Die Besiedlung des östlichen Südamerika, mit besonderer Berücksichtigung des Deutschtums

Buchübersetzung aus dem Kunstmuseum Hamburg

Während die Vereinigten Staaten von Nordamerika schon seit langer Zeit dem gebildeten Deutschen so bekannt sind, dass kaum etwas Neues über ihre politische und wirtschaftliche Lage vorgebracht werden kann, erstreckt sich die Kenntnis Südamerikas in unserem Volke nur auf einen sehr beschränkten Kreis.

Hauptsächlich sind es zwei Länder des östlichen Südamerika Brasilien und Argentinien, welche durch einen regeren Verkehr mit der alten Welt in nahen Beziehungen seit langer Zeit gestanden haben. Die übrigen Länder der Südhälfte der neuen Welt haben eigentlich nur bei politischen Aktionen im öffentlichen Interesse gestanden.

Argentinien hat in der gewöhnlichen Anschauung unseres Volkes keine sonderlich glänzende Stellung. Nachdem durch die finanzielle Misswirtschaft einzelner politischer Persönlichkeiten auch deutsche, besonders in Buenos-Ayres angelegte Werte verloren gingen, hat man sich gewöhnt, das Kind mit dem Bade auszuschütten, und geglaubt, alles, was auf Argentinien Bezug hat, von vornherein mit mißtrauischen Augen betrachten zu, müssen. England und Frankreich haben es dazu nie versäumt, durch geschickte Pressnachrichten die finanzielle Lage Argentiniens so hinzustcllen, daß etwaige neue Unternehmungslust deutscher . Kapitalisten für dieses Land lahm gelegt wurde. John Bull hat sich natürlich nicht die Gelegenheit entgehen assen, seine eigenen Kapitalien besonders in Eisenbahnwerten und landwirtschaftlichen Großbetrieben mit gutem Erfolg arbeiten zu lassen. Der Deutsche kommt in Argentinien zu spät. Er hat ohnehin in diesem Lande mit einer viel größeren Konkurrenz anderer europäischer Abkömmlinge zu rechnen, besonders mit den Italienern in Landwirtschaft und Kleinhandel und Engländern im großen kommerziellen Leben. Neuerdings beginnt zwar unsere Reederei auch denjenigen Punkten Argentiniens grösseren Wert beizulegen, von deren Existenz und wirtschaftlicher Bedeutung wir früher kaum einen Begriff hatten. So läßt die Hamburg-Amerika-Linie seit zwei Jahren das zukunftsreiche Bahia Bianca regelmäßig von ihren Dampfern anlaufen, um die bedeutenden Frachten an Wolle und Weizen nicht ausschließlich wie bisher den Liverpooler Dampferlinien zu gute kommen zu lassen. Auch im Großhandel der Stadt Buenos Ayres nehmen deutsche Firmen immerhin einen beachtenswerten Rang ein, und kulturell stehen die Deutschen auf einer äußerst hohen Stufe. Die deutschen Schul- und Kirchengemeinden am La Plata sind die entwickeltsten in Südamerika.

