Dresden im Mittelalter

aus dem Kunstmuseum Hamburg

DRESDEN EINE SCHÖNE STADT. Dresden genießt seit mehr als zwei Jahrhunderten den Ruf einer schönen und sehenswerten Stadt, einer Kunststätte ersten Ranges im Deutschen Reiche. Schon im Jahre 1731 sprach man von den sieben Wunderwerken Dresdens, und man bezeichnete als solche:

1. das unvergleichliche Zeughaus
2. die in aller Welt berühmte Kunstkammer
3. den recht königlich ausgezierten Stall
4. die in ganz Europa jetzt berühmteste Elbbrücke
5. das mit allen japanischen Kostbarkeiten versehene ostindianische Palais am weißen Tor in Alt-Dresden
6. den seinesgleichen in Europa nicht habenden Zwingergarten
7. das große und trefflich ausmöblierte Jägerhaus in Alt-Dresden. Auch der bekannte Abenteurer Baron Karl Ludwig von Pöllnitz sagt in seinen Memoiren 1734, Dresden gehöre zu den schönsten Städten der Welt.

Aber es scheint, als habe der Begriff einer schönen Stadt sich seit 200 Jahren etwas gewandelt. Pöllnitz weiß gar nichts zu erzählen von der schönen Lage Dresdens im Elbtale, wie er auch über Meißens herrliche Lage nicht ein Wort verliert. Es spricht ebensowenig von der schönen inneren Anlage Dresdens. Was ihm in der „schönsten Stadt“ starken Eindruck macht, sind im wesentlichen die Bauwerke, die eben als Wunderwerke angeführt wurden, dazu die Kunstschätze Augusts des Starken. Bemerkenswert ist dabei noch, daß er über den Zwinger durchaus abfällig urteilt.

Wenn wir heutzutage von der Schönheit einer Stadt sprechen, so denken wir zuerst an ihre natürliche Lage und an ihre baukünstlerische Anlage. In beiden Hinsichten bietet Dresden wie bekannt hervorragend Schönes. Wie köstlich liegt die Stadt im weiten Talkessel, ringsum von grünen Hügeln umschlossen, an beiden Ufern der Elbe da! Welch herrliche Bilder erschaut man von der Brühlschen Terrasse, vom Garten des Japanischen Palais, von der Augustus-, der Marien-, der Carola- und der Albertbrücke, nicht minder von den ringsum liegenden Höhen! Wie angenehm ist es, durch die Straßen der inneren Stadt zu schlendern und überall Schönheit zu genießen, ohne daß man je das Gefühl der Ermüdung, der Langweile, der Öde empfindet, das uns in den endlosen Straßen Berlins überkommt, sogar im schönen Wien uns nicht immer fern bleibt! Diese Schönheit Dresdens ist größtenteils schon seit Jahrhunderten vorhanden. Da möchte man fragen, ob sie mit Bewußtsein und Absicht geschaffen oder ob sie mehr zufällig geworden ist. Nun — dem Mittelalter und damit den Gründern Dresdens kam es bei der Anlage der Stadt keineswegs auf Schönheit an. Sie dachten daran überhaupt nicht. Sie strebten vielmehr nur nach Sicherheit des Wohnens, des Verkehrs, der Arbeit, des Erwerbs. In diesem Sinne planten und erbauten sie die Stadt so zweckmäßig wie möglich; damit aber schufen sie allerdings die Grundlagen ihrer Schönheit, die ohne Zweckmäßigkeit undenkbar ist. Nicht wesentlich anders waren die Gesichtspunkte für die Veränderungen und Erweiterungen Dresdens in den folgenden Jahrhunderten. August der Starke dagegen hat — wenigstens für die 1685 abgebrannte Neustadt — nach ganz festen Grundsätzen einen Bebaungsplan aufgestellt, dessen ausgesprochenes Ziel die Schönheit des Stadtbildes im Sinne der Städtebaukunst des Barockstils war. Das 19. Jahrhundert hat zunächst durch die Beseitigung der Stadtmauern neue Schönheit erschlossen; des weiteren hat es neben einzelnen gelungenen Taten auch gar manche Begehungsund Unterlassungssünden auf dem Gewissen. Neuerdings jedoch geht man mit Ernst daran, für die Veränderungen und Erweiterungen der Stadt Grundsätze planmäßiger Städtebaukunst zurückzugewinnen. Noch immer aber dürfen wir mit dem Baron von Pöll-nitz sagen, daß Dresden zu den schönsten Städten der Welt zählt.

