Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Tius

Textübersetzung aus dem Kunstmuseum Hamburg

Uralte Lieder, die schon zur Zeit des Tacitus aus ferner Vorzeit stammen, singen von den drei göttlichen Ahnen, nach denen sich die drei westgermanischen Stämme bezeichneten (Germ. 2). Die Namen der Ingwäonen, Erminonen und Istwäonen sind durch die Alliteration gebunden; sie sind altgermanischer Poesie entnommen und bildeten, wie die Dreizahl der Stäbe vermuten läßt, einen zweiteiligen Langvers. Was bedeuten die Namen der drei Ahnherrn, die in urgerm. Form *Ingwaz, *Ermnaz, *Istwaz lauten würden? sind es Brüder, verschiedene Göttergestalten oder uralte Epitheta einer Gottheit, die ihnen von den drei Stämmen beigelegt wurden ?

Daß Tius bei den Erminonen, deren Wohnsitze sich von der Donau bis zur Spree erstreckten, der oberste Gott war, weiß Tacitus zu berichten (Germ. 39; D. S. 365). Im Lande des ältesten erminonischen Stammes, der Semiionen, zwischen der mittleren Elbe und Oder (Mark Brandenburg) kamen alle Stämme desselben Blutes zusammen. In einem schaurigen Haine begannen die Amphiktyonen die hohe Feier durch das Opfern eines Menschen. Als den allwaltenden Gott, den alles in knechtischem Gehorsam verehrt, als den Urahnen des Volkes (tamquam inde initia gentis), als den größten und höchsten der Götter , nannten sie ihn *Tiwaz erinnaz, d. i. den Erhabenen (oQfUvoi;). Die Erminonen betrachteten sich also als Zeussöhne und verehrten den „erhabenen Himmelsgott“ (lrmin) als Ahnherrn und Gründer ihres Stammes. Die Seinnonen, eine Abteilung Schwaben, verrichteten hei dem gemeinsamen Kultus Priesterdienste, wie die Nahanarvalen bei den Ostgermanen.

Wir finden sie am Ende der Völkerwanderung als Juthungi wieder, d. h. die „echten Abkömmlinge“ des Himmelsgottes. Noch in einer Glosse des 9. Jhds. werden die Schwaben Cyuwari „Verehrer des Zin“, ihr Hauptsitz Augsburg, das ehemalige Augusta Vindelicorum Ciuuesburg, „Burg des Ziu“ genannt. Noch heute nennen die Schwaben den Dienstag Zistig, Zies-tag. Das Volk, das einst zum Hüter des ermin. Stammesheiligtums bestimmt war, bewahrte also am treuesten seinen Glauben und nahm seine Heiligtümer in die neue Heimat mit, als es südwärts über die alte Waldesgrenze auf ehemals ungermanischen Boden zog. Noch im 12. Jhd. erblickt der Glossator der Corveier Annalen in der Eresburg ein dem Ares d. i. dem dominator dominantium geweihtes Heiligtum. Östlich von den Semnonen und Schwaben, jenseits des Lech, saßen von den ermin. Stämmen die Markomannen und andere, die den Bajuwarennamen angenommen haben. Auch diese hatten den Tiuskult in die neue Heimat mitgenommen, nur nannten sie den Gott mit einem anderen Beinamen *Eraz. Der ihm geweihte Tag heißt bei den Bayern Ertag. Gleichfalls zum Suebenstamme gehörten die Hermunduren. Im Jahre 58 war zwischen ihnen und den Chatten wegen des salzhaltigen Grenzflusses eine heftige Fehde entbrannt. Dieser Krieg schlug für die Hermunduren glücklich, für die Chatten unselig aus. Beide hatten, um sich des Sieges zu versichern, das Heer der Gegner dem Tius und Wodan geweiht. Nach dein Siege ward, dein Gelübde gemäß, Roß und Mann, sowie alles, was besiegt war, insgesamt dem Untergange preisgegeben (I). S. Nr. 363).

Es steht also fest, daß Tiwaz im Binnenlande im 1. Jhd. unserer Zeitrechnung als oberster Gott verehrt wurde. Nach dem Beinamen des Himinelsgottes nannten sich die Erminonen; der urgerm. *Tiwaz erranaz bildete als Irmin-Tius den Mittelpunkt ihres Kultes.

Auch die Sachsen, die nordwestlich von den Semnonen wohnten, verehrten ihn unter diesem Namen. Nach ihrem Siege über die Thüringer bei Scheidungen an der Unstrut errichteten sie ihm eine mit dem Symbole des Adlers geschmückte Siegessäule, nach Morgen hin gerichtet (532). Das Standbild, das nach Osten blickte, der Adler, der den aufsteigenden, durch die Wolken brechenden Tag bedeutet, wie noch Wolfram von Eschenbach singt: „Seine Klauen durch die Wolken schlug er nun. Er steiget auf mit großer Kraft“ zeigen Tiwaz als Sonnen- und Himmelsgott. Die Errichtung der Säule (Irminessül) nach dem Siege kennzeichnet ihn als Kriegsgott (Widuk. 112). Das Hildebrandslied scheint ihn „irraingot“ zu nennen, d. h. den an der Spitze des Götterstaates stehenden, der oben vom Himmel herab die Dinge der Menschen beschaut und regiert (wettu irmingot obana ab hevane).

Bei den Sachsen zerstörte Karl d. Gr. 772 die Innen-Säulen, d. h. die gewaltigen Säulen, nicht die des Irmin, in der Nähe von Eresburg. Wie aus dem Namen der westfälischen Stadt hervorgeht (besser Eresberg als Eresburg), nannten die Sachsen und Angeln den Gott auch *Eraz, Er, Ear wie die Bayern. Ob Er mit skr. aryä „freundlich, zugetan“ oder mit ags. eärendel (Morgenstern) oder mit Ares zusammenhängt, und aus derselben Wurzel gebildet ist wie Irmin (der Erreger), ist zweifelhaft; germ. *Erhaz ließe sich mit ir. „erc Himmel“ zusaminenbringen. Daß Er ein Beiname des Tiwaz ist, bezeugt die ags. Rune VV die car und tir bezeichnet. Das ags. Runenlied sagt von der Rune Ear:

Ear ist ein Schrecken der Männer jeglichem,

Wenn unaufhaltsam das Fleisch beginnt Als Leiche zu erkalten, die Erde zu a-wählcn,

Bleich zur Bettgenossin: Freuden zerfallen,

Wonnen schwinden, Bündnisse werden gelöst.