Bedeutend wichtiger und einflußreicher auf die gesamte Entwicklung des Landes ist die Stellung der Deutschen in Brasilien. Über kein Land ist die öffentliche Meinung Europas so lange im Unklaren gewesen, als über dieses riesige Gebiet, das mit seinem Flächeninhalt geradezu in einem lächerlichen Verhältnis zur Zahl seiner Bewohner steht. Auf einem Gebiet von 8 1/2 Mill. Quadratkilometern sind höchstens 18 Millionen Einwohner vorhanden. Dabei ist das Land fähig, jede Produktion selbst zu bewerkstelligen, vorausgesetzt, daß die nötige menschliche Intelligenz und Arbeitskraft ihm geliefert wird. Diese hat ihm leider jahrhundertelang gefehlt. Man hatte sich, durch das böse Beispiel der Portugiesen veranlaßt, gewöhnt, in Brasilien nur ein Land zu erblicken, in welchem durch schnelle Ausbeute mineralischer Schätze oder durch ungeheure Ernten tropischer Kultur-Erzeugnisse schnell Reichtum erworben würde. Bei dem geringen Verkehr, den die europäischen Länder außer Portugal mit Brasilien jahrhundertelang hatten, war es kein Wunder, wenn die Wahrheit lange verborgen blieb. Brasilien besitzt zwar mineralische Schätze jeder Art, und sein unerschöpflicher Boden ist auch heute noch fähig, jede wertvolle Tropenkultur in lohnendster Weise hervorzubringen, aber die Bedeutung des Landes für die Zukunft ruht nicht in dieser planlosen Ausbeutung vorhandener oder leicht Gewinn tragender Schätze, Sondern in der Möglichkeit, vielen ‚lausenden fleißiger Ansiedler Grund und Boden zu gewähren, auf dem sie friedlich im Schatten ihres Weinstockes und Feigenbaumes wohnen können Die nächste Folge einer solchen Zufuhr von fleißigen Klein-bauern, welche nichts von den großen Lebensansprüchen und großen Transaktionen der Pflanzer-Aristokratie wissen, aber ein äußerst kaufkräftiges Publikum bilden würden, war auch ein bedeutender Aufschwung der Industrie des Landes.

Diesen Fortschritt hat Portugal bewußtermaßen jahrhundertelang verhindert. Es lag nicht in der Absicht der Portugiesen, ihrer großen Kolonie, die ihnen mühelos in den Schoß gefallen war, die wirtschaftliche Selbständigkeit zu geben, welche Teile des englischen und französischen Kolonialreiches lange besaßen. Ein Merkmal dieser engherzigen Politik des Kabinetts zu Lissabon waren die verschiedenen Verbote, welche jegliche Betätigung der Kleinkulturen, der Industrie und des selbständigen Handels mit außerportugiesischen Ländern lahm legten. Eine vollständige Umwandlung in dieser Kolonialpolitik brachte mittelbar Napoleon I. Mit der Flucht Johanns VI. beginnt die Periode der Selbständigkeit Brasiliens. Der Abfall der Kolonie von dem Mutterlande war nur die Folge der Abneigung, welche sich in allen Kreisen Brasiliens seit Jahrhunderten gegen das engherzige Regiment am Tejo aufgespeichert hatte. Nach den Vorgängen in den spanischen Kolonieen war es geradezu wunderbar, daß die Monarchie überhaupt nach der Lossagung Brasiliens von Portugal bestehen blieb. Die Monarchie an sich hat nie Wurzeln gehabt in einem Volke, das eigentlich nie ein Volk in unserem Sinne gewesen ist. Die Portugiesen haben von vornherein ihre kolonisatorische Rolle den Eingeborenen gegenüber genau so aufgefaßt, wie die Spanier. Die ursprünglichen Söhne des Landes wurden ausgerottet, so gut cs ging, weil ihre physische Kraft nicht ausreichte zur Plantagcnarbeit, und an Stelle der Indianer traten bald Neger und Mischlinge zwischen diesen, Weiße und Indianer in allen Spielarten. Von einem blutsverwandten Ganzen, das man nach der alten Schule als Volk zu bezeichnen gewöhnt ist, konnte also für Brasilien nicht die Rede sein. Wenn nach dem Vorgänge von Ernest Renan und Alfred Kirchhoff eine Nation die Darstellung eines Volkes unter dem Zwange einer großen Idee bildet, so fehlte auch diese Vorbedingung für Brasilien, da außer dem nackten Egoismus verschiedener Klassen und Stände niemals eine einheitliche großpolitische Idee sich Bahn gebrochen hat. Selbst die letzte Revolution war nur Parteimache, und auch der republikanische Gedanke ist