DIE ENTSTEHUNG DRESDENS. Der Kern von Dresden — die innere Altstadt und die innere Neustadt — ist im Laufe der Jahrhunderte zusammengewachsen aus einem slavischen Dorfe und einer planmäßig gegründeten deutschen Stadt. Nachdem die germanische Urbevölkerung zur Zeit der Völkerwanderung das Elbtal verlassen hatte, ließen sich in der zweiten Hälfte des 6. christlichen Jahrhunderts am rechten Elbufer Sorben nieder. Aus dem slavischen Rundling, dessen ursprüngliche Form man noch heute der Gestalt des Marktplatzes einigermaßen ansieht, entstand mit der Zeit das heutige Dresden-Neustadt. Vom rechten Ufer ging ein Teil dieser Slaven aufs linke hinüber. Daß dies Fischer waren, lehrt der uralte Name Fischergasse, leider jetzt in Brühlsche Gasse umgetauft. Der Bischof von Meißen gründete dann von Brießnitz aus in diesem slavischen Fischerweiler die Frauenkirche, die somit Dresdens älteste Kirche ist.

Zu dem slavischen Dorf am rechten und dem slavischen Fischerweiler am linken Elbufer kam nun als drittes die deutsche Stadt, ebenfalls am linken Ufer. Sie wurde im 12. Jahrhundert gegründet, sei es von dem Markgrafen Otto von Meißen aus dem Hause Wettin, sei es von seinem Sohne Markgraf Dietrich. Es war das die Zeit, als binnen zwei Jahrhunderten an 350 neue deutsche Städte durch planmäßige Gründung ins Leben traten. Die neue Stadt übernahm von der alten slavischen Ansiedlung den Namen Dresden:

Drezdzany heißt Bewohner des Sumpfwaldes (drezga), Sumpfwaldleute.

Eben dieser Sumpfwald, nach dem Dresden genannt ist, ward bestimmend für die Anlage der neuen Stadt und damit noch heute für die Schönheit des Stadtkerns. Eine ganze Reihe von Teichen oder sumpfigen Niederungen im Westen, Süden und Südosten der Stadt — die Straßen Am See, Oberseergasse und Seestraße sind nach ihnen genannt — begrenzten die Fläche, innerhalb deren die Stadt sich ausbreiten konnte. Am innern Rande der Teiche zog sich die älteste Befestigungsmauer hin, die nur die slavische Fischeransiedelung draußen ließ. Dort, wo die Elbe in ihrem gebogenen Lauf an ihrem südlichsten Punkte den Elbkessel erreicht, ward die Burg des Markgrafen errichtet; dort begann auch die Brücke, die frühestens Ende des 12. Jahrhunderts erbaut wurde und Neu-Dresden, die jetzige Altstadt, mit Alten-Dresden, der jetzigen Neustadt, verband.

