Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Walküren

Textübersetzung aus dem Kunstmuseum Hamburg

Göttliche Mädchen auf schnellen Rossen, Gestaltungen der am Himmel dahinfahrenden Wolken, durcheilen im Sturmgebrause die Luft, und stehen im Dienste des Himmels- und Wettergottes, vielleicht ursprünglich des Tius, später des Wodan. Wie die Wolken vom Sturme gejagt werden, gehören die Wolken- und Sturmweiber dem Sturmgotte Wodan an und rauschen mit ihm durch die Lüfte (S. 238). Aber als Wodan zum Lenker der Schlachten emporstieg, legten die elbischen Wolkenfrauen kriegerische Rüstung an und wurden zu göttlichen Kampfjungfrauen, die auf die Walstatt reiten und die dem Walgotte gelobten Menschenopfer in Empfang nehmen; sie holen, in vollem Waffenschmucke prangend, von Blitzen umloht, vom Donner umtobt, die aus den sterbenden Körper als Lufthauch entweichende Seele und führen sie Wodan zu. Die aus dem Wasser emporsteigende Wolke, der sich dem Waldsee entringende Nebel brachten die göttlichen Frauen mit den im Dunkel der Wälder sprudelnden Brunnen und mit den fließenden Wassern in Verbindung. Als Gestaltung des weißen Nebels von See und Fluß und Weiher erscheint die liebliche Schwanjungfrau; sie legt ihr Schwanenkleid ab und badet im einsamen Waldsee oder am Strande des Meeres, schlüpft dann wieder in ihr schimmerndes Gewand und schwebt über Land und Wasser. Wolkengöttinnen und Schwanjungfrauen sind also eins und mit den göttlichen Quell- und Brunnfrauen verwandt. Das bezeugen auch die altdeutschen Frauennamen: Wolchangart und Suanagarda, Wolchanhart und Suanehard sind im Altgermanischen gleichbedeutend.

Wie lebendig und wie allgemein die Vorstellung der kriegerischen Wolkenfrauen war, bezeugen die alten Namen: Himilthrüd, Nordhilt, Sunthilt, Osterhilt, Westrät, die himmlische, nach Norden, Süden, Osten und Westen ziehende Walküre. Göttliche Jungfrauen sind im Geleite des Morgens: Dagahild, Dagathrüd, steigen in der Dämmerung auf: Themarhilt, stammen aus den Wolken: Wölkan-drüt, sind der Sonne gleich: Sunnihilt, glänzen wie die Sonne: Solberta, fahren schnell hernieder wie der Blitz: Blicdrüt, rauschen im Winde: Windbirg, Nebel geht vor ihnen her: Mistila; Rimburg ist die Reifjungfrau, Sneo-burg, die schneeweiße, schützende Jungfrau, Hi milrät, die vom Himmel gekommene Raterin. Noch heute glaubt das Volk, alte Weiber gegen Morgen, wenn die Mägde zum Melken gehen, auf schweißtriefenden Pferden quer über die Felder reiten zu sehen.

Wenn nicht alles täuscht, ist der Denkstein von Housesteads das älteste direkte Zeugnis für die Walküren. Die Inschrift ist dem Tius Tbingsus und den beiden Alaisiagis Bede und Fimmilene geweiht. Die Alaesiagae werden als die „Allgeehrten“, „Allrechtsprechenden“, „Allrechtseherinnen“, „die zum rechten Unterweisen Befähigten“, oder als die „Erlen-erschreckerinnen“, die „Hilfreichen“ gedeutet, vielleicht aber sind die *A1—aisgagjön, die „gewaltig Einherstürmenden, die gewaltig Erregenden“ (germ. Wurzel is, urgerm. *aisjan, an. eisa eilen, stürmen; vgl. Ise S. 176, und nhd. Eisbein). Zu dieser gemeinsamen Bedeutung passen auch die einzelnen Namen. Fimmila ist die weibliche Personifikation des Windes (ahd. *fiin —ila bezeichnet die Bewegung, besonders das Weben des Windes); Beda ist die Personifikation des Wirbelwindes oder des Wetterschauers (idg. bhadh erschrecken). Die stürmende Fimmila und die schreckende Bed sind also Wind und Wirbelwind, vergleichbar unserm Wind und Wetter. Der Himmelsund Wettergott entsendet die gewaltig einherfahrenden Alai-siagen, und, wie Tius kriegerische Rüstung trägt, so sind die beiden Göttinnen als Siegspenderinnen, Viktorien, mit Kranz und Schwert dargestellt.

