Nietzsche: Versuch einer Mythologie

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Gebieten wir denn dem Gewesenen?

Wir dienen dem Kommenden.

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»Alles was geschieht ist Symbol, und indem es vollkommen sich selbst darstellt, deutet es auf das Übrige.«

»Alles ist gleich, alles ungleich, alles nützlich und schädlich, sprechend und stumm, vernünftig und unvernünftig. Und was man von einzelnen Dingen bekennt, widerspricht sich öfters.«

Goethe.

»Alles Vollendete spricht sich nicht allein, es spricht eine ganze mit verwandte Welt aus.«

Novalis.

 

LLES Gewesene ist nur ein Gleichnis. Keine historische Methode verhilft uns — wie ein naiver historischer Realismus des 19. Jahrhunderts so oft zu glauben scheint — zum Anblick leibhafttiger Wirklichkeit, »wie sie eigentlich gewesen«. Geschichte, zuletzt doch Seelenwissenschaft und Seelenkündung, ist niemals gleichbedeutend mit Rekonstruktion irgendeines Gewesenen, mit der möglichsten Annäherung auch nur an eine gewesene Wirklichkeit. Sie ist vielmehr gerade die Entwirklichung dieser ehemaligen Wirklichkeit, ihre Überführung in eine ganz andere Kategorie des Seins; ist eine Wertsetzung, nicht eine Wirklichkeitsherstellung. Das Gebilde, web ches die Historik schafft (oder dem sie dient: denn führend wird der Historiker noch in seiner nüchternsten und objektivsten Erkenntnis geführt von etwas, das Gebild werden will), dies Gebilde ist durchaus eine Wirklichkeit neuen und sozusagen höheren Grades und gleichsam ein neuer Ablauf des trüben Geschehens in kristallnerem Stoffe und nach durchsichtigeren Gesetzen. Das wird deutlich vor allem, wo es sich um Geschichte im intensivsten Sinne handelt, um die Geschichte einzelner sichtbar gebliebener oder wieder sichtbar gewordener Menschen. Wir vergegenwärtigen uns ein vergangenes Leben nicht, wir entgegenwärtigen es, indem wir es historisch betrachten. Wir retten es nicht in unsre Zeit hinüber, wir machen es zeitlos. Indem wir es uns verdeutlichen, deuten wir es schon. Was von ihm bleibt, wie immer wir es zu erhellen, zu durchforschen, nachzuerleben uns mühen, ist nie das Leben, sondern immer seine Legende. Was als Geschichte übrigbleibt von allem Geschehen, ist immer zuletzt — das Wort ganz ohne kirchliche, romantische oder gar romanhafte Obertöne genommen — die Legende.

Die Legende in solchem entkirchlichten Sinne ist die lebendigste Form geschichtlicher Überlieferung. Ihre primitivste wie ihre endgültigste, ihre älteste zugleich und ihre tiefste. Sie allein verknüpft wirklich, als ein jederzeit Wirkendes, Urzeit und Heute; sie nur verbindet den Heiligen und das Volk, den Helden und den Bauern; Prophet und Nachwelt finden sich nur hier. Und einzig in der Form der Legende überdauert die Persönlichkeit, auch die am schärfsten umrissene, am deutlichsten vom historischen Wissen umzirkelte, als wirkende und fortzeugende Macht die Zeiten. (Denn auch das »Werk« ist ja Persönlichkeit und unterliegt den Gesetzen der Legende.) Nur als Bild, als Gestalt, nur als Mythos also lebt sie, nicht als Kenntnis und Erkenntnis eines Gewesenen. Keine Philologie, keine analytische Methode vermag das Bild zu formen, noch seine, einem innern Gesetz und Eigenantrieb gehorchenden Wandlungen zu verhindern oder zu beschleunigen.

