Der Fetisch an der Küste Guinea – Kalabar und Kamerun

Buchübersetzung aus dem Kunstmuseum Hamburg

Geheimbünde * Reinigungsfest

Die in den letzten Wochen vielfach genannten Theile Afrikas, die von Sr. Majestät Kanonenboot »Möwe« im Interesse des deutschen Handels besucht wurden, gehören zu denjenigen des Kontinents, die einer deutlichen Kenntniss am längsten entzogen geblieben sind. In seinem Innern schliesst Afrika noch manche terra incognita ein, aber hier liegt bis an die Küste ein derartig unbekanntes Gebiet, dass selbst die Mündung des Niger, des uralten [Bild1] der Nigritier, eine problematische blieb bis über das erste Viertel des neunzehnten Jahrhunderts hinaus, als zuerst von Richard Lander identificirt.

Bei meiner Reise in den fünfziger Jahren hatten die Nigerexpeditionen allerdings begonnen, aber über dem Kamerungebirge lagerte geographisch noch der verhüllende Schleier, der ihn in seiner nebligen Dunstatmosphäre (der Bight von Biafra) meist den Blicken der Vorüberfahrenden entzieht.

Auch mit Fernando Po stand es nicht besser, und als wir das imposante Schauspiel dieses Gebirgswaldes der Ilha formosa, wie von Fernando Po, dem Entdecker benannt, vor uns sahen, konnte mir niemand in Clarence-Cove sichere Angabe verschaffen über die Höhe des Piks, der allerdings bereits von Beecroft erstiegen sein sollte, aber erst drei Jahre später 1859 zum ersten Male von dem deutschen Botaniker Mann gemessen und auf 10190 Fuss festgestellt wurde. Bald darauf glückte Bur ton nach einigen fehlgeschlagenen Versuchen die Ersteigung des Kamerun, und ihm ist dann die Beschreibung der Krater seines alten Vulkans zu verdanken (13 120 Fuss).

Diese terra alta Amboza der Spanier wird bald mit Ptolemäus’ Arualtes (bei Macqueen), bald mit dem flammenden Götterwagen (Bild2) identifizirt aus jener Karthaginischen Reise, welche auch dem Gorilla einen alten Stammbaum für seine Namensbezeichnung verschafft hat, und bis hierher an die Grenze von Oberund Niederguinea, wo dann im Süden die grösste der afrikanischen Sprachfamilien beginnt, soll (nach Wilson) Eudoxus gelangt sein, da er an der Westküste gleichsprachige Stämme mit denen der Ostküste gefunden haben will.

Immerhin schürzen sich hier vielfache Probleme afrikanischer Geographie, und so wird voraussichtlich noch mancher Dank zu schulden sein unserem erfolgreichen Reisenden, dem langjährigen Vorsitzenden der Gesellschaft für Erdkunde in Berlin, der als jetziger Consular-Vertreter der deutschen Handels-Interessen mit richtiger Entscheidung denjenigen Punkt zu wählen wusste, auf den schon lange fragend und nach Aufklärung verlangend die Blicke der Geographen gerichtet waren.

Für den Zusammenhang dieses Hoch-Gebirges in der Richtung der Inseln des Golfes bis zu den Rumbybergen werden weitere Untersuchungen jetzt bald zu erwarten stehen und ebenso über die Anlage von Sani-tarien auf seiner Höhe.

Die Möglichkeit solcher würde eine desto höhere Bedeutung haben, da dieser Küstenwinkel Afrikas, in der sogenannten Bight von Biafra, für den dortigen Charakter seines Klimas zu dem verrufensten auf der ganzen Erde gehört. Daraus erklärt sich eben das Dunkel, worin bis auf die neueste Zeit diese dem Meere anliegenden Gegenden verblieben sind. Sie wurden von jedem geflohen, und obwohl sie, nach einigen Berichterstattern, besser seien als ihr schlimmer Ruf, wagte sich doch niemand dorthin, wenn nicht nothgedrungen.

Dieser Fall trat ein, als der Sklavenhandel seine Tage gezählt sah. Die englische Flotte überwachte jeden Hafen der Küste, von dem in früheren Jahrhunderten Ausfuhr stattgehabt hatte, und so flüchteten n die Sklavenschiffe als letzten Zufluchtsort in die Flussdelta der bis dahin wenig befahrenen Bucht. Einige Jahre hindurch wurden grosse Mengen von Sklaven aus dem Kamerun und Alt-Kalabar verschifft, bis dann die englischen Kreuzer die Baracoons auch dort aufzuspüren und mit ihnen kurzen Prozess zu machen wussten.

Als nun der legitime Handel an die Stelle trat, in der Palmölgewinnung vornehmlich, die sich besonders längs der Wasserstrasse des Niger in grossartigem Maassstabe ausbreitete, traten bald aus den bereits eingeleiteten Beziehungen die benachbarten Flüsse hinzu und unter den Faktoreien am Kamerun wurden solche auch von deutschen Firmen begründet.

Zum Eingang in Afrika’s Innere eröffnet sich hier ein vielversprechender Zugang, den für die Erschliessung des Innern zu verwerthen, schon seit Heinrich Barth’s Erkundungen in Adamaua, und dortiger Wege zur Küste, mehrfach im Projekte gelegen hat. Als im Jahre 1872 die afrikanische Gesellschaft begründet wurde, schwankte anfangs die Wahl zwischen Angola, als Ausgangspunkt zum Muata Jamvo, oder dem Kamerun zum Vordringen in das Herz des Kontinents, und obwohl man sich schliesslich für die Loango-Küste entschied und auf diese sich die Aufrufe beziehen im Korrespondenzblatte der afrikanischen Gesellschaft, wird dasselbe doch in seinem ersten Hefte eingeleitet durch Mittheilungen aus dem Kamerun von deutschen Reisenden, die sich damals dort befanden (Dr. Dr. Buchholz, Reichenau, Lüders); und gegenwärtig finden sich diese Arbeiten durch Dr. Passavant wieder aufgenommen, der für seine Expedition den Kamerun zum Ausgangspunkt genommen hat.

