Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Foseti

Textübersetzung aus dem Kunstmuseum Hamburg

Fern von der Heimat hatten germanische Söldner der friesischen Heeresabteilung ihrem obersten Gotte Tius Thingsus, dem Befehlshaber und Vorsitzenden des in Heer und Thing versammelten Volkes, einen Weihstein gesetzt. Aber noch unter einem andern Namen, als Foseti, verehrten sie ihn daheim.

Ala der hl. Willibrord zwischen 690 und 714 sich auf der Missions-reise befand, kam er an der Grenze zwischen den Dänen und Friesen zu einer Insel, die nach dem Gotte Fosite, den sie verehren, von den Bewohnern Fositesland genannt wurde, weil auf ihr Heiligtümer dieses Gottes erbaut waren. Dieser Ort wurde von den Heiden mit solcher Verehrung betrachtet, daß keiner von ihnen etwas von dem Vieh, das dort weidete, oder von anderen Dingen zu berühren, noch auch aus der Quelle, die dort sprudelte, das Wasser anders denn schweigend zu schöpfen wagte. Dorthin wurde der Mann Gottes durch einen Sturm verschlagen und blieb einige Tage da, bis günstiges Wetter zur Fahrt wiederkehrte, nachdem der Sturm sich gelegt hatte. Er verachtete aber die törichte Scheu vor der Unantastbarkeit jenes Ortes und fürchtete nicht den wilden Sinn des Königs, der jeden Verletzer der Heiligtümer dem grausamsten Tode zu weihen pflegte, sondern taufte drei Menschen in jener Quelle und ließ von dem Vieh, das dort weidete, zu seinem Bedarfe schlachten. Als die Heiden das sahen, glaubten sie, daß sie entweder in Wahusinn verfallen oder durch plötzlichen Tod zugrunde gehen würden. Da sie aber sahen, daß ihnen nichts übles widerfuhr, ergriff sie Schreck und Staunen; sie berichteten jedoch dem Könige Radbod, was sie gesehen hatten.

Dieser geriet in große Wut gegen den Priester des lebendigen Gottes und gedachte die Beleidigungen seiner Götter zu rächen. Drei Tage lang warf er immer dreimal nach seiner Gewohnheit das Los; niemals aber konnte, da der wahre Gott die Seinigen verteidigte, das Los der Verdammten auf den Knecht Gottes oder auf einen der Seinigen fallen; nur einer von seinen Gefährten wurde durch das Los bezeichnet und mit dem Martyrium gekrönt. Radbod fürchtete Pippin, den fränkischen König und entließ den Bekehrer unverletzt (V. Willebrordi 10. 11).

Was Willebrord unausgeführt gelassen hatte, brachte einige Zeit nachher ein anderer Geistlicher zustande. Liudger war bemüht, den Strom der Lehre weiter zu verbreiten und fuhr etwa 785 nach einer kleinen, zwischen den Friesen und Dänen gelegenen Insel, die nach dem Namen ihres falschen Gottes Fosete Fosetesland heißt. Als er ihr schon nahe war, und, das Kreuz in der Hand, dem Herrn Bitt- und Dankgebete darbrachte, sahen die welche in demselben Schiffe waren, einen dichten, schwarzen Nebel von der Insel abziehen, nach dessen Abzüge sich große Heiterkeit über dieselbe verbreitete. Er zerstörte die Tempel des Fosete, die dort erbaut waren und taufte die Bewohner in der Quelle, die dort sprudelte, in welcher der heilige Willibrord früher drei Menschen getauft hatte, und aus der bis dahin kein Einwohner anders denn stillschweigend Wasser zu holen wagte (V. Liudgeri 22).

Die Insel nahm seitdem den Namen helegland, Helgoland an, den sie noch heute fortführt; den Bekehrern war daran gelegen, den auf der Stätte ruhenden Begriff der Heiligkeit für das Christentum zu erhalten. Noch im 11. Jhd. geht das Gerede, daß die Seeräuber, wenn sie auch nur die geringste Beute von der Insel geholt hätten, bald nachher durch Schiffbruch umgekommen oder im Kampfe erschlagen seien, noch keiner sei ungestraft vom Raubzuge heimgekehrt. Ja, sie brachten sogar den dort lebenden Eremiten mit großer Ehrfurcht den Zehnten ihrer Beute (Adam. Brem.).

Statt des handschriftlich entstellten Fosete, Fosite ist wahrscheinlich Forsete oder Forsite zu lesen. Die Heiligkeit der Insel wurde auch von den Nordmannen anerkannt; dem alten Gauheiligtum der Nordfriesen, das wie der Tempel der Nerthus von der Meeresflut umspült war, entlehnten sie den höchsten Gott der Amphiktyonie und behielten sogar den unnordischen Namen Forscti. Forsita, ahd. forasizo, ist der Vorsitzende, eine passende Benennung für den Gott, der dem Gerichte vorsitzt und alle Händel beilegt. Aus dem nordenglischen Votivsteine wissen wir, daß Tius der Vorsitzende der Gerichtsgemeinde war. Mithin ist Tius Thingsus und Tius Forsita dasselbe: der gewaltige Himmelsgott, unter dessen Schutz und Frieden das Volk tagt. Damm sind seine Tempel, die Quelle, – die dort weidenden Herden unverletzlich; darum fallen ihm, als dem höchsten Gotte, Menschenopfer. Damm herrscht noch im 11. Jhd. auf Forsitesland heiliger Frieden, den nicht einmal die Seeräuber zu verletzen wagen. Das Eiland erscheint wie das geheiligte Vorbild der Thingstätte, von der See umschlossen und eingehegt, wie jene von den heiligen Fäden, und unter den Bann der Unverletzlichkeit und des Schweigens gegeben, gleich der Mahlstatt.