Das Idealbild der göttlichen Frauen hat sich direkt aus dem Leben entwickelt, umgekehrt traten menschliche Frauen zur Zeit der Völkerwanderung als Walküren auf und suchten dem göttlichen Vorbilde nahe zu kommen. Wir finden in der Mythologie Punkt für Punkt die Züge wieder, die Tacitus und die Römer überhaupt von den Weibern der Germanen berichten.

Während der Schlacht standen die Mütter, Weiber und Kinder der Germanen hinter den Kämpfern, die zu dem Gesänge der ausrückenden Männer ihre Zauberlieder anstimmten. Sie schrecken nicht vor der blutenden Wunde zurück, verbinden sie, wie Hildegund in Walthariliede (1408) und bringen Speise und Ermunterung den im Kampfe Stehenden (Germ. 7). Sie sind die zuverlässigten und liebsten Lobspender, sie dienen dem Tapfern zur Anfeuerung, dem Feigen zur Beschämung. Vom Hurra der Männer und von dein gellenden Zaubergesange der Frauen erbebte die Schlachtreihe im Aufstande des Civilis (Hist. 4,a). Diesem Zaubergesange (ulnlatus mulierum) hat man gewiß ebenso wie dem Barditus eine religiös zauberhafte Bedeutung und muterweckende Kraft beigemessen (S. 264). In der Schlacht bei Bibracte stellen die Germanen des Ariovist die Frauen auf die Wagen und Karren; mit ausgebreiteten Händen und unter Tränen flehten diose die in den verhängnisvollen Kampf ziehenden Krieger an, sie nicht in die Knechtschaft der Römer fallen zu lassen (Cäsar, b. g. 1M). Als die Wandalen zur Entscheidungsschlacht schritten, ließ König Gelimer die Frauen mit den Kindern und allen Schätzen in die Wagenburg mitten in der Aufstellung bringen, um die Seinen hierdurch zum äußersten Widerstande zu treiben (Procop, b. vand. 2j). War deutsches Ungestüm der römischen Taktik unterlegen, so wurden einige Schlachten, schon sinkend und wankend, von den Weibern wieder bergestellt, indem sie die Brust entblößten und die Männer flehentlich aufforderten, sie lieber zu töten als dem Feinde preiszugeben (Germ. 8). Ergreifende Szenen schildert Plutarch aus dem Untergange der Ambronen und Kimbern. Als die Ambronen in der Schlacht bei Aquae Sextiae zurückwichen, traten ihnen die Weiber mit Schwertern und Beilen entgegen, laut aufschreiend in fürchterlichem Zorn, und wehrten die Fliehenden wie die Verfolger ab. Bunt unter die Kfimpfenden gemischt, rissen sie mit der bloßen Hand die Schilde der Römer herunter und griffen nach den Schwertern; Wunden und Verstümmelung ertrugen sie ruhig, ungebeugten Mutes bis in den Tod (Cäs. 19). Als die Römer nach der Schlacht hei Vercellae den weichenden Kimbern bis an die Wagenburg nachdrftngten, stand ihnen ein hochtragischer Anblick bevor. Die Weiber, in schwarzen Gewändern auf den Wagen stehend, töteten die Fliehenden, die ihren Mann, jene den Bruder, jene den Vater: die Weiber erwürgten sie mit der Hand und warfen sie unter die Räder und Hufe der Tiere, dann ermordeten sie sich selbst (27). Valerius Maximus erzählt von den Weibern der Teutonen, sie hätten den siegreichen Marius gebeten, er möchte sie den vestalischen Jungfrauen zum Geschenke schicken, wie jene würden sie sich unbefleckt halten. Als sie das nicht erlangten, erdrosselten sie sich in der folgenden Nacht. In dem Kriege Caracallas waren viele chattische und alemannische Frauen in Gefangenschaft geraten. Man stellte ihnen die Wahl zwischen Knechtschaft und Tod, viele zogen den Tod vor. Als sie aber dennoch als Sklavinnen verkauft werden sollten, töteten sie sich und ihre Kinder (Dio Cass. 77,4). In dem Feldzuge Marc Aurels gegen die Alemannen fanden die Römer auf der Walstatt die Leichen bewaffneter Frauen (71,). In Aurelians Triumphzug werden zehn Gotinnen aufgeführt, die in männlicher Rüstung kämpfend gefangen waren; weit mehr waren in der Schlacht gefallen (Flav. Vopiscus, V. Aurel. 34).