Die Legende einer im engeren Sinne geschichtlichen Persönlichkeit wird nicht bestimmt durch die Begriffe etwa des Wundermäßigen, unbeglaubigt Anekdotischen, nicht durch die interessante, reizvolle oder rührende, aber unhistorische Einzelüberlieferung. Nicht entfernt ist sie so etwas wie eine unzuverlässigere Biographie, die allenfalls an romantischer Farbigkeit, an didaktischem Gleichniswert ersetze, was ihr an Vertrauenswürdigkeit mangele. Sondern die Legende eines Menschenlebens, dessen Gedächtnis auf unsere Tage gekommen ist vermöge der Intensität seiner Tat, seines Werkes, seines Wortes, sie gehört von vornherein einer ganz anderen Sphäre an als alles wissenschaftlich Biographische oder als irgendein nur anekdotisch Interessantes. Sie hat weder mit dem Wissen noch mit dem Reiz irgend etwas zu tun. Die Legende eines Menschen, das ist sein in jedem neuen Heute neu wirksames und lebendiges Bild. Nicht als Niederschlag eines jeweiligen Standes exakter Forschung, auch nicht als bewußt künstlerische Zusammenfassung, als philosophische Deutung eines zerstreuten und beseelbaren Materials. Ein eigenlebendiger Organismus vielmehr ist dies Bild, der seine selbständige Existenz führt. Wandelbar, wandelwillig ist es und wandelt sich auch stets, zeigt immer wenigere, immer größere Linien; wird zugleich typischer und einmaliger, zugleich parabolisch und unvergleichbar. Es steigt langsam am Sternenhimmel der menschlichen Erinnerung hinan; es scheint in jedem der mythischen Tierkreisbilder, der zwölf großen »Häuser des Himmels«, einmal zu verweilen, als sei es gerade in diesem Zeichen geboren und eigentlich zu Hause; und es kreist, ist seine innere Umlaufskraft so stark, daß sie unter Menschen ewig heißt, allmählich so hoch gegen den Pol, daß es, gleich einem Gestirn des Nordens, niemals wieder unter die Horizontgrenze unseres Gedächtnisses hinuntergeht.

Den psychologisch sichtbaren Vorgang solcher Legendenbildung bestimmen Gesetze, deren Wirksamkeit sich an den verschiedensten Arten von Legenden in gleicherweise beobachten läßt. Kein gründe satzlicher methodischer Unterschied besteht etwa zwischen dem antiken Heroenmythos und der mittelalterlichen Heiligenlegende. Der Weg, auf dem die Gestalt einer Persönlichkeit legendär wird, ist typisch und trotz der wechselnden äußeren Form, die der Zeitcharakter bestimmt, im Grunde immer der nämliche. Auch hängt die Intensität der Legendenbildung keineswegs von primitiven geistigen Bildungszuständen ab. Denn selbst in sehr bewußten, analytisch gerichteten Zeiten, in Perioden sogenannter Allgemeinbildung, wird die Legende nicht ausgeschaltet, ja nicht einmal zurückgedrängt. Die zunehmende Bewußtheit, die Selbstkontrolle, das philologische Wissen um die tatsächlichen Lebensumstände einer großen Erscheinung, all das hat nur einen recht schmalen Einfluß auf die Entstehung der Legende. Weder hemmend noch fördernd ist dieser Einfluß wesentlich. Der überwache und überwachende Intellekt hat, wo ein Mythos sich durchsetzen will, auch heute nicht anders als früher seine unverrückbaren Schranken. Jedes Fortleben aber und Fortwirken einer Individualität über die Grenzschwelle ihres persönlichen Lebens hinaus ist, mit Jakob Burckhardt, Magie, ist ein religiöser Prozeß und als solcher jeder mechanischen, jeder rationalen Einwirkung entzogen. Das Unwissenschaftliche, das Unphilologische in jedem Sinne, bleibt das äußerlich bezeichnendste Merkmal dieses Prozesses. Was als Legende des großen zweimalgeborenen Menschen, zu seinen Lebzeiten oder nach seinem Tode, langsam aufzustehen, langsam zu wachsen beginnt, lebt, wenn auch nicht in vollständigem Gegensatz, so doch in vollkommener Unabhängigkeit von jeder biographisch quellenmäßigen, jeder stofflichen Erkenntnis, welche, wie respektabel, wie selbst unentbehrlich (als Rohstoff) auch immer, doch durchaus nur den niederen Typus echter Überlieferung vertritt. Goethe drückt einmal, 1825 zu Eckermann, diese Unabhängigkeit aus:

»Mangel an Charakter der einzelnen forschenden und schreibenden Individuen . . bringt uns durch ein ärmliches Wahre um etwas Großes, das uns besser wäre. Was sollen wir aber mit einer so ärmlichen Wahrheit! . . Wenn die Römer groß genug waren, dergleichen zu erfinden, so sollten wir wenigstens groß genug sein, daran zu glauben.«

(In unserm Zusammenhang ist nur die Wendung »erfinden« zu aktiv, zu bewußt: Legenden in dem Sinn, um den es sich hier handelt, erfinden sich natürlich nicht.) Das scheint die Meinung des Aristoteles zu sein, wenn er sagt, die Poesie sei philosophischer als die Geschichte.

»Das Poetische hat immer recht; es wächst weit über das Historische hinaus«, drückt ein deutscher Skeptiker das aus. Dies Poetische, nicht freilich zu verstehen als bewußte künstlerische Erfindung oder gar als schönfärbendes Arrangement einer Vergangenheit, es ist eben die mythenschaffende Kraft, welche von einer wirklich großen Gestalt notwendig ausstrahlt und die sich, ganz ohne Wissen und Willen, ihren posthumen Leib, die Legende, selber bildet.

Denn ganz allmählich, wie die Schichtungen eines geologischen Prozesses, pflegen sich die Generationssphären eines unmerkbar sich verändernden Bewußtseins über das frühste Bild des Großen Menschen zu legen. Und so unmerklich, so unaufhaltbar zugleich. Nie können die einzelnen Perioden der Fortwirkung künstlich über ihre »geologische« Epoche hinaus lebendig erhalten werden. In einem vorherbestimmten, vielsinnig vertieften und vertief baren Nacheinander erst erfüllt die einmalige irdische Existenz der echten, das ist dauernd fruchtbaren und wandelbaren Größe ihre einwohnende und verheißene Sendung. Keine einzelne Gegenwart vermag jemals das ganze Wesen eines Großen Menschen zu schauen, noch jede mögliche Ausstrahlung seiner seelischen Macht an sich zu erleben. Nur auf historischem, intellektuellem Wege ist etwas wie eine Totalwirkung nachträglich sichtbar zu machen, aber sie ist nicht individuell erlebbar, noch im voraus zu errechnen. Im Besitz aller methodischen Mittel, aller psychologischen Einsicht, alles philologischen Materials wird dennoch keine Gegenwart jemals künftige Stufen und Möglichkeiten einer bestimmten Legende der unerbittlichsten aller Dunkelheiten entreißen können. Eine volle Einsicht in das zeitlose Wesen, ein prophetischer Fernblick über die ganze Strahlungsweite der schaffenden Kraft ist gewissermaßen schon perspektivisch undenkbar. Das gilt vor allem für die den Lebenden umlagernde Generation.

»Erst wenn du die Stadt verlassen hast, siehst du, wie hoch sich ihre Türme über die Häuser erheben.«

Was Mitlebende gewahren, sind unter allen Umständen perspektivische Trugbilder. Denn gerade sie stehen am Fuß eines Berges, dessen Gipfelmaß nur aus der Ferne erschaut werden kann. Höchstens mag einigen, wie flüchtig, wie blitzartig auch immer, doch die Ahnung einer zeitlosen Kraft aufgehen, wenn sie auch im Dunkeln bleiben über Art und Richtung künftigerWirksamkeit, kommender Legende. Aber auch die folgenden Geschlechter gewahren niemals das endgültig wahre Bild, ein Bild davon, »wie es eigentlich gewesen«. Auch sie sehen nur, was gerade ihrer wenn auch günstigeren perspektivischen Entfernung angemessen ist, und alle Instrumente ihrer Methoden können dies ihnen bestimmte Bild zwar künstlich scheinbar näher rücken, aber nicht in seinem Aufbau verändern.

