Deutschland im 18. Jahrhundert – Das Militär

Textübersetzung aus dem Kunstmuseum Hamburg

Fürs Vaterland zu sterben
Wünscht mancher sich;
Zehntausend Taler erben,
Das wünsch’ ich mich.
Das Vaterland ist undankbar,
Und dafür sterben?
O, du Narr!

Die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts ist die Zeit, in der die stehenden Heere aufkommen, das 18. Jahrundert die, in der sie sich entwickeln.

Sie kamen mit dem Absolutismus als politischer Doktrin, denn sie waren das Element der Macht, auf das er sich stützen mußte, wollte er sich durchsetzen, aber sie haben sein Absterben überlebt. Da das Deutsche Reich nicht absolut regiert wurde, so besaß es auch nur die Bruchstücke einer Armee. Im Jahre 1681 hatte der Reichstagbeschlossen, eine Armee von 40000 Mann dauernd unter den Fahnen zu halten, und zwar 28000 Mann Infanterie und 12000 Mann Kavallerie.

Diese Anzahl hieß das Simplum, 1702 wollte man es verdoppeln und später sprach man sogar davon, es zu verdreifachen; die Abneigung des Kaisers, der fürchtete, diese Truppen möchten bei Gelegenheit gegen ihn verwendet werden, hat das aber stets verhindert. Jeder Reichsstand hatte, der Kopfzahl seines Territoriums entsprechend, sein Kontingent zu stellen, die kreisweise zu Regimentern zusammengezogen wurden. Wie bei allen Angelegenheiten, die von Reichswegen gemeinsam unternommen werden sollten, ging es auch hier, das Beste blieb auf dem Papier.

Die größeren Länder wollten ihre Leute nicht hergeben, die kleineren das Geld sparen, und da in allen Fällen, in denen das Auftreten einer Reichsarmee notwendig gewesen wäre, die Stände von dem Mißtrauen erfüllt waren, der Kaiser werde sich der Reichsarmee doch nur zur Erreichung seiner Privatzwecke bedienen, so hielt jeder mit seiner Leistung zurück, selbst das Simplum wurde nicht erreicht, und die Reichsarmee hat in Wirklichkeit wohl niemals mehr als 20000 Mann gezählt. Die Beschaffenheit der Truppen kennzeichnet am besten die Tatsache, daß die Regimenter aus den verschiedensten Kontingenten bestanden, so stellte Biberach z. B. mit Nördlingen zusammen eine Kompagnie von 175 Mann zum Regiment Wolfegg; Nördlingen durfte den Hauptmann ernennen, während Biberach das Recht hatte, den Oberleutnant und den Feldwebel zu nominieren. Entsprechend der gegenseitigen Eifersucht, die die kleinen Reichsstände beseelte, befanden sich gewöhnlich so viel feindliche Parteien bei einem Regiment als verschiedene Kontingente dazu gehörten, so daß von Gemeingeist der Truppe gar keine Rede war. Nimmt man dazu die Verschiedenheit der Uniformierung und Bewaftnung, die Unterschiede m Sold und Verpflegung, so erhält man ein Bild von der Reichsarmee, das den Spott nur allzusehr rechtfertigt, den die Zeitgenossen auf sie gehäuft haben. Buntscheckig in ihrer äußeren Erscheinung, schlecht bewaffnet, … bei Roßbacli sollen von 100 Flinten keine 20 losgegangen sein ..mangelhaft aus-gebildet —, die Formierung des Reichsheeres begann erst, wenn ein Krieg schon beschlossen war —, besaß diese Truppe wirklich alle jene Eigenschaften, die J. J. Moser zu seinem berühmten Ausspruch veranlaßte: „Die bei einem Reichskrieg und bei einer Reichsarmee sich äußernden Gebrechen sind so groß, auch viel und mancherlei, daß man, solange das deutsche Reich in seiner jetztigen Verfassung bleibt, demselben auf ewig verbieten sollte, einen Reichskrieg zu führen.“ An eine Reform war unter den obwaltenden Umständen nicht zu denken, und die Ideen des Prinzen Eugen, der den Deutschen als Soldaten hochschätzte, eine andere Reichskriegsverfassung einzuführen, die mit einem Landsturm von 200000 Mann gerechnet hätte, zu jener Zeit unausführbar. Wenn das Volk nach der Schlacht bei Roßbach sang:

„Und kommt der Große Friederich

Und klopft nur auf die Hosen,

So läuft die ganze Reichsarmee,

Panduren und Franzosen“,

so fiel dieser Hohn auf alle Angehörigen dieses Heeres zurück und wurde von ihnen auch mit Bitterkeit durchaus so empfunden. „Man ist anderswo doch nur ein halber Soldat und hat keine Ehre davon,“ beklagte sich einmal ein ehemaliger preußischer Soldat, der desertiert war und den Riesbeck in Diensten eines geistlichen Fürsten sprach. Das blieb so bis zum Untergang des Reiches, und noch Lauckhardt, der am Rhein nach dem unglücklichen Feldzug gegen Frankreich auf Reichstruppen stieß, erzählt ähnliche Beobachtungen.

Mit Sicherheit konnte der Kaiser nur auf die Armee zählen, die er in seinen Erblanden hielt. 1718 kostete die österreichische Armee im Frieden bereits 23 Millionen fl.; sie sollte 100000 Mann und 30000 Pferde zählen, aber sie teilte mit der Reichsarmee das Schicksal, daß der Effektiyjbestand weit geringer war und 6S0C0 Mann kaum überstieg. Sie besaß noch eine andere Ähnlichkeit mit dem Reichsheer, daß nämlich die Soldaten je nach dem Lande, dem sie angehörten, verschieden ausgebildet waren. An ihrer Spitze stand nicht der Kaiser persönlich, sondern der Hofkriegsrat, der gewöhnlich nicht gegen den Feind, sondern gegen die eigene Generalität kämpfte. Prinz Eugen von Savoyen hatten seinen erbittertsten Feind in dem Hofkriegsrats-Präsidenten Fürsten Mannsfeld, und nachdem dieser 1715 gestorben war, in dem Nachfolger, Grafen Starhemberg. Dieser Hofkriegsrat, der in Wien seinen Amtssitz hatte, besaß die erstaunlichsten Vollmachten. So wurde in der Instruktion, die er dem Generalteldmarschall von Seckendorff ins Feld mitgab, „ihm ausdrücklich eingebunden, daß wenn er eine Belagerung oder einen Hauptmarsch tun wolle, er vorher das Parere des gehaltenen Kriegsrats nach Wien einschicken und dessen Approbation gewärtigen solle; wenn er aber Glück zu haben hoffe, so dürfe er ohne Rückfrage vorgehen.“ Daß Prinz Eugen mit dieser Armee und dem alles hindernden Hofkriegsrat doch die Taten ausführen konnte, die seinen Ruhm ausmachen, läßt sie in der Tat noch größer erscheinen als sie ohnehin sind, aber es erklärt auch, daß seine Nachfolger in dem unglücklichen Türkenkrieg von 1736—39 alle Errungenschaften des Friedens von Passarowitz wieder einbüßten! Die Generale von Seckendorff, Wallis, Neipperg, Schinettau waren unter Beihilfe des Hofkriegsrats immer damit beschäftigt, gegeneinander zu intrigieren, weil keiner dem andern einen Erfolg gegen den Feind gönnte, sie hielten sich gegenseitig die Depeschen vor und vernachlässigten die Armee, bei der die Soldaten schlecht genährt und noch schlechter gekleidet wurden. J. J. Moser erzählt, daß die Ausrüstung der k. k. Truppen so mangelhaft war, daß die Mannschaften, wenn sie in den Garnisonen Mantua und Ostende auf Wache zogen, die Schuhe voneinander entlehnen mußten, weil nicht für alle solche vorhanden waren. Uniform war eben erst eingeführt worden, 1729 für die Kavallerie, 1735 für die Grenadiere, 1737 für die ganze Infanterie. Die Löhnung eines gemeinen Soldaten betrug unter Karl VI. monatlich 4 fl.; davon wurden ihm abgezogen: 1 fl. für die Montur, 1/2 fl. für Brot und 9 Kr. Unkosten; für die Verpflegung erhielt er täglich 3 bis 5 Kr. Ein Leutnant stand sich auf 300 fl., ein Oberst auf 3000 fl. Sold, aber da jedes Regiment dem Obersten gradezu gehörte, er hatte auch im Frieden das Recht über Leben und Tod der Soldaten, so hatte er durch die Besetzung der Otfizierstellen, die bis 1809 käuflich waren, durch Nebenverdienste bei Beschaffung der Uniform u. dgl. die Möglichkeit, seine Einnahme auf lOCOOfl. und mehr im Jahr zu steigern. Diese Möglichkeit, sich persönlich bereichern zu können, diente sehr zum Schaden der Armee, denn manche sparten sogar an der Beschaffung von Pulver und Blei und ließen es an Waffen fehlen. Herzog Franz Stephan von Lothringen, der Gemahl Maria Theresias, deckte die riesigen Unterschleife auf, die im Türkenkrieg von 1737 bis 1739 begangen wurden und den unglücklichen Ausgang dieses Feldzuges mit verschulden halfen, aber er erreichte keine Änderung, er selbst kam nur in den Ruf eines Geizhalses, der andern nichts gönne.

Um die Armee im Kriegsfälle schnell zu vermehren, wurden Freikorps aufgestellt, wie die der Obersten Franz von derTrenck und Johann Daniel von Menzel, die durch Anwerbung von Haiducken, Kroaten und anderm Gesindel rasch eine Truppe auf die Beine brachten. Sie genossen einen schlechten Ruf bei Feind und Freund. „Die Freikorps Trencks und Menzels“, schreibt Fürst Khevenhiller, „üben Mordbrennerei aus bloßer Lust. Sie haben Unschuldige nach Belieben an die Stadttore oder die nächsten Bäume gehangen, Kirchen beraubt, die bayerischen Bauern mit abgeschnittenen Nasen und Ohren nach Hause geschickt, Frauen und Töchtern auf dem Rücken der gebundenen Hausväter Gewalt angetan und alsdann in die Flammen der angezündeten Häuser geschleudert, Säuglinge aufgespießt und den Hunden vorgeworfen.“ Trenck, ein richtiger Vetter des preußischen Trenck, soll sich ein Vermögen von 2 Millionei fl. zusammengeraubt haben; Maria Theresia ließ ihn wegen der Missetaten seiner Horden, nachdem man ihn nicht mehr brauchte, in den Gefängnissen des Spielberg sterben; Menzel hat es gar auf 3 Millionen fl. gebracht.

Kein Habsburger hat je Uniform angelegt, diese Mode kam erst, wie Kheven-hiller schreibt, mit dem Haus Lothringen auf. 1748 zeigte sich zum erstenmal ein Erzherzog bei einer Revue in Wien in Uniform an der Spitze eines Regiments, „ein noch nie gesehenes Spektakel“. Kaiser Josef II. hat dann aus der Mode eine Gewohnheit gemacht, er legte seit seinem Regierungsantritt nur mehr Uniform an. Schon im Jahre 1766 übertrug er die Reorganisation der Armee, die der Siebenjährige Krieg als nötig erwiesen hatte, dem Grafen Lascy, der als wichtigste Neuerung 1769 eine einheitliche Bewaffnung und ein gemeinsames Exerzierreglement einführte. 1763 wurde die „Seelenkonskription“ eingeführt, die ein Enrollierungssystem und für jedes Regiment feste Werbebezirke mit Zwangsaushebung der Inländer nach preußischem Muster bedeutete. 1772 wurde den k. k. Erblanden die Dienstpflicht auferlegt, von der nur Tirol, Ungarn und die Niederlande ausgenommen waren; Reiche und Gebildete unterlagen ihr nicht. Lascy erntete wenig Dank. „Aller seiner Verdienste ungeachtet“, schreibt Riesbeck, „ist er bei dem großen Haufen und bei der Armee, deren Vater er ist, fast allgemein gehaßt. Er verlor die Liebe der Offiziere,, weil er ihnen die Gewalt nahm, ihren Souverän zu betrügen. Ehemals lieferten die Kapitäne die Bedürfnisse für ihre Kompagnien, und sie waren gewohnt, sich bei Tuch, Hüten und Schuhen noch zweimal soviel zu machen als ihr Sold betrug.“ Josef hat die österreichische Armee auch bedeutend vermehrt, er brachte sie auf 200000 bis 25000Ö Mann und brauchte etwa 28 Millionen fl. für ihren Unterhalt, was damals soviel bedeutete wie ein Drittel der gesamten Staatseinnahmen.

Vorbild und Muster aller Länder, nicht nur der deutschen, war in Bezug auf seine Heereseinrichtungen Preußen. Unter den größeren Staaten kam es 1740 in Hinsicht auf seinen Flächenraum erst an zehnter, in Hinsicht auf die Bevölkerungszahl erst an dreizehnter, in Hinsicht auf seine Militärmacht aber bereits an dritter Stelle. Seine Armee betrug damals 80000 Mann und verbrauchte von den 7 Millionen, die der Staat einnahm, 5 Millionen für sich allein. Sie geschaffen zu haben, war das Verdienst Friedrich Wilhelms L, der sein ganzes Leben an diese Schöpfung gesetzt hat. Als er zur Regierung kam, zählte das preußische Heer 40000 Mann und kostete gegen 2 Millionen Taler. In bezug auf seine Uniformierung, Bewaffnung und Ausbildung war dieses Heer auch größeren überlegen, der König hatte nicht umsonst so tüchtige Exerziermeister angestellt, wie Fürst Leopold von Anhalt-Dessau einer war. „Es ist sicher,“ schrieb 1729 der weitgereiste Baron Pöllnitz, „daß es in der ganzen Welt keine Truppen gibt, wo der Bauer sich schneller abschleift und leichter das soldatische Wesen an* nimmt. Die Soldaten in Berlin sind gut gekleidet und halten sich so sauber, daß man immer versucht ist, sie für Offiziere zu halten.“ Wiebekannt, hat die Vorliebe Friedrich Wilhelms I. für das Militär ihn veranlaßt, sich in Potsdam eine Riesentruppe zusammenzustellen, für die der sonst bis zum Geiz sparsame König unbedenklich die größten Summen ausgab. „Als wir auf einem Spaziergange am Potsdamer Militärkirchhof vorüberkamen/‘ schreibt Baron Bielfeld 1739, „sagte mein Begleiter: Kein Ort im ganzen Lande hat dem König soviel Geld gekostet als dieser. Wirklich ist dieser Friedhof ein Abgrund, welcher einen großen Teil der unsäglichen Summen verschlingt, die der König für die großen Leute seines Regiments bezahlt.“ „Das große Regiment kostet soviel wie sechs andere,“ bemerkt Pöllnitz, und dabei würden die „langen Kerls“ im Ernstfälle nicht halb soviel geleistet haben. Da Friedrich II. diese Elätetruppe unmittelbar nach seines Vaters Tode auflöste, ist sie nie dazu gekommen, ihre militärische Brauchbarkeit auf die Probe stellen zu müssen. Sie war ein Spielzeug des Monarchen, der einzelnen der Grenadiere bis zu 2 fl. Tageslohn, anderen, recht großen, 1500 Tlr. Gehalt im Jahr zahlte, ganz abgesehen von den Summen, die ihm der Ankauf derselben gekostet hatte. Man spricht von 9000 Talern, die er für einzelne von ihnen ausgegeben haben soll. Einer der längsten war der Ostpreuße Hohmann. der 2,65 Meter maß, aber erst als zweiter im Gliede stand, der erste war ein Norweger. Friedrich Wilhelm I. war ein praktischer, verständiger, kühl überlegender Haushalter, der es immer verstand, in ökonomischen Fragen auf seinen, resp. des Landes Vorteil zu achten, die Marotte der großen Leute aber war sein Tollpunkt, durch den sich das Schicksal gewissermaßen an ihm rächte, für all den nüchternen und schwunglosen Verstand, mit dem es ihn sonst begabt hatte.

