Hans am Ende

aus dem Kunstmuseum Hamburg

HANS AM ENDE WURDE 1864 IN Trier geboren. Er genoß seine Schulbildung in den düsteren Mauern von Schulpforta und ging dann nach München, um Maler zu werden. Auch ihm bedeuten hier die Lieblinge in den Galerien mehr als aller Unterricht, und am wohlsten fühlt er sich, wenn er vor Böcklin, Feuerbach, Tizian steht oder wenn er Rembrandts Radierungen betrachtet, die ihm ein mächtiger Wegweiser werden. Er genießt Unterricht bei Diez, wo er Mackensen kennen lernt, arbeitet zwischendurch kurze Zeit unter Kellers Leitung in Karlsruhe, und dann hebt auch für ihn die Läuterung in Worpswede an.

Hans am Endes Sinn ist geklärt und still, und technisches Experimentiren liegt ihm fern. Er schreitet einen geraden Weg, mit hellem Auge, an innerem Leben reich, doch nicht im Sinne Modersohns: das Schwüle, Brodelnde findet sich in seinem Wesen nicht. Er grübelt nicht und martert sich nicht. Die Natur regt seine Nerven nicht auf. Er versenkt sich mit schlichtem Gefühl in sie — und dann ist er glücklich und wünscht sich nichts mehr. Etwas Geklärtes liegt über dem meisten, was er schafft. Ein träumerischer, oft idyllischer Zug, der aber der Größe nicht entbehrt, geht durch seine Bilder. Er malt mit Vorliebe einfache Baumreihen (Birken), die sich in einer ein wenig gewundenen Linie in den Hintergrund ziehen. Dieses perspektivisch reizvolle Thema hat er immer wieder aufgegriffen und unermüdlich variirt, bei Sonne, bei Sturm, unter Gewitterwolken, in den Farben des Frühlings und in den Farben des Herbstes. Am reifsten scheint es auf einem Herbstbild in Tempera aus dem Jahre 1900 zum Ausdruck gebracht, das durch die leuchtende Schönheit und den Zusammenklang seiner Farben erfreut; auch eine Radierung ,Moorlandschaft‘ zeigt es.

Hans am Ende bevorzugt in seinen Malereien gleich seinem Freunde Mackensen die großen Formate. Figuren bringt er kaum in die landschaftlichen Darstellungen hinein. Überhaupt sieht man nur wenig Figürliches von ihm. Um so mehr ist es zu verwundern, daß eine der reizvollsten Sachen, die ihm in seinen Radirungen geglückt ist, etwas Figürliches darstellt: ein liebevoll durchbildetes Kinderköpfchen nämlich, von einem ganz eigentümlichen Zauber. Es ist ein Landkind, ein Mädchen, mit herbem Mund und großen, einfachen Augen. Das Ländliche, geistig nah Umgrenzte und kindlich Schlichte ist in der schönsten Weise zum Ausdruck gebracht. Dabei ist etwas wie ein Charakter vorhanden, der auf ein banges, etwas verträumtes, aber dennoch herbes Wesen schließen läßt. Es ist ein inniges, mit großer technischer Obacht und liebevollem Sichcinfühlen in das Wesen des Kindes hergestelltes Blatt. Auch modellirt hat der Künstler einen Kinderkopf — es ist leider sein einziger plastischer Versuch geblieben — und auch hier ist etwas überraschend Vorzügliches zustande gekommen. Man muß es aufrichtig bedauern, daß sich am Ende der Darstellung des Kindes nach diesen schönen Proben wieder gänzlich abgewendet hat.

