Sittengeschichte: Vorwort

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Das jeweilige sittliche Gebaren und die jeweiligen sittlichen Anschauungen und Satzungen, die die geschlechtlichen Betätigungsformen der Menschen innerhalb einer bestimmten Epoche regeln oder sanktionieren, sind die bedeutsamsten und bezeichnendsten Erscheinungen dieser Entwicklungsepoche.

Die Wesensart jeder Zeit, jedes Volks und jeder einzelnen Klasse offenbart sich gerade darin am ausgesprochensten. Denn das Geschlechtsleben zeigt uns in seinen tausenderlei Ausstrahlungen nicht nur ein wichtiges Gesetz, sondern das Gesetz des Lebens überhaupt; die Ur« funktion des Lebens ist in dem sittlichen Gebaren, den sittlichen Anschauungen und den sittlichen Satzungen einer Zeit Form geworden. Es gibt keine einzige Form und keinen einzigen Bestandteil der Lebensbetätigung, die nicht durch die geschlechtliche Basis des Lebens ihren bestimmenden, zum mindesten einen charakterisierenden Einschlag bekommen hätten; das gesamte öffentliche und private Leben der Völker ist von geschlechtlichen Interessen und Tendenzen durchtränkt und gesättigt. Es ist das ewige und unerschöpfliche Problem und Programm, das keinen Tag von der Tagesordnung weder des einzelnen noch der Gesamtheit kommt.

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Aber jede Zeit — und das ist das Entscheidende — hat dieses Geschehen anders geformt und seine Satzungen stets von neuem revidiert und korrigiert. Tausendfach und immer neu sind die Abstufungen innerhalb der Grenzen, in denen es sich bewegt: von der einen, wo es als kaum begriffene Naturkraft nicht viel mehr als ein bloßes animalisches Erfüllen war, zu deren Gegenpol, wo es sich zum köstlichsten Geheimnis des Daseins und zum Endpunkt alles Schöpferischen erhob, und wiederum zu jener Grenze, wo es der Stoff zu einer einzigen fortgesetzten Zote war und jedes Wort und alles Tun im Dienste eines orgienhaften Austobens der Sinne stand.

Auf Grund von alledem ist die Geschichte des sinnlichen Gebarens in den verschiedenen Entwicklungsstadien der Kultur nichts Geringeres als einer der Hauptbestandteile der gesamten Menschheitsgeschichte. In bestimmt umgrenzte Begriffe gefaßt, heißt das: Die Geschichte der geschlechtlichen Sittlichkeit umfaßt die wichtigsten Gebiete des gesellschaftlichen Seins der Menschen, also die Gesamtgeschichte der legitimen und der illegitimen Liebe (Ehe, eheliche Treue, Keuschheit, Ehebruch, Prostitution), der unerschöpflichen Arten des gegenseitigen Werbens im Dienste und Interesse der Geschlechtsbetätigung, der Sitten und Gebräuche, zu denen sich dieses verdichtet hat, der Begriffe über Schönheit, Freude und Genuß, der Ausdrucksformen im Geistigen (Sprache, Philosophie, Anschauung, Recht usw.) und nicht zuletzt der ideologischen Verklarungen durch alle Künste, zu denen der Geschlechtstrieb immer von neuem hinführt.

Weil die Geschichte des sinnlichen Gebarens der Hauptbestandteil der gesamten Menschheitsgeschichte ist, darum ist auch der Reichtum an Dokumenten, die in jedem Lande von ihm künden, nicht nur unerschöpflich, sondern es sammelt sich in ihnen auch das Größte und Bedeutsamste, das Raffinierteste und Ungeheuerlichste, aber auch das Blödeste und Trivialste, was der Menschengeist ausgesonnen und geschaffen hat. Die Resultate seines kühnsten Denkens, seiner göttlichsten Inspirationen und seiner peinlichsten Verirrungen vereinigen sich hier.

Aber von so fundamentaler Wichtigkeit eine Sittengeschichte, die sich speziell mit der geschlechtlichen Moral befaßt, für den nach historischer Erkenntnis der Vergangenheit ringenden Geist auch ist, und so reich die Quellen hier jedem Forschenden sprudeln, so ist die Entwicklungsgeschichte der geschlechtlichen Moral in der modernen Geschichtswissenschaft doch ein überaus vernachlässigtes Gebiet. Wir besitzen in der deutschen Literatur beachtenswerte Arbeiten auf diesem Gebiete höchstens über das alte Rom. Dagegen existiert bis heute keine Sittengeschichte der Zeit seit dem ausgehenden Mittelalter, in der die verschiedenen Wandlungen in den Anschauungen und Forderungen der geschlechtlichen Moral innerhalb dieser Geschichtsperiode historisch dargcstellt und begründet wären. Wir haben eine Reihe Materialsammlungen und einige kleinere summarische Monographien über einzelne, enger begrenzte Fragen, Linder oder Zeitabschnitte. Das ist alles. Aber selbst dieses Wenige ist ganz unzulänglich, denn es befindet sich darunter kaum eine einzige Arbeit, die auf modernen wissenschaftlichen Gesichtspunkten aufgebaut wäre.