Die Geschichte jedes großen menschlichem Bildes, das durch die Jahrhunderte gewandelt ist (in zwiefachem Sinne gewandelt ist), erzieht zu dieser perspektivischen Demut. Allem gehäuften Wissen, allen Methoden, aller Objektivität zum Trotz: wir wissen nur, was wir schauen, und wir schauen nur, was wir sind und weil wir es sind. In der einsamen Einmaligkeit jedes Bildes, in diesem Niewiederkommen jeder einzelnen Perspektive liegt beides: Resignation und Glück. Ein großer, das ist »bedeutender« Mensch ist immer unvermeidlich unsere Schöpfung, wie wir die seine sind. Gehen wir daran, das Bild eines Menschen uns zu verdeutlichen, so geschieht es in dem Bewußtsein, daß es nur heute, nur uns, nur als Augenblick so »erscheint«. Aber dies Bewußtsein, weit entfernt, zum historischen Skeptizismus und Agnostizismus zu verführen, erzieht uns vielmehr dazu, mit vertiefter Gewissenhaftigkeit eben diesen Augenblick der Legende festzuhalten und zu überliefern, der so nie wiederkehrt. Denn auch vor dem winzigsten Ausschnitt einer Vergangenheit sind wir Zeugen einer Vergangenheit, die so nie wieder erscheint. Darin liegt sogar die endgültige Befreiung von jeder historischen Skepsis, von jedem Relativismus: jeder Augenblick auch der Legende, wie der alles Lebendigen, ist Ewigkeit. Und mehr: jeder einzelne dieser Momente ist unentbehrlich zu der ganzen Legende; keine spätere Form der Legende wird, und sei es unwissentlich, ohne Hilfe aller früheren Gestaltungen geformt. An der Vollendung eines großen Bildes zu arbeiten, das jeder einzelne nur in einem Spiegel, in einem dunklen Worte, nie von Angesicht zu Angesicht sehen wird, diese entsagende Beglückung erfüllte zwei Jahrtausende hindurch die Seele, wenn auch nicht das Bewußtsein all derer, die sich dem Andenken einer großen Erscheinung geweiht hatten, seien sie Christen, Platoniker oder was immer. Von solchem Glück, tätig an einer großen Büdwerdung zu arbeiten, spricht der Neophyt in den Albigensern Lenaus, und nicht zufällig gerade in den Rhythmen des Angelus Silesius:

»Auf! wecken wir vom Tod die heilige Geschichte,

Die erst lebendig wird im Geist und seinem Lichte;

Mit dieser Leuchte soll der Mensch den wunderbaren

Und heilig tiefen Schacht, des Heilands Herz, befahren.

Der volle Christus ist erschienen nicht auf Erden,

Sein göttlich Menschenbild muß noch vollendet werden.«

einmal neu — ist so deutlich wie möglich das Wesen alles echten historischen Wissens ausgedrückt (das ja zuletzt immer nur dem der Erinnerung der Menschheit irgendwie heiligen Menschenbilde gilt): Geschichte ist tätige Bildschaffung, nicht Bericht, Abbildung, Bewährung des Gewesenen. Legende ist in Wahrheit das, was das Wort im nacktesten Sinn besagt: nicht ein Geschriebenes, sondern etwas, das immer neu zu lesen ist, das erst entsteht durch immer erneutes Anderslesen. In dem Sinn sagt Burckhardt (in der Einleitung zur griechischen Kulturgeschichte wie auch in den Weltgeschichtlichen Betrachtungen) vom Wesen der historischen Quelle, es könne im Thukydides eine Tatsache ersten Ranges berichtet sein, die man erst in hundert Jahren bemerken werde. Und neben dem Historiker Burckhardt der Philologe Nietzsche: »Derselbe Text erlaubt unzählige Auslegungen — es gibt keine »richtige Auslegung.« Was aber schon für alles Geschriebene gilt: sein im angedeuteten Sinne legendärer Charakter — um wieviel mehr gilt es von allem Geschehenen. Niemals und nirgends ist es in voller Wirklichkeit »auf Erden erschienen«; sein Bild, heilig oder unheilig — aber jedes Bild wird zuletzt »göttlich«, nämlich zum Bilde Gottes, wie der Mensch selber — muß immer »noch vollendet werden«. Alles Geschehene will zum Bild, alles Lebendige zur Legende, alle Wirklichkeit zum Mythos.

