Vincent van Gogh – Das Ende

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Einer seiner Freunde fragte ihn damals, ob er noch irgendeinen Wunsch hätte, worauf er erwiderte, er würde gern, bevor er stürbe, sein Vaterland noch einmal sehen. Sein Freund zahlte ihm die Reisekosten. Er reiste also, todkrank, mit seiner Frau und seiner sechsjährigen Tochter nach Granville ab. Dort mietete er ein Zimmer bei armen Leuten, die nahe am Meere wohnten. Abends ließ er sich ans Ufer tragen und schaute zu, wie die Sonne im Meer unterging. Eines Abends machten die Leute, die sahen, wie nahe er am Sterben war, seine Frau darauf aufmerksam, daß es Zeit sei, nach dem Priester zu schicken, der dem Kranken die letzte Ölung geben sollte.

Der immer schwankende Gesundheitszustand seines Bruders erfüllte den jüngeren mit unbeschreiblicher Angst. Was konnten die Folgen aller dieser Anfälle schrecklicher Beklemmung werden! Seine ängstlichen Befürchtungen waren nicht grundlos. Schon einmal war er in größter Eile nach dem Süden gereist und hatte den Bruder im Hospital in einem Zustand angetroffen, der jede Befürchtung begreiflich machte. Welch eine Unruhe für ihn, der im Geschäft unentbehrlich war und nie voraus wissen konnte, wann diese Depressionen sich einstellten, — für ihn, der als der jüngere um seinen älteren Bruder mit einem Zartgefühl besorgt war, das dem einer Mutter für ihr krankes Kind gleichkam. Größere Liebe gibt es nicht, als sein Leben für seinen Bruder hinzugeben. Seine Liebe für Vincent war dieser Art.

Er sann auf Mittel, ihm mehr in der Nähe von Paris einen Aufenthalt zu schaffen. In einem kleinen Ort an der Saöne kannte er einen Arzt, mit dem er gut befreundet war; ein Mann, der eher Künstler als Arzt war.

Unter dessen Obhut sollte sein Bruder gestellt werden. Soweit es ihm bei seinen zahlreichen Berufsgeschäften möglich war, sollte er den Künstler im Auge behalten, wenn der traurige Gemütszustand ihn zu überfallen drohte. So wie früher sein Vater ihn nach seinem Wunsch zu leiten verstanden hatte, benutzte auch er jetzt eine gelegentliche Schwäche und erreichte es, daß sein Bruder ihn nach dem neuen Aufenthaltsort folgte. Es war ein reizender Ort, der seine letzte Wohnstätte werden sollte und den er im Frühjahr betrat.

An Schönheit allerdings weniger glänzend als der Süden. Aber auch hier strahlte die Natur in ihren lieblichsten Reizen 5 eine hügelige Landschaft, von blumenreichen Gärten unterbrochener Wald, Villen, die reich mit Rosen überwachsen waren, und hier und da ein runder Turm romanischen Stils oder die Mauern alter, oft fast zu Ruinen verfallener Kastelle, eine alte Abtei oder eine Kirche aus Sandstein: alles Kennzeichen der lieblichen französischen Landschaft. Noch einmal, wie neugeschürtes Feuer, entbrannte im Gemüt des Künstlers Arbeitslust und Schaffenseifer.

Er nahm Malstock, Palette, ein Bündel Pinsel zur Hand: wenn er mit einem Bild noch nicht einmal fertig war, sah man ein zweites, ein drittes schon im Atelier neben ihm entstehen. Nach Stellen, die er vorher im Herumstreifen gewählt hatte, trug er mit Mühe seine Staffelei und arbeitete bei grellem Sonnenschein, er produzierte wie der Sommer selbst in seinem Überfluß. In diesem Blumenlande kamen Blumen auf seinen Bildern zu vollstem Recht, und er malte seine Sonnenblumen.

Darest thou now, o soul,
Walk out with me toward the unknown region
Where neither ground is for the feet nor any path to follow?
Then we burst forth, we float,
In Time and Space, o Soul, prepared for them,
Equal, equipt at last, o joy, o fruit of all them to fulfil, o soul!

Walt Whitman.

