Deutsche Mythologie – Die Seele in Menschengestalt

Textübersetzung aus dem Kunstmuseum Hamburg

Die ursprüngliche Vorstellung, daß eine entkörperte Seele mit dem Schlafenden in Verkehr tritt, mußte zu der Überzeugung führen, daß der Verstorbene in Menschengestalt wieder erscheinen könnte, um zu ermuntern oder zu quälen, zu warnen oder zu benachrichtigen, oder um die Erfüllung seiner eigenen Wünsche zu fordern. Diesen Zusammenhang von Seelenglauben und Traumleben bestätigt die Sprache selbst. Ahd. troc, as. gidrog = dämonisches Wesen, wurde ursprünglich nur von Toten gebraucht, die im Traume erschienen; das Wort Traum hatte anfangs nur die Bedeutung Toteutraum. Zugrunde liegt die idg. Wurzel dhreugh „schädigen“; der Draug (urgerm. draugaz) ist also das Unheilstiftende Wesen. Der Zustand aber, in dem die Seele von den Unholden heimgesucht wurde, hieß urgerm. draugwmös „Traum“. Später überwiegt mhd. gespenste (ahd. gispanst) „Verlockung, teuflisches Trugbild“, ein Verbalabstraktum zu spanan „locken“ (lit. spéndziu „Fallstricke legen“). Die ursprüngliche Konstruktion des Verbums „träumen“ zeigt noch deutlich den Glauben an die Wirklichkeit der Traumwelt: Die Person, von der nach unserer Anschauungsweise geträumt wird, galt im Altertum als die erzeugende Ursache des Traumes; man sagte nicht bloß unpersönlich „mich träumte“, sondern „der Mann hat mich geträumt“: offenbar wird das Traumbild noch als ruhestörende, beängstigende Erscheinung gedacht. Schon im ahd. wurde die Passivität des Traumzustandes minder lebhaft empfunden: es hieß „mir troumte“; und als endlich das aufgeklärte Bewußtsein die völlige Subjektivität der Traumerscheinungen erkannte, sagte man stolz: ich habe geträumt.

Im allgemeinen gilt das Wiedererscheinen als ein Unglück oder eine Strafe, nicht nur unheimlich und störend für die Lebenden, sondern auch als Quai für die Toten. Die Wiedergänger erscheinen in menschlicher Gestalt, grau, schattenhaft schwebend, meist im Leichenge wände. Selbstmörder haben im Grabe keine Ruhe; Meineidige, Scheidengänger (Grenzsteinverrücker), Geizige, Wucherer, Hartherzige, Ungetreue und die, die mit einer nicht gesühnten und nicht selbstbekannten Sünde gestorben sind, müssen als Spukgeister erscheinen. Ein vergrabener Schatz läßt dem Toten keine Ruhe, bis er gehoben ist. Eine unvollendete Arbeit, ein nicht erfülltes Versprechen treibt ihn auf die Oberwelt zurück.

Ein Kind hat von der Mutter zwei Heller bekommen, um eie einem armen Manne zu geben, aber für sich behalten und in die Dielenritzen versteckt. Nach seinem Tode kommt es alle Mittage gegangen und sieht ängstlich nach den beiden Hellern, bis sie endlich von den Eltern gefunden und den Armen gegeben werden (K. H. M. Nr. 154). Doch behalten die Seelen auch nach dem Tode ihre menschliche Beschäftigung bei: die Geister der Gefallenen kämpfen über den Schlachtfeldern weiter, z. B. über den kata-launischen Gefilden die Hunnen und die Westgoten. Der Geist der toten Mutter kehrt wieder, um sich der vernachlässigten Kinder gegen die böse Stiefmutter auzunehmen; Mutterliebe ist stärker als der Tod (K. H. M. Nr. 11; 18). Aber es stört auch die Ruhe des Toten, wenn er zuviel beklagt und beweint wird. In der rührenden thüringischen Sage vom Tränen-krüglein bittet das Kind die Mutter, vom Weinen abzustehen. Im Märchen kann das Kind vor den Tränen der Mutter im Sarge nicht oinschlafen: das Totenhemdchen wird nicht trocken vor all den Tränen, die darauf fallen (K. H. M. Nr. 109).

Dem milden, versöhnenden Glauben, daß die Liebe auch die Pforten des Todes und der Hölle überwindet, steht die finstere, grausige Anschauung gegenüber, daß die Tränen der Braut, die über das Ableben des Geliebten in den Volksliedern meist unaufgeklärt ist, den Verstorbenen aus dem Grabe locken: er holt die Braut auf seinem Rosse und führt sie im gespenstischen Ritte in sein Totenreich. Das ist der volkstümliche Hintergrund von Bürgers Lenore.

Wie die ahd. Glossen „necromantia = hellirüna“ oder „dohot-(döt) runa, d. i. Höllenzauber, Totenzauber“ und „morti-feri cantus seu spani, d. i. Lockung“ zeigen, kannten die Deutschen Zaubergesänge, die den Toten aus dem Grabe zurückrufen konnten, um die Zukunft zu offenbaren oder durch Zauber Böses zu wirken. Noch heute kann man durch Zauberkunst die Seelen der Toten beschwören und herbeirufen, daß sie sichtbar erscheinen oder hörbar antworten müssen. Der Kuudige geht des Nachts auf den Kirchhof, ruft den jüngst beerdigten Toten und legt ihm Fragen vor, meist über geschehene Diebstähle und verborgene Schätze.

Umgekehrt kannte die Vorzeit ein mit Runeuzauber verbundenes Totenlied, den sisu (Geflüster), das den Geist des Verstorbenen an der Rückkehr auf die Erde verhindern sollte. Diese leise mit gedämpfter Stimme gesungenen Zauberlieder, die den Geist des Toten bannen sollten, waren mit Tanz und Opfer verbunden und wurden teils bei der Leichenwache, teils bei der Bestattung selbst angewandt. Der Indiculus (Nr. 2), eine Instruktion für Königsboten und Missionare von ca. 800, verbietet diese Totenlieder, dädsisas, und Abt Regino von Prüm (f 915) schilt sie „Teufelsgesänge“. Noch heute glaubt man, die plagenden Spukgeister bemeistern und in wüste Orter tragen und bannen zu können. Schon im 13 Jhd. zieht, wie noch heute, der Beschwörende einen Kreis auf dem Boden, steht selbst mitten im Kreise und zwingt die armen Seelen zum Erscheinen, um sie dann auf einen sumpfigen Ort zu bringen (Münch. Nachtsegen). Das Ziehen des Kreises war ursprünglich eine rechtssymbolische Handlung. Der Schläfer denkt den Kreis um sich und sein Haus gezogen, zum Schutze vor dem nächtlichen, quälenden Gesindel.

Text aus dem Buch: Deutsche mythologie in gemeinverständlicher darstellung (1906), Author: Paul Herrmann.

Siehe auch:
Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube
Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut
Deutsche Mythologie – Die Seele in Tiergestalt

Kunst & Buchübersetzungen aus dem Kunstmuseum Hamburg:

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