Die Summen, die er an seine Riesengarde verschwendete, waren unnütz angewandt und sozusagen weggeworfen; aber sie schrumpfen in nichts zusammen, wenn man ihnen die Ausgaben gegenüberstellt, die zu gleicher Zeit etwa ein August der Starke, ein Max Emanuel von Bayern an ihre Mätressen vergeudet haben. Die langen Kerls waren auch die einzigen lebenden Wesen, für die Friedrich Wilhelm I. ein Herz besaß. Er konnte ihnen keine Bitte abschlagen und war sich seiner Schwäche.in.diesem, Punkte auch sowohl bewußt, daß eine Verordnung den Grenadieren verbot, Seiner Majestät Bittschriften zu überreichen.

Die preußische Armee war aus Inländern und Ausländern ziemlich bunt zusammengewürfelt, das Band, das sie zusammenhielt, war das Offizierkorps. Während die Heere der-übrigen deutschen Staaten vielfach Fremde als Offiziere anstellten; wünschte Friedrich Wilhelm I. seine Offiziere nur aus dem einheimischen Adel zu nehmen, in richtiger Erkenntnis, daß er seiner Armee damit, all den angeworbenen Mannschaften zum Trotz, den Charakter einer großen Homogenität verleihe. Bereits der Große Kurfürst hatte dem Adel seines Landes verboten, fremde Dienste zu nehmen, wodurch er billig zu Offizieren, kam, denn noch 1713 mußten Oesterreicher, Schweden, Dänen ihre Offiziere besser besolden. Friedrich Wilhelm I. selbst trug stets Uniform und fühlte sich immer als Deutscher und als preußischer Offizier, aber da das Beispiel, das er persönlich gab, nicht schnell genug die Früchte trug, die er erwartete, so griff er als richtiger Despot zur Gewalt. Er hatte das Ka-dettenhaus gegründet und es zur Erziehungsanstalt für die Söhne adliger Familien bestimmt, die hier zu Offizieren ausgebildet werden sollten. Da der Adel zögerte, seinen Nachwuchs diesem Institut anzuvertrauen, so zwang ihn der König dazu. In Ostpreußen ist auf die adligen Knaben förmlich Jagd gemacht worden; sie wurden durch Unteroffiziere eingefangen und truppweise gewaltsam in die Kadettenhäuser abgeliefert. Er hat den Adel in den Offizierstand förmlich hineingeprügelt, aber er hat ihm dann diesen Stand durch die Vorrechte, die er ihm zuteil werden ließ, annehmbar zu machen gewußt. Die gemeinsame Herkunft und die gemeinsame Erziehung brachten ein korporatives Ehrgefühl und jenen Geist der Kameradschaft hervor, die allen andern Ständen jener Zeit fremd waren, den preußischen Offizier aber im Laufe zweier Menschenalter zum ersten und kräftigsten Repräsentanten preußischen Staatsbewußtseins gemacht haben. Überall hatte der Offizier im Staat den Vorrang, und genoß Ehren und Vorteile, die z. B. Albrecht von Haller und seine Reisegesellschaft veranlassen, sich für reisende Offiziere auszugeben, als sie sich dem preußischen Territorium nähern. Als Kronprinz Friedrich seine Schwester * in Bayreuth besucht, will er gegen die Etiquette einen Leutnant aus seinem Gefolge zur Tafel ziehen, und als man ilim bedeutet, nur die Minister hätten dieses Recht, ruft er aus: „Ach was, ein preußischer Leutnant ist soviel wie ein markgräflicher Alinister!“ Daß Friedrich Wilhelm I. und sein Sohn den Zwang „dienen zu müssen“, in das Vorrecht, „dienen zu dürfen“, änderten, war ein Zug weitausschauender Klugheit, durch den diese Herrscher ihrer Armee für zwei Jahrhunderte ein Ferment sicherten, welches kein anderer Staat besaß oder sich beschaffen konnte. Um es zu beseitigen, mußte man sie in Stücke schlagen.

Neben großen Vorzügen standen große Fehler. Sie hingen mit dem engherzigen Junkersinn zusammen, bei dem sich Bildungsmangel so leicht in Bildungshaß umsetzt. „Der junge Adel, der sich dem Dienst widmet“, schreibt Friedrich der -Große einmal, „glaubte sich etwas zu vergeben, wenn er studierte; sie betrachteten die Unwissenheit wie ein Verdienst und Wissen wie eine unleidliche Pedanterie“. Berenhorst hörte einmal, wie Oberst von Manstein bei der Parole sagte: „die Herrn Offiziere sind so dumm wie die Ochsen,“ und noch zu Zeiten, als der einst beliebte Romanschriftsteller Lafontaine in Halle lebte, am Ende des Jahrhunderts, gab es Offiziere, die Geschriebenes nicht lesen konnten. Es gab höhere Offiziere, die der Feindseligkeit, mit welcher der jüngere Nachwuchs dem Wissen und der Bildung gegenüberstand, entgegen zu treten suchten. So gründete Oberst von •Schölten um 1780 in Treuenbrietzen eine gelehrte Gesellschaft für die Offiziere seines Regiments, und General von Schlieffen stiftete als Kommandant von Wesel die Patriotische Gesellschaft der Kriegskunstverehrer, die den Offizier mit den Beweg* gründen der Liebe für das Vaterland und den Kriegerstand bekannt machen und ihn dazu veranlassen sollte, sie den Soldaten mitzuteilen und einzuflößen. Solche Erscheinungen gleichen in ihrer Zeit ein wenig den weißen Raben; die Offiziere suchten, zumal nach den glorreichen Feldzügen des großen Königs, ihren Ruhm aüf ganz andern Gebieten als denen der feinen Sitte und schöngeistigen Bildung.

Sie hatten wenig zu tun, viel freie Zeit, in ihrer Mehrzahl aber waren sie nur knapp mit Geld versehen und wußten ihre Mußestunden nicht recht auszufüllen. Es ist kein Wunder, daß ein Zusammenkommen solcher Umstände junge Leute, die alle Veranlassung haben, sich für etwas Besonderes zu halten, übermütig macht und zu Unfug reizt. Schon 4763 mußte Friedrich II. den Offizieren verbieten, die Bürger zu prügeln; in den langen Friedensjahren, die folgten, nahm der Dünkel der Herren aber nur zu und machte sich in einem so herausfordernden Benehmen gegen das Zivil geltend, daß gebildete Leute Offizieren aus dem Wege gingen und den Umgang mit ihnen flohen. Nicht nur in Preußen übrigens. In Stralsund, erzählt E. M. Arndt, hatte die Unart der Offiziere sie von der besseren Gesellschaft ausgeschlossen; mit den Stuttgarter Offizieren machte Casanova recht unangenehme Erfahrungen; jeder Bürgerliche, der in Berührung mit dem Militär kam,schlug ein Kreuz. Dabei griff ein Geist des Räsonnierens und Frondierens unter dem Offizierkorps um sich, der Fernerstehende ebenso erstaunte wie bedenklich machte. Landgraf Karl von Hessen, der den Bayerischen Erbfolgekrieg im Hauptquartier Friedrichs II. mitmachte, schreibt in seinen Erinnerungen, daß von einer freudigen, hingebenden Tätigkeit-der einzelnen Befehlshaber nicht mehr die Rede war. Als ein Transport aufgefangen wurde, herrschte im Hauptquartier eine unbeschreibliche Freude darüber, daß der König einen Unfall gehabt hatte, den man ihm Schuld geben konnte. „Niemand machte dem König das Vergnügen, ihm etwas Angenehmes zu sagen, selbst wenn-es die Wahrheit war, dagegen machte man sich gewissermaßen ein Fest daraus, ihm die unangenehmsten Nachrichten zu bringen.“ Dieser Geist der Überhebung und des Dünkels gewann vollends Macht, als nach dem Tode des Großen Königs die Autorität fehlte, die ihn bis dahin noch im Zaum gehalten hatte; von 1786 bis 1806 gefiel sich das preußische Offizierkorps in einem Ton der Roheit und Anmaßung, der es im ganzen Volk verhaßt machte. Wie weit es damit gekommen war, zeigt die Kabinettsorder, die den Regierungsanfang Friedrich Wilhelms HI. beginnt. „Ich habe sehr mißfällig vernehmen müssen,“ heißt es in derselben, „wie besonders junge Offiziers Vorrang vor dem Zivilstand behaupten wollen. Ich werde dem Militär sein Ansehen geltend zu machen wissen, wo es ihm wesentlichen Vorteil bringt, auf dem Schauplatze des Krieges, wo sie ihre Mitbürger mit Leib und Seele verteidigen sollen. Allein im übrigen darf sich kein Soldat unterstehen, wes Standes er auch sei, einen der geringsten Meiner Bürger zu brüskieren; sie sind es, nicht Ich, die die Armee unterhalten, in ihrem Brote steht das Heer der iMeinen Befehlen anvertrauten Truppen, und Arrest, Kassation und Todesstrafe werden die Folgen sein, die jeder Kontravenient von Meiner unbeweglichen Strenge zu erwarten hat.“ Unter Friedrich II. wurde die preußische Armee auf 200000, unter Friedrich Wilhelm II. auf 2)5000 Mann vermehrt, während die Kosten erst auf 13, dann auf 17 Millionen Tlr. im Jahr stiegen.

ln Kursachsen hatte die Armee schon 1703 aus )4 Regimentern mit 98 Generalen und Obersten bestanden und dem Lande zwei Millionen Tlr. jährlich gekostet. Markgraf Ludwig von Baden, dem in den Reichskriegen das sächsische Kontingent unterstand, schrieb am 22. November 1703 an Kaiser Leopold: „Die sächsischen Truppen sind arm, nackend und bloß“ und nicht viel schmeichelhafter ist das Bild, welches Wolfframsdorf 1705 in seinem „Portrait de la cour de Pologne“ von der Armee entwirft. Er schreibt:

„Bei der Armee sind die Offiziere von ihren Regimentern ganze Jahre lang abwesend; während des Winters belagern sie die Vorzimmer, und während des Sommers sind sie nicht im Feldlager zu betreffen. Sie bleiben zu Hause, um von dem Gelde, welches sie aus den Winterquartieren mitgebracht haben, zu leben und in den Armen ihrer Frauen auszuruhen, denen sie Wunderdinge von den bestandenen Gefahren erzählen. Sie respektieren weder Ordnung noch Befehl, leben ohne Mannszucht und berauben ihre Soldaten aller Subsistenzmittel. — Die Beschaffenheit der neu-geworbenen Regimenter ist eine andere Manier, den König gröblich zu betrügen, indem die Offiziere nicht allein das Geld, das sie dazu erhalten, in ihren Beutel stecken, und die Regimenter, zu deren Errichtung sie sich verbindlich gemacht haben, nie vollzählig machen, sondern auch die alten Regimenter verhindern, Rekruten zu werben. Die tägliche Veränderung bei den Regimentern ist ebenfalls ein Mittel, die Armee zu ruinieren, bei der nur das Kommissariat und einige Offiziere gewinnen. Endlich glauben wir der Armee des Königs nicht unrecht zu tun, wenn wir sagen, daß sie lediglich aus Raufern, Spielern, Wucherern, Betrügern und Freunden der Schikane, schlimmer als die geriebensten Advokaten, besteht. Die Prozesse sind hier zu Hause, wie im Palais. Die Generale bereichern sich auf Kosten der Soldaten, und diese, zur Verzweiflung gebracht, dem Beispiele ihrer Offiziere folgend, in denen das wahre Ehrgefühl erloschen ist und die nur auf das Geld erpicht sind, tun nichts weniger, als ihre Schuldigkeit.“

Man hört in der Tat, daß die sächsischen Generale es verstanden hätten, im Dienst reich zu werden. Graf Schulenburg, der 1702 bei seinem Eintritt in die sächsische Armee nicht mehr als 24000 Tlr. besaß, verließ sie 1711 mit einem Vermögen von 94000 Tlr. August der Starke, der gar zu gern große Politik gemacht hätte, begann auch, sich um das Heer zu kümmern, und entzog, um es fester in der Hand zu haben, den Regimentsinhabern die Besetzung der Offizierstellen, die er sich selbst vorbehielt. Er brachte das Heer auf 27000 Mann und wäre vielleicht die Persönlichkeit gewesen, es in dieser Beziehung mit dem Preußenkönig aufzunehmen, hätte ihm nicht seine Lebenslust und Vergnügungssucht fortwährend Querstriche durch alle seine großen Pläne gemacht. Man erzählt, er habe einmal zwei Dragonerregimenter an Friedrich Wilhelm 1. gegen 48 große Vasen von japanischem Porzellan vertauscht, eine Anekdote, die um so bekannter ist, weil ihr die historischen Unterlagen fehlen. Dann aber diente ihm sein Heer in erster Linie als Instrument, um in die Zerstreuungen des Hofes einige Abwechslung zu bringen. Bei der Hochzeit einer seiner illegitimen Töchter, die er 1725 in Pillnitz festlich beging, mußten seine Soldaten, in zwei Trupps geteilt, eine Festung drei Wochen lang nach allen Regeln der Kunst belagern und schließlich stürmen, und das berühmte Atanö-ver bei Mühlberg 1730 war ein Lustlager, in dem Revuen und Scheingefechte mit Jagden, Bällen, Komödien, Feuerwerken und Konzerten wechselten. Unter seinem Nachfolger zählte das sächsische Heer zwar aut dein Papier 30000 Mann mit 168 Generalen und Obersten, unterhalten aber wurden nur 17000 und diese wurden, solange Brühl am Ruder war, schlecht oder gar nicht bezahlt; böse Zungen wollten wissen, unter dieser Überzahl der Generalität hätten sich auch einige Kastraten befunden.