Neben den archäologischen und historischen Zeugnissen steht das der alten Namen. Die Namen, die man den Kindern gab, sollten ihnen das Ideal weisen, dem sie nacheifern sollten:

Gebt euern Kindern schöne Namen,

Darin ein Beispiel nachzuahmen,

Ein Muster vorgehalten sei.

Sie werden leichteres vollbringen,

Auch gute Namen zu erringen,

Denn Gutes wohnt dem Schönen bei.

(Rückert.)

Das Ideal des Mannes war der Held, das Ideal des Weibes ist in der Mythologie in den göttlichen oder halbgöttlichen Schlacht- und Schicksalsfrauen ausgebildet. Weil die Frau von der frühsten Zeit an dem Germanen als ein höheres Wesen erschien, in näherer Berührung mit der Götterwelt stand als der Mann, zeigen die altdeutschen Frauennamen weit mehr als die Namen der Männer unmittelbaren Zusammenhang mit den Vorstellungen von göttlichen Wesen. Sie sind also eine wichtige Quelle für den Walkürenglauben. Zahlreiche Namen sind mit gunt und bilt (Krieg) zusammengesetzt, oder dem gleichbedeutenden hadu, wie oder laue (Jvriegsbrand), leich (Kampfspiel); z. B. Mechthild, Mathilde ist die machtvolle, Chlothilde die berühmte, Kriemhilde die verhüllte Kämpferin, Kunigunde die für ihr Geschlecht kämpfende, Gudrun die Runen kundige Kampfzauberin, Hildegund, Baduhild, Haduwig, Hedwig die tüchtige Kämpferin, Thusnelda die Kraftkühne. Die Siegjungfrau bezeichnen z. B. Sigihilt, Siguwif (Weib), Sigithrüd, Siginiu (Tochter des Sieges). Auf ihre Teilnahme am Heereszuge gehen die Namen mit heri und sint: Sinthgund, Herigilt (Priesterin des Heeres). Sie sind gerüstet und tragen einen Helm: Helm borg, Grimhilt; eine Brünne: Brunihild; einen Schild: Räntgund; einen Speer: Gerdrüd, Gerlind, Kerpurc, Gisalhilt; Baughild ist die Schildträgerin mit dem Ringe, Isaubirg, Isanburg die eisengerüstete Jungfrau. Darum ist ihr Ansehen strahlend, glänzend: Berahthild, Berahthrüd.

Ihr Erscheinen ist siegverkündend wie das der heiligen Tiere des Kriegsgottes, Wolfhilt, Ebirhilt, Rosmöt. Sie haben von ihrem göttlichen Herrn den Auftrag, seine Günstlinge zu schirmen: die Namen mit birc, bürg, munt drücken diese Aufgabe aus. Dann lächeln sie dem Sieger zu: Blid-hilda, Blidthrüd; haben wohl selbst ihre Lieblinge unter den Streitern: Thrüdwin; halten das fliehende oder feindliche Heer auf, wie auch der Merseburger Zauberspruch erzählt: Stillihere, wachen überhaupt vorsichtig über den ganzen Kampf: Gundwara, verleihen den Sieg: Gebahilt, schaffen den Frieden: Friduhilt; sie sind somit die Führerin in der Kriegsnot: Nötharja, die starken auf dem Walfeld: Wale-drüt, opfern nach dem Siege das Heer der Feinde: Herigilt, und nehmen die Gefallenen auf.

Eine göttliche Walküre, und nicht bloß eine menschliche, karapfesfrohe Königstochter ist die Brunhild des Nibelungenliedes. Zwar ist ihr alter Walkürenglanz schon stark verblichen, aber ihre ganze Erscheinung hebt sich immerhin noch auffallend von der ritterlichen Umgebung des Liedes ab. Sie lenkt nicht mehr aus luftigen Höhen ihre Rosse auf das Schlachtfeld und kürt nicht mehr die Wal, aber sie weilt auf der fernen, meerumfluteten Veste Isenstein (N. L. 315 ff.) und raubt unbarmherzig dem^das Leben, der von ihr besiegt wird, gerade in den Kampfspielen kommt ihre göttliche Natur zum Vorschein. Im Speerschießen, Steinwurf und Sprung unterliegt sie zwar, aber nur durch Hilfe des mythischen Nibelungenattributes, der unsichtbar machenden Nebel- oder Tarnkappe; denn durch sie geborgen und geschützt, übernimmt Siegfried die Taten, Günther die Geberde. Mit elementarer Kraft bricht Brunhilds jungfräuliche Walkürennatur zum letzten Male in der Hochzeitsnacht hervor, als sie zürnend dem Gatten ihre Liebe verweigert, ihm mit einem Gürtel Hände und Füße bindet und ihn hoch au die Wand hängt (N. L. 585).

