Hieronymus Bosch

von Silvio

EIN Stich des Hieronymus Cock bewahrt das Antlitz des Malers Bosch: tiefliegende, von bohrendem Krampf zerwühlte, weit aufgerissene Augen, eine breite erregte Stirn, vorstehende Backenknochen, faltige, tiefgesenkte Mundwinkel. Der Ausdruck der Züge streng, mühselig, fanatisch.

Das Leben dieses Mannes ist für unsere Blicke verschüttet. Wir wissen kaum mehr als den Eintrag des Totenbuches der Brüderschaft unserer lieben Frau zu Hertogenbosch: Anno 1516, Hieronimus Aqueh, alias Bosch, insignis pictor. In dem kleinen nordbrabantischen Städtchen Hertogenbosch — der Zusatz Aqueh weist anscheinend auf die Herkunft der Familie aus Aachen — ist er wohl geboren und gestorben und hat den Kreis seines Daseins — wir vermögen nicht zu sagen, wie lange es währte — erfüllt.

Im übrigen nennen nur einige Zahlungsanweisungen seinen Namen, so eine vom September 1504 in Höhe von 26 Livres, die ihm Philipp der Schöne für ein Bild des jüngsten Gerichtes mit Paradies und Hölle auszahlen ließ.

Anderes wissen wir nicht von seinem Leben. Die Biographen der Zeit, die sonst doch wenigstens einige Anekdoten zum Besten gaben, verstummen, auch Carel van Mander bringt nur ein paar nichtssagende Redensarten. Die Geltung seines Werkes muß freilich in jenen Zeiten eine hohe gewesen sein, denn seine Bilder waren gesucht, und der schweigsame, grübelnde Philipp II., der im Eskorial das Netz der Welt in Händen hielt, sammelte sie mit Leidenschaft.

Heute ist sein Werk fast so verschollen, wie sein menschliches Dasein es immer sein wird. Und dennoch stehen diese Tafeln unter uns, steil und wunderlich gebaut, von den Ängsten und Nöten einer verzweifelnden Menschheit gewaltig und geheimnisvoll und bis in die letzten Fugen erfüllt und von ihnen Zeugnis gebend. Wie Sterne bisweilen durch unsere Nächte in seltsamen parabolischen Zuckungen sausen, und unserem Auge wieder entschwinden, umherirrende Glieder von Welt Systemen, die längst zerfielen.

Es ist an der Zeit für eine Gegenwart, deren chaotische Entwurzelung in ein selbstverneinendes und alles zersetzendes Nichts treibt, dessen mathematische Formel jene Lehre von der Relativität darstellt, das Bild dieses Mannes zu erneuern, der mit klaren Augen das Schicksal einer zusammenbrechenden Welt, die seine Welt und sein Tag war, sah und mit der gewaltigen Zunge des Propheten den Sinn und das unvergängliche Gleichnis ihres Untergangs zu künden unternahm.

***

EIN Thema dieser Tafeln, die Hölle, hat die Erinnerung an den Namen des Malers nie ganz vergessen lassen. Geschickte Stecher und Holzschneider haben das Gegenständlichste seiner Phantasie ergriffen und in zahlreichen Varianten popularisiert, und noch hundert Jahre später rühmt Carel van Mander mit der herablassenden Geste des über solche Ammenmärchen aufgeklärten Weltmannes „was hier alles an grotesken Spukgestalten zu sehen ist, und wie schön und natürs lieh er Flammen, Glut und Rauch wiederzugeben verstanden hat.“ Hier öffnet sich ein Zugang zurWelt des späten Mittelalters. In welchem Ausmaß solche Vorstellungen gerade damals die Zeit erfüllten, erweisen neben vielen anderen Zeugnissen die grausigen und erschütternden Schilderungen in der Vision desTundalo, auch dadurch schon von besoliderem Interesse, daß sie 1484 in Hertogenbosch, dem Wohnort des Malers, gedruckt worden sind und ihm zweifellos bekannt waren. Ganz im Gegensatz zu den frühen christlichen Jahrhunderten, die in freudiger Gewißheit dem Gericht Gottes entgegensahen, preßte das späte Mittels alter in solche Schilderungen der Schrecken des Jenseits seine Zweifel und Ängste. (Einige dieser Zeugnisse sind im Anhang wiedergegeben.) Und für Bosch war die Plölle wahrlich nicht Ammenmärchen und Kinderschreck. Ihre Qualen standen als peinigende Drohung, als turchts bare Ahnung vor seinem Gesicht. Die Ausbrüche schlafloser Nächte, die immer bohrende Frage, was hernach auf den wartet, den die schwere Erde deckt, die Hirn und Blut unablässig durchwühlende Furcht vor dem Jenseits gerinnt ihm zum Bild.