Mit berechtigten Hoffnungen darf deshalb werthvollen Detailberichten entgegen gesehen werden, und diese werden ein besonderes Interesse besitzen im ethnographischen Sinne, da gerade jenes noli me tangere, welches diese Gegenden dem europäischen Kontakte länger entzogen hat, dadurch anderererseits allerlei ethnische Originalitäten zu schützen vermochte, die anderswo vielfach mit Einleitung lebhafteren Wechselverkehrs unter den dadurch herbeigeführten Katastrophen bereits längst zu Grunde gegangen waren, ehe sie zu wissenschaftlicher Beobachtung gebracht werden konnten.

Für die ganze Zukunft der Ethnologie handelt es sich aber um die Vorfrage, ob es noch möglich sein wird, ehe zu spät, die Materialien zu sammeln, in ungetrübter Originalität, ohne welche die Induktion ihre Arbeit nicht beginnen kann.

Wir bedürfen also charakteristisch geprägter Aussprachen des Völkergedankens mit dem Typus seiner geographischen Provinz, um mit dem Studium des psychischen Wachsthums die organischen Gesetze festzustellen, welche hier gleichzeitig walten durch alle fünf Kontinente hindurch.

In den seit den letzten Decennien angehäuften Sammlungen ist es der Ethnographie bereits gelungen, eine Anzahl solch gleichartiger Elementargedanken zu markiren, die sich unter den Geistesschöpfungen des Menschengeschlechts mit eiserner Nothwendigkeit zu wiederholen haben als Produkte eines organischen Wachsthums im psychischen Leben der Völker, und genau identisch für die hier ursächlich waltenden Gesetze, obwohl an der Oberfläche verschiedentlich schillernd nach der Mannigfaltigkeit geographischer Variationen.

Ueberzeugende Beweisstücke für diesen Satz finden sich, nach dem bis soweit Bekanntgewordenen, vornehmlich in den hier behandelten Gebieten am Kalabar und Kamerun, und so mögen aus diesen ethnischen Parallelen zwei Vertretungen gewählt werden, eine aus den religiösen Vorstellungen, eine andere aus den sozialen Institutionen.

Der letzteren sei der Vortritt cedirt.

Wer sich aus Reiseberichten oder Lehrbüchern über staatliche Einrichtungen Westafrikas zu informiren sucht, wird dort auf die sogenannten »Kings« stossen, welche den Europäern als Repräsentanten der Regierungsgewalt zu gelten pflegen.

Es sind das im Grunde, wie bereits Bossman bemerkt, Häuptlinge (Ahin oder Ohin), deren Titel zu dem königlichen erweitert oder auch durch die Fremden erst als solcher ertheilt wurde.

Bei einigen der militärisch organisirten Staaten, in denen die herrschende Dynastie dem Eroberungsvolke angehört, mag, wie in Aschanti und Dahomey, von Königen in dem sonst mit solchem Worte verbindbarem Sinne gesprochen werden, während bei der Mehrzahl der übrigen »Kings« weder die Bezeichnung als König, noch auch selbst, bei schärferer Scheidung, die als HäuptlingJ) gelten könnte, sofern sich mit der letzteren die Vorstellung einer Stammesangehörigkeit verknüpft.

Was in derartig sogenannten »Kings« der westafrikanischen Küste dagegen als charakteristisch hervortritt, betrifft zunächst nur den Rang eines Vorsprechers des Gemeinwesens, desjenigen, der mit der Art und Weise der Fremden, vielleicht auch mit ihrer Sprache vertraut, den Verkehr mit denselben am geschicktesten zu führen weiss und deshalb von seinen Landsleuten damit beauftragt ist (wie später sog. Fiadores).

Zunächst ein Kaufmann gleich den übrigen, wird er durch die in seiner Stellung begründete Erleichterung des Vorkaufs schon einen Vorrang erwerben und mit dem Anwachsen seines Vermögens2), als der Reichere, bald über die anderen hinausragen. Den Fremden ihrerseits bleibt daran gelegen, die Macht dessen, mit welchem sie zu thun haben, möglichst zu stärken, um ihn, unter Anerkennung als Vertreter einer Ge-sammtheit, für diese zugleich verantwortlich machen zu können8). Man theilt deshalb Ehren aus an denjenigen, dessen Ansehen im eigenen Volke gestärkt werden soll, und schmückt ihn mit dem Titel des Königs oder »King« (wie Römer die Barbarenhäuptlinge mit dem des Rex an den Namensendungen).

Die Beziehungen desselben zu seinen Mitbürgern bleiben, von der Vermögensverschiedenheit abgesehen, wenig verändert die früheren; aber man markirt bis zu einem gewissen Grade sein Recht, im Namen der Ge-sammtheit handeln, und bei Verstössen gegen den Gebrauch auch strafen, zu können, um den begehrten Verkehr mit den Fremden in ungestörtem Gange zu erhalten, obwohl diese dann manchmal wieder eine Ausübung weit grosserer Machtbefugniss von dem Könige verlangen, als ihm zusteht, so dass Missverständnisse nicht ausbleiben und an Streitereien kein Mangel ist.

Aber auch innerhalb des einheimischen Kreises fehlt es daran nicht, da bei jeder einigermaassen bedenklichen Krisis im Volksleben ein rein kaufmännisches Regiment sich zu schwach erweisen muss, mit Energie durchzugreifen und das Staatsruder zu führen; es mangelt die Autorität, die in anderer Weise beschafft werden muss und zwar, wie immer zur Festigung der Staatsgewalt und ihrer Repräsentation, aus mystischreligiöser Weihe.