Kurbayern besaß unter Max III. Josef eine Armee, die auf dem Papier 15000 Mann zählte, in Wirklichkeit 6000 Köpfe aber niemals überstieg. Graf Lehrbach berichtete 1778 nach Wien, cs seien sogar nur 3000 unter den Fahnen und von diesen ungefähr der vierte Teil Offiziere mit 39 Generalen. Bei den Chevauxlegers habe man für 160 Pferde nicht mehr als 40 Sättel. Sieben Kavallerieregimenter zählten zusammen nur 613 Pferde, die ganze Artillerie besaß nur 16 Pferde zur Bespannung der Geschütze. Die Zahl der Stabsoffiziere in der kurbayerischen Armee war so groß, daß der boshafte Wekhrlin behauptet, käme der Feind ins Land, so werde man ihn bloß mit Generals aus dem Felde schlagen. Die Offizierstellen wurden mitunter auf merkwürdige Art besetzt. War die Frau eines Offiziers in andern Umständen, so erhielt sie für das zu erwartende Kind ein Leutnantspatent, welches ihr auch in dem Falle blieb, daß sie ein Mädchen zur Welt brachte. Kurmainz hatte eine Armee von 8000 Mann zu eigen… auf dem Papier, in Wirklichkeit waren es zwischen 2000 und 3000 Infanteristen, 50 Husaren und 120 Artilleristen, aber sie hatten einen Feldmarschall, 12 Generäle, einen Hofkriegsratspräsidenten und 6 Hofkriegsräte. Es war ein patriarchalisches Regiment, die Schlüssel zu den Festungswerken in Mainz bewahrte der Hofgärtner; hatten die Ingenieure dort etwas zu tun, mußten sie ihn erst um Erlaubnis bitten, sie betreten zu dürfen. Als man 1792 gegen Frankreich rüstete, wurde den Offizieren, „die die Kräfte nicht fühlen oder deren häusliche Verhältnisse es nicht gestatteten“ erlaubt, „ihrer Ehre unbeschadet, nicht mit ins Feld zu ziehen“. Kurtrier hielt eine Leibwache für den Kurfürsten von 60 Mann, ein Regiment von 1200 Mann, und ein Jägerkorps von 260 Mann, die dem Staate gegen 70000 bis 75000 Tlr. im Jahr kosteten. Kurpfalz wollte 18000 Mann unter den Fahnen haben, von denen .der vierte Teil aus Offizieren bestand, es hatte überdies noch für die 2 oder 3 Wachtschiffe, die es auf dem Rhein hielt, einen „Großadmiral“.

So ging es unter den Reichsständen nach ihrer Größe herab, bis zum Grafen Philipp Ferdinand von Limburg-Styrum, der sich ein Husarenkorps hielt, das aus einem Oberst, sechs Offizieren und zwei Mann bestand. Lord Chesterfield traf mit seinem Spott wirklich ins Schwarze, wenn er einen deutschen Potentaten sagen läßt: „Es gibt keinen Fürsten in Meiner Nachbarschaft, der seine Armee nicht vermehrt hätte, der -eine um vier, manche um acht und einige sogar um zwölf Mann, so daß Sie ein-sehen werden, daß Ich es Meiner Ehre und Sicherheit -schuldig war, die Meine ebenfalls zu verstärken. Ich habe Mein Heer deswegen von 28 auf 40 Mann gebracht, aber um.Meine Untertanen nicht mit Steuern zu überbürden oder sie durch die Einquartierung der Leute und ihre Frechheit zu belästigen, außerdem um jeden Verdacht unredlicher Absichten von vornherein zu beseitigen, so habe Ich’ sie, um Ihnen die Wahrheit nicht vorzuenthalten, aus Wachs machen lassen und exerziere sie mittelst eines Uhrwerks.“

Manche Reichsstände, auch unter den kleineren, hielten sich größere Truppenmengen, als das Kontigent, welches sie zur Reichsarmee zu stellen hatten, eigentlich bedingt hätte, sie taten es teils aus Lust an der Soldatenspielerei, teils um sich Einnahmen zu verschaffen. Zu den ersteren gehörte u. a. Graf Wilhelm von Lippe-Bückeburg, der lange in portugiesischen Diensten gestanden hatte und sich, heimgekehrt, 1765 die Festung Wilhelmsburg im Steinhuder Meer erbaute. Er hielt sich 1000 Infanteristen und ein Artilleriekorps von 300 Mann. Die Militärschule, die er in Wilhelmsburg gründete, hat den Ruhm, Scharnhorst ausgebildet zu haben. Ein Seitenstück zu ihm in etwas größerem Stil ist der Landgraf Ludwig von Hessen-Darmstadt, dessen Neigung zu dem militärischen Beruf ihn als Prinz nacheinander in französische, preußische und österreichische Dienste trieb. Seine eigenen Soldaten wurden von den Reisenden sehr bewundert. „Schönere und geübtere Truppen als die drei Darmstädter Infanterieregimenter sieht man in Deutschland nicht, die preußischen nicht ausgenommen,“ schreibt Riesbeck, und Moore fiel besonders auf, daß sie „ungemein gut gepudert“ seien. So recht seiner Passion frönte der Fürst aber erst, seit er sich nach Pirmasens zurückgezogen hatte und hier einzig und allein für die Soldaten lebte.

Ein Wanderer, der im Jahre 1789, als der Ort in seiner höchsten Blüte stand, nach Pirmasens geriet, hat in dem „Journal von und für Deutschland“ seine Erlebnisse in folgenden Worten erzählt: „Hier in Pirmasens bin ich wie in eine ganz neue Welt versetzt, unter eine zahlreiche Kolonie von Bürgern und Soldaten, die kein Reisender auf einem so öden und undankbaren Boden suchen würde; alles um mich her wimmelt von Uniformen, blinkt von Gewehren und tönt von kriegerischer Musik.

Der Landgraf wohnt in einem wohlgebauten Hause, das man weder ein Schloß, noch ein Palais nennen kann und genau genommen nur aus einem Geschoß besteht. Nahe bei demselben, nur etwas höher, liegt das Exerzierhaus. Hierin nun exerziert der Fürst täglich sein ansehnliches Grenadierregiment, das aus 2400 Mann bestehen soll. Schönere und wohlgeübtere Leute wird man schwerlich beisammen sehen. Allerlei Volk von mancherlei Zungen und Nationen trifft man unter ihnen an, die nun freilich auf die Länge nicht so zusammenbleiben würden, wenn sie nicht immer in die Stadt eingesperrt wären, Tag und Nacht von umherreitenden Husaren beobachtet werden müßten. Soeben komme ich aus dem Exerzierhaus von der eigentlichen Wachtparade, ganz parfümiert von Fett- und öldünsten der Schuhe, des Lederwerks, der eingeschmierten Haare und von dem allgemeinen Tabakrauchen der Soldaten vor dem Anfang der Parade; wie ich eintrat, kam mir ein Qualm und Dampf entgegen, der so lange meine Sinne betäubte und mich kaum die Gegenstände unterscheiden ließ, bis meine Augen und Nase sich endlich an die mancherlei Dämpfe und widrigen Ausflüsse einigermaßen gewöhnt hatten. Wer Liebhaber von wohlgeübten, aufgeputzten und schön gewachsenen Soldaten ist, wird für alle die widrigen Ausflüsse hinlänglich entschädigt. So wie das Regiment aufmarschiert, und seine Front durch das ganze Haus ausdehnt, erblickt man von einem Flügel zum anderen eine sehr grade Linie, in welcher man sogar von der Spitze des Fußes bis an die Spitze des aufgesetzten Bajonetts kaum eine vorwärts oder rückwärts gehende Krümmung wahrnimmt; durch alle Glieder erscheint diese pünktliche Richtung, und sie wird weder durch die häufigen Handgriffe, noch durch die vielfältigen Körperbewegungen verschoben. Die Schwenkungen und Manöver geschehen mit einer außerordentlichen Schnelligkeit und Pünktlichkeit; man glaubt eine Maschine zu sehen, die durch Räder- und Triebwerk bewegt und regiert wird. Man soll sogar öfters das ganze Regiment im Finstern exerziert und in den verschiedenen Tempos keinen einzigen Fehler bemerkt haben. Auf den 25. August, als dem Namensfest des Landgrafen, ist jährlich Hauptrevue, und dann wimmelt es in Pirmasens von auswärtigen Offizieren und andern Fremden, die teils aus Frankreich, Zweibrücken, der Unterpfalz, Hessen und andern Ländern hierher reisen. Den Landgrafen habe ich auch in aller Tätigkeit dabei gesehen; mit spähendem Blicke befand er sich bald auf dem rechten, bald auf dem linken Flügel, bald vor dem Zentrum bald in den hintern Gliedern; alles war geschäftig an ihm, und er scheint mit Leib und Seele Soldat zu sein. Doch läßt er hierbei keinen fremden Zuschauer aus den Augen; es wurde sogleich bei Anfang der Parade ein Offizier an mich geschickt, der sich nach meinem Namen erkundigen sollte, und nach einiger Zeit hatte ich die Ehre, den Herrn Landgrafen selbst zu sprechen, wobei er sich in den höflichsten und gefälligsten Ausdrücken mit mir unterhielt, ln seinem Hause und in seinen Appartements erblickt man wenig Pracht; man glaubt bei einem kampierenden General im Felde zu sein, überall leuchtet die Lieblingsneigung des Fürsten hervor.“

Pirmasens, das nicht mehr als 34 Häuser umfaßte, als der Erbprinz es zu seiner Residenz erwählte, besaß 1789 schon 750 mit 6800 Einwohnern. Die Mauer, die es einschloß, hatte nur zwei Tore, deren Schildwachen stündlich visitiert wurden, um das Desertieren der. Soldaten zu verhindern. Der Landgraf, , der außerdem der größte Trommel virtuose im Deutschen Reich war, ließ jede Mitternacht die Scharwache durch die ganze Stadt trommeln, das ganze Leben des Ortes war auf das Militär eingestellt.

Herzog Karl Eugen‘ von Württemberg wußte Soldatenspielerei und Geschäftsrücksichten miteinander zu’verbinden. Als er zur Regierung kam, zählte das würt-tembergische Militär 2400 Mann und kostete dem Lande 460000 fl. im Jahre, eine Summe, die indessen nie gebraucht :wurde. Von dem Verlangen geplagt, den Monarchen großen Stils vorstellen.zu wollen, dachte er auch daran, den Feldherrn zu spielen, zu welchem Zweck er natürlich eine größere Armee benötigte. Er schloß deshalb 1752 einen SubsidienVertrag mit Frankreich, in dem er sich verpflichtete, 6000 Mann Infanterie unter den Waffen zu halten, für die er, für je 1000 Mann von Frankreich im Frieden 64473 fl., imKriege 78507 fl. jährlich erhielt. Zuerst wurde das preußische System eingeführt,»das’der Herzog, während er in Berlin weilte, kennen gelernt hatte und mit ihm die preußische Uniformierung. „In diesem von Schild-, wachen starrenden Ort“, schrieb Berenhorst 1768 aus Ludwigsburg, „sieht man nur Uniformen über Uniformen, die insgesamt den preußischen sklavisch nachgeahmt sind.“ Da der Mannschaft die Schnurrbärte nicht so rasch wuchsen, wie es für das martialische Aussehen wünschenswert gewesen wäre, so begnügte man sich damit, die Soldaten künstliche schwarze Schnurrbärte tragen zu lassen. Da der Herzog die französischen Subsidien für den Unterhalt seines Theaters verbrauchte, so stand es um die Armee recht übel, als Frankreich bei Ausbruch des Siebenjährigen Krieges die Mobilisierung forderte; die Regimenter, die gestellt werden sollten, waren einfach nicht vorhanden. Als das Heer dann schlecht und recht zusammengebracht war, und Karl Eugen sich an seine Spitze setzte, um die Preußen zu schlagen, da zog er sich eine Schlappe nach der andern zu und fand es, als er bei Fulda nur mit knapper Not der preußischen Gefangenschaft entgangen war, doch geratener, sich wieder in sein Stamm* -land zurückzuziehen. Nun ging erst die eigentliche Militärspielerei los; die Armee, die mittlerweile aut 17368 Mann mit 18 Generalen und 22 Obersten gebracht worden war, und 1600000 fl. im Jahr kostete, war nur noch gut für Paraden und Feste im sächsischen Stil. Wie August der Starke bezog auch,Karl Eugen Lustlager inmitten seiner Truppen, die zur Folie und Unterstützung seiner Vergnügungen dienen mußten. 1762 und’ 1763 schlug er solche bei Osweil und Pflugfelden auf, wo die Wohn-, Schlaf-, Ankleide-, Garderobe-, Audienz-, Ball-, Kaffee-Zelte des Herzogs eine Stadt für sich bildeten.