Daß es auch in Deutschland einen Mythus gegeben habe, nach dem die göttliche Walküre auf dem Felsen von Siegfried aus dem Schlafe erweckt war, wird zwar lebhaft bestritten, aber man hält sich zu einseitig an die literarischen Zeugnisse und übersieht andere, nicht weniger wichtige. Die im Westdeutschland an mehreren Orten als alt und volkstümlich nachgewiesenen Benennungen von Felsen, wie Brunhildenstein (z. B. auf der Hohenkanzel auf dem Taunus, 8 km. nördlich von Wiesbaden), Brunbildenstuhl (der Brummholzstuhl bei Dürkheim in der Rheinpfalz ist aus Brunhildenstuhl entstellt) bezeugen, daß auch in der deutschen Sage die Walküre Brunhild auf einer Felsenburg ihre Wohnung gehabt hat, wie ja noch im N. L. Isenstein als ihr Sitz genannt wird. Der Brunhildenstuhl bei Dürkheim ist sogar als alte Fastnachts-(Frühlings-)feuerstätte überliefert; in der Römerzeit sind hier Sonnenräder und fünf Inschriften eingehauen, von denen eine dem Mercurius Cisustius Deus geweiht ist. Der mit dem Brunhildenmythus in Verbindung gebrachte Fels, der zum Frühlingsfeuer dient, war also von ältester /Seit her ein heiliger Ort. Daß aber sogar Brunhilds Zauberschlaf und damit ihre Erweckung deutsche Sage war, beweist das Brunhildenbett auf dem großen Feldberg im Taunus. In einer Urkunde des Erzbischofs Bardo von Mainz von 1043 heißt eine etwa 4 m hohe Felsbildung auf dem Feldberge von eigentümlicher Form, die schon von weitem das Auge auf sich lenkt und den Vergleich mit einem Ruhelager unwillkürlich wachruft, lapis qui vulgo dicitur lectulus BrunihUde.

Da der deutschen Nibelungendichtung ein „Lager der Brunhild“ auf der Höhe eines Berges unbekannt ist, kann diese Bezeichnung nur aus der Sage stammen, und wenn der Name noch in der Mitte des 11. Jhds. volkstümlich war, muß er es schon lange vorher gewesen sein. Wenn also die Rheinfranken ein riesenhaftes Felsbett auf der Spitze eines hohen Berges „Bett der Brunhild“ nannten, so müssen sie auch geglaubt haben, Brunhild habe auf einem hohen Berge geschlafen.

Die auf einem Felsen schlafende Walküre, die natürlich auch aus ihrem Schlummer geweckt sein muß, ist somit für Deutschland erwiesen. Nicht erwiesen ist, daß sie auch nach deutscher Vorstellung von der Waberlohe umgeben war; diese mag nordische Zudichtung und Ausschmückung sein, und ein Märchen der Dornröschengruppe mag dabei mitgewirkt haben.

Der allgemeine, urgerm. Name für die göttlichen Mädchen war ahd. itis, as. mhd. idis, ags. ides, an. dis. Die Idisi sind wohl die „emsig schaffenden“, die überirdischen Frauen (an. id, idn, ictja Arbeit). Neben der an. valkyrja findet sich in ags. Glossen des 8. Jhds. walcyrge = Eurynis, walcrigge = Herinis, waelcyrre = Tisiphona, waelcyrige = Bellona, Allecto. Im Ags. verstand man also unter Walküren unheimliche Gottheiten, die in das Geschick des Kampfes eingreifen, und dieses Zeugnis reicht völlig aus, um die Walküren als westgermanische und deutsche Gottheiten zu erweisen. Kein einziger Grund läßt sich für eine Entlehnung aus dem Nordischen beibringen; im Gegenteil, daß bei den Westgermanen des Festlandes derselbe Name vorhanden gewesen sein muß, beweist der erste Teil des zusammengesetzten Namens walu, urgerm. *walaz. In allen germ. Dialekten bedeutet ahd. wal, ags. wael, an. valr den Haufen der Erschlagenen oder die Stelle, wo sie liegen; im nd., vom 13. Jahrhundert an bis heute bezeichnet Wall einen Haufen, z. B. Heringe (gr. Fdhg scharenweise, in Menge). Die Walküren küren also, wie ihr Name sagt, die Gesamtheit der Krieger, die im Kampfe fallen sollen.

