Deutsche Mythologie – Name und Zahl der Götter

Textübersetzung aus dem Kunstmuseum Hamburg

Die gemeingermanische Bezeichnung Guda-„Gott“ hat man zu aind. ghoras = schrecklich, scheuein flößend, ehrfurchtgebietend gestellt und Gott als ein Wesen erklärt, dessen Hilfe der Germane in Ehrfurcht erflehte: so sagt Tacitus „die Germanen bezeichnen mit dem Namen der Götter jenes Geheimnisvolle, das sie allein durch fromme Ehrfurcht schauen“ (Germ. 9). Eine andere Erklärung bringt die ursprünglich neutrale Wortform Gott (idg. ghu-tö-m) mit der idg. Wurzel ghu, skr. hü zusammen = Götter anrufen: das anzurufende Wesen, oder mit skr. hü = opfern: das Wesen, dem geopfert wird (skr. liu-tä), oder mit der Wurzel ghau: das angerufene Wesen, richtiger was man beruft, „das Berufene, Besprechung.“ Ist die letzte Erklärung richtig, so nannte man das anfänglich Gott, was man durch Zauberkraft und insbesondere durch Zauberwort seinem Willen untertänig machte.

Außer gu-da, guda „Gott“ ist auch die Bezeichnung Äsen geineingermanisch. Die Goten nannten ihre Edlen, dei-en GlücJc sie den Sieg verdankten, nicht mehr einfach Menschen, sondern Ansen d. h. Halbgötter (Jord. 13). Als die Westgoten im Jahre 378 in Thracien den Römern schlachtbereit gegenüberstanden, priesen sic in wüstem Geschrei die Taten ihrer Ahnen d. h. der Götter, von denen das Volk und die Könige stammten (Am. Marc. 317,u). Die gotischen ansiz(sing. ans) waren also siegspendende Götter, göttliche Wesen, die in das Geschick der Menschen eingreifen. Im Friesischen begegnet dasselbe Wort als ees, und im an. als äss, plur. aesir. Der deutsche Name lautete ahd. ans, as. ags. ös (ags. pl. ese), wie zahlreiche Eigennamen beweisen: Anshelm, Ansbrant, Ansbert, Anshilt, inschriftlich Asinarius = Ansbald, Ansheri (Gottesheld), Anso, langob. Ansegranus (der mit dem Götterbarte), Ansvald (as. Oswald = der über die Äsen waltet), Ansolf, Ansgar as. Oskar (Götterspeer). Uralt ist Asleikr, ahd. Ansleieus, ags. Oslac = Leich für die Götter. Die Ansivaren, deren Wol in sitze in älterer Zeit nördlich der Sieg lagen, waren die Verehrer des Ans oder Wodan, wie die Ziuwaren «lie Verehrer des Ziu. Die langob. Sage von Alboin bei den Gepiden erwähnt ein Asfeld (Götterfeld), wo die Gebeine der Erschlagenen liegen (D. S. Nr. 394); doch kann der Name auch „Aasfeld“ bedeuten. Aber äs und ös in deutschen Namen ist nicht zusammen zu werfen: die Osenberge, Ochsenberge, Ossensteine sind nach dem Kindvieh, nicht nach den Göttern benannt, man vergleiche die Schaf-, Reh-, Geißberge. Die Bedeutung des Wortes ist noch unklar. Bei Wulfila (Luc. 641, 42). bedeutet „ans“ einen Balken, dieselbe Bedeutung hat auch an. dss: die Götter wären also die Tragbalken, die Träger und Stützer der Weltordnung. Andere vergleichen skr. äsu „Leben“, zend. anliu „Herr“: Gönner und Helfer, oder skr. anas „Hauch“, gr. äve^og „Wind“, got. anan hauchen: großer Geist, Weltgeist; noch andere erinnern an das Beiwort des idg. Himmelsgottes Dicus Asura, lat. eins, esus: Herr oder Höchster.