nicht etwa eine Natur-Notwendigkeit gewesen, sondern höchstens das Programm, welches Gültigkeit erlangte, weil man eben nichts Besseres für die Nation hatte, ln diese Massen verschiedenrassiger Menschen, bisher fast nur von lusitanischem Blute durchsetzt, kamen nun die Deutschen als Siedler. Es ist ein Verdienst des Statistikers Freiherrn von Reden, schon sehr früh auf die Bedeutung Südamerikas, besonders der La Plata-Länder, für die deutsche Auswanderung hingewiesen zu haben, ln den Kreisen Deutschlands, welche mit Schmerzen das schnelle Aufgehen unserer Emigranten im nordamerikanischen Anglizismus sahen, und welche in den auswandernden Bauern und Handwerkern der Heimat ganz richtig schon den furchtbaren Konkurrenten der Zukunft für unsere Industrie und Landwirtschaft ahnten, war man lange mit dem Gedanken umgegangen, Mittel und Wege zu fihden, unsere Auswanderung in einem festen Zusammenhang mit der Heimat zu erhalten und ihren zukünftigen Aufschwung unseren heimischen Märkten dienstbar zu bewahren. Daß die mittellosen Siedler, welche sich seit dem Jahre 1820 auf die Reise nach Südamerika machten, den mit großen Kapitalien und Scharen von Sklaven arbeitendnn Pflanzern in Bahia und Pernambuko und Santo Paulo keine Konkurrenz machen konnten, war von vornherein klar. Man hatte aber selbst in dem Kreise der Auswanderungsfreunde Deutschlands nach dem Süden nicht geglaubt, daß gerade Südbrasilien in so hervorragendem Maße geeignet sein würde, unseren Landsleuten eine zweite Heimat zu werden, wie es tatsächlich der Fall wurde. Zwar haben auch die deutschen Kolonieen Argentiniens eine sehr erfreuliche Entwicklung genommen, aber sie haben nicht den Vorrang vor anderen Nationalitäten auf demselben Boden in so abstechendem Maße zu erhalten gewußt, wie gerade in Südbrasilien. Paraguay ist ganz auszuschalten, weil vor dem Regiment des Lopez an keine planmäßige Einwanderung zu denken war und nach den Paraguay-Krisen und dem Sturze des Diktators das Land einen so langen wirtschaftlichen Stillstand zu überdauern gehabt hat, daß cs für den auswanderungslustigen Deutschen nichts Verlockendes bot. Versuche, welche Paraguay als Siedlungsland ins Auge faßten, haben keine nennenswerten Erfolge gezeitigt, und Leipziger Kapitalistenkreise schauen auf einen großen Mißerfolg zurück. Ob die neuesten Versuche, welche wiederum auf dem Boden des alten Jesuiten-Freistaates gemacht worden sind, dauerndes Leben beweisen werden, ist erst abzuwarten. Ganz anders liegt die Sache in Südbrasilien. Von einem heftigen Mitbewerb anderer europäischer Ansiedler ist bis zum Jahre 1859 für die Deutschen kaum die Rede gewesen. Erst nachdem auf die Weisheit eines Gesandtschafts-Organes hin das Reskript von der Heydt für Preußen die Auswanderung nach Brasilien unterband, begann man den bereits ansässigen Deutschen einen Wettbewerb fremden Blutes beizugesellen.

Text aus dem Buch: Die Besiedlung des östlichen Südamerika, mit besonderer Berücksichtigung des Deutschtums (1903), Author: Funke, Alfred.

Buchübersetzung aus dem Kunstmuseum Hamburg

Die einzelnen Buchkapitel:
Die Besiedlung des östlichen Südamerika, mit besonderer Berücksichtigung des Deutschtums – Vorwort
Die Besiedlung des östlichen Südamerika, mit besonderer Berücksichtigung des Deutschtums – I. Portugal
Die Besiedlung des östlichen Südamerika, mit besonderer Berücksichtigung des Deutschtums – II. Spanien
Die Besiedlung des östlichen Südamerika, mit besonderer Berücksichtigung des Deutschtums – III. Das Deutschtum Brasiliens
Die Zukunft der deutschen Beziehungen zu Brasilien

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5 Gedanken zu „Die Besiedlung des östlichen Südamerika, mit besonderer Berücksichtigung des Deutschtums

    1. Man kann das nicht alles auf die Schnelle lesen, aber es ist gut zu wissen wo es das zu lesen gibt. Also weitermachen. Vielleicht den Textteil hier bei Hensel kürzer machen, zu richtigen Lesen muß man eh „ins Museum“.

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