Neben Irmin und Er hatten die Sachsen noch ein drittes Beiwort des Himmelsgottes. In dem sächsischen Taufgelöbnisse um das Jahr 790 begegnet hinter Thuner und Wöden als dritter Gott, dem der Täufling entsagen soll, Saxnöt. „Schwertgenosse“ oder den „sich des Schwertes freuenden“ hießen ihn die Sachsen des Festlandes, und nach dem sahs ihres Sahsnöt nannten sie sich selbst. Bei den Angelsachsen gilt Saxneät für Vodens Sohn, d. h. Tiwaz ist hinter Wodan zurückgetreten; Saxneät steht an der Spitze der Stammtafel der Könige von Essex mit Nachkommen, deren Namen die Tätigkeit des Gottes in den verschiedenen Phasen der Schlacht, bezeichnen. Noch Kaiser Heinrich IV. war gewohnt, alle seine Kämpfe „in heidnischem Aberglauben“ am Tage des Mars, am Dienstage, auszuführen (Ekk. v. Aura).

Drei Epithetha des alten Himmelsgottes haben sich also ergeben, Irmin, Er, Saxnöt die älteste, höchste und z. T gemeingerm. (ingw. erminon got.) Bezeichnung war der „Er Imbene, Gewaltige“; nach die sein Bei Worte benannte sich der vornehmste und älteste der westgerm. Stämme, die Erminonen, die in der gemeinsamen europäischen Urheimat verblieben waren.

Daß die Friesen denTiwaz verehrten, wird durch eine Inschrift bezeugt, die im Jahre 1883 zu Housesteads, dem alten Borcovicium, einer der römischen Stationen am Hadrianswall im nördlichen England, aufgefunden wurde. Ein Schäfer stieß auf zwei Altäre mit rüm. Inschriften und auf einen halbrunden,bogenartigen Aufsatz mit bildlichen Darstellungen. Dieser glückliche Fund ist zugleich eines der ältesten Zeugsnisse für bildliche Darstellungen germanischer Götter. Die Inschrift des ersten Altars lautet:

„Dem Gotte Mars Thingsus mal den beiden Alaesiagen Beda und Fimmilena der Gottheit des Kaisers haben Twihanten, gennanische Bürger, ihr Gelübde gern und schuldigermaßen eingelöst.“

Die Inschrift des zweiten Altars lautet:

„Dem Gotte Mars und den beiden Alaisiagen und der Gottheit des Kaisers haben Tuihanten, germanische Bürger aus der nach Severus Alexander benannten Heeresabteilung der Friesen ihr Gelübde gern und schuldigermaßen eingelöst“ (Abbildung G, 7.)

Das Relief stellt einen mit Helm, Speer und Schild gewaffneten Krieger dar, den die interpretatio Romana Mars nennt, zu dessen Füßen ein Schwan oder eine (Jans aufsieht. Zu beiden Seiten sieht man zwei ganz gleichartige schwebende Gestalten, die in der einen Hand ein Schwert oder einen Stab, in der anderen einen Kranz halten. (Abbildung 8.)

Beide Altäre sind van Tuihanten errichtet, germ. Bürgern, die in rö. Diensten standen und zwar dem friesischen Keil des Kaisers Severns Alexander angehörten (222—225). Die Tuihanten sind die Bewohner der Landschaft Tuianti, des heutigen Twenthe im Osten der Zuidersee. Unter dem röin. Mars leuchtet ihr Yolksgott Tins hervor, der den Beinamen Thingsus führt. Die Friesen verehrten also zu Anfang des 3.Jhds. inen Gott Tiwaz Thingsus und zwei Alaesiagen, Beda und Fimmilena, die nach der Darstellung und den Inschriften in unmittelbarem Zusammenhänge mit ihm standen. Unter ihnen sind wahrscheinlich zwei gewaltig einherfahrende Göttinnen zu verstehen, die schreckende Bed und die stürmende Fimila, die dem Wetter- und Himmelsgotte Tiwaz zukommen, oder auch zwei Göttinnen des Gerichtes.

Der ausgeprägte Rechtssinn der Friesen ist uralt und wohlbekannt. Thinx ist der langobardische Name für „Ding“, „Volksversammlung“, Thinxus (Thingsus) ist also der Beiname des Gottes als des Leiters der Volksversammlungen. Unter freiem Himmel oder unter dem Schutze eines großen heiligen Baumes hielten die germanischen Völker ihre Rechtsversammlungen ab, zu denen sie bewaffnet erschienen (Germ. 11), demi ehrhaft und wehrhaft galt als ein Begriff, und nannten nach dem Gotte, der gleichsam als Vorsitzender die Thingverhandlungen leitete, den ihm geweihten Tag „dingestag“. Auf fränkischem (istw&on.), sächsisch-friesischem Boden ist diese Bezeichnung des Tages uralt. Wie Zeus als oberster Lenker des öffentlichen Lebens dyoQalog heißt, trägt der ur-germ. Tiwaz den Beinamen *[>inhsaz, *J>ihsaz. Aber wie die kriegerische Ausrüstung des Gottes auf dem Housesteader Relief zeigt, war der friesische Mars Thingsus zugleich der Kriegsgott ; kamen doch auch die freien Männer bewaffnet zur Volksversammlung. An Stelle des Sonnenschwertes trägt der Gott den Speer, wie auch Mars in der ältesten Zeit als Speergott bezeichnet wird.

In derselben Gegend setzten Friesen dem Tus Tingsus einen Stein, und auf einem anderen wird der keltische Kriegsgott Belatucadrus durch Tus Tingsus übersetzt. Bei den Friesen also war Tiwaz der oberste Befehlshaber des in Thing und Heer zu seinem Dienst versammelten Volkes.