Ein elementarer Ersatz dazu findet sich überall auf der Erde, bei allen Völkern zu allen Zeiten, in dem, was unter begünstigenden Verhältnissen sich hie und da in der Geschichte zum Priesterkönigthum entfaltet hat, stets jedoch nur momentaner Dauer und deshalb meistens erst bekannt geworden aus den Trümmern bereits eingetretenen Zerfalles. Ohne auf diese bereits häufig besprochenen Verhältnisse weiter einzugehen, sei hier nur bemerkt, dass das auf der Westküste Afrikas entsprechende Aequivalent in demjenigen zu suchen ist, was sich vielfach als Juju-König, bezeichnet findet (gleich Akoko am New-Kalabar, wie Kukulo an der Kongo-Mündung u. s. w.), neben dem eigentlichen König oder »King«, und über demselben erscheinend. Seine Stellung würde der des Mikado zum Taikun, des Idaacanza zum Zaque u. dgl. m. entsprechen, sofern wie in diesen Beispielen der König (oder King) an seiner Seite ein Kronfeldherr wäre und das weltliche Schwert zu Schutz und Trutz zu führen wüsste.

Für die Hände des friedlichen Kaufmannskönigs passt das nicht, und so, bei Ausfall jeder Autorität, droht sie einzureissen »die kaiserlose, die schreckliche Zeit« des Faustrechts, mit dem keinem gedient zu sein pflegt, und den Negern an afrikanischer Westküste ebensowenig.

Das Mittel, sich dagegen zu schützen, ist nun auch für sie genau dasselbe, wie es sich bei ähnlicher Periode unserer Geschichte durch die Vehmgerichte geboten hat, wie es in neuester Zeit erst wieder bei Auflösung aller Bande gesetzlicher Ordnung in Kalifornien in der »vigilance committee« sich benöthigte, wie es sich bei den Naturstämmen überall in ihren Geheimbünden bemerkbar macht, und in solcher Form auch in Westafrika. Am längsten bekannt unter diesen durch den Schrecken der Fetischwälder herrschenden Gewalten ist der Purrah-Bund der Timmanih, der Semo der Susu, neben dem bereits degradirten Mumbu Jumbu in Sene-gambien, den Sindungo in Angoy mit zugehörigen Parallelen, wie vielfach erörtert worden ist. Am Kala-bar (oder Akpa-Efik) treibt der Idem-Efik sein Wesen und damit verbindet sich dort sowohl, wie in Kamerun, unter besonderem Hinblick auf Kräftigung kommerziellen Interesses der Egbo-Orden, dessen nach einem Gursus vorbereitender Prüfung aufgenommene Mitglieder unter geheimnissvollem Geremonial zu den höheren Rangstufen (bis zum Nangnay, Okpoko, Kakuda, dem 9., 10., 11. Grad), empor steigen oder sich empor kaufen, (wie bei den geheimen Orden gesitteter Völker ebenfalls Sitte sein soll), wenn sie Zusammenkommen, »stato tempore in silvam auguriis patrum et prisca formi-dine sacram« (die Semnonen); lucos ac nemora consecrant deorumque nominibus appeliant secretum illud quod sola reverentia vident (bei Tacitus).

Der Egbo-Orden oder Efik (Tiger) ist in 11 Grade abgetheilt, von denen die drei obersten Nyampa, Obpoko oder der Messing-Grad und Kakunde für Sklaven nicht käuflich sind; andere Grade bilden oder bildeten der Abungo, Makaira, Bambim boko u. s. w. Der gewöhnliche Weg ist, dass Eingeweihte sich in die höheren Stufen nach einander ein^aufen; das dadurch erlöste Geld wird unter die Nyampa oder Yampai vertheilt, die den inneren Bund bilden; dem König selbst kommt die Präsidentschaft zu, unter dem Titel Eyamba. Jede der verschiedenen Stufen hat ihren Egbotag, an welchem ihr Idem oder ihre gespenstische Repräsentation eine absolute Herrschaft ausübt, wie sie die Römer dem Dictator in kritischen Zeiten übertrugen, und auch Glieder anderer Stufen des Egbo-Ordens, wenn er ihnen begegnen sollte, mit seinen Strafen nicht verschont. Das Land befindet sich gleichsam in einem permanenten Belagerungszustand, der durch die Ueberzahl der Sklaven und Frauen nöthig wird, indem die traditionellen Gebräuche des alten Herkommens durch die regelmässig einander folgenden Egbo-tage und die damit verbundene Proclamirung des Kriegsgesetzes beständig ausser Kraft gesetzt und suspendirt werden. Sobald ein Egbotag verkündet ist, fliehen Sklaven, Weiber und Kinder nach allen Richtungen, da der Emissär des Idem mit seiner schweren Peitsche bewaffnet umgeht und durchaus nicht scrupulös in ihrer Anwendung ist. Eine gelbe Flagge auf dem Hause des Königs verkündet den Tag des Brass-Egbo oder des Messing-Grades, wo selbst von den Freien sich nur sehr wenige ausser dem Haus zeigen dürfen. So oft bei dem Egbo-Orden eine Klage anhängig gemacht ist und der Missethäter bestraft werden soll, wird durch geheime Geremonien der im fernen Buschlande wohnende Idem citirt, der dann mit einer phantastischen Kleidung aus Matten und Zweigen von Kopf bis zu den Füssen bedeckt und mit einem schwarzen Visir vor dem Gesicht erscheint. Am Kameroon werden die Glieder des Ordens selbst durch ein in einem künstlichen Knoten geschürztes Laubwerk vereinigt, so dass sie sich als eine zusammenhängende Masse bewegen. Ein jedes, Mann, Frau oder Kind, hat das Recht, die Hülfe des Egbo gegen seinen Herrn oder seinen Nachbarn anzurufen, und dazu bedarf es nur, dass er ein Mitglied des Ordens auf der Brust berührt oder an die grosse Egbo-Trommel schlägt. Der Beanspruchte muss alsogleich einen Convent zusammenberufen, wo die Klage untersucht und, wenn gerecht, befriedigt wird. Erweist sie sich dagegen als unbegründet, so wird der Kläger bestraft; hat das ‚ Gericht ein Verdammungsurtheil gefallt, so läuft der Beauftragte mit seiner schweren Peitsche in der Hand und von einem lärmenden Gefolge von Egbobrüdern umgeben, direct nach dem Haus des Verurtheilten, aus dem sich niemand rühren darf, bis die Strafe vollzogen und gewöhnlich das ganze Haus zusammengerissen ist, so dass alle Einwohner mehr oder weniger Schaden nehmen. Während dieser Zeit, sowie überhaupt während der ganzen Dauer einer Egbositzung, würde es für jeden nicht dabei Betheiligten der Tod sein, wenn er sich auf der Strasse blicken liesse, und erst wenn die Egbo-Trommel den Schluss des Gerichtes verkündet, können die Geschäfte des gewöhnlichen Lebens wieder begonnen werden. Mitglieder des Ordens sollen, wenn ver-urtheilt, das Recht haben im Rausch zu sterben. Leute, die auf Reisen zu gehen gezwungen sind, stellen meistens ihr Eigenthum unter den Schutz des Messing-Egbo, und ein gelbes Stück Zeug, das über der Thür angebracht ist, genügt, das Haus gegen jede Beschädigung zu schützen; der in den Messing-Grad Einzuweihende wird am ganzen Körper mit einem gelben Pulver eingerieben. Am Kameroon ist ein Bündel grüner Blätter, der an einen Pfahl gebunden wird, das Zeichen, dass das Eigenthum unter dem Schutz des Egbo steht.