DER STADTPLAN. Der Plan des Kerns von Dresden-Altstadt ist durchaus der typische, von den altrömischen KolonialStädten hergenommene Grundriß, nach dem die deutschen Grenzstädte zur Zeit der Besiedelung der Slavenländer angelegt wurden: in der Mitte liegt der rechteckige Marktplatz, von ihm aus rechtwinklig laufen nach Norden und Süden je zwei, nach Osten und Westen je drei Gassen, dazu kommen einige Seitengassen, die rechtwinklig von der Nord-Südseite abzweigen; das Ganze bildet eine fast kreisrunde Fläche, deren äußerste Punkte nach den vier Himmelsrichtungen die Ausgänge der heutigen Schloß-, Frauen-, See- und Wilsdrufferstraße bildeten. Zu bemerken ist dabei allerdings, daß die östliche Hälfte der Altstadt nicht die Regelmäßigkeit der westlichen aufwies. Das lag wohl daran, daß hier das slavische Dorf lag, dessen Gassen alle nach der Frauenkirche zustrebten, und daß hier — östlich vom Altmarkt — der Raum infolgedessen stark beengt war. Die beiden Hauptstraßen waren die Wilische (Wilsdruffer) Gasse, welche die Landstraße von Westen, von der reichen aufblühenden Bergstadt Freiberg her aufnahm, und die Elbgasse (jetzt Schloßstraße), welche den Verkehr über die Elbe nach Alten-Dresden und weiter gen Osten nach Bautzen und Schlesien zu vermittelte. Diese beiden Hauptverkehrsstraßen stießen und stoßen noch heute an der Nordwest-Ecke des Altmarktes zusammen. Rechtwinklig aber zu jener ersten Hauptverkehrsader läuft eine dritte: die Elbe, die den Verkehr von Böhmen über Pirna nach Dresden und weiter über Meißen nordwärts leitet.

Man ersieht aus dieser Darstellung, daß der Grundriß Dresdens durchaus nach den Gesichtspunkten der Sicherheit und des Verkehrs aufgestellt worden ist. Er hat sich bis heutigentags als zweckmäßig erwiesen, obwohl der Gesichtspunkt der Sicherheit im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts aufgegeben werden konnte. Der Verkehr aber hat erst Ende desselben Jahrhunderts die Fortsetzung der Wilsdrufferstraße nach Osten und damit die Anlegung der König-Johannstraße nötig gemacht.

Die Schönheit und Annehmlichkeit Dresdens beruht in erster Linie auf dem alten Grundplan der Stadt; es gibt keine zu breiten und keine zu langen Straßen, keine zu ausgedehnten Plätze. Muster von zu langen Straßen, die nirgends endigen, sondern immer wieder in derselben Richtung weitergeführt werden, bietet Berlin. Wie unerfreulich und ermüdend ist es, in solchen Straßen zu wandern! Wie angenehm dagegen in Dresden! Jede Straße der inneren Stadt endigt nach kurzer Zeit in einem Platze, sie führt somit zu einem Ziel, und von da kommt man bald wieder zu einem neuen Ziel, so daß man anmutig über die Entfernungen hinweggetäuscht wird. Vom Altmarkt zum Schloßplatz, zum Postplatz, zum Pirnaischen Platz oder zum Viktoriahaus, von da zum Georgplatz, dann zum Pirnaischen, Amalien- und Zeughausplatz, zum Neumarkt, weiter zum Schloß- und Theaterplatz, von da zum Postplatz, zum Trompeter-, zum Wiener- und Bismarckplatz, zurück zum Wienerplatz, von da zum Viktoriahaus, das die Pragerstraße so reizvoll abschließt, dann zum Altmarkt, wieder zum Postplatz, zur Annenkirche, zum Freibergerplatz oder zur Falkenbrücke usw. Vergegenwärtigt man sich sodann, wie mannigfaltig alle diese Plätze gestaltet sind, wie bequem man zumeist an den Straßenwänden dahingehen kann und daß man nur ausnahmsweise, nämlich an der Ecke der Wilsdruffer- und Schloßstraße, am Postplatz und Pirnaischen Platz mit starkem Verkehr zu rechnen hat, so wird man leicht einsehen, wie eng die ich möchte sagen verkehrsmäßige Schönheit von Dresdens Altstadt mit dem uralten Grundplane zusammenhängt. Der Grundriß ist eben, wie überall, das älteste, am wenigsten veränderte Denkmal der Stadt.