O der Verzweifelnde, der von Schlangen gebissen, von Teufeln gewürgt am Rande des feurigen Sees hockt. Der jammervolle Nackte, dem beim Sturz durch die Lütte Dämonen die Gliedmaßen ausreißen. Der gewaltige Schlund des amphibienhaften Höllenrachens, der Tausende zwischen den Zähnen zermalmt und sie zu neuen Qualen immer wieder ausspeit.

Und jene, die in gläsernen Retorten zerstoßen, auf Harfen ausgespannt, von Höllenmaschinen und dämonischen Ungeheuern durchbohrt, geröstet, gerädert und zerfleischt werden. Und die Marterung, die am Glied der Sünde vollzogen wird: An Brüsten unci Scham der Wollüstigen, im Eingeweide der Gefräßigen, an Hals und Mund des Ketzers.

Dies ist nicht jenes von gebändigtem, fast harmonischem Gleichmaß erfüllte Schauspiel, das Dante zwei Jahrhunderte zuvor doch schon als Mensch einer neuen Zeit aufgerollt hatte. Hier ist Stätte des Schreckens, der Marterung und des Zähneknirschens, Ort, wo das Feuer nicht erlischt und der Wurm nicht stirbt.

***

AUF der mittleren Tafel jenes Triptychons, dessen einer Flügel die Qualen der Verdammten im ewigen Feuer aufzeichnet, blüht L zauberisch geheimnisvoll und phantastisch der Garten der Liebenden auf. Gleich einer Fata Morgana schwebt in bläulicher Ferne die tropische Landschaft mit üppigen Gewächsen und wunderlichen Tieren. Die Prozession der Reiter kreist um den See, magnetisch am gezogen von der Lockung der nackten Nymphen. Und in der Sumpfs Landschaft des Vordergrundes geschieht in den Gründen des Wassers, in gläserner Kugel, in Muscheln und auf blühender Wiese die Paarung der Geschlechter, die hochzeitliche Vermischung alles Lebens. Feierlich und vielstimmig rauscht der Hymnus der Wollust des Fleisches, weiß flimmernd wie das Gewimmel der Milchstraße zieht der Strom der schlanken, sich neigenden Leiber vorüber.

Denket, dies sei der Traum des mittelalterlichen Menschen von der reuelosen Heiterkeit der antiken Welt, die das Diesseits unbeschwert genießt und ins Jenseits zu neuen Beglückungen wandert. Die Träume nehmen von den Dingen Dunkelheit und schmerzende Kante und es bleibt nur farbiges Gewebe, samtener Glanz, perlmutterner Schmelz. Und den Träumenden geschieht das Geheimnis der Umarmung, das ihr Wachsein mit dumpfer Erde und trüben Dämpfen band, kristallen und im Schimmer des Geschmeides wundersamer Perlen.

NEBEN dem Garten der Lüste das irdische Paradies mit der Erschaffung des Weibes, neben dem Ort der Verdammnis die Stätte der himmlischen Verklärung.