Seine Radirungen sind sonst durchweg Landschaften. Früher liebte er es, hier das Auge über eine weite Fläche zu führen und den Duft der Ferne einzufangen, während im Vordergründe etwa eine dicke Mühle aufragte. Weit hinten sah man dann dünne, durchsichtige Reihen von Bäumen auf der Heide, oder ruhig treibende Kähne reckten ihre Segel in die helle Luft. In letzter Zeit beschränkt er sich auf die Schilderung räumlich intimerer Vorwürfe. Er rückt gern, ähnlich wie in manchen seiner späteren Bilder, eine Anzahl Baumstämme in den Vordergrund, zwischen denen man dann auf irgend einen landschaftlich reizvollen Winkel hindurchblickt. Eins der liebsten unter seinen landschaftlichen Blättern ist mir ein ,Bauemgehöft‘. Das ist ein kleines Blatt von großem Liebreiz. Vorn erheben sich die dünnen, schlanken Stämme von acht jungen Birken, hell von der Sonne angeschienen, und werfen nach hinten lange, zierliche Schatten. Sie wachsen aus einem blumigen Rasen heraus, der auf das allersubtilste durchbildet ist. Nur wenige belaubte Zweiglein, lenzduftig, sind oben an den Stämmen zu bemerken. Durch die sonnige Luft zwischen den Bäumen hindurch blickt man auf ein strohgedecktes Bauernhaus, vor dem ein paar Ziegen grasen; auch die Gestalt einer Frau hebt sich vor dem hellen Hause ab; links seitwärts ist der Rand eines Gehölzes, dessen Stämmchen sich in einer Moorlache widerspiegeln. Aus diesem innigen Blatt weht uns ein Stück holden, schimmernden Frühlings an, wie aus mancher schönen japanischen Zeichnung.

Am bekanntesten unter den Radierungen am Endes sind jene zwei aus dem Jahre 1894 geworden, die in der bewußten ersten Münchener Ausstellung hingen und schon damals die Aufmerksamkeit der Kenner erweckten : ,Die Mühle‘ und ,Der Immenhof‘. Es sind neben einer früheren, übrigens vortrefflichen Reproduktion des Hannibalgrabes von Bracht die beiden umfangreichsten Blätter, die der Künstler gemacht hat. Hier sind noch große, malerisch gesehene Räume in der Natur umspannt, und das bildhafte Element tritt stark hervor. Etwas Heroisches ist in diesen Blättern. Die wundervoll hingedichtete Baumgruppe auf dem ,Immenhof‘, durch die man so klar in die helle Ferne hindurchsieht, und auf dem andern Blatt die machtvoll gegen den düstern Himmel aufgereckte Mühle sind Eindrücke, die bleibend sind.

Hans am Ende hat gleich Modersohn Worpswede im Schnee gemalt. Aber während bei Modersohn das Duftig-Weiche und Lautlose eines Wintertages, an dem der flockige Schnee in großen Mengen fiel, betont wird, fühlen wir in Hans am Endes Bildern schon deutlich das nahende Tauwetter heraus. Wir merken schon eine Feuchtigkeit in der Luft und wissen: nur wenige Tage noch, da wird der Schnee vergangen sein. Man betrachte daraufhin das ,Gehöft im Schnee‘ von 1901 mit dem einförmigen, wintergrauen Himmel, dem schon etwas matschigen Schneefeld im Vordergrund und der malerischen Baumgruppe vor dem niedrigen Hause.

Hans am Endes Wesen ist Schlichtheit. Er stilisirt so gut wie nicht, aber er ist auch nicht Kopist der Natur, sondern er erfüllt sie mit dem klaren Gehalt seines geordneten Fühlens. Ich glaube, er ist derjenige von den Worpswedem, an den innere Zweifel und Kämpfe am wenigsten herantreten.























Bildverzeichnis:

Hans am Ende – Abend im Schilf
Hans am Ende – Abendfrieden
Hans am Ende – Am Waldesrand
Hans am Ende – Birkenwäldchen
Hans am Ende – Das Kornfeld
Hans am Ende – Die Mühle
Hans am Ende – Erster Schnee
Hans am Ende – Frühlingstag
Hans am Ende – Gehöft im Schnee
Hans am Ende – Herbst
Hans am Ende – Herbstsonne
Hans am Ende – Herbstwald
Hans am Ende – Im Wald
Hans am Ende – Immenhof
Hans am Ende – Kinderköpfchen
Hans am Ende – Moorbauer
Hans am Ende – Segelfahrt
Hans am Ende – Sommertag
Hans am Ende – Sonnenschein
Hans am Ende – Träumerei
Hans am Ende – Winter im Moor
Hans am Ende – Worpsweder Kind
Hans am Ende

aus dem Kunstmuseum Hamburg

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