Der Weg, auf dem diese Heere gebildet wurden, war ein doppelter; sie kamen einmal durch die Konskription zusammen, was wir heute mit Dienstpflicht bezeichnen würden und dann durch Werbung; einige Staaten, wie Sachsen, verzichteten ganz auf Werbung und stellten nur Landeskinder ein; andere, und dies war weitaus die Mehrzahl, bediente sich beider Wege. August der Starke ließ seine Truppen seit 1713 durch Auslosung zusammenbringen, die unter den Männern der arbeitenden Klasse, die zwischen 20 und 54 Jahr alt waren, veranstaltet wurden; jedes sechste Los trug den Aufdruck „Für das Vaterland“ und machte den, der es gezogen hatte, zum Soldaten, ln Preußen war es das Kantonsreglement von 1733» in dem zum erstenmal der Grundsatz ausgesprochen wurde daß alle erwachsenen Männer des Landes dienstpflichtig seien. Die Monarchie wurde in Kantons eingeleilt, daher der Ausdruck „kantonspflichtig“,. die etwa 5000 Feuerstellen für ein Regiment Infanterie und 1800 Feuerstellen für ein Regiment-Kavallerie umfaßten. Alle, in dem Kanton wohnhaften jungen Leute wurden „enrolliert“, d. h. in die Stamm: rollen verzeichnet und von Fall zu Fall einberufen. Diese Einrichtung entstammte der alten organisierten Landmiliz, die es auch in Hannover gab, in Preußen hatte sie nie recht zustande kommen wollen, weil die Stände Bedenken trugen, den Bauern und Knechten Waffen in die Hand zu geben. Sie bedeutete in der Tat schon die allgemeine Dienstpflicht, in der Theorie wohlverstanden, denn in der Praxis sah sie durch die zahlreichen Ausnahmen anders aus. 1750 wurden vom Enrollement ausgenommen: 1. Gebrechliche, 2. Bürgersöhne, deren Eltern ein Vermögen von 10000 Tlr. und darüber besaßen, 3. alle angesehenen Bürger, Bauern und Kossäten; 4. alle Einwanderer, die sich angesiedelt hatten, 5( die einzigen Söhne von Bürgern und Bauern, 6. der Adel. Später wurden auch noch alle angestellten Gelehrten und ihre Söhne, mit Ausnahme der Schulmeister, alle Beamte, Kaufleute und Fabrikanten samt ihrer Nachkommenschaft befreit. Die Residenzen Berlin, Potsdam und Breslau waren ebenfalls mit der Gesamtzahl ihrer Einwohner frei, kurz, die Ausnahmen, die das neue Kantonsreglement von 1792 bestätigte, waren so zahlreich und so vielfältig, daß die Dienstpflicht im Grunde nur eine Last für die bäuerliche und kleinbürgerliche Bevölkerung war. Diese Ausnahmen sah das Gesetz vor, aber wozu wären die Gesetze, als um sie zu umgehen ? Joh. Christian Brandes erzählt in seiner Lebensgeschichte, daß so arm seine Mutter auch war, sie doch immer so viel erübrigte, um den Feldwebel, der ihn als Kantonisten zu sehen verlangte, mit einer Flasche Wein und einem Taler abzufinden. Andererseits bot das Enrolle-ment auch manche Handhabe der Schikane. Der spätere Oberkonsistorialrat Silberschlag, dessen Vater in Aschersleben Arzt und Apotheker war, schreibt in seinem Leben, daß ein Offizier, um sich wegen irgendeiner Angelegenheit an seinem Vater zu rächen, dafür gesorgt habe, daß sein Name widerrechtlich in die Rolle des Kavallerieregiments eingeschrieben wurde.

Durch die Konskription kam immerhin nur ein gewisser Prozentsatz der Mannschaft zusammen, die man aufzustellen wünschte, und da mußte dann die Werbung nachhelfen. Da die „kantonspflichtigen Einländer“ von den 20 Jahren Dienstzeit, zu der sie verpflichtet waren, nur eines bei der Fahne zubrachten, um später nur alle zwei Jahre zu einer Exerzierzeit von einigen Wochen einberufen zu werden, so bildeten die angeworbenen Ausländer den eigentlichen Stamm der Armee. In Preußen erhielten die Werbeoffiziere jedes Regiments bestimmte Bezirke angewiesen, in denen sie Werbungen vornehmen durften, mit Überredung, mit List, häufig mit Gewalt, denn wenn Friedrich Wilhelm I. die Zwangsaushebung auch ausdrücklich verboten hatte, so hat dieser Befehl wohl zu jenen gehört, die stillschweigend ignoriert werden durften. Das lebende Material, das beschafft werden sollte, war die Hauptsache; wie es beschafft wurde, darüber drückte der Monarch gern die Augen zu. Die Werber hielten die Post an und nahmen die Reisenden weg, die ihnen gefielen, sie brachen bei Nacht in die Häuser ein und nahmen den Familien selbst die Söhne weg, die nach dem Gesetz befreit sein sollten; auf der Straße und auf dem Felde war kein gutgewachsener junger Mann vor ihren räuberischen Händen sicher. War vollends einer von ungewöhnlicher Größe wie Gottsched, so mußte er ebenso listig und geschickt sein wie die Werber, um sich bei Zeiten in das Ausland zu flüchten. Trat im Kriege Menschenmangel ein, so hörte jede Rücksicht auf, kein menschliches oder göttliches Gesetz schützte vor der rohen Gewalt, die Männer brauchte um jeden Preis. Im Siebenjährigen Kriege sperrte man Sonntags die Kirchen ab und nahm die waffenfähigen Männer weg, gleichviel ob sie verheiratet waren oder nicht; so geriet der Großvater von Berghaus unter die Soldaten; in Schlesien fahndeten die Preußen, wie Gustav Freytag aus Familienerinnerungen wußte, .sogar auf die Zöglinge der oberen Schulklassen. In Halle kam es, als Bogatzky 1717 dort studierte, zu einem großen Tumult unter den Studenten, weil die Werber einen Kandidaten weggenommen hatten, der schon ein geistliches Amt versah; in Königsberg wird Scheffner gewahr, daß die Soldaten auf ihn spekulieren, „weil es ihm mit dem Studieren nicht Ernst zu sein scheint;“ aus Dresden schreibt Prinz August Wilhelm am 16. März 1757, der König habe 150 Mann für die Armee einfach von der Straße wegnehmen lassen, ohne jede Rücksicht, für wen es auch sei; einer Dame, die sich in einer Portechaise tragen ließ, fing man die Träger weg, so daß sie hilflos in ihrem Kasten auf dem Pflaster saß.

Alle diese Werbungen genügten nicht für den Bedarf, und so war jeder Fürst, der eine größere Armee unterhalten wollte, darauf angewiesen, auch im Auslande werben zu lassen. Nur der Kaiser hatte für seine Armee herkömmlicherweise feste Werbebezirke im Reich, die übrigen Reichsfürsten schlugen ihre Bureaus auf, wo immer man es ihnen erlaubte oder nicht erlaubte. Das letztere war für den Werbeoffizier eine kitzliche Angelegenheit, denn wenn rqan ihn erwischte, konnte es Kopf und Kragen, mindestens aber die Freiheit kosten. Die Generalstaaten hängten 1733 in Maestricht einen preußischen Werbeoffizier, der ertappt worden war, wie er versuchte, holländische Soldaten zum Übertritt in preußische Dienste zu bewegen, und wenn Friedrich Wilhelm I. auch zur Revanche einen holländischen Sergeanten über die Grenze locken und in Wesel aufhängen ließ, so machte der Tod des Unschuldigen den Offizier nicht wieder lebendig. Herzog Karl Eugen ließ einen preußischen Werber von Knobelsdorf aufheben und hielt ihn jahrzehntelang auf dem Hohentwiel gefangen, und ähnlich war das Schicksal manches anderen Werbers. Der Kurfürst von Hannover, ein persönlicher Feind seines Schwagers in Preußen, verordnete 1731, preußische Werber sollten als Straßenräuber behandelt werden, „wer einen preußischen -Werber tot oder lebendig einliefert erhält 50 Thaler“. Wo sie geduldet wurden, hatten sie meist mit starker Konkurrenz zu kämpfen, denn in den kleineren Reichsstädten wie z. B. Biberach waren ständig 2 bis 3 Werbebureaus aufgeschlagen. 25 bis 30 fl. war das gewöhnliche Handgeld; „die Preußen“, erzählt Joh. Bapt. Pflug in seinen Erinnerungen eines Schwaben, „zahlten mehr und erhöhten die Wirkung ihrer Überredungskünste durch eine reiche Uniform“.

„Die Werber“, fährt er fort, „waren Unteroffiziere von bester Haltung; eine solch gewichtige Person spazierte stets mit dem Meerrohr einher. Die Wirkung seiner Ansprache an ein taugliches Individuum: ,Hat Er nicht Lust, dem Großen König zu dienen?* Da seid Ihr von allen Sorgen frei, bekommt noch ein gutes Handgeld und‘könnt den Herrn spielen!‘ erhöhte eine mit beispielloser Nettigkeit gehaltene reiche Uniform. An Markttagen entwickelte die Lockung ihren höchsten Reiz. Da wurde ein Werbtisch aufgeschlagen, um den sich die Werber setzten. In großer zinnerner Schüssel lag das Geld aufgehäuft; diese stand mitten auf dem Tisch, von stets gefüllten Weinflaschen umgeben. Soldatenhüte mit stattlichen Federbüschen waren in Bereitschaft, um den Angeworbenen sogleich mit einem solchen versehen zu können. Von Zeit zu Zeit wurde die mit Geld angefüllte Schüssel vom Tisch genommen und in Begleitung der Werber und einiger neu Angeworbenen, welche sich noch in bürgerlicher oder bäuerlicher Kleidnung befanden, aber den Hut mit dem winkenden Busch bereits aufgesetzt hatten, ein Umzug auf dem Markt gehalten; voran eine lärmende Musik.“

Der Tücke und Niedertracht der Werber ist manches Lebensglück zum Opfer gefallen. In Welschtirol raubten sie einen katholischen Geistlichen von ungewöhnlicher Körpergröße direkt vom Altar seiner Pfarrkirche weg; den Großonkel von Karl Julius Weber, der als Kandidat einen Spaziergang vor die Tore Nürnbergs riskierte, fingen die Werber; der Hauslehrer Ernst Moritz Arndts, ein Chemnitzer, war als Student erst von preußischen Werbern gepreßt worden und fiel dann den Schweden in die Hände, die ihn in ihre Dienste nötigten. General von Krockow nahm 1773 den Schulmeister in Neukirch mitten aus dem Unterricht fort, weil er 5 Fuß, 9 Zoll, 3 Strich messe und zu Lehrern kleine Leute genügten. Als der Mann sich nicht beruhigen will und mit einem Gesuch bis an den König geht, erhält er außerdem noch 40 Stockprügel extra. Ebenso verfuhr Major von Lengefeld mit zu großen Lehrern. Kandidat Neugebauer, ein Gesinnungsgenosse des frommen Bo-gatzky, will von Glaucha als Missionar nach Malabar gehen, unterwegs aber fangen ihn preußische Werber und zwingen ihn, Soldat zu werden. Ein vollkommener Menschenhandel wird in Deutschland eingeführt, mit Preisen, die sich wie auch sonst nach Angebot und Nachfrage regeln. Friedrich Wilhelm I. bot seinen Schwiegersöhnen von Ansbach und Bayreuth 30 Tlr. ,,für jeden nackten Kerl“, ebensoviel pro Kopf wollte Friedrich der Große dem Herzog von Württemberg für etwa 3000 bis 4000 Mann zahlen. Im Siebenjährigen Kriege galt ein Infanterist 96 fl., ein Kavallerist 288 fl. und im Jahre 1772 war der Preußenkönig genötigt, seine Offerte zu erhöhen; er schrieb der Großen Landgräfin, daß er ihrem Mann jeden seiner Hessen mit 60 Tlr. bezahlen wolle, ln Augsburg, erzählte Schlözer, ließen die bischöflichen Vögte alle Fußreisenden verhaften und verkauften sie an die preußischen Werber.

Auch darin diente Preußen den anderen als Beispiel; wohin der „reisende Weißgerbergeselle“ auf seiner Wanderung durch Deutschland auch kommt, überall soll er mit Gewalt zum Soldaten gemacht werden, und er kann sich dieser Gefahr jedesmal nur durch schleunige Flucht entziehen. Die Österreicher galten für die menschlichsten Werber, und bei den Preußen würde Lauckhardt, der im Roten Ochsen zu Frankfurt a. M. ihnen in die Hände fiel, wohl nicht das Glück gehabt haben, wieder losgelassen zu werden. Sonst machten sie auch wenig fangen die Werber alle Handwerksburschen weg, die sich auf dem Schiff befinden, und Pflug erzählt, daß „wenn die Ammänner der vorderösterreichischen Gemeinden einen oder zwei Rekruten zu stellen hatten, so pflegten sie in der Nacht einen ausgewachsenen Hintersassen heimlich zu überfallen, auf einen Leiterwagen zu binden und an das k. k. Oberamt abzuliefern. War keiner da, so faßte man einen fremden Knecht oder man reiste nach Oberdischingen zum Malefiz-Schenk und kaufte sich von ihm zwei Spitzbuben um 100 fl.“

Die Kleinen unter den Großen trieben auch hier die Sache auf die Spitze. Landgräfin Karoline von Hessen will sich bei ihrem Manne einschmeicheln und glaubt das nicht besser tun zu können als durch das Geschenk eines Mannes, den sie 1762 in Bergzabern kauft und ihm nach Pirmasens schickt; zwar ist er nicht mehr jung, und ein Finger der linken Hand ist auch schon beschädigt, aber sie hofft auf Nachsicht, sie hat keine bessere Qualität bekommen. Auch liier treffen wir Herzog Karl Eugen unter denen, die am rücksichtslosesten vorgingen. Als er die 6000 Mann, auf die Frankreich ein Anrecht hatte, stellen sollte, betraute er den berüchtigten Oberst Riegger mit der Aufgabe, sie so schnell wie möglich zusammen zu bringen. Der ließ Bauern, Tagelöhner, Handwerksburschen mit Gewalt einfangen, holte sie ausdem Bett, vom Pfluge, aus Werkstatt und Kirche.