Die Wissenschaft hatte es vorhergesagt: das alte Leiden mußte wiederkehren*, und auf die anstrengende Arbeit drohte das Schreckgespenst aller Künstler, die Ohnmacht, zu folgen 3 für ihn bedeuteten Beklemmung, Angst und Verzweiflung dasselbe; eine Verzweiflung, die ihn das Leben mehr als den Tod fürchten ließ. Der jüngere Bruder war eben im Begriff, seiner jungen Familie, Frau und Kind, für die Sommerferien nach Holland zu folgen, wohin sie schon abgereist waren. Eine Woche lang hatten Geschäfte ihn in Paris zurückgehalten, zum Glück für ihn! Ein Telegramm seines Freundes, des Arztes, forderte ihn auf, auf der Stelle nach Auvers zu kommen. Er fühlte voraus, wie er seinen Bruder dort antreffen würde. Mechanisch brachte er dies und das noch in Ordnung, so daß seine Angelegenheiten zunächst erledigt waren, eilte nach dem Bahnhof, wrarf sich in den ersten Zug, der abfuhr, und verbrachte die wenigen Stunden der Fahrt bis zum Aufenthaltsort seines Bruders halbgelähmt vor Angst.

Er kam noch rechtzeitig an. Wie zum Lohn für so große Zuneigung, für so zarte Besorgnis, für so uneigennützige Liebe war es ihm vergönnt, die Augen dem zuzudrücken, den er so lieb gehabt hatte, wie man nur etwas liebhaben kann, an das das ganze Herz sich geklammert hat, ganz uneigennützig mit jedem Atemzug, jedem Herzschlag und jedem Gedanken.

Er hatte seinen Bruder noch lebend angetroffen. Am Morgen desselben Tages hatte Vincent das Haus, in dem sein Zimmer war, verlassen und hatte nach seiner Gewohnheit alles, was er zum Malen im Freien zu brauchen glaubte, mitgenommen. Das Wetter war glühend heiß an diesem Julitage. Seine Wirtsleute, die von seiner Krankheit unterrichtet waren, wurden unruhig, als er gegen drei Uhr noch nicht heimgekommen war. Denn er pflegte zur Zeit zum Mittagessen zu kommen und brachte dann auch meistens eins der Bilder mit zurück, um ein anderes noch unfertiges mitzunehmen, je nach der Stunde und dem Licht des Tages. — Sie fanden ihn bewußtlos, aber noch lebend und trugen ihn heim.

Das Sterben war ihm leichter als leben. Er war dem Sensenmann entgegengegangen. Der Arzt kam, tat, was er vermochte, telegraphierte, selbst tief erschüttert, an den Bruder und blieb inzwischen bei dem Kranken. Ein durch die vergangenen Jahre alt und gelb gewordener Brief Theodor van Goghs an seine Schwester redet mit seiner eignen Stimme wie hoch über dem schweigenden Grab:

„—Man sagt, es sei gut, daß er ruht: — Ich zögere es zu tun. Eher empfinde ich es als eine der größten Grausamkeiten des Lebens; er ist zu den Märtyrern zu zählen, die lächelnd starben.

„Es verlangte ihn nicht darnach, am Leben zu bleiben, und er war so beruhigt, weil er immer für seine Überzeugung gestritten hat, die er geprüft hatte an den Besten und Edelsten, die vor ihm waren: Ein Beweis dafür ist seine Liebe zu seinem Vater, seine Liebe für das Evangelium, für die Armen und Unglücklichen, für die Großen der Literatur und Kunst. In dem letzten Brief, den ich von ihm habe, und .der ungefähr vier Tage vor seinem Tode datiert ist, steht: ,Ich versuche es ebensogut wie gewisse Maler zu machen, die ich sehr geliebt und bewundert habe-“

„Man muß es einsehen, daß er ein großer Künstler war; ein großer Mensch zu sein geht damit oft zusammen. Die Zeit wird die Anerkennung wohl bringen; und mancher wird es bedauern, daß er so früh gegangen ist.

„Er selbst verlangte darnach zu sterben. Während ich bei ihm saß und ihm zuredete, daß wir versuchen würden, ihn zu heilen, und daß wir hofften, er bliebe dann von seinen Verzweiflungsanfällen ganz verschont, erwiderte er: ,La tristesse durera toujours/ — Ich fühlte, was er damit sagen wollte.

„Kurz darauf bekam er einen Anfall von Beklemmung, und in der nächsten Minute schloß er die Augen. Er wurde dann ganz ruhig und kam nicht mehr zur Besinnung.

„Die Leute in dem schönen Dorfe hielten sehr viel auf ihn. Von allen Seiten hörte man, wie beliebt er war, so daß viele ihn zu Grabe geleitet haben. Dort wird ein Stein dem Vorübergehenden seinen Namen sagen.