Nach alter friesischer westerlauwer Sage hat der oberste Gott einst selbst sein Volk das friesische Recht gelehrt.

Karl der Große forderte die Friesen auf, zu ihm zu fahren und sich ihr Recht zu küren, das sie halten wollten. Da erwählten sie zwölf Asegen (Rechtsprecher, Schöffen) als ihre „Foerspreken“ (Vorsprecher) von den sieben Seelanden. Er befahl ihnen zu verkünden, was friesisches Recht sei. Sie aber begehrten Frist. Des dritten Tages hieß er sie wiederkommen. Sie beriefen sich auf die im friesischen Rechte gangbaren zwei Fristen und drei Nedskinen, d. i. Notscheine, Fälle echter Not, und erklärten auch am sechsten Tage sich außer stände. Da rief der König, sie hätten den Tod verwirkt, stellte ihnen aber die Wahl, ob man sie töten sollte, ob sie leibeigen werden wollten, oder ob man ihnen ein Schiff geben sollte, so fest und stark, daß es eine Ebbe und Flut möchte ausstehen, und das sonder Riem und Ruder und sonder Tau. Da erkoren sie das Schiff und fuhren aus mit der Ebbe so fern weg, daß sie kein Land mehr sehen konnten. Als ihnen leid zu Mute war, sprach einer von ihnen, der von Wydekens (Wittekinds) Geschlecht war, des ersten Asega: „Ich habe gehört, daß unser Herr Gott, da ef auf Erden war, zwölf Jünger hatte, und er selbst der dreizehnte war, und kam zu ihnen bei verschlossenen Türen, tröstete und lehrte sie; warum bitten wir nicht, daß er uns einen dreizehnten sende, der uns Recht lehre und zu Lande weise ?“ Sie fielen auf die Knie, beteten, und der dreizehnte, ihnen allen gleich, saß plötzlich im Schiffe am Steuer. Er hatte eine Achse (wohl eine Axt) oder ein gekrümmtes Holz auf der Achsel und ruderte das Schiff mit ihm zum Ufer. Da sie zu Land kamen, warf er die Achse auf das Land und warf einen Rasen auf, ein Stück Torf. Da entsprang eine Quelle Wassers, die den Durst aller stillte. Den Weg, den der Gott zu Lande nahm, nannte man Eeswey, die Stätte, wo sie sich niederließen, Axenthove. Der Dreizehnte lehrte die Zwölfe alles, was Rechtens sei, und war verschwunden, als er sie belehrt hatte. Die Zwölfe traten vor König Karl, der sie von den Wogen des Meeres verschlungen wähnte. Karl bestätigte, was sie als Recht verkündigten. So ist das friesische Recht entstanden (D. S. Nr. 445).

Wie der Ortsname Eeswey (answeg, Weg des Gottes) zeigt, ist Christus in dieser spätem Auffassung, deren Aufzeichnung nicht über das 14. Jhd. hinausgeht, an die Stelle eines german. Ans (fries. es) getreten. Der Gott, auf dessen Unterweisung die Kunde des Volksrechtes zurückgeführt wird, kann nur der höchste Gott der Friesen sein, Tius Thingsus oder Foseti. Seine Lehre verkünden die Gesetzsprecher, die Asegen, und hüten das gottgegebene Recht; sie sind Diener und Priester des Tius.

Auch der Born, der durch die von ihm geschleuderte Axt entspringt, führt auf den Herrscher des Himmels; seinem Rosse ist die Wunderkraft eigen, durch Aufschlagen des Hufes eine Quelle aus dem Boden zu stampfen. Auch sein Speer besitzt diese Kraft. Darum erfolgt die Unterweisung der Asegen auch an diesem Quell. Aus dem Wasser steigt der Nebel empor, und für das Inselklima ist der Nebel besonders charakteristisch. Die erwähnte Legende aus dem Leben Liudgers gewinnt so ihre volle Bedeutung, wenn wir annehmen, daß eine heidnische Volksvorstellung in christlichem Sinne verwendet sei. Beim Nahen der Priester verließ der Gott das Eiland, und man sah einen dunklen Nebel von der Insel fortziehen, in dessen Verhüllung der Gott vor den Christen verschwindet.

Text aus dem Buch: Deutsche mythologie in gemeinverständlicher darstellung (1906), Author: Paul Herrmann.

Siehe auch:
Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube
Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut
Deutsche Mythologie – Die Seele in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die Seele in Menschengestalt
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Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Tius

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