1758 erging ein Befehl, „alle, die ein liederliches Leben führen, Trunkenbolde, Rä-sonneure, Müßiggänger, unruhige Köpfe, subtile Aufwiegler und andere dem Publikum zur Last fallende Leute, welche nicht über 60 Jahre alt, nicht gebrechlich und 5 Fuß 8 Zoll hoch sind, zum Militär zu liefern, denn hier würden sie gehorchen und ruhig und vernünftig werden“. Wer sich loskaufen wollte, mußte 50 bis 100 fl. zahlen; diejenigen aber, die ausgedient hatten, wurden durch Gefängnis, Hunger und Prügel gezwungen, weiter zu dienen. Ein Landesvater ähnlichen Schlages war der Landgraf Friedrich von Hessen-Kassel, der 1762 das preußische Kantonsystem in seinem Territorium eingeführt hatte und eine Armee auf dem Friedensfuß von 16000 Mann erhielt. „Jeder robuste Bauernsohn,“ schreibt Strombeck, „wurde unter die Regimenter gesteckt, und die Felder wurden von Krüppeln, Kindern, Greisen und Weibern bestellt, welches sogar Einfluß auf die Menschenrasse zeigte: nirgends waren die gemeinen Weiber häßlicher als in Hessen“. Beklagten sich Eltern über die Wegnahme ihrer Söhne, so wandert en sie ins Zuchthaus. Lauckhardt erzählte, daß ihm 1776 bei Gelegenheit einer Wanderung durch Hessen die halbnackten Kinder nachliefen und sich beklagten, daß ihre Väter nach Amerika geschickt würden und ihre armen, verlassenen iMütter und alten, abgelebten Großväter das Land bauen müßten. In Vach fiel Seume den Werbern des Landgrafen in die Hände. „Niemand/“ schreibt er in seinem „Leben“, „war damals vor den Handlangern dieses Seelenverkäufers sicher; Überredung, List, Betrug, Gewalt, alles galt“. Man zerriß seine Ausweispapiere, und mit Studenten, Kaufleuten, Handwerkern, Beamten, Mönchen und Deserteuren anderer Armeen teilte er das Schicksal, unter den Hessen-Kasselschen Truppen dienen zu müssen.

Man kann sich leicht vorstellen, welche Stimmung unter den Soldaten herrschen mußte, die auf diese Weise zusammengebracht waren, und daß die Versuchung übergroß war, sich seinem Schicksal durch die Flucht zu entziehen. In der Tat spielte die Desertion eine große Rolle, und auch die drakonischsten Strafen haben nicht von ihr abzuschrecken vermocht. Man schnitt Deserteuren Nasen und Ohren ab, schmiedete sie in Ketten und schickte sie lebenslänglich auf Festung zu schwerster Arbeit, die gewöhnlichste Strafe aber war das Spießrutenlaufen, bei dem ein Deserteur achtmal.eine.Gasse von 200 Mann durchmessen mußte, beim drittenmal traf ihn der Tod. Man suchte sich wohl durch allerlei Vorsichtsmaßregeln zu sichern. So versprach ein preußischer Werbeoffizier 1743 durch Anzeige im Frankfurter Intelligenzblatt jedem, der kapitulieren würde, 100 Rtlr., verlangte aber für jedes Jahr. 100 fl. Kaution, und Lauckhardt, der von Halle aus seinen Vater in der Pfalz besuchen will, muß 150 Rtlr. Kaution hinterlegen, ehe er Urlaub erhält. Vor allem versicherte man sich der angeworbenen Mannschaften durch die strengste und genaueste Überwachung. Sie durften ihre Garnisonsorte nicht verlassen und hatten jedermann, der ihnen außerhalb begegnete. Rede und Antwort über ihr Vorhaben zu stehen. Ertönte die Lärmkanone, so hieß das soviel als „ein Soldat ist entflohen!“ und dann mußte die ganze Umgegend auf die Jagd nach dem Deserteurgehen. Württemberg hat sein „Deserteurattrapierungsreskript“ vom Jahre 1757 dem preußischen nachgeschrieben, mit der Übertreibung, die sich für die kleineren Verhältnisse schickte. Die Gemeinden Württembergs mußten in solchen Fällen Posten ausstellen, die alle Wege und.Stege bewachten; wegen eines Deserteurs mußte Tübingen 106, Herrenberg 94, Röblingen 101, Besigheim 48 Mann als Wachen ausstellen. Wer einem der Unglücklichen geholfen hätte, wäre ins Zuchthaus gekommen. Und trotzdem war die Desertion nicht auszurotten, glaubte doch jeder, seine Lage durch einen Wechsel-zu verbessern, und die Zerrissenheit des Reiches in so unendlich viele kleine Territorien erleichterte die Flucht jenseits der Grenzen. Man vergegenwärtige sich, daß im 18. Jahrhundert Kursachsen bis dicht an die Tore Berlins reichte! Der Rat von Frankfurt a. M. beklagte sich bitter, daß „viele angeworbene Mousquetiers mit völliger Montur auch mit Ober- und Untergewehr desertieren“ und ersucht alle Nachbarn, sie festzuhalten. Aber selbst der Generalpardon, den er 1734 allen Deserteuren verspricht, die sich wieder einfinden werden, scheint nichts gefruchtet zu haben; die Nachbarn machten sich eben kein Gewissen daraus, fremde Deserteure zu engagieren. Das Militär in Münster bestand nach Justus Grüner zum großen Teil aus ausländischen Deserteuren, „die ebenso schnell wieder desertieren“. Bei den Truppen, mit denen Seume zusammen befördert wurde, befand sich eine ganze Abteilung, die nur aus preußischen Deserteuren gebildet war, „sie sprachen beständig vom Alten Fritz und Seydlitz und Schwerin und dünkten sich nichts Kleines“. Da man sich gar keine Gedanken darüber machte, Ausländer in die Armee aufzunehmen — Friedrich II. glaubte, ohne weiteres die gefangene sächsische Armee unter die preußischen Truppen stecken zu können—»andrerseits auch die mit Zwang unter das Militär geratenen Männer nicht grade mit Leib und Seele bei der Verteidigung einer Sache waren, die sie im Grunde nichts anging, so war der Prozentsatz, den die Heere durch Desertion als Verlust erlitten, recht beträchtlich. Als Herzog Karl Eugen sich mit seinen Regimentern in Marsch setzt, desertieren Hunderte; in der ersten Schlacht, die die Württemberger mitmachen, es war Leuthen, wo sie gegen die Preußen fochten, betrug ihre Einbuße 134 Tote, 160 Verwundete und 1832 Deserteure! Als der Feldmarschall Lascy 1767 dem Kaiser sein Regiment vorstellen will, desertieren am Abend zuvor 400 Mann, und die Besichtigung fällt ins Wasser. Fürst Josef Wenzel von Liechtenstein bildete aus lauter preußischen Deserteurs ein Regiment, das er am 4. Dezember 1744 der Kaiserin Maria Theresia vorführt.

Diese Sorte Truppen ‚war gefährlich. Friedrich Wilhelm I. wollte das Herz brechen, als 1730 in Potsdam eine Verschwörung der „langen Kerls“ entdeckt wurde, welche die Residenz hatten.in Brand stecken und dann gemeinsam desertieren wollen; in Berlin hatten 159 300 russische, schwedische, österreichische und französische Deserteure, die dem Regiment Lüderitz angehörten, ein Komplott angezettelt, um sich der Hauptstadt zu bemächtigen, und ähnliche Pläne konnten in Magdeburg vereitelt werden, ehe die Festung dem Feinde überliefert war. Die trostlose Erscheinung, daß Härte und Grausamkeit zu Desertionen und Aufständen führten, und Desertionen und Aufstände eine Verschärfung der Behandlung nach sich zogen, war der traurige und eintönige Kreislauf, aus dem der Absolutismus des 18. Jahrhunderts keinen Ausweg fand.

Das ganze Militärwesen war ein Staat im Staate, nicht nur mit eigener Gerichtsbarkeit, eigenen Kirchen und Schulen, sondern auch mit eigenen Sitten. Allerdings entfernten ihn die hier herrschenden Anschauungen und der im Verkehr von Vorgesetzten zu Untergebenen üDliche Ton von dem übrigen bürgerlichen Leben so weit, als hätten Abgründe dazwischen gelegen. „Kanton-Aushebung“, so läßt sich Nettelbeck in seiner Lebensgeschichte vernehmen, „war eine Schreckenszeitung für alle Eltern jener Zeit. Diese entschiedene Abneigung des Bürgers gegen den Soldatenstand hatte aber auch ihre genügsame Rechtfertigung in der heillosen und unmenschlichen Art, womit die jungen Leute beim Exerzieren, zumal von den dazu angestell-ten Unteroffizieren, behandelt wurden. Unter den Fenstern ihrer Eltern selbst, auf öffentlichem Markt, wurden sie von diesen rohen Menschen bei solchen Einübungen mit Schieben, Stoßen und Prügeln aufs grausamste mißhandelt, oft nur, um sie die Autorität

fühlen zu lassen, oft aber auch wohl in der eigennützigen Absicht, von den Angehörigen Geschenke zu erpressen. Es war ein kläglicher Anblick, wenn die Mütter hei solchen Auftritten in Haufen daneben standen, weinten, schrieen, baten und von den Barbaren rauh abgeführt wurden. Wer es irgend vermochte, entzog sich dieser Sklaverei lieber durch die Flucht ins Ausland.“ Als die Familie Trosiener eines Tages wieder ihr Landhaus vor den Toren Danzigs besucht, entdecken Mutter und Töchter zu ihrem Entsetzen, daß die Preußen vor ihren Fenstern den Übungsplatz eingerichtet haben, „wo unter Schimpfen, Fluchen und Prügeln vom Morgen bis zum Abend Rekruten exerzierten, und die Fuchtel blutjunger Offiziere auf den Rücken alter Soldaten niederfiel“. Als sie dann noch den Spießrutenmarsch anhören müssen, fliehen sie und verlangen nie wieder hinaus.

1789 erzählte der damals 54 Jahre alte Herder dem Ober-konsistorialrat Böttiger, daß er aus seinen Jugendtagen noch immer die empörenden militärischen Exekutionen und Korporalsmißhandlungen in der Erinnerung habe, dadurch sei ihm der preußische Adler auf immer verleidet worden. Um so mehr, weil er selbst .als Sohn eines Dorfschullehrers in seinem Kantonsbezirk beim Militär eingeschrieben war und täglich die peinigende Aussicht hatte, ausgehoben werden zu können. Jahrelang lebte er deswegen in beständiger Unruhe. Man versteht dann, daß der schon genannte Silberschlag erzählt, wie sein Vater täglich mit ihm auf den Knien betete, Gott möge ihn weder so groß noch so stark werden lassen, als daß er imstande sei, die Waffen zu führen. Daher beim Bürgerstand jene unüberwindliche Abneigung gegen das Militär, die sich durch Haß und Furcht kompliziert. Als’ein .Vetter von Karl Friedrich Bahrdt zu den Husaren geht, entsteht in Leipzig das Gerücht, es handle sich um ihn. Sofort steht in der Zeitung: „Eben verbreitet sich die traurige Nachricht, daß unser guter Doktor Bahrdt das Herzeleid erlebt hat, seinen ältesten, hoffnungsvollen Sohn zu verlieren. Er ist ihm entlaufen und unter die Husaren gegangen.“ Als Lauckhardt sich 1783 in Halle anwerben ließ, schrieb ihm Professor Semler, „er hätte dergleichen nicht unternehmen können, wenn er nicht allen Glauben an die göttliche Vorsehung verloren hätte“. Die am meisten charakteristische Geschichte aber erzählt doch Büsching. Ein Berliner Predigersohn geht mit 14 Jahren freiwillig zum Militär, gegen den Wunsch der Eltern, besonders der Mutter, die offen ausspricht, sie wolle ihn lieber tot sehen wie als Offizier. Als er eben ins Feld ziehen ¦ soll, besucht er die Eltern und spaltet ihnen auf Wunsch eine Partie Holz. Dabei hat er das Unglück, sich schwer am Bein zu verletzen. Die Mutter kommt dazu, und als sie den Verwundeten ohnmächtig in seinem Blute liegen sieht und ihn für tot hält, kniet sie nieder und dankt Gott mit Freudentränen, daß er ihren Wunsch erfüllt habe. Der Ritter von Lang sollte als Knabe eine Freistelle auf der Hohen Karlsschule in Stuttgart bekommen, seine Angehörigen aber konnten sich nicht dazu entschließen, diesen Vorteil wahrzunehmen, „weil die Zöglinge exerzieren und Uniform tragen müssen“.

ln bezug auf die Mißhandlungen der Soldaten wurden zwar höheren Orts Parolebefehle erlassen, wie die des Feldmarschall von Möllendorf, der sich 1785 sehr lebhaft gegen die „Idee einiger Offiziers, den gemeinen Mann durch Barbarei tyrannisches Prügeln, Stoßen und Schimpfen zu seiner Schuldigkeit anzuhalten“, wandte, aber da er ihn schon drei Jahre darauf wiederholen mußte, beweist das, wie gering der Erfolg war. Im Ernstfall ist es wohl manchem Soldatenschinder schwer aufs Herz gefallen, daß er sich zu weit hatte fortreißen lassen, wie denn der Oberst von Stranz, der bei dem Sturm auf den Ziska-Berg fiel, zu seinen Soldaten sagte: „Kinder, ich habe euch oft mißhandelt, vergebt mir!“ aber nachher glitschte ihnen eben doch wieder die Hand aus. Es war ein Grundsatz des Generals von Saldern: „Derbe Hiebe sind gute Exerziermeister,“ und der Ritter von Lang sah noch 1798—99 in Rastatt zu, „wie die badischen Hauptleute unter seinem Fenster die Sklaven ihrer Wachplantage alle Tage mit dünnen Röhrchen durchpeitschen ließen“, ln dem stillen kleinen Weimar war die Volkswut kaum zu bändigen, wie Schiller 1788 an Körner schrieb, als der Rittmeister Freiherr von Lichtenberg einen Husaren seiner Schwadron durch 75 Stockprügel hatte zu schänden richten lassen, und der Herzog brauchte seine ganze Autorität, um den Offizier zu schützen, ln Bruchsal, der Residenz eines geistlichen Fürsten, war vor dem Tore für die Soldaten ein hölzerner Esel mit messerscharfem Rücken aufgestellt, auf dem sie zur Strafe ein bis zwei Stunden mit einer Kanonenkugel an jedem Bein sitzen mußten. Wie militärische Gerichtshöfe mit ihren Untersuchungsgefangenen verfuhren, das erzählt Johann Dietz, der als Regimentsfeldscher mit brandenburgischen und anderen Truppen um die Wende des 17. zum 18. Jahrhundert umherzog. Er schreibt: „Ich habe mein Tage dergleichen Tortur, damit die Delinquenten zum Bekenntnis gebracht wurden, nicht gesehen. Indem Solchen die Hände und Beine gebunden, über die Kniee oder Beine gespannet und ein Stock durchgesteckt, item ein Strick mit 3 oder 4 Knoten um den Kopf mit einem Prügel zugerädelt und immer besser angezogen. Auf die Weis sie alles herausbrachten. Und dies hießen sie den polnischen Bock. Und gewiß, sie lagen da wie ein Klotz und wurden mit den Beinen umgestoßen wie ein Klump, sie verkehrten die Augen im Kopf, wurden ganz dumm und bekennten alles, sie brummten wie ein Ochse/‘ Die einzige Erklärung für die unmenschliche Behandlung liegt eben darin, daß man glaubte, eine bunt zusammengewürfelte Menge von Männern aus aller Herren Länder, aus allen Berufen und Altersklassen, nur durch eine eiserne Strenge regieren zu können. Wenn das Reglement, das der Markgraf von Brandenburg-Kulmbach 1722 für seine Mannschaft erließ, ihnen ausdrücklich Stehlen, Rauben, Plündern, Vollsaufen, Straßenraub, Mordbrennen, Notzucht, Blutschande, Sodomiterei verbieten zu müssen glaubte, so fällt damit ein merkwürdiges Licht auf den moralischen Zustand dieser Truppe. Unter den Soldaten waren viele, erzählt Karl Friedrich von Klöden, der zwischen ihnen aufwuchs, die sich nur hatten anwerben lassen, um dem Zuchthause zu entgehen. „Alle Disziplinareinfichtungen waren so getroffen, als ob das ganze Heer nur aus Menschen bestünde, die allein durch barbarische härteste Strafmittel notdürftig in Ordnung zu halten seien, und diese Strafen wurden mit Unbarmherzigkeit angewendet/‘ „Bei aller Gewöhnung an die unwürdigste Mißhandlung“, fährt er fort, „mußte die unmenschliche Behandlung den Soldaten das Leben entleiden.“ Viele schnitten sich in ihrer Verzweiflung den Hals ab; verbluteten sie nicht, wurde die Wunde genäht, und sie mußten, wenn sie geheilt waren, 12mal Spießruten laufen. Andere ergriffen den Ausweg und töteten ein Kind, um als Mörder hingerichtet zu werden, das war nach der allgemeinen Anschauung eine geringere Sünde als der Selbstmord, indem ein unschuldiges Kind sogleich in den Himmel gelange.

