erbracht worden, so in Hellerau bei Dresden und Grünau bei Berlin. Als Vergleichgrundlage wird dabei die sogenannte Nutzfläche betrachtet, das heißt die Summe der Grundflächen aller Wohnräume im einen oder im anderen Falle. Das ist aber durchaus ungerecht für das Einfamilienhaus, denn dieses bietet außer der in Betracht gezogenen Wohnfläche noch einen Garten, reichlichere Nebenräume auf dem Boden und im Keller, überdies auch einen eigenen Vorraum und Treppenaufgang, ferner eine Waschküche zur alleinigen Verfügung des Hausbewohners. Trotzdem stellt sich zum Beispiel in Grünau der Vergleich so, daß im dortigen Einfamilienhause 7,50 M. Miete für das Quadratmeter bezahlt wird, während in der Berliner Mietkaserne der Durchschnittpreis 8,40 M. beträgt.*)

Wenn das kleine Einfamilienhaus als Sommer- und Ferienhaus errichtet wird, werden besondere Rücksichten auf diese Benutzungsart zu nehmen sein. Ein großer gemeinschaftlicher Wohnraum ist hier das Gegebene, er sollte aber womöglich so gestaltet sein, daß in Rücksprüngen und Erkern sich eine kleine Gesellschaft absondern kann.

*) Vgl. des Verfassers Buch: „Kleinhaus und Kleinsiedlung“.

Tagsüber werden sich die Bewohner im Freien aufhalten, denn niemand wird im Ferienhause ernsterer Arbeit obliegen. Von größter Wichtigkeit ist eine möglichst geräumige offene Veranda, auf der man die täglichen Mahlzeiten einnehmen wird, nur bei schlechtem Wetter wird in dem großen gemeinschaftlichen Wohnzimmer gegessen.

Für Heizung braucht nur durch Aufstellen eines Ofens oder Einbauen eines Kamins gesorgt zu werden. Das Wesentliche für ein solches Haus sind aber möglichst viele, wenn auch kleine Schlafgelasse, so daß die ganze Familie und vielleicht noch ein Gast ein Unterkommen finden kann.

Daß gerade für ein Sommerhaus die Rücksicht auf die Beispiel Wetterlage, auf die Landschaft, auf eine etwa vorhandene Aussicht eine hervorragende Rolle spielt, braucht nicht besonders gesagt zu werden. Die Abb. 40 bis 43 stellen ein geräumiges Ferienhaus dar, das am Strande der Ostsee errichtet wurde. Als eigentlicher Wohnraum ist nur ein einziges großes Zimmer vorhanden, doch ist eine sehr große Veranda angelegt, die sich in windgeschützter Lage nach dem Meere hin öffnet. Das Haus enthält im Oberund Dachgeschoß 6 Schlafzimmer, im Untergeschoß die Küche. Die Baukosten haben 1909 25 000 M. betragen.

Bei den neuerdings gebauten kleinen Einfamilienhäusern hat sich die unerfreuliche Nebenerscheinung ergeben, daß meistens die vorhandenen Möbel von einer Größe und Sperrigkeit sind, daß sie nicht in die kleinen Räume passen. Die jetzigen marktgängigen Möbel, besonders die billigeren, sind zu umfangreich und außerdem für einfache Verhältnisse zu anspruchsvoll aufgemacht. Sie sind für die städtische Mietwohnung mit ihren größeren Zimmermaßen und großen Stockwerkhöhen berechnet. Da ferner in der städtischen Mietwohnung keinerlei Wandschrankgelaß vorhanden ist, um die Gegenstände des Hausrates aufzunehmen, sind in der Regel zu viele Schrankmöbel vorhanden; das Einfamilienhaus hat aber nicht nur Wandschränke, sondern auch stets Keller- und Bodenraum die Fülle, so daß große Einzelschränke überhaupt überflüssig werden. Gegenwärtig liegt der Fall meistenteils so, daß Treppen und Flure in kleinen Häusern nur deshalb unnötig groß gebaut werden müssen‘, weil die Bewohner Riesenschränke in das Haus mitbringen, die sie sonst nicht hineinbefördern könnten. Wenn man bedenkt, daß rein aus diesem Umstande ein Mehr an bebauter Fläche nötig wird, so ist die ganze Ungereimtheit offensichtlich. Die Baukosten für die Vergrößerung wachsen auf mehr an, ‚als die Schränke wert sind. Das Möbel für das kleine Haus ist in anderen Ländern auf dem Markte vorhanden. Wenn das kleine Einfamilienhaus auch in Deutschland Boden gewinnen soll, müssen die dazugehörigen Möbel auch hier unbedingt geschaffen werden.