Das irdische Paradies ist erfüllt von tropischen Gewächsen und fremdartigen Tieren. Giraffe, Einhorn, Känguruh, fliegende Fische, vegetabile Wunder ferner Erdteile, von denen die Seefahrer Kunde gebracht hatten. Und in den wie aus tiefem Schlaf erweckten Leibern der ersten Menschen, in dem smaragden schimmernden Grün der Landschaft lebt die strahlende und jungfräuliche Unberührtheit des Schöpfungsmorgens.


Aber die in Sünde fielen, unterm Baum der Erkenntnis und dann in dem von schwülen Gewächsen überwucherten Irrgarten der Welt, wurden im Blute des Lammes entsühnt, und stehen nun, von Engeln, die Gottes Barmherzigkeit ihnen zur Seite schickte, gestützt aus den Gräbern auf und schweben empor, immer höher und hoher. Sie neigen sich rückwärts und ihre Augen können die Herrlichkeit und den Glanz fast nicht ertragen. Bis sie in die schimmernde Kugel eingehen, deren diamantene Mitte die Ewigkeit Gottes, der Anfang, Eckstein und Ausgang alles Seins und Lebens ist.

WER in den Ängsten des Daseins, in der Anfechtung des Fleisches und Hirnes, in Einsamkeit, Dumpfheit und Bedrängnis des täglichen Lebens nicht zugrunde gegangen war, wer einen Weg durch Hölle und Fegefeuer gefunden, und, wenn auch von ferne nur die kristallene Kugel himmlischer Sphären geschaut hatte, dem mochte die Legende des verlorenen Sohnes, der zerlumpt und verhungert, aber mit dem Glauben an die Güte und Verzeihung des Vaters in der Brust sich in die Heimat aufmacht, wie eine Parabel des eigenen Schicksals dünken.

Wie auf dem Wiener Bild in der scheuen flüchtigen Geste des Heims kehrenden, in seinem angstvoll zerquälten Gesicht die Erinnerung an die Nöte und Erniedrigungen dunkler fahre aufquillt, so verließ den Maler, auch wenn er jetzt ruhiger ward und in den Legenden der Bibel und in der heimatlichen Landschaft ein gelasseneres Gleichnis seiner Seele suchte, nie ganz der Druck, der auf den Jahren seiner Jugend und seines Mannesalters gelastet hatte. Wohl kehrte er heim und küßte in dankbarer und demütiger Rührung die Scholle der braunen Äcker, aber die Bedrängnisse der Welt lagerten um ihn gleich schlafenden wilden Tieren, die man nicht wecken darf.

DIES ist die Tafel der sieben Todsünden, die der sterbende König Philipp II. sich an sein Bett bringen ließ, auf daß sie ihm in seiner letzten schweren Stunde Trost spende.

Inmitten der sich aus dem Grab erhebende Leib Christi mit der warnend erhobenen Linken und der eindringlichen Inschrift: Hüte Dich, hüte Dich, denn der Herr sieht Dich. Und im Rund sieben Darstellungen, deren jede einzelne eine der Todsünden szenisch vorführt. Eingebettet in Landschaft oder Kammer weitet sich das Schauspiel der dumpfen und derben Triebe des brabantischen Bauern zum Gleichnis der um löslich und triebhaft gebundenen Leidenschaft der Menschen. Aber wie inmitten Christus als Eckstein, stehen bei den Rändern wieder die unerschütterlichen, metaphysischen Pfeiler dieser Welt: Tod, jüngstes Gericht, Hölle, Paradies.

