Guido Reni – die Himmelfahrt Mariä

aus dem Kunstmuseum Hamburg

(1575—1642)
Seide, 290×204 cm

Die neuere Zeit steht den Leistungen der Bologneser Schule mit Recht sehr skeptisch gegenüber. War auch das Programm der Caracci im ganzen gesünder als jenes der manieristischcn Nachtreter der einzelnen großen Cinquecentisten, so haftet doch auch jenes in zu unselbständiger und auch zu äußerlicher Weise an den kombinierten Vorbildern, statt die eigene Individualität zur Geltung zu bringen. Kommen daher auch keine eigentlichen Genies, wie gleichzeitig in den Niederlanden und in Spanien, zum Durchbruch, und krankt auch das italienische Seicento dem überschöpferischen, vorausgegangenen Jahrhundert gegenüber an einer gewissen Erschöpfung, so begegnen uns doch auch in dieser Zeit noch tüchtige Talente, von welchen Annibale Caracci und Guido Reni in erster, Domenichino und Guercino in zweiter Reihe eine immerhin achtungswerte Stelle fernerhin beanspruchen können. Mog man auch in Renis Himmelfahrt Mariä das Kalligraphische der Zeichnung, das Akademische der Komposition und die Leerheit der Körperformen fühlen, so bleibt doch dem Ganzen ein empfindungsvoller Inhalt, ein dithyrambischer Schwung und ein Hauch von Idealität und Poesie, die uns selbst in der Gegenwart nicht kalt lassen, soweit sich auch die modernen Anschauungen davon entfernt haben. Es ist ein wirkliches Emporschweben in weichem Linienspiel und eine ausdrucksvolle verzückte Seligkeit, die den unleugbaren Akademismus verklärt und entschuldigt und über manche leere Formel wie über die koloristischen Schwächen hinweghilft. Freilich wirkt der Zauber mehr auf die Massen als auf den Kenner, doch kann auch dieser sich dem Effekt kaum verschließen. Und obwohl Renis Himmelfahrt Mariä unter jener des Correggio in der Domkuppel zu Parma steht, so klingt sie doch an die letztere an in ihrer Bewegung Luftigkeit und sonnigen Verklärung. Als das Bild mit dem Brautschatz der Maria Loisia von Medici, der Gemahlin des Kurfürsten Johann Wilhelm von der Pfalz, zugleich mit Raffaels Madonna Canigiani und Sartos herrlicher heiligen Familie nach Düsseldorf gelangte, erfreute es sich mit den letzteren gleicher Wertung, es erscheint daher jedenfalls geboten, dieser Überschätzung keine allzuschroffe Unter-senätzung gegenüberzustellen. Das Bild gelangte 1806 aus der Düsseldorfer Galerie nach München.

Text und Bild aus: Album der Alten Pinakothek zu München, fünfzig Farbendrucke, mit begleitenden Texten und einer historischen Einleitung. Author,Alte Pinakothek (Munich, Germany); Reber, Franz von.

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