Seine Entstehung soll der Orden der freien Egbos auf den Messen genommen haben, die auf einem grossen Oelmarkte des Innern (halbwegs zwischen dem Kalabar und dem Kameroon) abgehalten wurden. Da dort vielfache Unordnungen einrissen, der europäische Handel aber zur Aufrechterhaltung des Gredits eine genaue Einhaltung der übernommenen Verpflichtungen forderte, so bildete sich dieses Institut als eine Art Hansa unter den angesehensten Kaufleuten zu gegenseitiger Wahrung ihrer Interessen und gewann später die politische Bedeutung einer Vehme, indem es die ganze Polizei des Kalabar und Kameroon in seinen Bereich zog. Die Könige suchen sich stets die Grossmeisterschaft in diesem Orden zu sichern, da ohne dieselbe ihr Ansehen zu einem Schatten herabsinkt. Europäische Capitäne haben es mehrfach vortheilhaft gefunden, sich in die niederen Grade einweihen zu lassen, um ihre Schulden leichter eintreiben zu können. Ein Mitglied des Egbo hat das Recht, den Sklaven seines Schuldners, wo immer er ihn finde, als sein Eigenthum zu beanspruchen, indem er eine gelbe Schleife an das Kleid oder Tuch desselben befestigt. Der Charakter eines Egbo wird selbst im Innern noch geachtet und gefürchtet und giebt eine Unverletzlichkeit, wie sie für ausgedehntere Handelsspeculationen in Afrika durchaus nothwendig ist. Als Vorbereitung für ihre Aufnahme unter die freien Egbos werden am Kameroon die aufwachsenden Knaben für längere Zeit zu den Makoko, einem Buschvolk des Innern, geschickt, bei denen sie nackend in den Wäldern leben und nur zeitweise, mit grünen Blättern behängen, hervorstürzen, um ein Bad im Flusse zu nehmen. Keine Frau, und vor allen keine Sklavin, darf sich bei schwerer Strafe dem Walde nähern, in dem sie sich aufhalten. Um einen Besuch, vorzüglich einen europäischen, besonders zu ehren, pflegt man am Kameroon die Egbo-Ziege vorzuführen, deren Anblick dem Volke sonst nur selten gestattet wird.

(Rechtsverhältnisse b. verschied. Völkern der Erde, S. 402.)

Das ganze Land Alt-Kalabar steht unter der Herrschaft der sogenannten Egbo-Gesetze. Dieselben werden durch eine geheime Rathsversammlung, die Egbo-Versammlung, erlassen, welche in einem eigens für diesen Zweck errichteten Hause, dem Palaver-Hause, abgehalten wird; als Vorsitzender dieser Versammlung fungirt, kraft seiner Souveränetät, der Herzog unter dem Titel Eyamba. Bei den unter ihm stehenden Egbo-Mitgliedern giebt es verschiedene Rangabstufungen, und alle diese Grade müssen nacheinander erworben werden. Zuweilen werden Engländer in diese Versammlung zugelassen; so hatte Capitän Burrell vom Schiff Haywood aus Liverpool den Rang eines Yampai, der von grosser Wichtigkeit ist, und dies war sehr vorteilhaft für ihn, da es ihm die Möglichkeit gewährte, alle Summen, welche die Eingeborenen ihm schuldeten, einzuziehen.

Die Namen und Preise der Rangstufen sind folgende:

1. Abungo 125 Bars,

2. Aboko 75 Bars,

3. Makaira 400 Kupferstangen,

4. Bakimboko 100 Bars,

5. Yampai 850 Kupferstangen,

dazu Rum, Kleider, Membo u. s. w.

Die Yampai-Klasse ist die einzige, deren Mitglieder die Erlaubniss haben, im Rath zu sitzen.

Die für die verschiedenen Titel der Egbo bezahlten Summen werden ausschliesslich unter die Yampai vertheilt, welche übrigens nicht auf einen einzelnen Antheil beschränkt sind, denn jeder Yampai kann seinen Titel so oft vervielfältigen, als er Antheile hinzukaufen kann, und diese berechtigen ihn zum Empfang der entsprechenden Quoten aus dem Gewinne der ganzen Institution.