NUN ist die Stunde dieses Lebens gekommen, die zu der entscheidenden Aussprache mit den letzten Dingen der abendländischen Menschheit, den Worten der Bibel, ruft. Man darf nicht sagen, die Entscheidung sei für den Menschen dieser Zeiten, für den Menschen, der um das Jahr 1500 lebte, noch selbstverständlich und vorgezeichnet gewesen. Erasmus und Paracelsus, Kopernikus, Leonardo und Holbein haben sehr verschieden lautende Antworten gegeben. Aber hier ist das aus tiefsten Gründen aufsteigende, um Klarheit sich mühende Bekenntnis dessen, der durch die Hölle der Verzweiflung und das Fegefeuer mannigfacher Anfechtung gegangen ist. Wie Larven aus jener unheimlichen und dämonischen Welt, die um die Insel brandet, aut die der Flüchtling sich rettete, umdrängen die gierigen, hämischen Fratzen der Henkersknechte den mit Dornen gekrönten und sein Kreuz tragenden Herrn, der mit verklärter Milde und Güte ihr Tun duldet. Denn alles dies muß geschehen, auf daß das Wort der Propheten erfüllt und die Sünde der Stammeltern gesühnt werde.

Heiter und geheimnisvoll wie Märchen der Kindheit die Anbetung der morgenländischen Könige: in die köstliche Landschaft mit grünen Matten, der aus Morgennebeln auftauchenden turmbewehrten Stadt und den verfallenden Stall, in dem sich wunderliche Gestalten spukhalt regen, gebettet; und dabei in der demütigen Gebärde der Anbetung, in der lieblich verklärten Gestalt der Maria wie von himmlischen Schalmeien sanft bewegt. Kindlich und fromm wie Franziskus erlebt der Maler die liebliche Legende.

UND endlich schenkt der gute braune Acker des brabantischen Landes diesem unruhigen, immer fragenden und immer bohrenden Dasein ein Gleichnis: gleicht nicht die Barke der Narren, Trinker und Wollüstigen, vom Tod geleitet, dem Gehäuse des menschlichen Lebens, das mit Zymbelklang und Liebesspiel sorglos der Nacht entgegenschwankt? Bezeugt nicht der Gaukler, der eine schnellgläubige, beschränkte Menge mitTrug und Zauber unschwer umstrickt, das Schicksal eines Geschlechtes, das den wahren Propheten verstieß und nun der Überredung der Marktschreier verfällt?

Aber das tiefste Bekenntnis ist doch die Vision jenes Heuwagens, auf dem ein Liebespaar sich zärtlich lagert. Von höllischen Unholden gezogen, von Papst, Kaiser, Kurfürsten, Geistlichen und allem Volk umdrängt, schwankt der Wagen dahin, viele unter seinen Rädern begrabend und — der rechte Teil des Bildes zeigt die höllische Stadt — die anderen zu dem Ort geleitend, wo alle Sunde ihre Sühne findet. So erlebte Hieronymus Bosch die Welt und ihre Lust im Bild des Ernte? festes der fruchtbaren Niederungen der Heimat, auf die Christus mit erbarmender Gebärde niederschaut, im Sinn der Worte des Psalmisten:

Denn alles Fleisch ist wie Heu

and seine Herrlichkeit wie die Blume des Feldes.

ABER ihm geschahen die Dinge nicht wie einem, der das Schausspiel müßig, gelangweilt und unbeteiligt betrachtet, vielmehr trug er an ihnen in Schmerzen, die bis zum letzten Atemzug des Lebens dumpf und quälend auf ihm lasteten; wie jener Antonius seiner Bilder, der unter den Versuchungen der Hoffahrt und des Fleh sches fast zusammenbricht und mit schwerer Zunge stammelt:

Qui non est tentatus, quid seit?

Was weiß der, der nicht ist versucht worden?

DIESE weite und seltsame Welt ruht in der ihr gemäßen Form, der Zwiespältigkeit von naturalistischen und stilisierenden Elemen? ten eignet. Landschaftliche Gründe werden mit dem Willen zu atmosphärischer und perspektivischer Fernsicht gegeben, Architektur, pflanzliches Leben, menschliche Gesichtszüge in naturalistischer Ausdeutung; aber die heiligen Figuren vorn stehen wie in den mittelalterlichen Tafeln groß und feierlich und durchaus ohne Rücksicht auf das perspektivische Gesamtbild da. Und wenn die dunstigen Fernen der Landschaft zu einem fast einheitlichen verschwimmenden Ton sich zu? sammenschließen, so tragen die Menschen, die vorn handeln, Gewänder von buntleuchtenderFarbigkeit. Der Raum will Tiefe, Illusion der Wirklichkeit, aber es geschieht in treppenartigen Abständen, in kulissenhafter Schiebung.

