Deutsche Mythologie – Die Mutter Erde

Textübersetzung aus dem Kunstmuseum Hamburg

Ein alter ags. Spruch, den die Engländer noch vom Festlande mit hinübergenommen haben, lautet:

Heil sei dir, Erde, Menschenmutter,
Werde du fruchtbar in Gotten Umarmung,
Fülle mit Frucht dich, den Menschen zum Nutzen!

Mit dem Gott, in dessen Umarmung die Erde empfängt und die Frucht hervorbringt, kann nur Tius gemeint sein. Der Segen soll gesprochen werden, wenn man den Pflug in Bewegung setzt und die erste Furche zieht. Diese Nachricht wird durch einen zweiten, gleichfalls ags. Spruch vervollständigt:

Ostwärts stehe ich,
Hilfe erflehe ich,
Ich bete zu dem hehren Herrn,
ich bete zu dem großen Herrn,
Ich bete zu dem heiligen Wart des Himmelreiches;
Zur Erde bet‘ ich und zum Himmel darüber
Und zu der wahrhaftigen, heiligen Maria
Und zu des Himmels Macht und seinem Hochbau,
Daß ich vermöge durch des Herrn Gnade

Mit den Zähnen aufzureißen diesen Zauber durch mutigen Gedanken, Zu wecken das Wachstum zum Nutzen der Menschheit:

d.h. ich bete, daß ich vermag, . . . durch meine Worte den über der Flur ruhenden Zauber zu vernichten.

Der erste Segen wurde bei der Beackerung und Aussaat gesprochen, der zweite dient zur Herstellung der Fruchtbarkeit solcher Acker, denen ein Zauber angetan ist. Er ist von einem Mönche des 8. oder 9. Jhd. auf gezeichnet, der neben die uralte, heidnische Anrufung von Himmel und Erde ein Gebet an die heilige Jungfrau Maria setzte. Auch die zum Gebet gehörenden Opfergebräuche sind erhalten. Man soll gen Morgen vor Sonnenaufgang (vielleicht in der Nacht, die dem Vermählungsfeste des Tius und der Erdgöttin voraufgeht) vier Rasenstücke aus den vier Winkeln des Ackers schneiden, da man stehet; dann soll man Hefe, von allen Viehes Milch, etwas von allen im Lande wachsenden Bäumen außer den Hartbäumen (Eiche und Buche, die keine Besegnung nötig haben) und etwas von allen namhaften Kräutern außer der Klette (Unkraut) auf die Rasenstücke legen, mit heiligem Wasser besprengen und dabei sprechen: Wachse, vermehre dich und erfülle die Erdei Dann soll das ganze Opfer, das die Tiere und Früchte umfaßt, die dem Landmanne nützlich sind, zur Kirche getragen werden, so daß das Grüne gegen den Altar gewendet ist; vier Messen werden darüber gelesen und die Rasenstücke noch vor Sonnenuntergang wieder auf den Acker gebracht. Dann schneide man vier Stäbchen vom „Lebensbaume“, ritze darauf die Namen der vier Evangelisten und das Zeichen des Kreuzes und lege unter jedes Rasenstück ein Stäbchen:

Es ist offenbar ein heidnischer Runenzauber, durch christliche Namen und Zeichen ersetzt. Dann wende man sich gegen Osten, wo gerade die Sonne aufgeht, und spreche den erwähnten Segen. In demselben Zusammenhänge ist noch ein dritter Segen an die Erdgöttin bewahrt, der unmittelbar zu dem ersten gehört und sich ebenfalls auf die Beackerung und Aussaat bezieht:

Eree, Eree, Eree, Mutter der Erde.
Es gönne der allwaltende, ewige Herrscher.
Daß die Acker wachsen und gedeihen,
Voll werden und sich kräftigen.

Er gönne ein Heer von Schäften (Getreidehalmen) und des Kornes Wachstum
Und der breiten Gerste Wachstum
Und des weißen Weisem Wachstum
Und aller Erde Wachstum.

Es gönne dir der ewige Herrscher, daß die Äcker gefriedet seien gegen aller Feinde Schädigung und geborgen gegen alles Böse.

Das Wort Eree, womit der Spruch beginnt, ist eine Weiterbildung von ero Erde, wie z. B. Funke von got.. fön Feuer. Da auch Attilas Gemahlin Erka heißt, inhd. Herche, war der Name auch den Goten bekannt, ist also sehr alt. Wenn auch dunkel ist, warum Erce Mutter der Erde genannt wird (die Göttin als Mutter des Erdreiches?), und ob die im Volksglauben fortlebende Herke, Arke zu ihr gehört, die als fahrende Mutter bezeichnet wird, so läßt sich doch mit Sicherheit sagen, daß in dem ganzen Brauche die vergötterte Erde mit Gebet und Opfer verehrt wird, ln dem zuerst angeführten Segen wird die Erde seihst als Menschenmutter angerufen.

Dieser Ackersegen wird angewendet, nachdem folgende Gebräuche erledigt sind: Unbekannter, von Bettlern gekaufter Same wird genommen — denn gefundene, gebettelte oder gestohlene Dinge gelten für besonders heilsam —, das Ackergerät herbeigeholt, in einer Höhlung des Pfluges Weihrauch, Fenchel, geweihte Seife und geweihtes Salz verborgen, und auf den Pflug selbst der Same gelegt. Nachdem dann die erste Furche gezogen und gesprochen ist, „Heil sei der Erde, der Menschenmutter“, wird der Mutter Erde ein Opfer gebracht. Man nehme Mehl von jeder Art, bilde daraus mit den Händen einen breiten Laib, knete ihn mit Milch und mit heiligem Wasser und lege ihn unter die erste Furche.

Text aus dem Buch: Deutsche mythologie in gemeinverständlicher darstellung (1906), Author: Paul Herrmann.

Siehe auch:
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Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut
Deutsche Mythologie – Die Seele in Tiergestalt
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