Und so ist alles ein Mythos, was wir vom Wesen der Menschen aussagen können, deren Gedächtnis auf die Lebenden gekommen ist. Ein Mythos ist jeder Verstorbene schon — »alle Toten werden Götter« drückt der japanische Gedanke das kultisch aus, den antiken Heroengedanken seltsam steigernd und aufhebend zugleich —, und die Kraft, die dieser Mythos ausstrahlt, die Umlaufszeit, die Verwandlungsfähigkeit, die ihm gegönnt sind, sie entsprechen nach unbeugsamen Gesetzen der Kraft, die das Wesen des Lebenden angehäuft hat. Die kurze Bahn der Namenlosen verlischt mit dem Gedächtnis des letzten Enkels. Sokrates und Christ, Homer und Shakespeare, Cäsar und Napoleon haben Umlaufszeiten ihres Gestirns, deren Länge der Lebensdauer des menschlichen Geschlechts gleichzukommen scheint. Ihr Mythos — das ist der zwingende Anruf, ihr Bild immer neu zu vollenden — stirbt nicht. Kein einzelner kann und wird jemals ihre Legende, den vollendeten Mythos ihres Wesens zu Ende dichten. Fragmente zu ihrer großen säkularen Mythologie zu geben, ist alles, was dem einzelnen oder einer einzelnen Generation gegönnt ist.

In solcher Begrenzung wollen die folgenden Blätter Studien zu einer Mythologie des letzten großen Deutschen bieten; einiges von dem Festhalten, was der geschichtliche Augenblick unserer Gegenwart in Nietzsche und als Nietzsche zu sehen scheint. Der Mythos, der diesen umtosten Namen trägt, ist noch immer in seinem Beginn. Aber schon hat er die ersten Wandlungsformen hinter sich: die Stadien der unbedingten Vergötterung, des fanatischen Hasses, der Mode wie der Verachtung liegen hinter uns. Immer deutlicher werden Züge, die dem Nietzschebild der neunziger Jahre ganz fremd sind. Andere Züge verblassen zusehends. Sein Antlitz schimmert zuweilen ungewiß im Licht eines Übergangs. Was wir heute sehen oder zu sehen glauben, ist etwas anderes schon, als jene erste Generation der verzückten Bestürzung im Visionär des Übermenschen und Verherrlicher der blonden Bestie zu sehen wähnte. Noch immer sind wir wohl zu nahe, um den Höhenmaßstab für eine so fremdartige Gestalt — eine namentlich unter Deutschen zunächst so fremdartig scheinende Gestalt — im Vergleiche zu ihren unmittelbaren Vorgängern festzulegen. Es mag uns mit Nietzsche begegnen, was bis ins 19. Jahrhundert hinein dem St. Gotthard geschah: man nannte ihn stets unter den höchsten Erhebungen des Erdteils, weil man glaubte, ein Gebirgsmassiv, in dem die mächtigsten Bergketten der Alpen sich begegnen, von dem aus die Ströme nach den vier Weitenden hinunterrinnen, müsse notwendig auch an sich eine der höchsten Aufgipfelungen des Erdteils sein. Ein solcher perspektivischer Irrtum mag uns auch heute noch in Nietzsches Wertung begegnen, dessen Name die mächtigsten geistigen Erhebungen seines Jahrhunderts und mehr als seines Jahrhunderts in sich vereinigt und der die Ausströmungen seines nach Norden wie nach Süden blickenden Wesens nach allen vier Enden des geistigen Europa hinuntergesandt hat. Aber der tiefe Eindruck des Erlebnisses Nietzsche auf eine ganze Generation ist von solcher vergleichenden Höhenwertung ja ganz unabhängig. Dieser ungeheure Eindruck Nietzsches, an sich ein Phänomen der neueren Geistesgeschichte, scheint, von jeder absoluten Wertung abgesehen, deshalb so stark zu sein, weil dieser Mann mit seltener Reinheit das Seelengeschick seines Jahrhundertaugenblicks verkörperte und verdeutlichte, weil er die Unheilbarkeit seines Jahrhunderts zugleich war und sah, bekämpfte und erlitt. Wie sein Jahrhundert, war Nietzsche im Zeichen der Wage geboren, jener Wage eines gefährlichen Vielleicht, das den Zauber und das Verhängnis seines zwischen zwei Welten schwebenden geistigen Säkulums ausmacht. Auch das ist möglicherweise ein perspektivischer Trug, und vielleicht steht jedes große Bild irgendwann einmal in jedem der zwölf Sternbilder des himmlischen Tierkreises — gewiß ist nur, daß wir, im gegenwärtigen Moment seines Mythos, gerade Nietzsche als den echtesten Repräsentanten des gefährlichen Vielleicht sehen, dessen neue Philosophen er selber heraufkommen sah: »Philosophen des gefährlichen Vielleicht in jedem Verstände«, wie »Jenseits von Gut und Böse« sie benennt. Auch darin gleicht er heute dem Bilde seines Wagner, »über welchen, als über einen wohlgeratenen Typus deutscher Unklarheit, sich durchaus nichts ohne ein solches »Vielleichtaussagen läßt«.