Ein ags. Beschwörungslied gegen Hexenstich und Hexenschuß zeigt die bewaffneten Wolkenfrauen, wie sie Pfeile und Speere auf die Menschen schleudern:

Laut teuren sie, ja laut, da sie über den Hügel ritten.

Sie waren hochgemut, da sie über Land (durch die Lüfte) ritten. Schütze dich nun, willst du sicher vor ihrem Haß sein:

Heraus, kleiner Speer, wenn du drinnen bistl —

Ich stund unter dem Lindcnschild, unter lichtem Schilde,

Da die mächtigen Frauen ihre Scharen ordneten Und ihre gellenden Gere entsandten.

Einen andern will ich ihnen wieder senden,

Einen fliegenden Pfeil von vom entgegen:

Heraus, kleiner Speer, wenn du drinnen bitl! —

Es saß ein Schmied, schlug das kleine Messer,

…..ein Schwert stark im Vertmndcn.

Heraus, kleiner Speer, trenn du drinnen bist! —

Sechs Schmiede saßen, Todesspeere schufen sic,

Heraus, Speer, sei nicht drin, Speer!

Wenn hier ist innen des Eisens Teil,

Der Heren Werk, so soll es schmelzen! —

Wärst in die Haut du, ins Fleisch geschossen,

Oder wärst du ins Blut geschossen,

Oder ins Glied, nimmer sei dein lieben getroffen!

Wenn cs sei der Äsen Geschoß oder der Elbe Geschoß Oder der Hexen Geschoß — nun will ich dir helfen:

Dies sei dir zur Heilung des Äsen oder der Elbe Geschosses,

Dies für das Hexengeschoß. Ich will dir helfen.

Fliege hin in die Wildnis!

Sei am Haupte heil, es helfe dir der Herr!

Dem Liede liegt die Vorstellung zugrunde, daß die Krankheit vom Geschoß der Geister verursacht sei. Die Hexen aber tragen das poesievolle Kleid der Dienerinnen Wodans.

Zum Streite gerüstet, also mit Helm, Brünne und Speeren bewaffnet, laut jauchzend vor frohem Kampfesmut, reiten die mächtigen Frauen durch die Lüfte einher und senden sausende Speere und Pfeile auf den Feind. In der epischen Einleitung erzählt der Entzaubernde diesen Hergang und sucht durch das Spell das Eisen aus dem Körper des Erkrankten wieder herauszutreiben. Zugleich hält er den Lindenschild über ihn und berichtet, wie die Gegenwaffen geschmiedet werden. Für den Fall, daß das kleine Messer zur. Gegenwehr nicht genügt, werden noch sechs Speere angefertigt. Bei der eigentlichen Beschwörung: „Wenn hier innen ist des Eisens Teil, so soll es schmelzen . . . Fliehe hin in die Wildnisi Sei am Haupte heil!“ wird eine heilende Salbe angewendet.

Auch der erste Merseburger Zauberspruch zeigt uns die göttlichen Frauen:

Einst setzten sich Idisi, setzten sich hierhin und dorthin,

[Vor Zeiten walteten Frauen, walteten hohe damals,]

Einige hefteten Hafte, einige hemmten das Heer (der Feinde),

Einige klaubten an den Fesseln (der vom Feinde Gefangenen) herum, [Andere lösten, allerfahrene, die Fesseln]:

Entspringe den Haftbanden, entfliehe den Feinden!