Den deutlichsten Begriff von dem inneren Zustande der preußischen Armee und dem Leben und Treiben ihrer Angehörigen unmittelbar vor Ausbruch des Siebenjährigen Krieges geben die Aufzeichnungen Ulrich Bräkers aus dem Toggenburg-schen, den ein Landsmann einem preußischen Werbeoffizier in die Hände spielte. „Seine Exzellenz, Leutnant Markoni“ schickt ihn dann als seinen Diener nach Berlin, wo dem Betrogenen zu spät die Augen aufgehen. Wir geben ihm das Wort.

„Es war den 8. April als wir 1756, zu Berlin einmarschierten, und ich vergebens nach meinem Herrn fragte, der doch, wie ich nachwärts erfuhr, schon acht Tage vor uns angelangt war. Labrot, denn die andern verloren sich nach und nach von mir, ohne daß ich wußte, wo sie hinkamen, transportierte mich in die Krausenstraße, in Friedrichsstadt, wies mir ein Quartier an und verließ mich kurz mit den Worten: ,Da, Mousier, bleib Er, bis auf fernere Order!‘ Der Henker! dacht ich, was soll das? Ist ja nicht einmal ein Wirtshaus! Wie ich so staunte, kam ein Soldat, Christian Zittemann, und nahm mich mit sich auf seine Stube, wo sich schon zwei andere Martissöhne befanden. Nun ging’s an ein Wundern und Ausfragen: wer ich sei, woher ich komme und dergleichen. Noch könnt ich ihre Sprache nicht recht verstehn. Ich antwortete kurz, ich komme aus der Schweiz, und sei Sr. Exzellenz des Herrn Leutnant Markoni Lakai, die Sergeanten haben mich hieher gewiesen, ich möge aber lieber wissen, ob mein Herr schon in Berlin angekommen sei und wo er wohne. Hier fingen die Kerls ein Gelächter an, daß ich hätte weinen mögen; und keiner wollte das geringste von einer solchen Exzellenz wissen. Mittlerweile trug man eine stockdicke Erbsenkost auf. Ich aß mit wenigem Appetit. Wir waren kaum fertig, als ein alter hagerer Kerl ins Zimmer trat, dem ich doch bald ansah, daß er mehr als Gemeiner sein müsse. Es war ein Feldwebel. Er hatte eine Soldatenmontur auf dem Arm, die er über den Tisch ausbreitete, legte ein Sechsgroschenstück dazu und sagte: ,Das ist für dich, mein Sohn! Gleich werd ich dir noch ein Kommißbrot bringen/ ,Wa$? für mich?‘ versetzt ich, ,von wem? wozu?‘ ,Ei! Deine Montierung und Traktement, Bursche! Was gilt’s da Fragens? Bist ja ein Rekrute.‘ ,Wie, was? Rekrute?‘ erwidert ich. ,Behüte Gott! da ist mir nie kein Sinn daran kommen. Nein, in meinem Leben nicht. Mar-konis Bedienter bin ich. So hab ich gedungen, und anders nicht. Das wird mir kein Mensch anders sagen können.‘ ,Und ich sag dir, du bist Soldat, Kerl! Ich steh dir dafür. Da hilft jetzt alles nichts.‘ Ich. Ach, wenn nur mein Herr Markoni da wäre. Er. Den wirst du sobald nicht zu sehen kriegen. Wirst doch lieber wollen unsers Königs Diener sein als seines Leutnants? Damit ging er weg. ,Um Gottes willen, Herr Zittemann!‘ fuhr ich fort, ,was soll das werden?‘ »Nichts, Herr!‘ antwortete dieser, ,als daß Er, wie ich und- die andern Herrn da, Soldat und wir folglich alle Brüder sind, und Ihm alles Widersetzen nichts hilft, als daß man Ihn auf Wasser und Brot nach der Hauptwache führt, kreuzweis schließt und Ihn fuchtelt, daß Ihm die Rippen krachen, bis er content ist.‘ Ich. Das war, beim Sacker! unverschämt, gottlos. Er. Glaub Er mir’s auf mein Wort, anders ist’s nicht und geht’s nicht. Ich. So will ich’s dem Herrn König klagen. Hier lachten alle hoch auf. Er. Da kömmt Er sein Tage nicht hin. Ich. Oder wo muß ich mich sonst melden? Er. Bei unserm Major, wenn Er will. Aber das ist alles umsonst. Ich. Nun so will ich’s probieren, ob’s so gelte? Die Bursche lachten wieder, ich aber entschloß mich wirklich, morgens zum Major zu gehn und meinem treulosen Herrn nachzufragen.

Sobald also der Tag am Himmel brach, ließ ich mir dessen Quartier zeigen. Potz Most! das dünkte mich ein königlicher Palast und der Major der König selbst zu sein, so majestätisch kam er mir vor, ein gewaltig großer Mann, mit einem Heldengesicht und ein paar feurigen Augen wie Sternen. Ich zitterte vor ihm, stotterte: ,Herr Major! Ich bin Herrn Leutnant Markonis Bedienter. Für das bin ich angeworben, und sonst weiters für nichts. Sie können ihn selbst fragen. Ich weiß nicht, wo er ist. Jetzt sagen’s da, ich müsse Soldat sein» ich wolle oder nicht.‘ ,So!‘ unterbrach er mich, ,so ist Er das ’saubere ‚Bürschchen! Sein feiner Herr hat uns gewirtschaftet, daß es eine Lust ist, und Er wird wohl auch seinen Teil gezogen haben. Und kurz, jetzt soll Er dem König dienen, da ist’s aus und vorbei.‘ Ich Aber, Herr Major! Er. Kein Wort, Kerl! Oder die Schwerenot! Ich. Aber ich hab ja weder Kapitulation noch Handgeld! Ach! Könnt ich doch mit meinem Herrn reden! Er. Den wird Er so bald nicht zu sehn kriegen, und Handgeld hat Er mehr gekost’t als zehn andre. Sein Leutnant hat eine saubere Rechnung, und Er steht darin oben an. Eine Kapitulation soll Er haben. Ich. Aber — Er. Fort! Er ist ja ein Zwerg, daß— Ich. Ich bitte. Er. Kanaille! scheer Er sich zum Teufel. Damit zog er die Fuchtel. Ich zum Haus hinaus wie ein Dieb, und nach meinem Quartier, das ich vor Angst und Not kaum finden konnte. Da klagt’ ich Zittemann mein Elend in den allerhöchsten Tönen. Der gute Mann sprach mir Mut ein. .Geduld, mein Sohn! Es wird schon alles besser gehen. Jetzt mußt dich leiden, viel hundert brave Bursche aus guten Häusern müssen das gleiche tun. Denn gesetzt auch, Markoni könnte und wollte dich behalten, so müßt er dich doch unter sein Regiment abgeben, so bald es hieß: ins Feld, marsch! Aber, wirklich, einstweilen würd er kaum einen zu nähren imstande sein, da er auf der Werbung ungeheure Summen verzehrt und dafür so wenig Kerls eingeschickt haben soll, wie ich unsern Oberst und Major schon oft lamentieren gehört, man wird ihn gewiß nicht mehr so geschwind zu derlei Geschäften brauchen. So tröstete mich Zittemann, und ich mußt’s wohl annehmen, da mir kein besserer Trost übrig blieb. Nur dacht ich dabei, die Großem richten solche Suppen an, und die Kleinen müssen sie aufessen.

Des Nachmittags brachte mir der Feldwebel mein Kommißbrot nebst Unter-und Übergewehr und fragte, ob ich mich nun eines Bessern bedacht. ,Warum nicht?‘ antwortete Zittemann für mich, ,er ist der beste Bursch von der Welt.‘ Jetzt führte man mich in die Montierungskammer, paßte mir Hosen, Schuh und Stiefeletten an und gab mir einen Hut, Halsbinde und Strümpfe. Dann mußt ich mit noch zwanzig andern Rekruten zum Herrn Oberst Latorf. Alan führte uns in ein Gemach so groß wie eine Kirche, brachte etliche zerlöcherte Fahnen herbei und befahl jedem, einen Zipfel anzufassen. • Fin Adjutant, oder wer er war, las uns einen ganzen Sack voll Kriegsartikel her, und sprach uns einige Worte vor, welche die mehrern nachmurmelten, ich regte mein Maul nicht, dachte dafür was ich gern wollte, ich glaubte an Ännchen; er schwang dann die Fahne über unsre Köpfe und entließ uns. Hierauf ging ich in eine Garküche und ließ mir ein Atittagsessen nebst einem Krug Bier geben. Dafür mußt ich zwei Groschen zahlen. Nun blieben mir von jenen sechsen noch vier übrig; mit diesen sollt ich vier Tage wirtschaften, und sie reichten doch bloß für zwei hin. Bei dieser Überrechnung fing ich gegen meine Kameraden schrecklich zu lamentieren an. Allein Cran, einer derselben, sagte mir mit Lachen: ,Es wird dich schon lehren. Jetzt tut es nichts, hast ja noch allerlei zu verkaufen!

Per Exempel deine ganze Dienermontur. Dann bist du gar doppelt armiert, das läßt sich alles versilbern. Auch kriegen solche junge Burschen oft noch eine Traktements-Zulage, und kannst dich deswegen beim Obrist melden. ,Oh oh! Da geh ich mein Tage nicht mehr hin,“ sagt ich. „Potz Velten!‘ antwortete Cran, ,du mußt mal des Donners gewohnt werden, sei’s ein wenig früher oder später. Und dann der Menage wegen nur fein aufmerksam zugesehn, wie’s die andern machen. Da heben’s drei, vier bis fünf miteinander an, kaufen Dinkel, Erbsen, Erdbirnen und kochen selbst. Des Morgens für einen Dreier Fusel und ein Stück Kommißbrod. Mittags holen sie in der Garküche für ein andern Dreier Suppe, und nehmen wieder ein Kommiß. Des Abends für zwei Pfennige Kovent oder Dünnbier und abermals Kommiß.“ Aber das ist, beim Strehl, ein verdammtes Leben/ versetzt ich, und Er: Ja! So kommt man aus und anders nicht. Ein Soldat muß das lernen, denn es braucht noch viel andre Ware: Kreide, Puder, Schuhwachs, Öl, Schmiergel, Seife und was der hundert Siebensachen mehr sind. Ich: Und das muß einer alles von den sechs Groschen bezahlen? Er: Ja! und noch viel mehr, wie z. B. den Lohn für die Wäsche, für das Gewehr putzen und so fort, wenn er solche Dinge nicht selber kann. Damit gingen wir in unser Quartier, und ich machte alles zurecht, so gut ich konnte und mochte. Die erste Woche hatt ich noch Vakanz. Ich ging in der Stadt herum, auf alle Exerzierplätze, sah, wie die Offiziere ihre Soldaten musterten und prügelten, daß mir schon zum Voraus der Angstschweiß von der Stirne tropfte. Ich bat daher Zittemann, mir zu Hause die Handgriffe zu zeigen. „Die wirst du wohl lernen/ sagte er, ,aber auf die Geschwindigkeit kömmt’s an. Da geht’s dir wie ein Blitz!‘ Indessen war er so gut, mir wirklich alles zu weisen; wie ich das Gewehr rein halten, die Montur anpressen, mich auf Soldatenmanier frisieren sollte. Nach Crans Rat verkaufte ich meine Stiefel und kaufte dafür ein hölzernes Kästchen für meine Wäsche. Im Quartier übte ich mich stets im Exerzieren, las i mH alleschen Gesangbuch oder betete. Dann spaziert5 ich etwa an die Spree und sah hundert Soldatenhände sich mit Aus-und Einladen der Kaufmannswaren beschäftigen, oder auf die Zimmerplätze, da steckte wieder alles voll arbeitender Kriegsmänner. Ein andermal in die Kasernen, da fand ich überall auch dergleichen, die hunderterlei Hantierungen trieben, von Kunstwerken an bis zum Spinnrocken. Kam ich auf die Hauptwache, so gabs deren, die spielten, soffen und haselierten; andre, welche ruhig ihr Pfeifchen schmauchten und diskurierten; etwa auch einer, der in einem erbaulichen Buch las und’s den andern erklärte. In den Garküchen und Bierbrauereien ging’s eben so her. Kurz, in Berlin hat’s unter dem Militär, wie, denk ich freilich, in großen Staaten überall, Leute aus allen vier Weltteilen, von allen Nationen und Regionen, von allen Charakteren, und von jedem Berufe, womit einer noch ebenzu sein Stücklein Brot gewinnen kann.