In der Einbürgerung des kleinen Einfamilienhauses an Stelle der städtischen Massenmietwohnungen liegt ein Teil der Zukunft des Volksgedeihens. Die Art, wie die Menschen wohnen, ist von größter Bedeutung für ihre sittliche und körperliche Verfassung. Eine gute Wohnungspolitik ist also vor allem auch eine wichtige vaterländische Forderung. In den letzten zehn Jahren sind die Geister auch in Deutschland mächtig aufgerüttelt worden, und die Erkenntnis bricht sich mehr und mehr Bahn, daß auf dem bisherigen Wege des Massenmietwohnens nicht weitergeschritten werden darf. Die Erfahrungen des Krieges haben kräftig mitgeholfen. Es ergibt sich für den Staat die völlig selbstverständliche Pflicht, dafür zu sorgen, daß durch behördliche Maßnahmen der jetzt zu beobachtende Drang breiterer Volksschichten, ihre Wohnweise zu verbessern, die entsprechende Förderung findet. Die bedeutenden Mittel, die die Volksvertretung zur Deckung der Überteuerung zeitweilig bewilligt hat, können hier nur als der Anfang einer großangelegten Staatsfürsorge für das Wohnungswesen überhaupt betrachtet werden.

Das kleine Einfamilienhaus gestattet infolge der ihm anhaftenden Beschränkungen nicht die Mannigfaltigkeit der Ausbildung, die das große Haus gewährt. Das kleine Haus drängt nach der Einheitsform. Daß eine solche eintritt, ist zunächst deshalb erwünscht, weil damit die schön erwähnte Verbilligung in der Herstellung verbunden ist. Türen und Fenster, Treppen, Öfen und Herde, Wandschrankeinrichtungen können dann in Massenerzeugung hergestellt werden, so wie jetzt schon die Ziegelsteine, die Dachziegel, die Wandfliesen in einheitlicher Größe als Massenerzeugnisse auf den Markt kommen. Dadurch lassen sich namhafte wirtschaftliche Vorteile erreichen. Der Normenausschuß für die deutsche Industrie, der sich neuerdings durch eine Abteilung für Bauwesen ergänzt hat, leistet gegenwärtig nach dieser Richtung hin eine sehr fruchtreiche Arbeit. Die Einheitsform hat aber noch den weiteren Vorzug, daß am selben Gegenstände fortlaufend Verbesserungen und Verfeinerungen vorgenommen werden können. Es tritt die Erscheinung ein wie bei der Erzeugung von Maschinen, bei der auch die fortgesetzt gewonnenen Erfahrungen vervollkommnend auf die Form einwirken. Am ersten wird aber gerade das kleine Reihenhaus die Einheitsform annehmen können, schon weil hier die Freiheit der Gestaltung an sich eingeschränkt ist. Aber auch beim freistehenden Hause kann eine gewisse Vereinheitlichung nicht ausbleiben. Dann wird allerdings die Rücksicht auf die Sonnenlage dahin wirken müssen, daß die Grundform einem leichten Wechsel unterzogen werden kann, wobei es häufig schon genügt, daß das Haus je nach den Umständen an die Rückseite des Grundstückes statt in die Bauflucht gestellt oder das Spiegelbild des Grundrisses ausgeführt wird.

In den Abbildungen 44 bis 47 ist das in Abbildung 36 dargestellte Haus unter teilweiser Verwendung des Spiegelbildes so auf vier in ihrer Lage zur Straße verschiedene Bauplätze gestellt, daß stets die Wohnseiten nach Süden und Osten gerichtet sind, und stets die größte Ausdehnung des Gartens vor den Wohnräumen liegt. Zweimal ist dabei das Haus von der Straße abgerückt.

In dieser natürlichen Entwicklung zur Vereinheitlichung liegt ein Vorzug, es ist darin aber auch eine Einseitigkeit des kleinen Einfamilienhauses angedeutet. Nicht daß die Einheitsform notwendigerweise zur Eintönigkeit oder gar Schablonenhaftigkeit führen müßte. Der Architekt wird diese Gefahr zu vermeiden wissen, namentlich aber wird ein guter Bebauungsplan für reizvolle Gruppierung und gute Straßenbilder sorgen. Aber die Entwicklung des Hauses zum vollen Ganzen, die Zusammenfassung aller Errungenschaften einer feineren Wohnweise zu einer ausgereiften Einheit wird sich am größeren Hause vollziehen, bei dem die Wohnerfordernisse weiter gehen als beim kleinen Hause, und für das auch reichlichere Barmittel vorhanden sind. In den folgenden Abschnitten wird daher vorwiegend das ausgebildetere Haus betrachtet werden, wobei jedoch stets festzuhalten ist, daß die eigentlichen Grundsätze der Anlage und Gestaltung immer auch auf das kleine Haus anwendbar sind. Diese sind von der Größe des Gegenstandes unabhängig, sie sind allgemeingültig und zwingend.

Text aus dem Buch: Wie baue ich mein Haus? Author: Muthesius, Hermann.

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Siehe auch:
Wie baue ich mein Haus? – Einleitung
Wie baue ich mein Haus? – Die Kostenfrage
Wie baue ich mein Haus? – Die laufenden Ausgaben

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