„Marti Halamardi sacrum T. Domit. Vindex centurio legionis XX Valeriae victricis“ — lautet die Inschrift eines in den Niederlanden gefundenen Denksteines aus dem 3. Jhd. Der erste Teil von Halamardio gehört zu an. halr Mann, der zweite zu morden, Mörder. Halamantus ist der Mannmörder, ein Beiname des Kriegsgottes Tius. Auch Wig-ans = Kriegsgott wurde er genannt, wie eine bei Tongern gefundene Bronzetafel zeigt, und Schild und Speer waren ihm geweiht (Vihansae Q. Cattus Libo Nepos centurio leg. III Cyrenaicae scutum et lanceam d.).

Die Gemahlin des Himmelsgottes bei den Ingwäonen war Nerthus, ihre feierliche Umfahrt symbolisierte das Erwachen der Natur im Frühjahr (Germ. 40). Die Göttin war misichtbar, der Gott galt als sichtbar, solange seine Gegenwart andauerte; man wußte nicht, woher er kam, mid woh n er ging. Von seinem Kommen aber hing Friede, Freude und Fruchtbarkeit ab, darum bezeiehnete man den Gott als den „Allgekommen“, urgerm. *Ingwaz (cxveiaOai). Das rätselvolle ags. Runenlied sagt: „Ing war zuerst bei den Ostdänen von den Menschen gesehen; später zog er ostwärts über die Flut;-sein Wagen rollte ihm nachDie Ostdänen wohnten in Schonen, auf Seeland war das Stammesheiligtum der Xerthus-völker, und der Wagen, den der Gott wie die Göttin bei ihrem Umzüge benutzten, das eigentümliche Symbol seines Kultus, drang mit ihm in die Fremde. Ing, der göttliche Ahnherr der Ingwäonen, ist also nur eine andere Bezeichnung für den urgerm. Tiwaz. Ing und Irmin, die mythischen Ahnherren der nach ihnen sich nennenden Völkerschaften, sind also verschiedene Beinamen des altgerm. Tiwaz.

Die Zeugnisse für die Verehrung des Tiwaz bei den Istwäonen, den späteren Franken, sind dürftig. Der Grund ist klar. Wir können beweisen, daß etwa um den Anfang unserer Zeitrechnung von den Germanen am Rheine die Wodanverehrung immer weiter dringt und der alte Himmelsgott entthront wird. Aber völlig verschwunden ist er auch in später Zeit noch nicht. So findet sich auch bei den Sachsen noch um 800 Saxnot neben Wodan. Im batavischen Aufstande (Hist. 464) schicken die Tencterer einen Abgeordneten, der in der Versammlung der Agrippinenser die trotzige Erklärung abgibt: ,,daß ihr zurucJcgeJcehrt seid in den Verband und zu dem Namen Germaniens, dafür sagen wir den gemeinsamen Göttern und dei‘ Götter Höchstem, Mars, d. i. Tius, J)anlcu. Aus den Worten geht hervor, daß der Tencterer einen Unterschied macht zwischen den Göttern, die ihnen mit den anderen Germanen gemeinsam sind, und dem obersten Gotte. Der oberste gemeingenn. Gott ist Tiwaz. Mithin* müssen die Tencterer eine Erscheinungsform des Gottes besonders verehrt haben, die sie von andern scheidet. — Den Kultus des Tiwaz bei den Rheinländern bezeugt Tacitus (Germ. 9):

„den Donar (Hercules) und Tius (Mars) besänftigen sie durch erlaubte Tieropfer .“

Das dritte Zeugnis steht vielleicht in der fränkischen Geschichte des Bischofs Gregorius von Tours (229). Als König Chlodovech der erste Sohn geboren war, wollte ihn seine christliche Gemahlin Chrodichilde taufen lassen. Sie drang deshalb unaufhörlich in ihren Gemahl und suchte ihm die Ohnmacht seiner Götter klarzulegen: „sie können sich und anderen nichts nützen, dieweil sie ein Gebilde aus Stein, Holz oder Erz sind . . . Mars und Mercurius, wieweit reicht ihre Macht? Zauberkünste mochten ihnen zu Gebote stehen, aber die Macht einer Gottheit hatten sie nimmer“.

Wenn auch der gelehrte Bischof an griechische und römische Götter denkt, so ist doch Mars und Mercurius eine wohlbekannte interpretatio für Tins und Wodan. Die Annahme scheint unabweisbar, daß im 6. Jhd. noch Tius neben Wodan als fränkischer Gott gilt.

Zu diesen historischen Zeugnissen treten inschriftliche. Auf 14 röm. Votivsteinen, die von germ. Gardereitem aus der Rheingegend in der Zeit von 118—141 ihren heimischen Göttern errichtet sind, steht 13mal Tius an erster, Wodan an letzter, Donar 8 mal an zweiter, lmal an dritterund 1 mal an erster Stelle. Ganz deutlich wird also dem Tius der Vorzug erwiesen. Auf einem Votivsteine ist dem Mars eine Victoria beigesellt, die zur Kriegsgöttin gewordene Gattin des Tius, Frija.

Zu diesen Zeugnissen kommen ebenso gewichtige indirekte. Wenn Ing und Irmin nur Beinamen des höchsten Gottes waren, so muß auch der dritte Name Istw diesem zukommen. Urgerm. Istwaz gehört zur Wurzel idh „brennen, flammen“, oder zu isi, „glänzen, leuchten“. Tiwaz Istwaz bedeutet also den „Flammenden“ — ein Name, der für den leuchtenden Himmelsund Sonnengott gut paßt.

Das germanische Lied also, das nach Tacitus in die grauste Vorzeit zurückreicht, berichtete von der gemeinsamen westgermanischen Verehrung des Himmels- und Jahresgottes Tiwaz. Verschieden waren die Beinamen, die sie ihrem höchsten Gotte beilegten, aber sie kamen alle der einen, der obersten Gottheit zu. Darum fühlten sich die Westgermanen als eng zusammengehörig, wenn sie auch in verschiedene Gruppen gespalten waren; leicht konnte daraus bei fremden Völkern die irrige Vorstellung entstehen, ihre göttlichen Ahnherrn seien Brüder gewesen. Die Bewohner des Binnenlandes nannten Tiwaz „den Großen, Erhabenen, Gewaltigen“ Ermnaz. Die an der Nord- und Ostseeküste wohnenden Stämme (Friesen, Langobarden, Sachsen, Angelsachsen) hießen ihn Ingwaz „den Gekommenen“ und dachten dabei an sein geheimnisvolles Erscheinen, mit dem der Segen des Lichtes und der Kultur verknüpft war. Istwaz „der Flammende“ war er den Rheinländern als der strahlende Himmelsgott. Aber gemeinsam war ihnen allen die Verehrung des Tiwaz als des Schützers in Krieg und Frieden, des Sonnen- und Himmelsgottes, des Spenders des Frühlings und Sommers.