Die zweite Woche mußt ich midi schon alle Tage auf dem Paradeplatz stellen, wo ich unvermutet drei meiner Landsleute, Schärer, Bachmann und Gästli fand, die sich zumal alle mit mir unter gleichem Regimente Itzenblitz, die beiden erstem vollends unter der nämlichen Kompagnie Lüderitz befanden. Da sollt ich vor allen Dingen unter einem mürrischen Korporal mit einer schiefen Nase, Mengke mit Namen, marschieren lernen. Den Kerl mocht ich für den Tod nicht vertragen; wenn er mir gar auf die Füße klopfte, schoß mir das Blut in den Gipfel. Unter seinen Händen hätt ich mein Tage nichts begreifen können. Dies bemerkte einst Hevel, der mit seinen Leuten auf dem gleichen Platz manövrierte, tauschte mich gegen einen andern aus, und nahm mich unter sein Peloton. Das war mir eine Herzensfreude. Jetzt kapiert’ ich in einer Stunde mehr als sonst in zehn Tagen.

Fast alle Wochen hörten wir nämlich neue ängstigende Geschichten von ein-gebrachten Deserteurs, die, wenn sie auch noch so viele List gebraucht, sich in Schiffer und andre Handwerksleute oder gar in Weibsbilder verkleidet, in Tonnen und Fässer versteckt, dennoch ertappt wurden. Da mußten wir Zusehen, wie man sie durch zweihundert Mann achtmal die lange Gasse auf und ab Spießruten laufen ließ, bis sie atemlos hinsanken, — wie sie des folgenden Tages wieder dran mußten, die Kleider vom zerhackten Rücken heruntergerissen, und wie wieder frisch drauf losgehauen wurde, bis Fetzen geronnenen Bluts ihnen über die Hosen hinabhingen. Dann sahen Schärer und ich uns zitternd und todblaß an und flüsterten einander in die Ohren: ,Die verdammten BarbarenV Was hiernächst auch auf dem Exerzierplatz vorging, gab uns zu ähnlichen Betrachtungen Anlaß. Auch hier war des Fluchens und Karbatschens von prügelsüchtigen Jünkerleins und hinwieder des La.-mentierens der Geprügelten kein Ende. Wir selber zwar waren immer von den ersten auf der Stelle und tummelten uns wacker. Aber es tat uns nicht minder in der Seele weh, andre um jeder Kleinigkeit willen so unbarmherzig behandelt und uns selber Jahr ein Jahr aus so koujoniert zu sehn: oft ganzer fünf Stunden lang, in unsrer Montur eingeschnürt, wie geschraubt stehn, in die Kreuz und Quer pfahlgrad marschieren, und ununterbrochen blitzschnelle Handgriffe machen zu müssen, und das alles auf Geheiß eines Offiziers, der mit furiosem Gesicht und aufgehobnem Stock vor uns stand, und alle Augenblick wie unter Kabisköpfe dreinzuhauen drohte. Bei einem solchen Traktement mußte auch der starknervigste Kerl halb lahm und der geduldigste rasend werden. Kamen wir dann todmüde ins Quartier, so ging’s schon wieder über Hals und Kopf, unsre Wäsche zurecht zu machen und jedes Fleckchen auszumustern, denn bis auf den blauen Rock war unsre ganze Uniform weiß. Gewehr, Patrontasche, Kuppel, jeder Knopf an der Montur, alles mußte spiegelblank geputzt sein. Zeigte sich an einem dieser Stücke die geringste Untat, oder stand ein Haar in der Frisur nicht recht, so war, wenn man auf den Platz kam, die erste Begrüßung eine derbe Tracht Prügel.“

War es ein Wunder, daß der brave, betrogene Schweizer bei solchen Erfahrungen die erste Gelegenheit wahrnahm, um in Gesellschaft vieler Leidensgefährten davonzulaufen und es dem Großen König überließ, seine Schlachten zu schlagen, mit wem er wolle?

Wie schlecht war auch im Felde für die Soldaten gesorgt. Während des Feldzugs in der Champagne ließ der Herzog von Braunschweig den Soldaten aus den eroberten französischen Magazinen in Longwy Tabak, Branntwein und Speck reichen. Das meiste wurde aber, wie Lauckhardt schreibt, von den Herren, die es verteilen sollten, an die Marketender verkauft, -auch alle Strümpfe, die den Soldaten zugedacht waren, von den Offizieren an Kaufleute verschoben. Zur Entschädigung ließ man dann in der Champagne Kreide brechen und verteilen, und ein Parolebefehl verkündete: Seine Majestät schenke diese Kreide den Soldaten. Sie mußten sie sonst zum Weißen des Lederzeuges von ihrem Gelde kaufen. Wer das Unglück hatte, an die Engländer verkauft zu werden, hatte vollends auf menschliche Behandlung keinen Anspruch mehr. Bis zur Küste wie Zuchthäusler, unter Bedeckung und ohne Waffen transportiert, erzählt Seume, „wurden wir in den englischen Transportschiffen gedrückt, geschichtet und gepökelt wie die Heringe. Im Verdeck konnte ein ausgewachsener Mann nicht gradestehen und im Bettverschlage nicht grade sitzen. Wenn vier in dem Bettkasten lagen, waren sie voll, Nummer 5 und 6 mußten hineingezwängt werden. Es war für den einzelnen unmöglich, sich umzuwenden und ebenso unmöglich, auf dem Rücken zu liegen.“ Die Kost war knapp und schlecht und stets die gleiche, Erbsen und Speck. Das Schiffsbrot, das die Engländer den Franzosen im siebenjährigen Kriege (15 Jahr zuvor!) abgenommen hatten, war voller Würmer, die sie mit essen mußten, das Wasser die reine Jauche, man mußte sich beim Trinken die Nase zuhalten. So waren sie 22 Wochen unterweges.

Verwundete waren so gut wie verloren. Prinz August Wilhelm schreibt aus Prag am 13. Mai 1757 voll Schauder über den entsetzlichen Zustand der Feldlazarette, in dem die Blessierten fünf Tage lang liegen müssen und immer noch nicht verbunden waren, aber ein Menschenalter später macht Lauckhardt dieselben Erfahrungen in dem Feldzug in der Champagne, wo er von den preußischen Feld–lazaretten, ihrer Unordnung, ihrem Mangel an allem Notwendigen, der Unmenschlichkeit der Chirurgen ein grauenvolles Bild entwirft.

Es ist lange Zeit alles beim Alten geblieben, und das Alte war weder für den Soldaten gut noch für das Zivil. Die Kavallerie lag auf dem flachen Lände bei den Bauern im Quartier, der der Willkür des Soldaten schutzlos überlassen war. Der Quartiergeber empfing zwar eine Vergütung von 2 Tlr. monatlich, die Ausgaben aber, zu denen er sich gezwungen sah, beliefen sich im Durchschnitt auf 4 bis 5 Tlr.

Die Infanterie lag in den Städten. Da Kasernen noch Ausnahmen waren, so wohnten die Soldaten durch die ganze Stadt zerstreut. Das gab mitunter sonderbare Bilder, z. B. in Potsdam, das Friedrich der Große doch ganz voller Palastfassaden gestellt hatte. Atoore wundert sich, daß selbst aus den Fenstern der ansehnlichsten Häuser Hosen, Westen und andre Wäschestücke der Soldaten zum Trocknen herausgehängt sind, und die gleiche Erscheinung bot Berlin dar. In Halle lagen zu Lauckhardts Zeit immer zwei unverheiratete Soldaten bei einem Verheirateten, der ihnen Holz, Licht und Bett geben muß, dafür aber den königlichen Service zieht; in Magdeburg und andern Orten wohnte der Soldat bei den Bürgersleuten. Nicht zu deren Freude. Hören wir den Barbier Johann Dietz über diesen Punkt.

Er schreibt in seinen Erinnerungen:

„Wir sind leider nun vierundzwanzig Jahr mit harter Einquartierung beleget worden. Und da habe ich auch viel Drangsal von Soldaten, Unteroffizieren und deren Weibern ausgestanden. Insonderheit, weil mich meine Frau und ihr Schwiegersohn bei den Predigern und in der ganzen Stadt, vor einen sehr reichen Mann von vielen tausend Talern ausgeschrieen. Daher die Soldaten bei mir alles vollauf haben wollten! Wann das nun nicht erfolgete, taten sie mir allen Tort und Herzeleid. Und ist nicht zu beschreiben, wie sie mich gequälet haben und noch quälen. Alter Schelm! alter Spitzbube! alter Racker! alter, verfluchter Geizteufel! sind meine besten Titul; meine Kinder werden von ihren Kindern gestoßen und geschlagen; alles unter der Hand weg; die Stuben vom starken Einheitzen in Brand gesteckt; den Garten verwüst und die Bäume mit Urin, ja damit den Boden und Stube überschwembt; salvo’honore vor meine Stuben hofieret, vor und in die Küche, vor den Ofen, da ich ihnen habe einheitzen und darein knieen müssen; Spiegel und Ofen zersprengt; Schüssel und Töpf entzweigeschlagen, zum Fenster naus-geworfen; aus meiner Küche mit Gewalt andere genommen, und was ihnen angestanden von kupfernen und irdenen Tiegeln und Töpfen und Feuerzeug; die Betten des Morgens lassen aus dem Hause tragen, Federn ausrappen usw. Trotz, daß ich ein Wort sagen dürfen, gleich mit dem Pallasch überloffen!

Sechsundzwanzig Hühner und Truthühner sind mir in einer Nacht gestohlen, die Köpfe in’n Garten geschmissen; wie ich hernach erfahren: Kindtauf dabei gemacht!

Einen Monat habe ich ihnen Holz, Öl, Salz, Essig, Pfeffer, Schwefel usw. in großer Menge geben müssen. Davon haben sie so viel Vorrat gesammlet, daß sie den andern Monat gnug gehabt. Da haben sie Geld vor Servis zwanzig Groschen und mehr des Monats erpreßt, wann ich Friede und Ruhe haben wollen.

Sind nicht zufrieden gewesen mit guten Bette und Kammer, sondern habe sie in meine Wohnstube einlegen müssen. Da haben sie ihre gewaschene Hosen und Stipulet usw. zum Fenster ausgehangen und, salvo honore, zur Dankbarkeit, wann ich ihnen bei Gelegenheit der Meisterstück der Barbier Wein, Bier und Braten gab, mitten in die Stube hofieret und die Fenster eingeschlagen; wie der Unteroffizier Wangenheini mir getan. Aber auch nun sein’n Lohn bekommen! Wie es insgemein von Gott gestraft wird. Sonst ist und hilft kein Klagen und will niemand helfen.“

Waren Kasernen vorhanden, so erhielt jeder verheiratete Unteroffizier eine Stube und eine Kammer, in die man zwei der schlimmsten Ausländer legte, für die er verantwortlich war. Um die angeworbenen Soldaten an die Garnison zu fesseln, erlaubte man ihnen zu heiraten, was die Regimenter dann um einen großen Troß von Weibern und Kindern vermehrte. Die sächsiche Armee, die 1790 30000 Mann stark war, zählte damals 20000 Kinder, und es war in Preußen kaum anders. Friedrich Wilhelm I. hatte in Potsdam das Militärwaisenhaus gegründet, in dem die Waisen und Kinder von Soldaten erzogen wurden; die 2000 bis 3000 Zöglinge, die es fassen konnte, wurden aber als billige Arbeitskräfte den Fabriken in der Stadt und Umgebung überwiesen; „jüdische Blutsauger beuteten sie in einer Weise aus, daß eine ungeheure Sterblichkeit die notwendige Folge war,“ ein Prediger nannte die Anstalt einst eine Alürdergrube. Diese Schar von Weibern und Kindern vermehrte das städtische Proletariat, denn abgesehen davon, daß ein verheirateter Soldat von seiner Löhnung überhaupt nicht existieren konnte, so stand es einem Kompagniechef noch außerdem frei, den dritten Teil seiner Kompagnie zwangsweise auf vier Monate zu beurlauben. In dieser Zeit floß der Sold der Beurlaubten in seine Tasche, und die Leute konnten sehen, wo sie blieben. Klöden entwirft ein schreckliches Bild von der Not, in die die Seinen dadurch ganz unverschuldet gerieten. Lauckhardt macht sich bei seinem Kapitän sehr beliebt, als er Stadturlaub nimmt; er erwirbt seinen Lebensunterhalt durch Sprachstunden und läßt jenem das Traktament. Die Hauptleute aber waren oft genug selbst nicht auskömmlich gestellt und auf derartige Manipulationen zur Erhöhung ihrer Einkünfte angewiesen, denn da in der preußischen Armee alle höheren Offiziere bis zum Generalleutnant hinauf ihre Kompagnien behielten und deren Einkünfte mit 4000 Tlr. jährlich zogen, so übernahm an ihrer Stelle ein Hauptmann zweiter Klasse die Führung, der nur 500 Tlr. bekam. Da ein Hauptmann alles für seine Mannschaft Nötige zu beschaffen hatte, so trachtete er natürlich darnach, alles so wohlfeil einzukaufen wie möglich, und er bevorzugte daher diejenigen Soldaten und Unteroffiziere, die imstande waren, sich eigene Monturen zu halten; einmal sah die Truppe hübscher aus, und dann kostete sie ihn weniger. Not und Knauserei an allen Ecken und Enden des Systems, so daß Friedrich von der Trenck sich zu der Behauptung versteigt: „Alle Soldaten der preußischen Armee, Offiziere und Unteroffiziere, sind bestechlich.“ Als man während seiner Gefangenschaft in Magdeburg seine Wachen änderte, verlor er seine besten Freunde. ,,Es währte aber nicht lange,“ schreibt er, „so hatte ich schon wieder zwei andere durch Geld gewonnen, welches mir leicht fiel, weil ich den Nationalcharakter kenne und zur Landmiliz nur arme oder unzufriedene Offiziere gewählt werden konnten.“

Eine Armee, von der ein überwiegend großer Teil, auch während er unter den Fahnen stand, bürgerlichem Erwerb nachging, war nicht grade von sehr kriegerischem Geist erfüllt, sie zog das Daheimbleiben entschieden dem Ausrücken vor. „Der Krieg ist den Soldaten noch etwas Neues,“ schreibt Baron Bielfeld am 15. Dezember 1740 aus Berlin. „Als der Befehl zum Aufbruch der Armee kam, kratzte sich ein alter Hauptmann, der seit dem nordischen Kriege nicht aus seiner Garnison gekommen war, hinter den Ohren und rief: Schon wieder marschieren!“ Grade 50 Jahre später macht Lauckhardt die gleiche Beobachtung, als die Mobilmachung von 1790 erfolgt. Er schiebt den Umstand, daß der „preußische Soldat weit un-gerner ins Feld geht als irgendein anderer“ auf das Verehelichtsein der Mehrzahl und ihr Betreiben bürgerlicher Berufe in Ackerbau und Gewerbe. Woher hätte diesen Leuten Stimmung und Sinn für ihren Beruf kommen sollen? Sie sangen nach Lauckhardts Zeugnis:

Fürs Vaterland zu sterben
Wünscht mancher sich;
Zehntausend Taler erben,
Das wünsch’ ich mich.
Das Vaterland ist undankbar,
Und dafür sterben?
O, du Narr!