Wir fassen Nietzsche, wie er den deutschen Philosophen gefaßt hat: »Leibniz, Kant, Hegel, Schopenhauer, ihre deutsche Zweinatur«; wir erleben ihn, wie er den Romantiker erlebt hat: als den »typischen Zweideutigen«; wir sehen ihn, wie er den platonischen Sokrates gesehen hat: als »im eigentlichen Sinne eine Karikatur, weil überladen mit Eigenschaften, die nie an einer Person Zusammensein können«. Er ist uns das große typische Phänomen der Grenze geworden, die jüngste historische Verkörperung des paulinischen , des Zweiseelenmannes; das unvergeßbarste Beispiel zu Lichtenbergs Satz, daß auf der Grenze immer die seltsamsten Geschöpfe liegen. Wenn Kant sagt, daß wir einen Gegenstand dann »erkennen«, wenn wir in dem Mannigfaltigen seiner Anschauung Einheit bewirkt haben — so ist diese Einheit des Mannigfaltigen, welches die Erscheinung Nietzsches darbietet, paradox genug gerade in der bis zum Grunde ihrer Existenz hinabreichenden Zweiheit bewirkt und ausgedrückt. (Daher das Verwirrende seiner Erscheinung für so viele, die sich an eine der Seiten ihres Gegensatzes halten, und die von dieser einen Seite aus Nietzsches Widersprüche freilich nicht zum Menschen, geschweige zum Bilde zwingen können.) Ja, es scheint uns, als nehme die ganze Entwicklung des Nietzschebildes den Verlauf zu einem Mythos des gläubigen Zweiflers, zu einer Legende des gottsuchenden Lästerers, zur Gestalt eines prophetischen Endbeginns hinüber.

