Deutsche Mythologie – Der Aufenthaltsort der Seelen

Textübersetzung aus dem Kunstmuseum Hamburg

Nachdem die Seele oder der Geist beim Tode den Körper verlassen hat, hält er sich in der Nähe des Grabes auf, wandelt auf der Erde oder fliegt in der Luft umher oder zieht in das eigentliche Geisterreich. Unter den Boden, unter die Schwelle grub man den Toten ein, um dem Hause einen Schutzgeist zu sichern. Der beliebteste Sammelplatz der Seelen ist der Altar des Hauses, d. h. der Herd, die uralte Begräbnisstelle. Norddeutsche Bauern erinnern sich noch, daß an den Ufern des sumpfigen Drörnling der Eintrittsort in das Land der abgeschiedenen Seelen war. Das Schauspiel der in die Unterwelt versinkenden Sonne rief den Glauben hervor, daß das Seelenheim im fernen Westen gelegen wäre. England, die Gegend des Sonnenunterganges, galt dem germanischen Altertum als das Land der Toten. Procop, der Geschichtsschreiber des gotischen Krieges, hat im 6. Jhd. einen ausführlichen Bericht aufgezeichnet (IV, 20):

An der Küste, die Britannien gegenüberliegt, befindet sich eine große Anzahl von Dörfern, deren Bewohner von Fischfang, Ackerbau und Schifffahrt nach Britannien leben. Sie sind den Franken untertan, zahlen aber keinen Tribut, da sie von alters her die beschwerliche Pflicht haben, abwechselnd die Seelen der Verstorbenen Überzusetzen. Vor Mitternacht merken sie, wie es an ihre Türen klopft, und hören die Stimme eines Unsichtbaren, der sie an die Arbeit ruft. Sogleich stehen sie auf, ohne sich zu besinnen, und begeben sich an den Strand, durch eine unbekannte Gewalt angetrieben. Dort finden sie Kähne vor, zur Abfahrt bereit, aber ganz menschenleer. Es sind das nicht ihre eigenen, sondern fremde Fahrzeuge. Sie steigen hinein und greifen zu den Rudern. Dann fühlen sie, wie die Schiffe durch die Menge der Mitfahrenden so schwer belastet werden, daß sie bis an die Deckbalken und die Rudereinschnitte im Wasser liegen und kaum einen Finger breit daraus hervorragen; aber zu sehen ist niemand. In einer Stunde schon sind sie am anderen Ufer, während ihre eigenen Boote die Überfahrt nicht unter einer Nacht und einem Tage machen. Am jenseitigen Strande entleert sich das Schiff und wird so leicht, daß nur noch der Ifiel die Wellen berührt. Sie sehen niemand auf der Reise, niemand bei der Landung, aber hören eine Stimme, die von jedem neu Ankommenden Namen, Stand und Herkunft ausruft; bei Frauen wird der Name dessen ausgerufen, dem sie im Leben angehörten. — Bis ins 13. Jhd. war die Erinnerung an ein britannisches Totenreich in Deutschland lebendig.

Deutsche Sagen wiederholen noch heute das Thema, wie die Mare aus Engeland über das Meer herüberkomme; da hört die von Heimweh Erfüllte von England her die Glocken klingen, noch einmal will sie ihre Mutter sehen, sie schmeichelt dem Manne den Urlaub ab und verschwindet, oft mit dem Rufe: „wie klingen die Glocken in Engeland“. Da aber die Seelen des heidnischen Volksglaubens in christlicher Zeit häufig in Engel übergingen, ist es nicht ausgeschlossen, daß das himmlische Totenreich als Engelland bezeichnet wurde.

Eine besonders von den Seelen heimgesuchte Stelle sind, wie bei den Indern, Griechen und Römern, auch die Kreuzwege, vermutlich alte verlassene Begräbnisplätze. Sie sind daher der Sitz des mannigfachsten Zaubers. Schon Eligius verbietet das Lichtanzünden an Kreuzwegen.

Floh der Lebenshauch aus dem erstarrten Körper, so schwebte er in die Luft empor, und die Seele flog mit dem wütenden Heere einher. War der Sturm als die Vereinigung von Seelen gedacht, so mußte den Geistern, während der Wind ruhte, ein bestimmter Ruheort zugeschrieben werden. Aus den Bergen bricht der Wind hervor, im Berge verweilte der Windgott Wodan, so wurden die Berge zum Seelenheim. Der Indiculus verbietet die Opfer auf Steinen, Felsen und Bergen; denn in Bergen und Höhlen hausten die Seelen der Verstorbenen und kamen zu bestimmten Zeiten daraus hervor. Der Rattenfänger von Hameln lockt die Seelen der Kinder zu den Unterirdischen in den Koppenberg. In den Venus- und Hollenbergen verschwindet die wilde Jagd, und oft hört man das Heulen und Wimmern der Seelen aus dem Berge. Bei Worms wurde einst einige Tage hindurch eine große bewaffnete Menge von Rittern gesellen, die aus einem Berge herauszog und wieder dorthin zurückkehrte. Endlich näherte sich einer von den Bewohnern ängstlich dem Heere und redete einen daraus an. Da ward ihm die Antwort:

„Wir sind nicht, wie ihr glaubt, bloße Einbildungen, noch eine Schar Soldaten, sondern die Geister der verstorbenen Ritter.“

Auch ein Graf, der vor wenigen Jahren getötet war (1117), wurde in dem gespenstischen Zuge wahrgenommen. Im Münchener Nachtsegen werden allerlei biblische Stellen zitiert, um die Schwarzen und Weißen, die die Guten heißen, d. h. die alten Hausgeister abzuwehren; denn auch sie können schaden, wenn sie erzürnt sind. Zwar sind sie nach dem Blocksberg ausgewandert uud haben dort ihren ständigen Sitz; aber sie sind beleidigt und gekränkt dem Christentum gewichen, d. h. nach der Anschauung des Volkes in den Berg entrückt; und wenn sie des Nachts zum Hause zurückkehren, muß der im Bette liegende Schläfer ihren Zorn fürchten und versuchen, ihren feindlichen Einfluß abzuwehren.

In den Bergen ist auch der Wohnsitz der Lieblinge der deutschen Volksdichtung. Karl der Grosse ruht im Desemberge bei Paderborn oder im Unterberge bei Salzburg, Heinrich der Erste im Sudemerberge bei Goslar. Der im els&ssischen Bergschlosse Geroldseck (richtiger: in dem Wasserschlosse Geroldseck an der Saar) hausende Siegfried ist von dem Dichter Moscherosch (f 1669) erfunden, ebenso das Fortleben des Ariovist, Hermann und Widukind im Hügel Babilonie in Westfalen (D. S. Nr. 21). Nach dieser Vorlage hat dann unser Jahrhundert weiter gearbeitet; im Fichtelgebirge weilt Erzherzog Karl von Österreich, in der Sarner Scharte oder im Iffinger lebt Andreas Hofer fort und wird einst wieder erscheinen.

Obwohl die Darstellung auf das wütende Heer bei Wodan zurückkommen wird, sei doch schon bemerkt, daß es noch im 13. Jhd., im Münchener Nachtsegen, Wütanes her genannt wird. Wütendes Heer ist also entstellt aus Wutens-heer = Heer des Wuotan. Der Nacht- und Windgott ist in ältester Zeit bereits mit den im Sturme einherfahrenden Seelen in Verbindung gebracht und das Toteuheer nach dem Führer benannt. Der nächtliche Schrecken des wilden Heeres wird noch durch die Begleitung anderer entfesselter Naturgewalten gesteigert, durch den aus schwarzen Gewitterwolken hervorleuchtenden Blitz. Glözan und Lodevan, Wütan und Wütanes her werden im Münchener Nachtsegen abgewehrt: ihr sollt von hinnen gehn 1 Glö-zan. Feuerzahn, (mhd. gelohe Flamme, ahd. mhd. zan Zahn) soll der Blitz sein; Lode-van (mhd. lode Zotte, ahd. ludo zottige Decke) soll Zottelfahne bedeuten, und unter der zottigen Fahne sei die Wolke zu verstehen; wahrscheinlich aber sind Gloczan und Lodowan slavische Namen. In demselben Segen werden Herbrot und Herebrant aufgefordert, in ein anderes Land auszufahren. Auch diese beiden Namen, wovon Herbracht in einer oberdeutschen Beschwörung als ein den Augen feindlicher Krankheitsdämon, und Heribrand in westfälischem Aberglauben als Feuerdrache, in Mecklenburg als Herddämon wiederkehrt, den ein geweihter Kesselhaken vertreibt, scheinen mit dem wilden Heere zusammen zu hängen. Sie sind kaum die bekannten Heroennamen Hildebrand und Hadubrand, auf mythische Geister übertragen. Herbrot ist der im Gebälk des Hauses wohnende und auf Plünderung ausziehende Hausgeist und vergleicht sich dem bekannteren Ausdruck Heerwisch. Wird von einem Baume, der „Feuer in sich birgt“, d. h. den der Blitz versehrt hat, ein Balken zum Bau verwendet, so brennt das Haus ab. Wenn der Herbrand in ein Haus fällt, so brennt dieses nach sieben Jahren ab. Vielleicht ist Herbrot das Femininum dazu. Neuerdings erklärt man etwas gekünstelt Herbrant als die Brandstiftungen des einbrechenden feindlichen Heeres, und Herebrort als die Vorhut, die nächtlicherweile verheerend einfällt, sieht also in den Namen nur poetische, nicht mythische Beziehungen.

Text aus dem Buch: Deutsche mythologie in gemeinverständlicher darstellung (1906), Author: Paul Herrmann.

Siehe auch:
Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube
Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut
Deutsche Mythologie – Die Seele in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die Seele in Menschengestalt

Kunst & Buchübersetzungen aus dem Kunstmuseum Hamburg:

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