Von dieser Lücke möchte ich mit meiner Arbeit einen Teil austüllen. Aber trotzdem sic auf drei Bände angelegt ist, weiß ich, daß es nur ein sehr kleiner Teil sein wird, denn wirklich aus« gefüllt kann sie nur durch ein Riesenunternehmen werden, das eine ganze Bibliothek umfaßt und ein Heer von Spezialisten in Dienst stellt. Freilich diese Spezialkenner gibt es noch gar nicht. Und die Wenigen, die es gibt, haben keinen Sinn für die inneren Zusammenhänge aller Kulturcrscheinungen. —

In einer darstellenden Geschichte der geschlechtlichen Moral sammelt sich, wie gesagt, alles: das Edelste und das Gemeinste. Aber jede derartige Sittengeschichte wird darum doch viel mehr eine Unsittengeschichte sein, wenn man so sagen will. Das liegt in der Natur der Sache, weil das jeweils Moralische vorwiegend im Unterlassen besteht, also im Nichtdarstellbaren; das jeweils Un« sittliche dagegen stets im „Tun“, im Darstellbaren. Oder um ein Paradoxon zu gebrauchen: in der Geschichte der geschlechtlichen Moral ist das Negative häufig das einzig Positive. Eine Sitten« geschichte, die es unternimmt, die sämtlichen Probleme in ihrer Tatsächlichkeit, unbeirrt von angst, liehen und kleinlichen Bedenklichkeiten, zu schildern und in ihrem Wesen erschöpfend zu be« gründen, ist also keine Unterhaltungslektüre für schulpflichtige Kinder — solche Eigenschaften sind aber auch niemals der Ruhm eines ernsten Werkes.

Was sich von dem reichen Dokumentenmaterial, das mir zur Verfügung steht, trotzdem nicht für eine allgemeine Verbreitung eignet, oder die Darstellung ungebührlich beschweren würde, aber als wissenschaftliches Dokument wichtig ist, werde ich später in einem Sonderband vereinigen, der Gelehrten und Sammlern die nötigen Ergänzungen bietet.

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Schließlich möchte ich hier noch folgendes bemerken:

Mein Name ist in der Literatur mit der Geschichte der Karikatur verknüpft. Manche Leser werden infolgedessen wähnen, daß ich mich mit dem vorliegenden Werke nun auf ein anderes Gebiet begäbe. Diese Ansicht wäre durchaus irrig. So wenig ich meine Arbeiten auf dem Gebiete der Geschichte der Karikatur für abgeschlossen erachte, so wenig leiste ich mir mit diesem Werke eine Extratour. Meine gesamte wissenschaftliche Tätigkeit war immer der Kulturgeschichte zu« gekehrt; ich wollte mit meinen Studien in den historischen Entwicklungsgang der Gesellschaft ein« dringen. Auf diesem Weg ist mir die Karikatur begegnet. Als ich fand, daß ich durch sie Ein« blicke und Klarheit über Dinge und Personen erlangte, die mir nirgends sonstwo in derselben Prägnanz offenbar wurden, da erwachte in mir die Lust, die Karikaturen aus den verschwiegenen Mappen herauszuholcn, in denen viele jahrhundertelang unerkannt in ihrem Werte und darum auch unbeachtet geschlummert hatten. Mit den wachsenden Resultaten der mir immer reicher zu« flutenden Materialmenge und der immer fester sich gründenden Überzeugung, daß man es in der Karikatur mit einem wichtigen Hilfsmittel der Geschichtsrekonstruktion zu tun hat, erwuchs mir der Ehrgeiz, die Geschichte dieser eigenartigen Dokumente des Zeitgeistes zu schreiben.

Weil ich der Karikatur als Kulturhistoriker gegenübergetreten bin und in ihr vor allem die Wahrheitsquelle der Vergangenheit und Gegenwart für Sitten, Zustände, Ereignisse und Personen suchte, so habe ich die künstlerische Seite der Frage mit Absicht immer erst in zweiter Linie bc. handelt. Nicht daß ich diese Seite ihrer Bedeutung auch nur einen Tag verkannt hätte. Ja gerade deshalb, weil mir auch diese Bedeutung ungemein wichtig erschien, erblickte ich darin stets eine Spezialaufgabe für einen Ästhetiker. Und ich bin kein Ästhetiker.

Ich trete also, wie gesagt, nicht aus der Reihe, wenn ich jetzt eine Sittengeschichte heraus« gebe; ich werde meiner großen Liebe, der Karikatur, damit gar nicht untreu, so wenig wie ich meinen kulturgeschichtlichen Interessen damals untreu wurde, als ich es unternahm, die Geschichte der Karikatur zu schreiben: meine Werke über die Karikatur und die vorliegende Arbeit bewegen sich alle in denselben Gedankengängen.

Berlin-Zehlendorf, Frühjahr 1909
Eduard Fuchs

Text aus dem Buch: Illustierte Sittengeschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Renaissance, Author Eduard Fuchs.

aus dem Kunstmuseum Hamburg

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