Die Art ihrer Rechtspflege ist folgende: Wenn jemand eine Schuldsumme nicht eintreiben kann oder ihm irgend ein persönliches oder anderes Unrecht zugefügt ist, so wendet er sich an den Herzog wegen der Egbo-Trommeln und macht ihn zugleich mit der Natur seiner Klage bekannt. Bewilligt der Herzog die Bitte, so tritt die Egbo-Versammlung unverzüglich zusammen, und die Trommeln werden in der Stadt geschlagen. Sobald dieselben zum ersten Male ertönen, muss sich jede Frau in ihre Wohnung zurückziehen, bei Strafe der Enthauptung für Zuwiderhandeln, und sie darf aus ihrer Einsperrung nicht hervorkommen, bevor nicht die Trommeln zum zweiten Male ertönen, als Zeichen, dass der Rath beendet ist. War die Klage gerechtfertigt, so wird der Egbo zu dem Uebelthäter gesendet, um ihn wegen seiner Schuld zu verwarnen und Genugthuung zu verlangen, wonach niemand das von dem Schuldigen bewohnte Haus verlassen darf, bevor die Sache nicht beigelegt ist. Geschieht dies nicht bald, so wird ihnen das Haus über dem Kopf niedergerissen, wobei einige Menschenleben gewöhnlich verloren gehen. Doch tritt dieser äusserste Fall nur selten ein, denn wenn der Schuldige nicht selbst im Stande ist, die Angelegenheit zu ordnen, so geschieht dies meist von seinen Verwandten und Freunden.

Der Egbo-Mann, das heisst der mit der Vollziehung Beauftragte, trägt eine vollständige Verkleidung, bestehend in einem schwarzen Netzwerk, welches von Kopf zu Füssen die Haut bedeckt, einem Hut mit langer Feder, Hörner auf der Stirn, einer langen Peitsche in der rechten Hand, einer am unteren Theil des Rückens befestigten Glocke und verschiedenen kleineren an den Knöcheln. So ausgerüstet verlässt er das Egbo-Haus und läuft mit seinen tönenden Glocken durch die Strassen bis zum Hause des Uebelthäters, hinter ihm her ein halbes Dutzend untergeordneter, phantastisch gekleideter Personen, von denen jede ein Schwert oder einen Stock trägt. (Holman.)

Egbo ist ein Geheimbund, unter dem Schutz eines göttlichen Wesens gleichen Namens. Eine Person, welche darin den höchsten Rang erhält, zahlt an jedes Mitglied eine Eintrittsgebühr, welche, wenn auch gering im Einzelnen, sich doch auf nahezu 100 £ beläuft, da etwa 1000 Mitglieder existiren. Die Mysterien werden nur von den Eingeweihten gekannt und dürfen bei Todesstrafe nicht verrathen werden. Alle Gesetze gemessen dasselbe heilige Ansehen. Der Bund besteht aus 10 an Ansehen und Macht verschiedenen Graden, von denen einige so tief stehen, dass Knaben und Sklaven sie erwerben können, andere wieder so hoch, dass sie nur Freien von alter Familie und hohem Rang erreichbar sind.

Die Gesetze des Egbo bezwecken nur das Wohl der eigenen Mitglieder, wogegen die allgemeine Wohlfahrt nicht berücksichtigt wird.

Die Gesellschaft besteht in Kalabar aus Edlen und Sklaven. Erstere sind mehr als frei; sie gemessen Privilegien, welche mit der Freiheit der Nicht-Mitglieder des Egbo unverträglich sind. Sind freie Leute, welche zu arm sind, diese Privilegien zu erwerben, in ihren Rechten gekränkt, so müssen sie einen Egbo-Edlen erkaufen, um ihre Sache vor ein Egbo-Gericht zu bringen, das, je nach dem Erfolg, einen grossen Gewinnanteil zu beanspruchen hat. Zuweilen ziehen solche Personen vor, sich selbst irgend einem mächtigen Häuptling zu verkaufen und seinen Schutz auf Kosten ihrer Freiheit zu gewinnen. Gleich allen exclusiven Gemeinschaften will das Egbo nicht freiwillig die- Vorrechte seiner Mitglieder zu Gunsten niedrig stehender preisgeben. Was sie haben, halten sie fest. Uninteressirtes Wohlwollen ist keine heidnische Tugend. Das Egbo kümmert sich nicht um die Sklaven, sondern sorgt für absolute Autorität der Herren, indem es bewirkt, dass alle für einen einstehen, was er auch thun möge. Es scheint namentlich bestimmt, Frauen und Sklaven in Abhängigkeit zu halten. Frauen, wenn sie nicht mächtige Väter oder Brüder haben, müssen die entwürdigendste Behandlung der brutalsten Ehemänner ohne Widerspruch ertragen. Das einzige Gesetz, welches der Bund jemals zum Schutz der Sklaven erliess, wurde auf Anregung der Fremden gegeben.

Die Könige von Duke Town und Creek Town wurden von der Egbo-Autorität als solche nicht anerkannt. Sie besassen im Orden Macht als hohe Würdenträger, da jede Klasse ihr Haupt hat, aber nicht als Könige. Dieser Rang ist nicht erblich, sondern eingesetzt, um den Verkehr des Volkes mit den Fremden zu vermitteln. Eyo sagte mir häufig, dass er nicht König in unserem Sinne wäre und keine andere Macht hätte, als die ihm von den Weissen in den Landesangelegenheiten zugestandene. Da das Amt speziell mit Europäern zu thun hat, so hatten diese schiesslich bei der Erwählung mitzusprechen. Dies begann bei Eyambo, der ihre Unterstützung suchte, und blieb so bei seinen Nachfolgern, bis S. M. Gonsul kam und die Entscheidung übernahm.

Thatsächlich sind die Städte in Kalabar eine Anzahl kleiner Republiken, jede mit ihrem eigenen Oberhaupt und Rath, und zusammengehalten lediglich durch die Egbo-Verbrüderung, soweit sie von dieser für gegenseitige Verteidigung vereinigt sind. Eyo erzählte mir, dass er über andere Städte keine Gewalt beanspruchen oder ausüben könnte, ausser wenn sie ihn als Schiedsrichter in schwierigen Fällen anrufen wollten. Doch indirect war er der mächtigste Mann im Lande und sein Einfluss machte sich überall fühlbar. Niemand könnte in Kalabar den despotischen Herrscher über freie Männer spielen, wie die Könige von Ashanti und Dahomey, welche die Köpfe ihrer Edlen in ihren barbarischen Händen zu halten scheinen. Jeder derartige Versuch würde vereitelt und bestraft werden durch eine Vereinigung der Egbo-Edeln, die sich auf ihre Autorität berufen und auf ihren Rechten bestehen.