Die Farbe ist dünn aufgetragen, modelliert kantig und scharf die Dinge, gibt glasigen Glanz und Glätte. Mit unvergleichlicher Ausdrücklich? keit formt sie die feurigen Brände der höllischen Stadt, das smaragdene Grün der paradiesischen Matten, das verschwimmende Graublau ferner Horizonte.

DIE zeitliche Folge der Bilder kann, da keinerlei Daten vorliegen, nur ganz ungefähr gedeutet werden. Jugendwerke Boschs scheinen uns nicht erhalten zu sein und eine überzeugende Ableitung oder Zusammenstellung mit dem Schaffen der Zeit ist nicht möglich. Vielleicht ist er wie Jan van Eyck in seiner Jugend Buchmaler gewesen. Die dünne, zarte Modellierung und Farbigkeit mancher Tafeln, etwa des Berliner Johannes auf Patmos, berührt sich nahe mit der feinen, auf atmosphärische Wirkungen bedachten Art gleichzeitiger niederländi? scher Miniaturen. Die vielfigurigen, gleichsam aus vielen Mosaikstein? chen zusammengesetzten, fast nur auf zweidimensionale Wirkungen bedachten Darstellungen, wie sie der Garten der Lüste oder auch manches Höllenbild zeigt, mögen weitere Glieder der uns bekannten Reihe sein. Eine starke Buntheit und zugleich stärkste Hingabe an gegenständliche Wirkungen ist diesen Tafeln eigen.

Es wächst dann der Wille und das Vermögen zu räumlicher, tiefenhafter Gestaltung. bland in Hand damit geht das Streben, die Buntheit der farbigen Welt in einen möglichst zusammenstimmenden Ton zu fassen, die gleichwertige Vielheitlichkeit der Dinge zu gliedern: der Heuwagen, der Stall zu Bethlehem, die Barke wird Schwerpunkt, von dem her das Bild gebaut wird. Das Mosaik wandelt sich zum rhythmischen Organismus.

Ganz zuletzt mögen Tafeln wie der verlorene Sohn, das Steinschneiden, der heilige Antonius (im Eskorial) entstanden sein. Das fast einheitlich farbige und rhythmische Gefüge, die gestillte, in sich ruhende und erfüllte Gebärde ist Gnade und Weisheit des Alters.

DIESES Werk steht vereinzelt in seiner Zeit. Sein Schöpfer war gewiß zutiefst in den Trieben der Menschheit jener Tage verwurzelt; aber die repräsentative Kunst der Zeit hatte sich von ihnen schon losgelöst und lebte auch im Norden im Kreis der geistigen Kräfte, die vom Italien der Renaissance ausgingen.

Im Jahre 1516, da Bosch starb, schufen Raffael und Michelangelo, Leonardo und Dürer, Holbein und Grünewald. Man muß von den innigen und zarten Madonnen Raffaels, von den bedächtigen, mühsam gekläubelten und dabei ein wenig kargen Kompositionen Dürers, von den mit kühler und meisterlicher Objektivität geformten Bildnissen Holbeins weg den Blick auf die in fanatischer und brennender Inbrunst empfangenen Tafeln Boschs wenden, um den Abstand zu ermessen, der ihn von der Produktion seiner Zeit trennt. Nur die phantastisch und farbig glühenden Visionen Grünewalds, der wie Bosch dem Mittelalter verbunden blieb, berühren sich in etwa mit diesem Schaffen.