Bei den ostgennanischen Nahanarvalen wird nach Tacitus (Germ. 43) besonders ein göttliches Zwillingspaar verehrt, die Dioskuren. Mag auch in geschichtlicher Zeit ihr Kultus den Mittelpunkt der Vandilier bilden, eine Verehrung der Söhne ohne den Vater ist unmöglich. Ursprünglich muß auch bei ihnen der Himmelsgott den ersten Rang innegehabt haben. Dafür spricht vielleicht noch die Bezeichnung des Stammes nach Tiwaz dem „Wanderer“ und der dem Tiwaz Eraz geweihte Ertag bei den Bayern. Daß dies auch für die Goten zutrifft, bezeugt Jordancs (Get. 540, 41). „So berühmt waren die Goten, daß man ehedem erzählte,- Mars (Tius), den der Trug der Dichter den Kriegsgott nennt, sei bei ihnen geboren. Diesen Mars verehrten die Goten mit einem grausamen Kultus — denn sein Opfer war der Tod der Kriegsgefangenen — in der Meinung, daß der Lenker der Schlachten billigerweise durch Menschenblut versöhnt werden müsse. Ihm wurden die Erstlinge der Beute gelobt, ihm wurden an Baumstämmen erbeutete Rüstungen aufgehängt; ihnen war eine ganz besondere Liebe zur Religion angeboren, da es so schien, wie wenn sie die göttliche Verehrung ihrem Stammvater erwiesen.“ Also auch den Goten ist Tius Himmelsgott, Herr des Krieges und Gründer des Volkes.

Die hohe Stellung des Tiwaz wird nicht erschüttert, wenn man die Stammesnamen Ingwäonen, Erminonen, Istwäonen nicht von den Beinamen des Tiwaz ableitet, sondern die Götternamen erst als durch Rückschluß aus diesen Stammesnamen gewonnen betrachtet: die Ingwäonen werden neuerdings als „die engen Freunde oder Verwandten“ erklärt, die Erminonen als „die Gesamten“ = dem spätem „Alamannen“, die Istwäonen als „die Echten“.

Bei allen Germanen ist der dritte Wochentag nach dem Himmelsgotte benannt. Der Name des Gottes im Genitiv ist bewahrt in ags. Tiwesdaeg, engl. Tuesday, an. Tyrdagr; ahd. Ziuwestag, kontrahiert Ziestag, mundartlich Ziüstig, kommt schon in alemannischen Urkunden des 11. Jhds. als Ciesdac vor. Der Name Ziustig unterscheidet den schwäbisch-alemannischen Volksstamm vom altbayerischen. Vom Böhmerwalde bis Welschtirol, vom Lech bis zur Rab wird der Dienstag Ertag (Erchtag) und Jrtag genannt, also nach einem Epitheton des Tiwaz. Nach alemannischer und burgundischer Satzung war der Dienstag der Tag für Dinggerichte. Nach seiner Eigenschaft als Leiter der Volksversammlung Dings, röm. germ. Thingsus wurde der dem Himmelsgotte geheiligte Tag, Tag des *langsaz, Things oder Thihs, auch auf sächsisch-fränkisch-friesrschem Boden Dingsdag genannt, wie noch heute im Holländischen.

In einem Blumennamen endlich lebt Tius als Jahresgott fort. An dem Ergrünen gewisser Bäume oder Zweige, an dem Erblühen der ersten Waldblume (Veilchen, Primel) nahm man die Wiederkehr des abwesenden Jahresgottes und seine Vermählung mit der Erdgöttin wahr. Zu den frühsten Anzeichen der Vegetation in unseren Wäldern gehört die Blüte von Daphne Mezereum, Zeidelbast, an. Tyvictr, ahd. Zigelinta, Ziolinta, Ziland, noch heute in Österreich neben Zeiland, Zillind, Zwilind. Sicherlich ist in diesem Namen eine Beziehung auf den im Frühling heimkehrenden Sonnen- und Jahresgott Tius, Ziu, zu erkennen. Die Pflanze, die zuerst dem Schosse der Erde entsproß, war seine Verkündigerin. Vielleicht legte der Priester beim großen Nerthusfeste (Germ. 40). das zu Ehren der Vermählung des Himmelsgottes mit der Mutter Erde gefeiert wurde, einen abgehauenen Zweig oder eine abgepflückte Blume auf den Wagen und bedeckte ihn ehrfurchtsvoll: das erste zarte Grün war ja das deutliche Zeichen dafür, daß die Göttin im Heiligtum gegenwärtig war.

Bei den Erminonen scheint der Gott als Heros in die Sage vom Untergange des thüringischen Reiches verflochten zu sein.

Der Thüringer König Irminfried liegt mit den Franken und ihren Bundesgenossen, den Sachsen, in Streit. Sein Ratgeber ist Iring (der wie Gold, Feuer oder Licht Glänzende?), ein kühner Mann, ein tapferer Degen, von kräftigem Geiste und scharfsinnigem Rate, beharrlich in seinen Unternehmungen, geeignet, andern seinen Willen einzureden. Durch diese Eigenschaften hatte er das Herz Irminfrieds an sich gefesselt. In der Schlacht bei Scheidungen an der Unstrut wird Irminfried besiegt. Die Sachsen errichten eine Siegessäule. So groß ist das Blutbad, daß die im Flusse aufgestauten Leichen eine Brücke für die vordringenden Sieger bilden. Irminfried aber, in dessen Person die Krone des Sieges lag, war mit seiner Gemahlin, seinen Söhnen und wenigen Getreuen entkommen.