Trotz ihrer ewigen Wandlung strebt ja doch eine jede Legende nach einer einmaligen äußersten und reinsten Verkörperung hin, die eine höchste Möglichkeit des Menschlichen, eine dichteste Gestaltwerdung der Seele einmal ohne Erdenrest darstelle, wirksam durch ihr bloßes Gleichnisdasein bis ans Ende der menschlichen Dinge. Die meisten Legenden, entsprechend der ihnen mitgegebenen Intensität, bleiben freilich Ansätze zu solchen äußersten Vor- und Schaubildern, mythische Möglichkeiten nur, die wie schmerzliche Schatten die Nähe des einen großen Urbildes umschweben, dem es bestimmt war, vom Blut der Seele und der Vollkommenheit zu trinken. Diese tragischen Unvollendeten dienen zuletzt ihrem größeren Ebenbilde, und ihre brüderlichen Züge werden schließlich alle auf das eine letzte Schaubild übertragen. Auch für die Legende menschlicher Größe gilt das Gesetz der Akkumulation, wonach dem, der da hat, gegeben wird, auf daß er die Fülle habe. On ne prete qu’aux riches. Der ewige Schatz der großen Taten und der unsterblichen Worte wird nach und nach auf immer wenigere gehäuft. Das Gedächtnis der Menschheit ist undankbar, aber wo sie dankt, dankt sie überschwenglich und beraubt alle kleinen Altäre der Vergangenheit, um ihre größten Denkbilder zu schmücken. Platon und Alexander, Franziskus und Dante, Lionardo, Rembrandt und Goethe sind so aus mächtigen Individuen eigne Welten geworden. Und nur für den Ruhm der größten Könige haben alle kleineren ihre Siege getan; nur für die Glorie der größten Dichter schufen die zarteren.

»Zehntausend sterben ohne Klang: der Gründer

Nur gibt den Namen . . für zehntausend Münder

Hält einer nur das Maß. In jeder Ewe

Ist nur ein Gott und einer nur sein Künder.«

Auch Nietzsche scheint auf die Stirn seines vielgesegneten und vielverlästerten Namens die Schicksale und das Andenken vieler Vorläufer magnetisch herabzuziehen. Er erscheint, heute, als der letzte und größte Erbe aller derer, die vom Stamme des luziferischen Trotzes sind — aber eines Trotzes, der mit göttlichem Heimweh rätselhaft vermischt und beinahe identisch ist; der Erbe alles prometheischen Hochmuts, alles prometheischen Willens zum neuen götterlos göttlichen Menschen, und alles prometheisch stolzen Duldens. Er ist der Erbe und Schicksalsbruder aller, deren Geschlecht nicht nur goethisch aus dem Dunklen ins Helle strebt, sondern die eine tiefe Not wiederum aus dem Hellen, allzu Erhellten hinab ins Dunkle, ins Ungewisse hinab treibt; deren Wesen, »eins und doppelt« wie die Lieder des Divan, gleich Proserpina zwei Reichen der Seele angehören muß. Und wenn Nietzsche, der Mörder Gottes, auf seine Weise auch Künder eines Gottes ist, so ist es sicherlich ein Gott, der neben dem lichten Namen eines Gottes auch einen sehr dunklen Namen trägt — gleich dem Eros des Platon und gleich dem »zweimal geborenen« Dionysos.

Die einzelnen Kapitel, welche hier folgen, suchen also gerade die einwohnende Doppelseelenhaftigkeit dieses Geistes, die große unentscheidbar schwebende Wage seines Wesens und seiner Werte deutlich zu machen; jedes einzelne von einem besonderen Blickpunktaus, dessen Möglichkeit doch wiederum aus der Betrachtung Nietzsches genommen ist. So erwandert man das Bild eines geliebten Berges auf manchen Vorhöhen, die von seinem Massiv ausstrahlen, und die Aussichten von jeder einzelnen, die sich zuweilen perspektivisch widersprechen, ergänzen einander doch zu dem Bilde des Bergs, das sich nie aus einer vereinzelten Schau ergibt. Das Bild Nietzsches, wie es sich aus diesen Kapiteln zusammenschließt, ist das Bild des Augenblicks, in dem sein Mythos uns eben zu stehen scheint. Mit dem Vorrücken seiner Bahn wird er in andere Häuser des Himmels eintreten. Genug, wenn Nietzsches Gestalt einmal auch so vor Augen gelebt hat; wenn sie für diesen Augenblick ihrer langsamen Bildwerdung jene Wahrheit hat, die keiner höheren Stufe künftiger Legende, keinem tieferen Mythos seines Wesens die Gültigkeit weigert.