Der Erbe dieses Werkes ist Bruegel. (Spätere — Callot, Goya, Daumier,Ensor — stehen auf diesem Fundament.) Der junge Bruegel hat aus dem Ideen -und Formkreis Boschs, den er des öfteren kopiert hat, seine Diablerien geschaffen. Manche auch seiner späteren Schöpfungen, etwa das Bild der Blinden, geht auf Anregungen des Alteren zurück. Sein Beispiel mag Bruegel ein Halt, ein Widerstand gegen die italienische Lockung gewesen sein und ihm dankt er die Liebe zum Bauern und zur brabantischen LIeimat, von der seine Tafeln ein unvergängliches Zeugnis ablegen. Er, der eine Generation nach Bosch schuf, gelangte in späten Jahren zu einem in sich ruhenden Ausgleich von Welt, Jen? seits und Ich, der Boschs dämonischen Ausbrüchen gegenüber wie gestillte Klassizität erscheinen mag.

DIE Visionen des Hieronymus Bosch enthüllen die apokalyptische Landschaft des späten Mittelalters.

Da brodeln die Ängste und Zweifel einer gequälten Mensch? heit, die an sich und an ihrem Weg irre ward. Da die starke und fromme Bindung des romanischen Bogens, der unerschüttert wie das Firmament alles Leben umspannt gehalten hatte, gesprengt war, blieb nurVereinze? lung und chaotische Wirrnis aller Zungen. Da die Unbedingtheit des Glaubens erschüttert war, blieb dunkle Ungewißheit über die letzten Dinge und irrendes Suchen nach Gott. Um Erde und Jenseits, um Wollust und Erlösung kreist die angstvolle und zweifelnde Frage aller Kreatur.

Aber der auf diesen Tafeln Grauen und Not eines Zeitalters niederschrieb, litt mehr denn jene namenlose Menge, die dumpf und blind ihre Last trug. Hellsichtiger Seher, schaute er den unter furchtbaren Wehen und Zuckungen geschehenden Zusammenbruch des tausend? jährigen Reiches Gottes.

Was aber blieb ihm, der, gleich dem Lieblingsjünger aut Patmos, furcht? bare Gesichte empfing? Etwa der Traum von der Flut perlmutterner Frauenleiber in jenem Garten der Lüste? Oder jenes Stück grüne, heimatliche Erde unter dem weiten, dunstigen Firmament alles Leben umspannt gehalten hatte, gesprengt war, blieb nur Vereinzelung und chaotische Wirrnis aller Zungen. Da die Unbedingtheit des Glaubens erschüttert war, blieb dunkle Ungewißheit über die letzten Dinge und irrendes Suchen nach Gott. Um Erde und Jenseits, um Wollust und Erlösung kreist die angstvolle und zweifelnde Frage aller Kreatur.

Aber der auf diesen Tafeln Grauen und Not eines Zeitalters niederschrieb, litt mehr denn jene namenlose Menge, die dumpf und blind ihre Last trug. Hellsichtiger Seher, schaute er den unter furchtbaren Wehen und Zuckungen geschehenden Zusammenbruch des tausendjährigen Reiches Gottes.

Was aber blieb ihm, der, gleich dem Lieblingsjünger aut Patmos, furchtbare Gesichte empfing? Etwa der Traum von der Flut perlmutterner Frauenleiber in jenem Garten der Lüste? Oder jenes Stück grüne, heimatliche Erde unter dem weiten, dunstigen Firmament und der rotglühenden Kugel der Sonne? Was bedeuteten Träume und das Stückchen Tag, wenn das Fundament des Daseins barst?