Als die Gegner von seiner glücklichen Flucht vernommen haben, rufen sie ihn unter trügerischen Versprechungen zurück und überreden Iring, ihn zu ermorden: er soll dafür mit herrlichen Gaben beschenkt und mit großer Macht im Reiche betraut werden. Irminfried kehrt zurück und wiift sich dein feindlichen Könige zu Füßen. Iring aber, der wie ein königlicher Waffenträger mit entblößtem Schwerte daneben stand, tötete seinen knieenden Herrn. Da rief ihm der König zu: „Du, der durch solchen Frevel allen Menschen ein Abscheu geworden ist, sintemal du deinen Herrn getötet hast, sollst frei von dannen ziehen können, aber an deinem Verbrechen wollen wir weder Schuld noch Anteil haben.* „Mit Recht*, erwiderte Iring, „bin ich allen Mensehen ein Abscheu geworden, weil ich deinen Ränken gedient habe; bevor ich jedoch‘ von dannen gehe, will ich dies mein Verbrechen sühnen und meinen Herrn rächen.* Und wie er mit entblößtem Schwerte dastand, hieb er auch den König nieder, nahm den Leichnam seines Herrn und legte ihn über die Leiche des feindlichen Herrschers, damit der wenigstens im Tode siegte, der im Leben unterlegen; und er ging von dannen, mit dem Schwerte sich den Weg bahnend. „Und wir können nicht umhin*, schließt der Bericht, „uns zu verwundern, daß die Sage solche Bedeutung gewönnen hat, daß mit dem Namen Irings die sogenannte Milchstraße am Himmel noch heutigen Tages bezeichnet wird.1 (Widukind 1„—u; Quedlinb. Ann.; Rud. von Fulda; D. S. Nr. 545.).

So verliert sich der letzte historische König der Thüringer, der um 530 durcli den fränkischen Theodferich Leben und Herrschaft einbüßte, zuletzt im Mythus, indem er mit einem gleichnamigen göttlichen Wesen identifiziert wurde, .nach dem die Milchstraße bei den sächsischen Stämmen benannt war. Man kann vielleicht an einen Gestimmythus denken oder an den Lichtgott, der sich mit dem leuchtenden Sonnenschwerte in der Hand durch die dunkle Schar der Feinde den Weg bahnt, und nach dem das Volk seine himmlische Straße benennt. Das scheint auch. die altenglische Glosse: via secta = Iringes wec zu bezeugen. Doch will diese Tat am nächtlichen Himmel nicht recht zu dein natürlichen Hintergründe dos Gottes stimmen. Die Erklärung aber, das •Volk habe den Helden seiner Dichtung zti den Sternen erhoben, ist bedenklich euhemeristisch.

An die Milchstraße, Iringsweg, schließt sich schön der .Wagen des Himmelsgottes, der Irminswagen an, der in jeder -^ucht. den Polumkreist,. und nach dessen Stande man die nächtliche Zeit bestimmte. Die Vorstellung des Wagens ergab sich von selbst aus der Naturanschauung: vier Sterne entsprechen den* vier Rädern eines Wagens*‘ drei ändere der Weichsel. Dieses Sternbild, das in der nördlichen gemäßigten .Zone niemals vom -nächtlichen Himmel verschwindet,, war dör Wagen des Himmelsgottes Irmin Tius.. Noch bei Leibniz lebt das Gestirn des großen Bären als Irmines ‘Wägen fort.

Je mehr der Kampf das eigentliche Lebenselement der Germanen wurde, um so mehr mußte diese Seite hervortreten und einseitig weiter entwickelt werden. Der Krieg war dem Germanen nicht bloß Pflicht, der Krieg war seine höchste Lust. Im Kriege lag die ganze Idealität einer germanischen Existenz. Den Krieg verherrlichte ihm die Poesie, der Krieg wandelte ihm sein Haus, in dem die Gattin selbst zur mordenden Waffe griff, der Krieg wandelte ihm seine Religion, indem Jer den höchsten Gott zum kriegerischsten, den kriegerischsten Gott zum höchsten machte. So wurde das Schwert die Waffe des Himmelsgottes. Nach ihm nannten sich die Sachsen, Heruler, Cherusker, Suardonen. Mit dem Schwerte erkämpfte sich Iring den Weg durch die Schar der Feinde. Bei gezückten Schwertern, die sie wie Götter verehren, schwören die Quaden Eide (Ammian. Marc. 171Ä). Gotisch ist die Sage, daß Attila mit dem Schwerte des Mars (Tius) die Welt erobert (Jord. 35):

Als ein Hirte ein Kalb unter seiner Herde hinken sah, ohne den Grund einer so bedeutenden Verwundung finden zu können, folgte er ängstlich den Blutspuren und stieß zuletzt auf ein Schwert, auf das beim Abweiden des Grases das Kalb unvorsichtig getreten war; so findet auch der herangereifte Theseus das unter Felsen verborgene Schwert seines Vaters, mit dem er Wunder tut (vgl. auch Wade und Wieland, S. 124). Er grub es heraus und trug es alsbald zu Attila. Dieser freute sich über das Geschenk, und kühn, wie er war, meinte er, er sei zum Herrn der Welt bestimmt, und die Übermacht im Kriege sei ihm mit dem Schwerte des Mars verliehen (D. S. 880).

Die Volksüberlieferung hat diese uralte Vorstellung bis ins Mittelalter, selbst bis in die Zeit der Reformation bewahrt.

Noch Kaiser Heinrich IV. besaß 1071 ein kostbares Schwert, das er seinem Günstling Liupold von Mersburg (Mörsburg am Bodensee) gegeben hatte. Aber Liupold stürzte durch einen Unfall vom Pferde und gab, von seinem eigenen Schwerte durchbohrt, den Geist auf. „ Angemerkt aber ist, daß dieses das nämliche Schwert gewesen sei, womit der einst so weit berühmte Hunnenkönig Attila zur Vertilgung der Christen und zum Untergänge Galliens feindlich gewütet hatte* (Lamb. v. Hersfeld). Daß die Sage auf Heinrich IV. übertragen wurde, mag seinen Grund in seinen Kämpfen gegen die Kirche haben; ein anderer Zeitgenosse schrieb ihm geradezu Beobachtung heidnischer Gebräuche zu (S. 203). — Viel später soll Alba dieses Schwert nach der Schlacht bei Mühlberg „seltsam ausgegraben haben*, und „niemand weiß, wo er mit hingekommen.