„Ich nehme mir vor, in einigen Monaten eine Ausstellung seiner Werke in Paris zu organisieren. Ich wünschte, du könntest einmal alles beisammen sehen 5 man muß viel davon beieinander sehen, dann versteht man es besser.

„Es wird wohl auch über ihn noch geschrieben werden. Wenn ich einen Raum erhalten kann, so wird die Ausstellung im Monat Oktober oder Anfang November stattfinden, dann sind die Pariser in der Stadt.——————–

„Er wird sicher nicht vergessen werden.“

(5. August 1890.)

Wohl hat sich die Prophezeiung, mit der dieser Brief schließt, bewahrheitet. Viel ist geschrieben worden — nicht alles den Tatsachen entsprechend. — Ein Ehrenplatz ist seinen Bildern im Museum von Niederlands Hauptstadt eingeräumt worden. Vieler Augen werden auf seine Werke gerichtet sein, im Ausland sowohl wie im Vaterland, das seine Kunst während seines Lebens nicht verstanden hat.

Von Kunstsinn und kaufmännischem Geist geleitet, mehr noch getrieben von einem Gefühl inniger Pietät, hat die taktvolle Hand einer Frau*) das beinahe Unmögliche für diese Kunst getan, ihr Bahn zu brechen durch eine Mauer steifer Konvention, die Vincents Kunst im Anfang als Unkunst verwarf. Seit dem Tag vor zwanzig Jahren, da die letzten Überreste des Künstlers in dem Land der Farben und des Sonnenscheins zu Grabe getragen wurden, sind in zahlreichen europäischen Städten Ausstellungen gewesen, von denen fremde und einheimische Blätter, jedes nach eigner Einsicht und Anschauung, berichtet haben. Im Atelier, inmitten vollendeter und unvollendeter Arbeiten, mit einem Berg von Blumen bedeckt, unter denen auch die Sonnenblumen, die er so lieb gehabt, hat der Sarg gestanden, der seine sterblichen Überreste enthielt. Sein Bruder trug ihn mit einem kleinen Gefolge von Künstlern, die von Paris für diese Feierlichkeit herübergekommen waren, zu Grabe. Es waren alles ausgezeichnete Künstler. — Am Grabe verlor der Bruder, übermannt von Trauer und Rührung, einige Momente die Besinnung. Für kurze Zeit schwand ihm das Bewußtsein für das, was um ihn vorging: — „Es war der Bruder, der seinen Bruder aus dem Grabe rief“— so hat der Maler und Schriftsteller Bernard, der Freund und Bewunderer des einen und Freund in der Familie des andern Bruders war, diesen Augenblick grenzenlosen Schmerzes beschrieben, und zwar in einem Artikel, der sicher gleichzeitig mit den damals zwischen den beiden Brüdern gewechselten Briefen erscheinen wird, und der von eignem Genie wie von der Anerkennung für das des andern strahlt.

*) Frau Cohen-Goschalk, Witwe des jüngeren van Gogh.

Was diese persönlichen Erinnerungen betrifft, so mögen sie wie das Wort sein, von dem der Prophet Jesaias gesagt hat: „Es wird nicht leer zu mir zurückkommen, sondern das verrichten, was mir gefällt.“

Nachdem ich sie lange Zeit nicht verstehen konnte, ist seine Kunst langsam meinen Augen aufgegangen. So mögen im allgemeinen die Urteile verschieden sein, wie es beim Publikum der Herbstausstellung 1908 der Fall war, da der eine vor Bewunderung mit den Augen nicht los kam, der andre nur mißbilligend sich abwandte und den Maler für verrückt hielt. Dürfen die Urteile also dermaßen verschieden sein, so wird doch jeder zugeben müssen, daß die Kühnheit der Linien, das Gewagte und die Kraft der sehr bewußt einander gegenübergestellten Farben in Erstaunen setzt, — wird zugeben müssen, das Werk eines Mannes zu sehen, der im Schweiße seines Angesichts arbeitete, solange es Tag für ihn war, bis zu der Nacht, in der er nicht mehr arbeiten konnte.