Wir wissen nicht, was ihm blieb. Oder sagt es jene Tafel des ausgezehrten Wanderers, der in wehender Angst quer über die Felder flieht — hinten in weitem Land steht der Galgen, Räuber plündern einen Mann, den sie am Baum festbanden, ein Dudelsackpfeifer spielt, ein Bauern? paar schlägt sich und gierige Vögel flattern um Totengebein. Wohl atmet im Rund die friedliche Landschaft mit Fluß und Wald, welligen Hügeln und Turm und Stadt. Aber was bleibt dem, der sieht, wie alles, was lebt, sich zerfleischt, der fühlt wie der Boden wankt, aut dem er steht, anderes denn die Flucht?

UEBER das Schicksal eines einzelnen Menschen, über den Kreis einer Epoche hinaus ragt dieses Werk ins Ewige als eines der wenigen Gleichnisse, die die nordische Menschheit für ihr Dasein schuf. Wir hörten von der den Einzelnen im All auflösenden und erlösenden Lehre der indischen und chinesischen Weisen. Und bei den Grenzen unseres Daseins versank die in Heiterkeit und Harmonie sich erfüllende, die Klüfte des Lebens mit regenbogenfarbener Brücke überspannende Welt der Antike, wo ewig junge Göttinnen die goldenen Apfel in lichten Händen hielten.

Aber hier ist furchtbarer, nie zu lösender Zwiespalt von Geist und Fleisch, Gott und Welt. Faustischer Trieb nach Erkenntnis des All und Verzichtenmüssen im Angesicht der Dunkelheit, die Sinn und Grund aller Dinge umhüllt.

Sehet: Unser Bruder. Der abendländische Mensch, der sich von der Gemeinschaft Gottes loslöste und nun armselig und vereinzelt am Weg zusammenbricht. Wasserspeier des Doms, der mit gierigen Händen in trüben Tiefen wühlt, derweilen sein erloschenes verkrampftes Antlitz aufwärts sich reckt. Aber die ins Grenzenlose schwingende Gebärde reicht nicht mehr zu Gott hin.

Aus dem Buch: Hieronymus Bosch, das Werk herausgegeben von Kurt Pfister (1922).

Siehe auch:
Die Rätsel der Bilder von Hieronymus Bosch
Studien zur Deutschen Kunstgeschichte – Von Jan van Eyck bis Hieronymus Bosch – Kapitel VI
HÖLLENSCHILDERUNGEN DES MITTELALTERS
Hieronymus Bosch – Dokumente

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Ein Gedanke zu „Hieronymus Bosch

  1. Was klagen wir über die Natur? Sie hat sich gütig erwiesen: das Leben ist lang, wenn man es recht zu brauchen weiß. Aber den einen hält unersättliche Habsucht in ihren Banden gefangen, den anderen eine mühevolle Geschäftigkeit, die an nutzlose Aufgaben verschwendet wird; der eine geht ganz in den Freuden des Bacchus auf, der andere dämmert in trägem Stumpfsinn dahin; den einen plagt der Ehrgeiz, der immer von dem Urteil anderer abhängt, den anderen treibt der gewinnsuchende, rastlose Handelsgeist durch alle Länder, durch alle Meere; manche hält der Kriegsdienst in seinem Bann; sie denken an nichts anderes, als wie sie anderen Gefahren bereiten oder ihnen selbst drohende Gefahren abwehren können; manche läßt der undankbare Herrendienst sich in freiwilliger Knechtschaft aufreiben; viele kommen nicht los von dem Glücke anderer oder von der Klage über ihre eigene Lage; die meisten jagt mangels jeden festen Zieles ihre unstäte, schwankende, auch sich selbst mißfällige Leichtfertigkeit zu immer neuen Entwürfen. Manche wollen von einer sicher gerichteten Lebensbahn überhaupt nichts wissen, sondern lassen sich vom Schicksal in einem Zustand der Schwäche und Schlaffheit überraschen, so daß ich nicht zweifle an der Wahrheit des Wortes jenes erhabenen Dichters, das wie ein Orakelspruch klingt:
    «Ein kleiner Teil des Lebens nur ist wahres Leben»; der ganze übrige Teil ist nicht Leben, ist bloße Zeit.«

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