Mit dem Schwure, zu sterben oder zu siegen, verbanden sich die Germanen vor der Schlacht und riefen dabei den Tius an. Mit der Hasel, die dem Gotte des Waffen- und Rechtsstreites, dem Tius Thingsus, heilig war, ward die Thingstätte, wie der Kampfplatz dem uralten Himmelsgotte geweiht, unter dessen Schutze Krieg und Frieden stund. Bei den abgelegten Waffen schwuren die Sachsen und Alemannen; aych die Franken bekräftigten, solange sie den Eid als christliches Sakrament nicht kannten, ihre Aussagen „auf ihre rechte Hand und ihre Waffen“ (Lex Sali ca).

Das in den Boden gesteckte Schwert bezeichnet die Besitzergreifung vom Lande. In Friesland wird bei Hochzeiten der Braut ein Schwert vorangetragen. In der Oberpfalz werden über den Brauttisch zwei Schwerter kreuzweise in die Diele gestossen. So wird das Sinnbild des Gottes ein Zeichen der Macht und Herrschaft, des Krieges und des Rechtes. Beim Begange der Landesgrenzen und der Grenzen eines Grundstückes, das in die Hände eines neuen Besitzers überging, wurden dem Ziu Opfer gebracht und sein Bild mit um die Grenzen getragen.

Dem Himmelsgotte zu Ehren, der das leuchtende Schwert führt, fand der Schwerttanz statt. „Die Art der germ. Schauspiele ist (im Gegensätze zu der Fülle von Spielen und Vorstellungen aller Art in Rom) nur eine und hei allen Vereinigungen die gleiche. Leicht helcleidete junge Männer, die das ergötzliche Spiel aufführen, tummeln sich in Sprüngen unter Schwertern und drohend auf sie gezückten Spießen. Die Übung hat es zur Gewandtheit, die Gewandtheit zur Anmut gebracht; aber nicht (wie die röm. Histrionen, Pantomimen und Gladiatoren) um des Erwerbes oder Lohnes willen: der Preis des so verwegenen Spiels ist das Ergötzen der Zuschauer“ (Germ. 24).

Wie überall in der Germania ist auch diese Schilderung im Gegensätze zur römischen Sitte entworfen. Die Germanen kannten nur eine Art des Schauspiels. Nicht gedungene Personen niedrigen Standes machten sich ein Gewerbe daraus, sondern junge Männer aus der Mitte des Volkes, von freiem Stande, führten das Spiel zur Kurzweil auf; ohne Oberkleid, mantellos, also nicht vollständig nackt, Schwerter oder Framen in den Händen schwingend, tummelten sie sich, indem sie die Waffen zückten und wie zum Angriffe richteten, darunter in Sprüngen umher. Die altgerm. Bezeichnung für Lied, Melodie und Tanz zusammen ist Leich; Spiel und Tanz wmrden nicht von -einander unterschieden. Was Tacitus beschreibt, fällt unter den Begriff des Leichs; SchwTertleich und Schaft- oder Gerleich war dafür eine passende Benennung, wenn nicht umschnallt, begannen den Kampf mit einem Liede, wobei der Führer den Spruch^tat. Erasmus findet diesen „Bauerntanz über die Schwerter“ lächerlich. Noch 1884 haben ihn die Bergknappen auf dem Dürenberg bei Hallein und in Berchtesgaden getanzt.

Auch in Ebensee, Salzkammergut, wurde am Fastnachtsdienstag 1894 ein Schwerttanz aufgeführt. Etwa 10—12 Männer, mit langen und wilden schwarzen Bärten, bekleidet mit weißer Hose mit roten Streifen, roter Weste, weißer Schärpe und weißem Gürtel, auf dem Kopfe eine rote Kappe, auf der Schulter ein blankes Schwert, kommen unter Vorantritt eines Trommlers und zweier Pfeifer daher marschiert. Ein Hanswurst begleitet sie. Nachdem die Gesellschaft die Anwesenden durch einen besonderen Spruch begrüßt, sich in zwei Reihen gegenübergestellt hat, beginnen sie einen Rundtanz. Dann schweigt die Musik, und der Anführer fordert jedes Mitglied der Reihe nach zum Kampfe heraus; der zuletzt Aufgerufene wird getroffen, fällt der Länge nach hin und stellt sich tot. Um ihn wieder zu beleben, gibt ihm der Narr einen tüchtigen Schlag mit seiner Pritsche.

Darauf beginnt beim Lärm der Musik der Schwerttanz von neuem, indem alle im Gänsemarsche im Kreise umher marschieren, und jeder die Schwertspitze des anderen mit einer Hand auf seiner Schulter festhält. Ohne dieselbe loszulassen, ordnen sie sich dann, einer nach dem andern, wieder in zwei Reihen, zwischen sich wie eine Schranke die Waffe, über die die folgenden hinwegsteigen ; diesen Augenblick vergegenwärtigt unser Bild (Fig. 9). Dabei wird die Kette der Hände und Degen keinen Augenblick unterbrochen. Wenn alle in zwei Reihen stehen, hüpft der Narr über die Schwerter hinweg. Dieser Tanz wiederholt sich einige Male. Dann umringen plötzlich die Tanzenden den Narren. Ein neuer Tanz beginnt, diesmal abwechselnd mit verschiedenen schwierigen Figuren, indem die Schwerter über den Köpfen halanziert werden etc. Dann kreuzen alle ihre Schwerter, begleiten das Waffengeklirr mit fröhlichen Hochrufen und marschieren dann, wie sie gekommen, mit der Musik an der Spitze, ab.

Das Fest der Vermählung Tius mit Frija läßt sich vielleicht bis in das Jahr 15 zurückverfolgen. Wie Germanicus im Jahre 14 die Marser überfiel, als sie nach glücklich ein-gebrachter Ernte dem Tius und der Tanfana ein Dankfest feierten, so benutzte er im folgenden Jahre gleichfalls die sorglose Zeit des deutschen Festfriedens zu einem Einfalle in das Land der Chatten. Er brach im Frühling auf, als eine .ungewöhnliche Dürre herrschte, und verbrannte ihre Hauptstadt Mattium (heute Madem bei Gudensberg). Dieses Frühlingsfest .wird dem Tius gegolten haben, dessen Verehrung bei den Chatten feststeht (Ami. 156).

Ausführlicher beschreibt Tacitus den Kultus des Allerhalters , Allumfassers Tiwaz Ertfmaz bei den Semnonen (Germ. 39).