Gemeingermanisch endlich war die Vosteliung der Götter als der Ratenden. Im an. heißen die Götter regin, got. ragin ist der Ratschluß, ragineis der Ratgeber, raginön regieren. Im Heliand (2594, 3348) ist das Schicksal = Schöpfung der Ratenden (regano giscapu). Dasselbe meint as. metodo giscapu (Hel. 2190, 4827) und ags. meotodsceaft, metodsceaft (Beov. 1077,1180 2815), ags. meotudvang „Schlachtfeld“ erinnert an Idisiaviso. Altgerm. metodus, got. mitodus, an. mi9tudr „das ordnende, messende Wesen“ gehört zu miton ermessen, bedenken (S. 87). Rater und Richter waren also bereits die urgermanisehen Götter.

Seit der ältesten Zeit begegnen die himmlischen Wesen in der Drei zahl, das jüngere Bedürfnis nach verstärkten Mitteln hat die 3×3 erzeugt.

Cäsar kennt als die einzigen göttlichen Mächte, an die die Germanen glaubten, die Dreiheit Sol, Luna, Vulcanus (6*,). Plinius (H. N. 4„„) und Tacitus (Germ. 2) nennen die drei Verbände der Istwäonen, Ingwäonen Erminonen, die auf die drei Beinamen des Himmelsgottes Istwio, Ingwio Innino zurückgehen. Tacitus weiß von der Verehrung des Wodan, Tius und Donar (Germ. 9). Thuner, Woden und Saxnot mußten die heidnischen Sachsen abschwören, als Karl der Große sie zur Taufe zwang. Diese deutsche Trias, Mercurius, Hercules, Mars, wird außerdem für die nächsten Jahrhunderte durch Votivsteine aus einer der Kasernen der Uardereiter am Lateran in Rom aus der Zeit von 132—141 und durch andere Votivsteine aus verschiedenen Gegenden des Reiches bezeugt. Zu dreien treten die Schicksalsfrauen auf (S. 84, 87); in drei Haufen geteilt lassen sich die ldisi des Merseburger Zauberspruches auf dem Schlachtfelde nieder.

Gruppen von neun hohen Gottheiten kannten die alten Germanen nicht.

Aber neun Seeungeheuer erlegt Beowulf (V. 575; S. 139); gegen „neunerlei Elfen“ gibt es eine mecklenburgische Schutzformel. Neun Kräuter gebrauchen die Hexen zu den Zaubermitteln. Gegen die Wichte, gegen die neun Gifte und die nenn anfliegenden Krankheiten schützen nach dem alt-eng). Neunkräutersegen neun Kräuter. In demselben Zauberspruche heißt es auch von Wodan, daß er mit neun heiligen Zweigen die Natter schlug, daß sie in neun Stücke brach. Neun Jahre halten die gefangenen Schwanjungfrauen bei ihren Männern aus, dann treibt sie die Sehnsucht nach dem göttlichen Leben zur Flucht. Neun Tage dauert die dem Totenkulte gewidmete Frist, die am neunten Tage mit einem Opfer abscbließt. Neun Tage währt der Werwolfszauber, am zehnten kommen die Menschen aus der Wolfshaut wieder heraus (S. 25). Neun Klafter tief wird der wilde Schoß (Elbeuschuß) in die Erde beschworen; neun Fuß weit muß bei dem Feuerordal das glühende Eisen getragen werden, oder der Beklagte muß mit bloßen Füßen über neun glühende Pflugscharen schreiten, die je einen Fuß von einander liegen.

Die semitisch-orientalische Sieben drang als herrschende Zahl in die christliche Kirche ein, und in der christlichen Sieben erwuchs der alten deutschen Neun ein sehr gefährlicher Nebenbuhler; aber sie konnte die Neun wohl beschränken, jedoch nicht vernichten.

Text aus dem Buch: Deutsche mythologie in gemeinverständlicher darstellung (1906), Author: Paul Herrmann.

Siehe auch:
Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube
Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut
Deutsche Mythologie – Die Seele in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die Seele in Menschengestalt
Deutsche Mythologie – Der Aufenthaltsort der Seelen
Deutsche Mythologie – Der Seelenkultus
Deutsche Mythologie – Zauberei und Hexerei
Deutsche Mythologie – Der Maren- oder Alpglaube
Deutsche Mythologie – Schicksalsgeister
Deutsche Mythologie – Der Mütter- und Matronenkultus
Deutsche Mythologie – Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Naturerscheinungen in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Elfen und Wichte
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Deutsche Mythologie – Der Götterglaube

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