Es giebt noch eine andere Persönlichkeit, welche, unter missbräuchlicher Anwendung des Titels, »König von Kalabar« genannt wird. Es ist das Ueberbleibsel des grössten Mannes im Lande, annähernd ein Pontifex Maximus, soweit ihr Aberglaube einen solchen zulässt. Er hatte das Amt eines Ndem Efik oder Gross Galabar Juju. Ihm bezeugten die Häuptlinge des Landes tiefe Ehrerbietung, während er sich vor Niemand verbeugte, und vor ihm und seinem Idol wurden die Familien- und Stammes-Verträge durch Eid erhärtet. ( Waddell.)

Wie an der Egbo-Trommel knüpfen sich in Ost-Afrika (bei Wanika u. s. w.) die Geheim-Ceremonien an den Ton des Muansa genannten Instruments (auch in Guyana ähnlich verwandt), und bei Kioko schreitet (wie Tamatekapua bei Maori) Maquimho auf Stelzen (s. Capello) im Mummenschanz (gleich den Duk-duk Neu-Britannien’s). »The secrets and meetings of Egbo men are strictly private« (s. Hutchinson), dort, wo meist vom stärkeren Geschlecht gerichtet gegen das schwächere (und die Sklaven); während mitunter die weiblichen Orden, (wie am Gabun), die Wage halten und bei den Qua sich unter den Sklaven der Geheimbund der Iukas bildet.

In der Hauptsache sind somit diese afrikanischen Geheimbünde, wie den Frauen, so besonders den Sklaven gegenüber gebildet, da Sklavenaufstände im »tumultus servilis«, seit plötzlicher Unterbrechung der früheren Ausfuhr in Westafrika, desto gefährlicher drohen. Im Waschen der Gräber seiner Vorfahren hat der Despot Dahomey’s umfangreiche Aderlässe für nöthig erfunden, obwohl sich in bescheidenem Verhältnissen die Polizei durchschnittlich von den Fetischen versehen lassen kann.

Am Gabun stehen den männlichen Geheimorden auch weibliche gegenüber (wie in den Clubbergöll Pauau’s), wogegen an der Ostküste die Unterdrückung wieder auf den Frauen lastet, mit dem dumpfen Ton des Waldhorns verscheucht, das ebenso am Orinoco gehört wird. Vor Beginn der Feldarbeiten wird der Sterbetag des Muansa (bei dessen Ton Alles entflieht) gefeiert (unter den Wanika). Bei den Wakamba wird Hexerei durch das Geheimgericht der Kignole verfolgt, unter dem Heiligthum des Mbawani (Muansa der Wanika) genannten LärmInstruments.

Bei bestimmter Individualisirung der Obergewalt, überträgt sich die Executive auf die Leibwache (bei den Joloff), den Sofas (in Bambara), ähnlich wie bei dem benachbarten Geheimbund der Almusseri, und so im Süden:

In verschiedenen Ortschaften Angoy’s, wie in Nutchisi, Matamba, Mekono (Tumba), Tschinsasa, sowie besonders in der eigentlichen Hauptstadt (Angoy), besteht der von Vater auf Sohn vererbte Geheimbund der Sindungo (Dungo im Sing), die nur unter umständlichen Geremonien einen Gandidaten aufnehmen und, ausser bei Regenbeschwörungen, dem Könige ähnlich dienen, wie dem der Jolof die gegen seine eigenen Unterthanen ausgesandten Soldaten, (wobei die Vermummung den Schrecken vermehrt, wie er ebenfalls dem Boten des Purrah- und Semo-Ordens vorhergeht). Die Sindungo stehen unter den Befehlen des Kuvukuta-Kanga-Asabi, eines Staatsbeamten, der sie auch bei gebotenen Gelegenheiten in den Wald, in dem ihre Sitzungen abgehalten werden, zusammenruft und dort die grotesken Blättergewänder, die zur Verhüllung dienen, austheilt. Sobald indess die Sindungo ihr Rüstzeug empfangen haben, treiben sie den Kuvukuta-Kanga-Asabi mit Schlägen in das Dorf zurück, als symbolisches Zeichen, dass jetzt das gemeine Gesetz für eine Zeitlang suspendirt sei und das Walten der dunkeln Vehme beginne. In ihrem phantastischen Aufputz und durch ihre Masken (wie die Klux-klux) unkenntlich, durchziehen sie das Dorf, wo sie das ihnen Passende sich zueignen und besonders in der Regenzeit wenig Widerstand zu fürchten haben. Um Regen auf die Erde herabzuziehen, bedienen sie sich des Fetisches Kokolo-Umkissie, und sie nehmen die Geremonien, um sich seiner Mitwirkung zu versichern, bei Nacht vor, auf einem in der Mitte des Dorfes dafür hergerichteten Platz. Dieses wird so lange von den meisten Bewohnem verlassen; denn sollte Jemand husten oder sonst durch einen Laut die Stille der Nacht durchbrechen, so würde er von den in sein Haus einstürmenden Sindungo lebendig zertreten werden. Wer Schulden einzutreiben wünscht, wendet sich an den Kuvukuta-Kanga-Asabi, und dieser schickt die maskirten Sindungo aus, die, wenn sie keine Bezahlung erhalten, Hühner, Ziegen oder anderes Hausvieh tödten, reife Bananen abschneiden oder sich sonstiges Eigenthum des lässigen Schuldners aneignen. Die Theilnehmer an solchen Expeditionen bleiben wegen der Verkleidung unbekannt, und wenn die Sindungo bei ihrer Rückkehr aus dem Walde mit einem Bekannten Zusammentreffen, haben sie die eine oder andere Ausrede fertig, ihre längere Abwesenheit und jetziges Vorhaben in unschuldiger Weise zu erklären. In der Hauptstadt Angoy werden die inneren Angelegenheiten der Sindungo von dem Tschisinbongo geleitet, dem der Mabo-bolo als Stellvertreter dient mit dem Kumbokutu, Sunyi, Tschinemantscho, Tendekele, Tendekele-Munsumbi-Ibulu als Gehülfen.