Der epische Eingang beschreibt die Tätigkeit der Walküren auf der Walstatt. Sie kommen durch die Luft herangesaust und beteiligen sich zugunsten eines befreundeten Heeres am Kampfe, in drei Haufen geteilt. Ein solches Feld, wo sich die Schlachtgöttinnen niedergelassen hatten, hieß vielleicht schon zu Tacitus Zeiten Idisiaviso (Ann. 216). Die einen fesseln die Gefangenen hinter dem befreundeten Heere, — der deutsche Namen solcher Walküren würde Hlancha (Kette) oder Herifezzara (Heeresfessel) sein — die andern werfen sich den feindlichen Scharen entgegen, indem sie selbst am Kampfe teilnehmen und ihre Speere schleudern, die dritte Gruppe hat sich hinter dem feindlichen Heere niedergelassen, wo die Gefangenen auf bewahrt sind. Dort nesteln sie an den Fesseln und sprechen dabei die Lösungsformel: „Entspringe den Haftbanden, entfliehe den Feinden I“ Wie hier durch die Hilfe der Idisi die Ketten springen, so hofft in ähnlicher Lage der Gefangene, daß ihr göttlicher Beistand hei Anwendung des Zauberspruches ihn befreien werde. In England war im 8. Jhd. der Volksglaube verbreitet, daß Bande mit Hilfe gewißer Buchstabenzeichen oder Runen gelöst werden könnten (Beda 422):

Ein gewisser Imraa wurde fast tot auf dem Schlacbtfelde gefunden und gefangen genommen; als er sich aber zu erholen begann und, um seine Flucht zu verhindern, gefesselt wurde, hatten ihn kaum seine Wächter verlassen, da war er schon wieder frei. Der Graf, in dessen Gewalt er gefallen war, fragte ihn, ob er solche ,Lösebriefe* (liter&s solutorias) habe, von denen man erzählte; Imma aber wollte von solchen Künsten nichts wissen; doch als sein Herr ihn an einen andern verkaufte, war wieder keine Möglichkeit, ihn zu binden.

Auch den Angelsachsen waren, wie schon das Beschwörungslied gegen Hexenschuß zeigte, siegtreibende, schlachtfrohe Weiber bekannt:

Setzt euch Siegweiber, senkt euch zur Erde,

Wollet nicht wieder zum Walde fliegen!

Bleibt im Herzen meines Heils so eingedenk

Wie die Menschen männiglich des Mahls und der Heimat!

Auch hier kommen die Siegweiber durch die Luft geflogen, um sich zur Erde niederzuhissen; ja der Anfang scheint geradezu aus einem sehr alten Walkürenspruch entlehnt zu sein, der dein Merseburger Spruche ähnlich war. Merkwürdig ist nur, daß der Ausdruck Siegweiber für schwärmende Bienen gebraucht wird, vermutlich weil man die ursprüngliche Bedeutung nicht mehr verstand, und Bienenschwärme den ausziehenden Kriegern als gutes Wahrzeichen galten (vgl. K. H. M. Nr. 62). Im Beowulf endlich heißt es: der Herr gab ihnen allda des Waffenglücks Gewebe, Erfreuung und Hilfe, daß sie ihre Feinde überwanden (697).

Das letzte Zeugnis für die Schlacht Jungfrauen findet sich auf deutschem Boden um das Jahr 1000. Burchard von Worms spricht von dem Glauben, es könnten Weiber bei geschlossenen Türen ausfahren und hoch in den Wolken einander Kümpfe liefern, Wunden erteilen und empfangen.

Text aus dem Buch: Deutsche mythologie in gemeinverständlicher darstellung (1906), Author: Paul Herrmann.

Siehe auch:
Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube
Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut
Deutsche Mythologie – Die Seele in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die Seele in Menschengestalt
Deutsche Mythologie – Der Aufenthaltsort der Seelen
Deutsche Mythologie – Der Seelenkultus
Deutsche Mythologie – Zauberei und Hexerei
Deutsche Mythologie – Der Maren- oder Alpglaube
Deutsche Mythologie – Schicksalsgeister
Deutsche Mythologie – Der Mütter- und Matronenkultus
Deutsche Mythologie – Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Naturerscheinungen in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Elfen und Wichte
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Zwerge
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Hausgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Wassergeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Waldgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Feldgeister
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Name und Art der Riesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Luftriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Berg- und Waldriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Wasserriesen
Deutsche Mythologie – Der Götterglaube
Deutsche Mythologie – Name und Zahl der Götter
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise – Der Feuergott
Deutsche Mythologie – Mythenkreise – Licht und Finsternis. Gestirnmythen.
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Tius
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Foseti
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Wodan
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Donar
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Balder
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Deus Requalivahanus
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen
Deutsche Mythologie – Die Mutter Erde
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Nerthus
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Nehalennia
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Tanfana
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Hludana
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Haeva
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Frija
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Ostara
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Baduhenna