Der größte Übelstand blieb immer die Zusammensetzung der Armee aus Inländern und Ausländern, zweier Elemente, die sich nicht vereinen ließen, weil Gefühle, Interessen und Behandlung nicht die gleichen waren. Während aber bei allen, die nicht dazu gehörten, das Gefühl des Mitleids mit denen überwog, die ihr unglücklicher Stern unter das Militär geführt hatte, Edelmann sah in Potsdam „sehr viele unter den Grenadieren, die wohl ein besser Schicksal als die Muskete verdient zu haben schienen“, so werden doch schon manche Stimmen laut, welche die erziehliche Wirkung der Militärzeit auf den Mann durchaus zu schätzen wissen. „Die eingeborenen Soldaten sind nicht so gefühllos und steif, als man die preußischen Soldaten zu schildern pflegt,“ schreibt Riesbeck, „im Gegenteil, es herrscht viel guter .Wille, viel Liebe zum König und zum Vaterland unter ihnen. Da sie während der Zeit ihres Urlaubs andere Beschäftigungen als mit dem Gewehr, und mit andern Leuten als mit ihren Korporalen und Kameraden Umgang haben, so sind sie auch runder, belebter und freier in ihrem Betragen als die geworbenen Fremden.“ Justus Grüner fiel bei seiner Reise durch Westfalen der Unterschied auf, der zwischen den Landleuten des preußischen Teils und denen der katholischen Stifte bestand. Diese fand er am ungebildetsten, während jene zivilisiert, reinlich, pünktlich und gebildet erschienen. Das Verdienst davon schreibt er lediglich der militärischen Organisation zu, weil in Friedenszeiten drei Vierteile der eingeborenen Soldaten sehn Monate lang auf Urlaub in der Heimat weilten. Die Beurlaubten wie die Entlassenen brächten Pünktlichkeit, Reinlichkeit, Ordnungsliebe und Bildung mit zurück. Das war auch ein Grund, der den Minister von Hertzberg unter der Regierung Friedrich Wilhelms II. veranlaßte, auf Säuberung der Armee von allen Ausländern zu dringen. Durchgesetzt hat sie erst der Zusammenbruch von 1806.

Wenn man sich Überlegt, daß während des ganzen 18. Jahrhunderts doch nur der Kaiser und einige der größeren Reichsstände imstande waren, selbständige Politik zu treiben, so taucht ganz unwillkürlich die Frage auf: Zu welchem Zweck hielten sich die Fürsten doch Heere, die zu Kräften, Mitteln und Zwecken ihrer Territorien in so auffallendem Mißverhältnis standen?

Darauf gibt es nur eine Antwort: Um sie ans Ausland zu verkaufen. Unter den schönen Ausdrücken „Allianz“ oder „Subsidien-Verträgen“ verbarg sich der Menschenhandel en gros, denn die Herren haben die Männer, die sie einzeln mit so großer Mühe aufbrachten, wenn sie als Regiment zusammengestellt waren, mit großem Vorteil an den Meistbietenden verkauft oder vermietet. Dieses Geschäft begann schon im 17. Jahrhundert. Die Grafen Waldeck überließen ihre Leute an Venedig für die Türkenkriege, Herzog Friedrich I. von Gotha gab“den Generalstaaten von Holland 1689 ein Kavallerieregiment für 20000 Tlr. und versorgte den Kaiser und Kursachsen mit Mannschaft, aber das 18. Jahrhundert ist so recht eigentlich erst die Zeit eines schwunghaften Soldatenhandels deutscher Fürsten mit dem Ausland geworden. Sie waren alle daran beteiligt, denn wenn das größere Odium auch auf Hessen-Kassel, Braunschweig, Waldeck, Anhalt u. a. fällt, so fehlt doch auch Preußen nicht in dieser Reihe. Es hat während des spanischen Erbfolgekrieges eine Reihe seiner Regimenter, darunter von Schölten, von Budberg, von Romberg den Holländern überlassen und den deutschen Kleinfürsten damit das übelste Beispiel gegeben. Auf 14 Millionen Taler veranschlagt man die Summen, die König Friedrich I. durch das Verleihen seiner Truppen einnahm. Seit Friedrich Wilhelm J. Regierungsantritt ist das nicht mehr vorgekommen, aber die Grafen, Markgrafen, Landgrafen, Fürsten und Herzoge unter den deutschen Reichsständen haben England, Holland, Frankreich und den Kaiser mit Männern versorgt; sie lieferten ihre Ware so gewissenhaft, daß sie oft genug beide im Streit liegenden Parteien bedienten, wie denn unter dem Landgrafen Wilhelm VIII. von Hessen-Kassel während des österreichischen Erbfolgekrieges hüben und drüben Hessen fochten, und es nur einem Zufall zu verdanken war, wenn sie nicht direkt gegeneinander im Feuer standen. Das Haus Hessen-Kassel steht unter den Menschenhändlern unbestritten an der ersten Stelle, weit länger wie ein Jahrhundert haben die Regenten aus dieser Familie ihre Untertanen wie das Vieh verkauft, und wenn die Hessen des ehemaligen Kurfürstentums heute die Wilhelmshöhe und ihre großartigen Bauten betrachten, so haben sie wirklich ein Recht, sich als Besitzer zu fühlen, an jedem Stein kleben Blut und Tränen ihrer Voreltern, die in fremde Sklaverei verkauft wurden, um ihren Landesherren ein prunkvolles Heim zu schaffen. Karl I. beginnt den Reigen. Er verkaufte 1687 tausend Mann an Venedig, 1702 neuntausend an die Seemächte, 1715 zwölftausend an England und schloß 1726 einen sogenannten Subsidicn-Vertrag mit England, den sein Nachfolger, Landgraf Friedrich I., der gleichzeitig König von Schweden war, erneuerte. Er empfing von Großbritannien von 1700 bis 1750 ein und eine Viertel Million Pfund Sterling für die Soldaten, die er für die englischen Kriege zur Verfügung stellte. Der größte Geschäftsmann war Landgraf Friedrich II., dem England für 12000 Mann jährlich 772600 Tlr. zahlte. Der Reinverdienst des Landgrafen soll nach Friedrich Kapp in zehn Jahren vier Millionen Tlr. betragen haben, und vielleicht belief er sich noch höher, da der Fürst einen kleinen Schwindel nicht scheute und sich mehr Mann bezahlen ließ als er lieferte. Jeder Tote wurde ihm außerdem mit 51 Tlr. 15 Groschen bezahlt. Er ist es, der Hessen entvölkerte, umseinen Betrieb in Gang zu halten. Und dabei schrieb dieser selbe Seelenverkäufer einen „Katechismus für Fürsten“ und schickte ihn zur Begutachtung an Voltaire. Der greise Patriarch von Ferney überhäufte ihn nach seiner Art mit Lob, als er ihn aber schmeichlerisch einen Zögling des großen Preußenkönigs nannte, antwortete ihm dieser voll Empörung: „Wäre der Landgraf aus meiner Schule hervorgegangen, so würde er den Engländern seine Untertanen nicht verkauft haben, wie man Vieh verkauft, um es auf die Schlachtbank zu schleppen.“ Der Sohn dieses Menschenhändlers, Landgraf Wilhelm IX., von dem man wohl gesagt hat, er habe alle üblen Eigenschaften deutscher Fürsten in sich vereinigt, trat ganz in die Spuren seines Vaters. Er war in Hessen-Kassel noch gar nicht zur Regierung gekommen, sondern residierte noch als Graf in Hanau, da verkaufte er seine Landeskinder schon an England. Die auf diese Weise erhaltenen Gelder wanderten in die Kassen von Meyer Amschel Rothschild, der für den Fürsten gewinnbringend zu spekulieren wußte.

Bot sich die Gelegenheit, so gingen auch die übrigen deutschen Groß- und Kleinfürsten Subsidien-Verträge mit ausländischen Mächten ein. Der Markgraf von Bayreuth, Schwager Friedrichs des Großen, erhielt von Frankreich von 1751 bis 1759 jährlich 45000 Tlr., der Kurfürst von Bayern bis 1768 über acht Millionen, der Kurfürst von Köln von 1751 bis 1761 mehr als sieben Millionen, der Kurfürst von Sachsen von 1750 bis 1763 fast neun Millionen Francs. Württemberg zog vor dem Siebenjährigen Kriege 1% Millionen von Frankreich und während desselben 714 Million; die Kurpfalz vor 1757 5/4 Million und nach diesem Zeitpunkt noch mehr als 11 Millionen Francs. Dafür hatten ihre Truppen Frankreich zu Gebot zu stehen und mußten auf deutschem Boden gegen deutsche Brüder für die französischen Interessen fechten.

Die Hochkonjunktur für den Handel mit deutschem Männerfleisch trat aber erst ein, als der Unabhängigkeitskrieg der nordamerikanischen Staaten gegen England ausbrach. Großbritannien wäre in diesem Kampfe ohne Truppen gewesen, wären ihm nicht die deutschen Fürsten beigesprungen. Es begann ein Wettlaufen unter ihnen, und der englische Unterhändler, Oberst William Fawcitt, der 1775 auf dem Kontinent weilte, konnte sich der dringenden Angebote garnicht erwehren. Die Herren arbeiteten mit allen Tricks geriebener Schacherjuden und suchten einander übers Ohr zu hauen, wo sie irgend konnten. Als der Landgraf von Hessen-Kassel hört, England werde von Kurpfalz 4000 Mann kaufen, macht er darauf aufmerksam, daß diese 4000 Pfälzer ja katholisch seien und England doch nicht ein solches Risiko laufen könne, so viele Katholiken in seine Dienste zu nehmen. Zwar waren die armen Pfälzer alle reformiert, während der edle Landgraf selbst eben katholisch geworden war; bei der gänzlichen Ahnungslosigkeit der Engländer aber erreichte er seinen Zweck, sie verzichteten auf die Pfälzer und kauften lieber Hessen. In demütigen Briefen bettelte der Markgraf Karl Alexander von Ansbach darum, sich doch auch an den Lieferungen für die englische Armee beteiligen zu dürfen, und als er es endlich erreicht hat und seine Ansbacher im Augenblick der Einschiffung in Ochsenfurt meutern und sein Geschäft in Frage kommt, da übernimmt der hohe Herr in eigener Person die Führung des Transports und stellt sich mit geladener Flinte an Bord auf, solange bis er seine Ware lebend und frisch und vollzählig abgeliefert hat. Sie zeigten sich nicht einmal sehr reell; Herzog Karl I. von Braunschweig, der drei Bataillone verkaufte, eins von Landeskindern, die beiden andern aus aller Herren Länder zusammengestohlen, kleidete seine Truppen so schlecht, daß sie schon bei der Ankunft in Portsmouth völlig abgerissen waren, Mäntel besaßen sie überhaupt nicht. Es war dieser selbe Landesvater, der die englische Regierung bat, seine in Gefangenschaft geratenen Leute doch ja nicht in die Heimat zurückkehren zu lassen, dadurch werde ihm das Geschäft verdorben. Übrigens hatten die Lieferanten noch Schwierigkeiten genug, ihre Waren in den nächsten Hafen zu bringen; auf dem Rhein ließen die Kurfürsten von Mainz und Trier die Schiffe mit Rekruten schließ- lich nicht mehr durch, und auch der Preußenkönig hat ihnen die Ausreise nicht erleichtert; daß Friedrich der Große aber von den verkauften Hessen den Viehzoll erhoben habe, bei dem Durchmarsch durch Preußen, ist nur eine gut erfundene Anekdote. Insgesamt haben Braunschweig, Hessen-Kassel, Hanau, Ansbach, Waldeck und Anhalt-Zerbst etwa 30000 Mann an England verkauft, von denen 12500 die Heimat nicht wiedergesehen haben. England zahlte bar £5 73 5 908 für diese Männer und hatte alle Unkosten für ihren Unterhalt und ihre Bewaffnung zu tragen. Was dieses Treiben doppelt schmählich und schmerzlich empfinden läßt, ist die Erwägung, daß die Sache, gegen die alle diese armen verkauften Deutschen zu kämpfen hatten, die war, welche in ganz Deutschland mit der größten und allgemeinsten Sympathie begrüßt wurde. In den Staaten der Union wurde dadurch in jener Zeit und noch lange nachher, der Name „Hesse“ der Inbegriff niedriger und knechtischer Gesinnung. Erstaunlich genug ist, daß diese Truppen sich in Amerika tapfer geschlagen haben, und Desertionen unter ihnen zu den Seltenheiten gehörten.

Zu Ende war der Menschenhandel damit noch keineswegs, Herzog Karl Eugen von Württemberg ging noch 1786 einen Subsidien-Vertrag mit Holland ein. Er erhielt für ein Regiment von 1982 Mann pro Kopf 160 fl. und jedes Jahr noch 65000 fl. Die Offizierstellen ließ er sich mit 700 bis 1000 fl. bezahlen. Als sich das Korps, das 1787 nach dem Kap der Guten Hoffnung abging, in Marsch setzte, dichtete Schubart sein berühmtes Kaplied, das damals in aller Munde war:

„Auf, auf, ihr Brüder, und seid stark,

Der Abschiedstag ist da!“

Als der Prinz Cond 1792 seine berüchtigte Emigranten-Armee aufstellte, überließ ihm Landgraf Wilhelm IX. von Hessen-Kassel alle Zuchthäusler seines Landes zum festen Preise von 100 Tlr. pro Kopf.

Text aus dem Buch: Deutschland im 18. Jahrhundert (1922), Author: Boehn, Max von.

Textübersetzung aus dem Kunstmuseum Hamburg

Siehe auch:
Deutschland im 18. Jahrhundert – Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation
Deutschland im 18. Jahrhundert – Die Verwaltung
Deutschland im 18. Jahrhundert – Ackerbau und Industrie

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