In Mekono, wo die Sindungo als (Empa-casseiros oder) Soldaten des Königs gelten, zollen sie den Fetischen Lunga, Vemba, Lufunsu Verehrung. Die monströsen Masken sind aus leichtem Holz gefertigt und mit verschiedenen Farben bemalt. (D. Exp. a. d. L.-K. S. 221.)

Die religiösen Anschauungen lassen in Afrika gesättigter als irgendwo sonst denjenigen Hintergrund durchblicken, auf welchem sie spielen, im Leid des Lebens.

Trotz aller Tröstungen und Verheissungen, welche idealistische Religionen gewähren mögen, interessirt das Volk zunächst das Leid und die Qual des täglichen Lebens, hier empfindet es Schmerz und Noth und hier verlangt es deshalb Hülfe. Die Schuld des Leidens wird auf einen bös gesinnten Feind, ob sichtbaren oder unsichtbaren, geworfen und der Schutz wird bei den (Bild3) gesucht oder bei den Priestern, die deren Dienst bald zu erzwingen, bald zu erflehen vermögen durch die Theurgie des Kultus, und die es in disparaten Fällen auch vielleicht wagen, einen Bund abzuschliessen in der schwarzen Hälfte der Magie.

Der ethnische Elementargedanke, der hier gleich-mässig überall thätig ist, entspricht dem, was Feuerbach als anthropomorphischen Charakter der Religion bezeichnet hat, in Personifizirung der Kausalität, indem der Wilde die Folgewirkungen eines Schädlich-Feindlichen in seinem Körper fühlend, nun die Ursächlichkeit in einer Wesenheit ausserhalb verkörpert; in einer, weil ihm feindlichen, also bösen, und, weil nicht gesehen, sondern nur gedacht, somit gespenstisch-dämonischen.

Und daher nun die ganze Buntheit der Gespensterwelt in mythologischen Vorstellungen nach den lokalen Variationen geographischer Provinzen.

Durchweg somit auf der Erde bei den Naturstämmen nicht nur, sondern auch in den Unterschichtungen der Kulturvölker treffen wir die Schrecken der Deisidämonie, die Ausgeburten der Höllenpein in fratzenhaften Verzerrungen ringsum, das Wohlsein des Menschen bedrohend —, stets ein und dasselbe Gedankending, das sich in ethnologischen Sammlungen bis zur Monotonie zu häufen beginnt, sobald in gleicher Bedeutung wiedererkannt unter dem Wechsel topographischer Masken und den verschiedenen Namensbezeichnungen, je nach dem Sprachdialect.

Für dieses wilde Heer nun, da die Abwehr im Einzelnen nicht auszureichen pflegt, hat sich jedem der ethnischen Kreise, so viel wir deren auf dem Erdball vorfinden, ein allgemeiner Reinmachetag nöthig erwiesen, um wenigstens einmal im Jahre reine Bahn gemacht zu haben und ein neues Leben gleichsam mit frischen Hoffnungen zu beginnen, — freilich kurzen nur, die kaum den Jubelstaumel des Festes überdauern, aber denen man dann doch wieder auf das nächste Jahr hin sich schmeichelt, entgegensehen zu dürfen.

Wie sich solche (Bild4) (einer Mago-phonie) in den Februalien, wo wir sie treffen: im Situa-feste der Inka, in mexikanischem Umlaufe des Tetzon-pak im Monat Tozottontli, im Jüng-Tün-Atana12) der Siamesen u. A. m. gestaltet (oder bei sonstigen, auf fortgeschritteneren Kulturstufen noch erkennbaren, Ueberlebseln), dann unter den Indianern, Negern, Papua, Al-furen (und den Naturstämmen, quantos hai) —, das ist bereits so vielfach und wiederholt zur Erörterung gekommen, dass, ohne darauf einzugehen, bei dieser Gelegenheit nur die am Alt-Kalabar geläufige Version zunächst zu wiederholen wäre:

Eine merkwürdige Sitte existirt in Alt-Kalabar, es wird nämlich alle zwei Jahre die Stadt von allen Teufeln und bösen Geistern gereinigt, welche, nach Ansicht der Autoritäten, während dieser Zeit von ihr Besitz ergriffen haben. Sie nennen dies Iudok, und eine ähnliche Ceremome wird jährlich an der Gold-Küste gefeiert. Zu einer bestimmten Zeit wird eine Anzahl Figuren, »Nabikems«, hergestellt und hier und da in der Stadt vertheilt. Diese Figuren, denen man verschiedene Gestalt giebt, werden aus Stäben und Bambusgeflecht angefertigt. Einige sehen wie menschliche Körper, mit Armen und Beinen, aus. Phantasievolle Künstler statten diese Produkte mit einem alten Strohhut aus, geben ihnen eine Pfeife in den Mund und einen Stock in die Hand, als wenn sie zu einer Reise gerüstet wären. Einige dieser Figuren sollen Vierfüssler vorstellen, andere Krokodile oder Vögel. Von den bösen Geistern wird angenommen, dass sie nach 3 bis 4 Wochen in ihnen ihren Aufenthalt nehmen, was meines Erachtens eine grosse Geschmacklosigkeit der vagirenden Geister ist. Kommt die Nacht ihrer allgemeinen Austreibung heran, so sollte man meinen, die ganze Stadt wäre verrückt geworden. Die Bevölkerung isst und trinkt festlich und zieht dann in Gruppen aus, um in alle leeren Winkel zu schlagen, als ob dort empfindende Wesen zu verjagen wären; dabei machen sie Hallo aus Leibeskräften. Schüsse knallen, die Nabikems werden mit Gewalt umgerissen, in Brand gesteckt und in den Fluss geworfen. Die Orgie dauert bis zur Morgendämmerung und die Stadt ist dann für weitere 2 Jahre von Geistern befreit. Ein seltsamer Widerspruch mit ihren Ideen über die Ausrüstung, welche den Todten zu ihrer Reise in die andere Welt nöthig ist. (Hutchinson.)