ANHANG

Um die Klarheit und Einfachheit der Darstellung zu zeigen und als Beweis, wie die Kunst des Beschreibens beim Künstler gleichen Schritt mit seiner weiteren Entwicklung gehalten hat, zum Beweis auch, in welchem Maße er die französische Sprache beherrschte, folge noch ein kleines Stück Prosa, das mein Bruder mir zukommen ließ:

II y a 25 ans environ, qu’un homme de Granville partit pour l’Angleterre. Apres la mort de son pere ses freres se disputaient l’heritage, et tächaient surtout de lui soustraire sa part. Las de se quereller, il leur abandonna sa part et partit pauvre pour Londres, ou il obtint une place de maitre de Francais a une ecole. II avait 30 ans lorsqu’il se maria avec une Anglaise bien plus jeune que luij il eut 1 enfant, une fille.

Apres avoir ete marie 7 ou 8 ans, sa maladie de poitrine s’agravit.

Un de ses amis lui demanda alors s’il avait encore quelque desir, ä quoi il repondit, qu’avant de mourir il aimerait a revoir son pays.

Son ami lui paya les frais du voyage.

Il partit donc, malade jusqu’ä la mort, avec sa femme et sa fille de 6 ans pour Granville. La il loua une chambre ä de pauvres gens demeurant pres de la mer.

Le soir il se faisait porter sur la greve et regardait le soleil se coucher dans la mer. Un soir, voyant qu’il etait pres de mourir, les gens avertissent sa femme qu’il etait temps d’envoyer chercher le eure pour qu’il donnät Pextreme onction au malade.

Sa femme qui etait protestante s’y opposa, mais il dit „laissez les faire“.

Le eure arriva donc et le malade se confessa devant tous les gens de la maison.

Alors tous les assistants ont pleure en entendant cette vie juste et pure.

Aprös il voulut qu’on le laissät seul avec sa femme; quand ils furent seuls, il l’embrassa et dit „je t’ai aimee“. Alors il mourut . ..

Il aimait la France, la Bretagne surtout et la nature et il voyait, Dieu; c’est a cause de cela que je vous raconte la vie de cet „etranger sur la terre“, qui cependant en fut un des vrais citoyens.

Vincent van Gogh.

Vor ungefähr 25 Jahren reiste ein Mann aus Granville nach England. Nach dem Tode seines Vaters stritten sich seine Brüder um die Erbschaft und bemühten sich namentlich, ihm sein Teil vorzuenthalten. Da er des Streitens müde war, überließ er ihnen sein Erbe und reiste arm nach London, wo er an einer Schule Stellung als französischer Lehrer fand. Er war dreißig Jahre alt, als er sich mit einer Engländerin verheiratete, die viel jünger als er war; er hatte ein Kind, eine Tochter.

Nachdem er sieben oder acht Jahre verheiratet war, verschlimmerte sich seine Brustkrankheit.

Einer seiner Freunde fragte ihn damals, ob er noch irgendeinen Wunsch hätte, worauf er erwiderte, er würde gern, bevor er stürbe, sein Vaterland noch einmal sehen. Sein Freund zahlte ihm die Reisekosten. Er reiste also, todkrank, mit seiner Frau und seiner sechsjährigen Tochter nach Granville ab. Dort mietete er ein Zimmer bei armen Leuten, die nahe am Meere wohnten. Abends ließ er sich ans Ufer tragen und schaute zu, wie die Sonne im Meer unterging. Eines Abends machten die Leute, die sahen, wie nahe er am Sterben war, seine Frau darauf aufmerksam, daß es Zeit sei, nach dem Priester zu schicken, der dem Kranken die letzte Ölung geben sollte.

Seine Frau, die Protestantin war, widersetzte sich dem, aber er sagte: „Laß sie nur machen.“ Der Priester kam also an, und der Kranke beichtete vor allen Leuten im Haus. Alle Anwesenden haben damals geweint, als sie von diesem rechtschaffenen und reinen Leben hörten. Darauf wünschte er, mit seiner Frau allein gelassen zu werden • als sie allein waren, umarmte er sie und sagte: „Ich habe dich geliebt.“ Dann starb er . . .

Er liebte Frankreich, ganz besonders die Bretagne und die Natur, und er sah Gott. Das ist der Grund, warum ich dir vom Leben dieses „Fremdlings auf der Erde“ erzähle, der indessen einer der echtesten Bürger auf ihr war.

Text aus dem Buch: Persönliche Erinnerungen an Vincent van Gogh (1920), Author: Du Quesne-van Gogh, Elisabeth Huberta.

Siehe auch:
Persönliche Erinnerungen an Vincent van Gogh – Vorbereitung
Vincent van Gogh – Die ersten Malanfänge
Vincent van Gogh – Aufs neue nach Frankreich

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