Anderer Art ist die Schönheit der Anlage von Dresden-Neustadt, denn dieser Stadtteil wurde, wie schon bemerkt, erst zu Anfang des 18. Jahrhunderts nach der alles zerstörenden Feuersbrunst von 1685 nach einem ganz neuen Stadtplane wieder aufgebaut, wobei man auf die frühere Anlage keinerlei Rücksicht nahm. Davon wird später zu reden sein.

DIE ÄLTESTEN BAUDENKMÄLER. Außer der allgemeinen Anlage der inneren Altstadt stammen auch die bedeutendsten Baudenkmäler Dresdens aus der Zeit der Stadtgründung, wenn auch keines mehr in seiner ursprünglichen Gestalt erhalten ist: außer der Frauenkirche das Schloß, die Brücke, die Kreuzkirche, das Kauf- und Rathaus.

Die Markgräfliche Burg ist sicherlich das älteste Gebäude der Stadt Dresden; denn nur in ihrem Schutze konnten die deutschen Kaufleute und Handwerker, die aus anderen Orten und Gegenden herbeikamen, sich ansiedeln. Die Burg stand im Zuge der Mauer, welche die Stadt umgab, und als feste Wehr am Ausgange der Brücke, die Ende des 12. oder Anfang des 13. Jahrhunderts an die Stelle der alten Fähre trat.

Mit der Brücke stand in festem Zusammenhänge die Kreuz-kapelle. Für Brücken zu sorgen galt ja im Mittelalter als ein frommes Werk; darum wendete die Geistlichkeit in vielen Fällen den Brücken ihre Fürsorge zu, indem sie ihnen z. B. die Einnahme eines Ablasses überließ oder den Opferertrag mit der Brückenkasse teilte. Ein solches enges Verhältnis zwischen Brücke und Kirche bestand auch von vornherein in Dresden. Die Kirche, die offenbar bei der Gründung der Stadt erbaut wurde, hieß ursprünglich Nikolaikirche nach Nikolaus, dem Schutzpatron der Fischer und Schiffer, dem sie geweiht war. Im Jahre 1234 aber brachte Konstantia, die Tochter des Herzogs Leopold von Österreich, bei ihrer Vermählung mit dem Markgrafen Heinrich dem Erlauchten ein Stück vom Kreuze Christi mit nach Dresden, und um 1230 soll ein Kruzifixus auf der Elbe schwimmend nach Dresden gekommen sein, der als schwarzer Herrgott von Dresden berühmt wurde. Zur Bewahrung der Kreuzreliquie oder des schwarzen Herrgottes oder beider ward an die Nikolaikirche eine Kreuzkapelle angebaut, die zuerst 1319 erwähnt wird. Der Name Kreuzkirche verdrängte im 14. Jahrhundert den alten Namen endgültig. Die reichen Einnahmen aber aus den Spenden der Wallfahrer, die zur Verehrung der Reliquie bald von weit und breit zusammenströmten, flössen in die Brückenkasse; die Verwaltung dieser Kasse erhielt den Namen Brückenamt. Im Jahre 1319 gewährte Papst Johann XXII. von Avignon aus einen Ablaß zur Wiederherstellung der durch eine Hochflut zerstörten Brücke.

Das älteste Kauf- und Rathaus stand frei auf dem nördlichen Drittel des Altmarktes. In ihm hatten die wichtigsten städtischen Gewerbe: die Tuchmacher, Schuhmacher, Kürschner, Bäcker und Fleischer ihre Verkaufsstellen; in ihm amtete zugleich der Rat, ein Verwaltungskörper, bestehend aus den Ratsmannen und den Schöffen (geschworenen Bürgern) unter Leitung des Bürgermeisters, indem er vor allem über Maß und Gewicht wachte.