Beim Lärmen des zweijährlichen Ndök (that the spirits of the departed, who have died since the last Ndök may be driven from the abodes of men), »the Nabikim, in which the ghosts (Ekpoes) may have taken refuge«, werden ins Wasser geworfen (zur Reinigung).

Die alle zwei Jahre wiederkehrende Reinigung der Städte am Kalabar von allen Teufeln und Geistern fand an einem vorher bestimmten Tage Anfang December statt. Sie heisst Ndök. Während einer mehrtägigen Vorbereitungszeit wurden vor allen Thüren rohe Figuren von Kühen, Elephanten, Tigern, Alligatoren und anderen Thieren aufgeteilt, welche aus Stöcken und Gras gebildet, mit Tüchern bedeckt wurden und Nabikim heissen. Ihr Zweck wurde uns nicht gesagt, vielleicht war die ursprüngliche

Idee denen, welche die Gewohnheit fortsetzten, selbst nicht mehr bekannt.

Am Abend vor der Geremonie liess der König mir sagen, ich möchte mich am nächsten Morgen nicht beunruhigen, wenn ich Lärm in der Stadt höre, »da um 3 Uhr Jeder, Mann und Frau, mit dem Thürklopfen anfange.« Ungeachtet dieser Warnung liess der Sturm von Getöse, welcher zur genannten Stunde erweckte, mich so angstvoll auffahren, dass ich verwirrt aus dem Bett sprang und ans Fenster lief, um die Ursache zu erfahren. Es machte den Eindruck eines Orkans, der im Sturm einen Wald niederbricht, oder über eine Flotte von Schiffen dahinbraust, wobei das Geschrei von tausend Ertrinkenden sich mit dem Heulen von Wind und Wellen mischt. Im nächsten Augenblick durchzuckte mich der Gedanke, dass die Stadt vom Feinde erstürmt sei. Ueberall das Knattern des Kleingewehrfeuers, von Zeit zu Zeit Kanonendonner am Strande; tausende von Stimmen brüllten und heulten, des Königs grosse Glocke läutete die ganze Zeit hindurch, und der ganze Ort tönte wieder von dem Gepolter grosser Stöcke, mit denen die Thüren bearbeitet wurden, ähnlich dem Waffengeklirr in der Schlacht.

All der wilde Aufruhr sollte den Teufel aus der Stadt treiben und konnte jeden andern, als den Teufel, wohl erschrecken. Die Kühe, welche für gewöhnlich ruhig auf dem Markte schliefen, wurden fast toll, galoppirten die Strassen auf und ab, mit hocherhobenen Köpfen und Schwänzen, und wussten nicht wohin. In der Frühe des Morgens wurden alle Häuser vom Dach zum Boden gründlich ausgekehrt, Kehricht und Nabikim zum Fluss geschafft. Hiernach wurde angenommen, dass nunmehr alle Geister und Teufel auf und davon zu den Schatten wären.

Dabei gab es mitunter Ausbrüche wirklichen Kummers, bei dem Gedanken an verstorbene Verwandte, die schliesslich so weggetrieben wurden — herzbrechend leidenschaftliche Klagen. Die Macht des Beispiels und der Sympathie war so gross, das Sklaven aus weiter Feme wie die Kalabar-Leute schrieen, nicht einer wusste weshalb eigentlich, bis der König ihnen sagte, sie möchten sich nicht so betrüben, da ihre Väter und Mütter nicht in Kalabar gelebt hätten und dort nicht gestorben seien. Wir scherzten an Eyo´s Tafel über die Sitte, besonders über die Querköpfigkeit der Qua-Leute, welche für die Ndok-Ceremonie nicht denselben Tag festsetzten, wie Kalabar, sondern einen Tag später. Die Folge dieser Nichtübereinstimmung war, dass die Absicht beider vereitelt wurde. Die Kalabar-Geister schwebten in der ersten Nacht den Fluss entlang zum Qua-Territorium, wo sie Ruhe fanden, und zogen in der nächsten Nacht, als sie von dort vertrieben wurden, wieder zurück, und ihre Nachbarn mit ihnen. Es ist leicht ersichtlich, dass diese Leute keine guten Christen vom alten Schlage waren, sonst hätten sie sich des Tages wegen gegenseitig verfolgt und excommunicirt, wie die östliche und westliche Kirche es vor Alters thaten wegen der richtigen Osterzeit. ( Waddell)

In solchen Grenzverletzungen mögen sich Streitigkeiten bis zu dauernden Fehden entwickeln, wie zwischen den Inseln der Nicobaren, wenn an den Küsten die mit Schuld beladenen Geisterschiffchen antreiben. Die Lockpuppen (eines Bild5-Festes) wurden bei den Reinigungen in Fiji ähnlicherweise verwandt, wie einst in Rom. Laneae effigies, compitalibus, noctu dabantur in compita (s. Festus), in Rom, wo der Besen des Everricator zum Auskehren diente, — frei zu werden vom »Ekpo« (very bad), identificirt mit »ghost« (in vexvöia). Die Postiler-Jagd (der Frau Faste) verband sich (im Zersägen) mit dem Tod-Austragen (an der dominica laetare des Mitfasten), und weiter hätte nun eine lange Reihe fernerer Kettenglieder zu folgen (gleicher Elementarvorstellung).

Bild1

Bild2

Bild3

Bild4

Bild5

Text aus dem Buch: Der Fetisch an der Küste Guinea´s auf den deutscher Forschung nähergerückten Stationen der Beobachtungen (1884), Author: Adolf Bastian.

Buchübersetzung aus dem Kunstmuseum Hamburg

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