Auch interessant:
Nordische Göttersage – Sammelkarten
Kunstwerke aus der altnordischen Mythologie
Germanische Schöpfungsgeschichte
Walhall – Germanische Götter- und Heldensagen

Kunst & Buchübersetzungen aus dem Kunstmuseum Hamburg:

(auf das jeweilige Bild klicken)

Indianerleben

Indogermanischer Volksglaube

Mecklenburger Geschichte

Die Bagdadbahn

Schweden im Auge des Künstlers

Jules Joseph Lefebvre

Dresden

Albrecht Dürer

Rembrandt

Fra Filippo Lippi

Das Weib in der antiken Kunst

Wolfgang Willrich

Hans Thoma

GABRIEL METSU

Lucas Cranach der Ältere

Albrecht Altdorfer

Albert Anker

Georg Sluyterman von Langeweyde

Hieronymus Bosch

Walhall – Germanische Götter- und Heldensagen

Die Miniaturen des frühen Mittelalters

Kunst im 3. Reich

Das Deutsche Rathaus der Renaissance

Deutsche Exlibris

Pompeji vor der Zerstörung

Weltkarikatur Völkerverhetzung

Deutsche Burgen und feste Schlösser

Quinta Essentia

Der Krieg in Bildern

Stuttgarter Psalter

Blumenkunst

Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens

Die Singvögel der Heimat

Die Nordwest-Passage

Buchempfehlungen

Kräuterbuch aus dem Jahre 1664

Herunter Laden

365 Tage Rohkost

Herunter Laden

Geschichte der Teutschen Nazion

Herunter Laden

Dresden

Herunter Laden

Deutsche Burgen und feste Schlösser aus allen Ländern deutscher Zunge

Herunter Laden

Pompeji vor der Zerstörung

Herunter Laden

Das Weib in der antiken Kunst

Herunter Laden

Rembrandt und seine Umgebung

Herunter Laden

DIE TECHNIK IN DER KUNST

Herunter Laden

Alt-Konstantinopel

Herunter Laden

Olympische Kunst

Herunter Laden

Geschichte der modernen Kunst Band I

Herunter Laden

Deutsche Mystik und deutsche Kunst

Herunter Laden

Der Bauern-Bruegel

Herunter Laden

Deutsche Zeichenkunst im 19. Jahrhundert

Herunter Laden

Walhall – Germanische Götter- und Heldensagen

Herunter Laden

Die Entwicklung der Kunst in der Stufenfolge der einzelnen Künste

Herunter Laden

Deutsche Mythologie

Herunter Laden

Die altdeutsche Buchillustration

Herunter Laden

Die Weltkarikatur in der Völkerverhetzung, was sie aussagt und was sie verrät

Herunter Laden

Album der Dresdner Galerie

Herunter Laden

Album der Casseler Galerie

Herunter Laden

Deutsche Exlibris und andere Kleingraphik der Gegenwart

Herunter Laden

Deutsches Leben im 14. und 15. Jahrhundert

Herunter Laden

Blätter zur Plastischen Anatomie des Pferdes

Herunter Laden

Die Nibelungen: dem Deutschen Volke Wiedererzählt

Herunter Laden

Quinta Essentia

Herunter Laden

Impf-Friedhof. Was das Volk, die Sachverständigen und die Regierungen vom “Segen der Impfung” wissen.

Herunter Laden

Das Kriegskochbuch

Herunter Laden

Führer für Pilzfreunde (1896)

Herunter Laden

Christliche Sinnebilder

Herunter Laden

Die Frau als Hausärztin: ein ärztliches Nachschlagebuch der Gesundheitspflege und Heilkunde in der Familie, mit besonderer Berücksichtigung der Frauen- und Kinderkrankheiten, Geburtshilfe und Kinderpflege (1911)

Herunter Laden

Bilder-Atlas des Pflanzenreichs nach dem natürlichen System (1901)

Herunter Laden

Asiatische Monumental-Plastik

Herunter Laden

Die Singvögel der Heimat

Herunter Laden

Grundriss Germanisches Recht

Herunter Laden

Urgermanisch

Herunter Laden

Die Schöne Heimat: Bilder aus Deutschland

Herunter Laden

Die Nordwest-Passage

Herunter Laden

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.