Text aus dem Buch: Nietzsche, Versuch einer Mythologie (1920), Author: Bertram, Ernst.

Siehe auch:
Nietzsche: Versuch einer Mythologie – EINLEITUNG
Nietzsche: Versuch einer Mythologie – AHNENTAFEL
Nietzsche: Versuch einer Mythologie – RITTER, TOD UND TEUFEL
Nietzsche: Versuch einer Mythologie – DAS DEUTSCHE WERDEN
Nietzsche: Versuch einer Mythologie – GERECHTIGKEIT
Nietzsche: Versuch einer Mythologie – ARION
Nietzsche: Versuch einer Mythologie – KRANKHEIT
Nietzsche: Versuch einer Mythologie – JUDAS
Nietzsche: Versuch einer Mythologie – Maske
Nietzsche: Versuch einer Mythologie – WEIMAR
Nietzsche: Versuch einer Mythologie – NAPOLEON
Nietzsche: Versuch einer Mythologie – SCHERZ, LIST UND RACHE
Nietzsche: Versuch einer Mythologie – ANEKDOTE
Nietzsche: Versuch einer Mythologie – NACHSOMMER
Nietzsche: Versuch einer Mythologie – CLAUDE LORRAIN
Nietzsche: Versuch einer Mythologie – VENEDIG
Nietzsche: Versuch einer Mythologie – PORTOFINO
Nietzsche: Versuch einer Mythologie – PROPHETIE
Nietzsche: Versuch einer Mythologie – SOKRATES
Nietzsche: Versuch einer Mythologie – ELEUSIS

Ein Gedanke zu „Nietzsche: Versuch einer Mythologie

  1. WEIHENACHTSIRRTUM – ERST ERKANNT ANNO 2015

    Heute lernte ich per WDR-3, daß Juden um den 24.12 herum die Ermordung von Abertausend tapferer Griechen feiern. Ist es nicht merkwürdig? Oder celebrieren wir zur Weihenachtszeit doch den Holo, und ich hab davon noch nix gemerkt! Bis jetzt feierte ich immer Auferstehung, Erneuerung,Vergebung und vor allem FRIEDEN!. Hab ich irgend etwas fasch gemacht? (Oder hat der Engel des Herrn doch die Ermordung Millionen Deutscher angekündigt, und ich war zu doof, selbiges zu verstehen?)

    Hi, nein wir feiern kein Weihnachten. Und nein Hanukkah ist auch nicht das jüdische Weihnachten wie oft fälschlicherweise gesagt wird, es ist nur in der ungefähren gleichen Zeit Für uns gibt es deswegen kein Weihnachten, weil es ja die Geburt Jesu ist und bei uns gibt es keinen Jesus, deswegen auch kein Weihnachten.Messianische Juden feiern Weihnachten, aber das ist eine ganz andere Richtung als wir “normale” Juden. Allerdings feiern viele Deutsche Juden wegen ihre kleinen Kinder in Deutschland Weihnachten und manche haben auch einen Baum. Das kommt aber daher, das kleine Kinder natürlich auch feiern wollen und in der Schule über ihre Geschenke reden wollen- so wie alle anderen Kinder auch 🙂 Aber normal gibt es das bei uns nicht. Hoffe ich konnte Dir helfen. Gruß carina
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    Quelle. http://www.gutefrage.net/frage/feiern-die-juden-weihnachten

    GUT, DIE KINDERREPORTERIN DES WDR MEINTE: „AUCH UNSERE WEIHNACHTEN SIND SCHÖN“- Klar, Jüdische und christliche Weihnachten sind doch gleich: Kinder erhalten Geschenke, damit die Alten in Ruhe fressen, saufen und huren können!

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