„Als die ältesten und vornehmsten der Sueben (Erminonen) geben sie die Semnonen an. Die Glaubwürdigkeit des Alters wird durch den religiösen Gebrauch bestätigt. In einer bestimmten Zeit des Jahres kommen alle Völker desselben Blutes, durch Abgesandte vertreten, in einem Walde zusammen, der durch der Väter Weihedienst und altherkömmliche Scheu geheiligt ist: sie opfern von Staatswegen einen Menschen und begehen einen barbarischen Festkult, der aus den schaudervollen Urzeiten der Götterverehrung stammen muß. Aber noch eine andere Ehrfurchtsbezeugung widerfährt dem Haine; niemand darf ihn betreten, außer mit eitler Fessel gebunden, im Gefühle der Niedrigkeit und um auch äußerlich die überlegene Macht der Gottheit zu bezeugen. Wer zufällig hingefallen ist, darf sich nicht wieder erheben und aufrichten: sie wälzen sich auf dem Boden liegend heraus. Der ganze religiöse Gebrauch geht darauf hinaus, daß dort gleichsam die Wiege des Stammes gestanden habe und dort der allwaltende Gott wohne, dem das Übrige untertan und dienstbar seiu (D. S. 380).

Das Heiligtum der Erminonen lag in der Mark Brandenburg, zwischen der mittleren Oder und Elbe; Pfleger des Kultus waren die Semnonen. Ihr Name ist ein hieratischer und aus dem Kultus zu erklären: got *simnan heißt „sich fesseln, gefesselt sein“» ahd. semno, „das Fesselband“: die Semnonen sind also die „Gefesselten“, die nur mit gebundenen Händen den heiligen Hain betraten.

Die bestimmte Zeit des Jahres zu ermitteln, in der die Zusammenkunft der erminonischen Völker stattfindet, ist schwierig. Dürfte man die Überlieferung Widukinds von der Sieges- und Totenfeier der Sachsen nach der Schlacht bei Scheidungen heranziehen (S. 204), so fiele die Zeit des Festes auf den 1. Oktober. Zur Michaeliszeit wurde zugleich das Ernte- und Totenfest begangen. Demnach war Tiwaz nicht nur der Kriegsgott bei den Erminonen, sondern als Jahresgott auch Herr über Leben und Tod. Daher heißt er der „gewaltige“ Gott, dem alles in knechtischer Demut untertan ist. Daher wird ihm das sühnende und Unheil abwendende Menschenopfer dargebracht, daher-rührt auch jene tiefe Unterwürfigkeit, zu deren Bezeugung man nur gefesselt, wie sein Gefangener, sein Heiligtum betrat.

Die gewöhnlichste Fessel aber war im germanischen Altertum die Wide, ein aus Baumreisem, besonders Weidenreisern, gedrehter Strick. Vor dem Himmelsgott also, der zugleich Kriegsgott war, erschien man mit dieser Fessel. Nun erzählt Tacitus eine eigentümliche Sitte von den Chatten (Germ. 31): „ Was bei anderen Völkern nur ausnahmsweise vorkam, als ein Beweis des Mutes auf eigene Hand, das war bei den Chatten allgemeine Sille geworden; jeder junge Mann ließ Bart und Haare solange wachsen, bis er einen Feind erschlagen hatte; erst dann legte er die Tracht ab, die er dem Heldenmute geweiht und gepfändet hatte. Die Tapfersten aber legten, [offenbar um die Verpflichtung noch zu erhöhen, die ihnen schon die allgemeine Sitte auferlegte], außerdem noch einen eisernen Ring an (was als Schmach bei diesem Volke gilt) als eine Fessel, bis sie die Erlegung eines Feindes van ihr befreite. Sehr vielen von den Chatten gefällt sogar diese Tracht für immer; sie tragen das Abzeichen noch, wenn sie schon ei’graut sind, und werden dem Fremden wie dem Landsmanne voll Stolz gezeigt. Diese beginnen jede Schlacht, bilden stets das Vordertreffen, ein überraschende}‘ Anblick. Auch der Friede gibt ihnen kein milderes Aussehen. Keiner hat Hans oder Feld oder trägt Sorge für irgendwelchen Besitz. Wohin er kommt, findet er Unterhalt, reich lebend von fremdem, verachtend den eigenen Besitz. Erst die Altei’sschwäche zwingt sie, so rauhe)’ Ritterschaft zu entsagen.“

Tacitus sagt offenbar: dadurch, daß der rechte Held weder Haar und Bart noch den Ring ablegte, begab er sich für immer in den Dienst und in die Pflicht des Kriegsgottes. Nur das kann die Bedeutung des Ringes sein, mag man an ein Tragen des Ringes am Arme oder Halse denken. Wide und Ring gehörten also zum Kultus des obersten Gottes, sie deuteten symbolisch an, daß sich der einzelne Recke wie der ganze Stamm dem höchsten Gotte unterwarf und verpfändete.

Auch bei den Römern war der eiserne Ring ein Zeichen kriegerischer Tapferkeit, vielleicht weil er auch bei ihnen ursprünglich Abzeichen der Knechte des Kriegsgottes war, wie er später noch den Sklaven vom Herrn unterschied. Prometheus legte sich zuin Zeichen seiner Unterwürfigkeit unter die Herrschaft des Zeus außer dem Weidenzweig einen Ring an. Wenn wir nun auch in Deutschland Wide und Ring als Kultus desselben Gottes wiederfinden, dem Prometheus sich unterwarf, so reicht nicht nur der Name des höchsten deutschen Gottes, Tius, sondern auch sein Kultus in die idg. Urzeit zurück. Das hohe Alter des Kultus, das Tacitus so nachdrücklich hervorhebt, wird damit in ungeahnter, wunderbarer Weise bestätigt.

Menschenopfer fallen dem Tius zu Ehren bei den Erminonen wie bei den Hermunduren im Kampfe gegen die Chatten (Ann. 1357), vielleicht auch ihm, sicher seiner Gemahlin Nerthus, bei den Ingwäonen.

Ebenso weihten die Kimbern nach dem Siege bei Arausio das ganze Heer der Römer den Göttern, henkten alle Gefangenen, ertränkten die Rosse und vernichteten die ganze Beute, Waffen und Kostbarkeiten oder warfen sie in den Fluß (Orosius 5,a). Verbündete istwäonische und erminonische Stämme, die Tencterer, Chatten, Markomannen, Cherusker, Sueben und Sugambrer verbrennen vor Eröffnung des Feldzuges gegen Drusus zwanzig Centurionen wie ein Bundesopfer und hoffen dadurch zuversichtlich auf den Sieg (Florus IV, 12, § 21 f.): diese göttliche Weihe vor dem Siege kann niemand anders gelten wie dem Lenker der Schlacht Tius. Sicherlich ihm zu Ehren wurden auch nach der Niederlage des Varus die Tribunen und Centurionen erster Ordnung an den Altären hingeschlachtet, die Köpfe der Geopferten an Baumstämme geheftet; Bruchstücke von Waffen und Gliedmassen lagen noch umher, als Germanicus im Jahre 15 das Schlachtfeld aufsuchte (Ann. 181); vielleicht waren auch Pferde geopfeit. Als die Franken 539, wo sie schon Christen waren, aber an heidnischen Opfern und Losungen noch festhielten, die letzten Goten treulos überfielen, opferten sie an der Pobrücke die eingefangenen gotischen Kinder und Frauen als Erstlinge des Krieges und warfen ihre Leichname in den Fluß (Procop. b. g. 225). Die Sachsen wählen vor der Heimkehr von einem Raubzuge durchs Los den zehnten Teil der Gefangenen und töten diese in religiöser Handlung. (Apollinar. Sidon. Epist. 8, 6). — Zu dem Berichte des Tacitus (Ann. lai) stimmt der Brauch der Goten (Jord. 5): sie weihen dem Lenker der Schlachten Tius das Leben der Gefangenen und die ersten
Beutestücke: an den Baumstämmen seines Haines wurden die erbeuteten Waffen aufgehängt.

Aber auch eine mildere Auffassung findet sich. Tacitus sagt (Germ. 9): „den Tius besänftigen sie durch Schlachten von Tieren, die als Opfer zulässig waren“, d. h. deren Fleisch von den Menschen gegessen werden konnte. Bei der Allgemeinheit des tacit. Ausdrucks ist es unmöglich, an bestimmte Tiere zu denken, ob Pferde, Kinder, Schweine oder Geflügel gemeint seien. Wie man aus der nordischen Überlieferung schließen darf, waren die heiligen weißen, von keiner irdischen Dienstleistung entweihten Rosse, die in heiligen Wäldern und Hainen aufgezogen wurden, zum Dienste des Ilimmelsgottes bestimmt; wenn sie an den heiligen Wagen gespannt waren, begleitete sie einerseits der Priester mid anderseits bei monarchischen Stämmen der König; – wenn der Stamm keinen König hatte, der angesehenste Häuptling (Germ. 10). Aus dem Wiehern und Schnauben der weißen Rosse wurde geweissagt. Keine Weissagung sei heiliger, denn die Rosse seien in den Rat der Götter eingeweiht.

Auch Emteopfer wurden dem Jahresgotte Tius dargebracht. Das Kultzeugnis des Frühlingsgottes, der Maibaum, war das Ziel des Wettrennens bei dem großen Frühlingsfeste, und ein in Laub gekleideter Mensch wurde ihm, dem Regenspendenden, geopfert.

In der Entwickelung der Tiusverehrung lassen sich etwa folgende Perioden unterscheiden:

In der ältesten Zeit verehrten die Germanen als obersten Gott Tiwaz, den idg. Dieus, ind. Dyäus, gr. Zsvs, lat. Jüpiter.

In der zweiten Periode beginnt die Gestalt des Hhnmels-gottes zu erblassen. Zwar finden sich noch alte Kultverbände, Amphiktonien, zu seiner Verehrung zusammen, zwar ist des Gottes Name und Art noch in den allgemeinsten Umrissen zu erkennen, aber bereits erscheinen neben ihm Wodan und Donar als gleich mächtig. Bei den Ostgerraanen wird nicht mehr ausschließlich dem Himmelsgotte selbst, sondern seinen Söhnen, den göttlichen Dioskuren, Verehrung dargebracht.

In einer dritten Epoche (Zeit vor Tacitus) haben die Germanen keinen gemeinsamen höchsten Gott mehr. Jeder Stamm erhebt seinen Stammesgött auf die höchste Stelle. Wodan kommt bei den Istwäonen auf, der nächtliche Sturmgott wird Kriegsgott. Der Bauemgott Donar kann erst zu einer Zeit und bei Stämmen in die Höhe gekommen sein, wo friedliche Kultur herrschte.

Durch die enge Berührung der Germanen mit den Gallem und Römern (Zeit des Tacitus) erweitert sich das Machtgebiet Wodans: er wird Kulturgott, Erfinder der Künste und der Zauberei.

Wodan reißt die Herrschaft und die Gattin des Tiwaz an sich. Die Mythen vom Himmels- und Jahresgotte gehen auf den Windgott über. Alles, was des Deutschen Herz erhebt, wird ihm übertragen. Mit dieser neuen Kultur kommt er zu den andern Stämmen und wird fast überall der höchste Gott.

Als die Römer mit den Germanen zusammenstießen, war Tius sicherlich nicht mehr der unumschränkte Herrscher des Alls. Schon teilt sich Wodan mit ihm in die religiöse Herrschaft über Deutschland. Nur die Erminonen bewahrten noch zur Zeit des Tacitus am treusten den Gott und seinen Kult, bei allen andern Stämmen war er nur Kriegsgott oder neben andern Eigenschaften besonders Lenker der Schlacht geworden. Darum geben ihn die römischen Schriftsteller mit Mars, die griechischen mit Ares wieder.

Text aus dem Buch: Deutsche mythologie in gemeinverständlicher darstellung (1906), Author: Paul Herrmann.

Siehe auch:
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Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube
Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut
Deutsche Mythologie – Die Seele in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die Seele in Menschengestalt
Deutsche Mythologie – Der Aufenthaltsort der Seelen
Deutsche Mythologie – Der Seelenkultus
Deutsche Mythologie – Zauberei und Hexerei
Deutsche Mythologie – Der Maren- oder Alpglaube
Deutsche Mythologie – Schicksalsgeister
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