Hiermit haben wir alles beisammen, was der Stadt Dresden in der ältesten Zeit ihre Bedeutung verlieh: die Burg des Landesherrn und die Stadtbefestigung, die Brücke mit der Kreuzkirche, der Marktplatz mit dem Kauf- und Rathaus, dazu die Frauenkirche, die zwar außerhalb der Stadt in dem wendischen Fischerdorfe lag, aber doch auch für die Stadt hohe Wichtigkeit gewann. Denn da sie der Bischof von Meißen als christlicher Missionar zum ersten Stützpunkt seiner Tätigkeit im Elbtal oberhalb seines Sitzes machte, gewann sie allmählich ein solches Ansehen, daß sie im Verein mit der Markgrafenburg der Ansiedelung auf dem linken Elbufer das Übergewicht über das rechtselbische Alten-Dresden verschaffte.

DIE MITTELALTERLICHEN WOHNHÄUSER. Von allen diesen ältesten Bauwerken ist außer etwaigen Grundmauern nichts mehr vorhanden, nur daß eben die späteren Bauten des Schlosses, der beiden Kirchen und der Brücke auf der Stelle der alten stehen. Auch sonst ist aus dem Mittelalter herzlich wenig erhalten. Dresden war damals eine wenig ansehnliche Stadt. Noch im 15. Jahrhundert hatte sie schwerlich mehr als 6000 Einwohner. Die ältesten Häuser aber waren aus Holz und Lehm erbaut und mit Stroh gedeckt, später traten Fachwerk und Schindeldächer auf. Im 15. Jahrhundert mühen sich Rat und Markgraf um die Wette, eine feuerfeste Bauweise in Dresden heimisch zu machen: 1474 verspricht der Rat denen, die die Straßenseite ihrer Häuser in Stein bauen wollen, den dritten Teil des Kalkes, denen, die auf steinernen Grundmauern mit Ziegeln bauen oder statt eines Schindeldaches eines von Ziegeln errichten, ein Drittel der Ziegel; von i486 an gewährte man denen, die hölzerne Häuser durch steinerne oder Schindeln durch Ziegel ersetzen, sogar die Hälfte des Kalkes und der Ziegel. Als aber 1491 eine große Feuersbrunst mehr als die Hälfte aller Häuser in Dresden in Asche gelegt hatte, bestimmte Herzog Albrecht unter anderem, daß alle Eckhäuser ,,ufs mynste eines Gemaches hoch steinern“ gebaut und mit Ziegeln gedeckt werden müßten. Wer „zweien Gemach hoch auch steinern bauen würde“, sollte noch besondere Unterstützungen erhalten. Nur den Ärmeren ward nachgelassen, Hinterhäuser in Holz und Lehm zu bauen; doch sollten die Dächer mit lattenen Sparren versehen werden, damit man sie leicht in Ziegeln umdecken könnte.

Man wird sich nach allem nicht wundern, daß von mittelalterlichen Gebäuden sich so gut wie nichts in unsere Tage hinübergerettet hat. Das einzige Haus Dresdens, das aus der Zeit vor dem Brand von 1491 erhalten ist, die Marienapotheke, ist vielfach umgebaut worden. Das alte Wahrzeichen des Hauses, ein hölzernes und bemaltes Standbild der Maria mit dem Kinde, bewahrt das Dresdner Altertumsmuseum. Es entstammt der Zeit um 1460. Gotische Pfeiler und Wölbungen findet man noch im Erdgeschoß des Hauses Block -hausgäßchen Nr. 3 (Kohlenhandlung).

Dem Anfang des 16. Jahrhunderts gehört dann der Erker des Hauses Wilsdrufferstraße 2, Ecke Schloßstraße, an; das zierliche Maßwerk der Brüstung wie die drei kleinen steinernen Standbilder des Apostels Johannes, der Jungfrau Maria mit dem Jesuskind und des heiligen Christophorus sind reizvolle gotische Arbeiten. Auch die steinernen Fenstereinfassungen im ersten und im zweiten Obergeschoß sind noch in ursprünglicher gotischer Form erhalten. Von den vier Heiligen, die ehedem an vier Ecken des Altmarktes standen, sind noch zwei vorhanden: der heilige Nikolaus von 1527, jetzt im Innern des Hauses Schössergasse 2 (Warenhaus Herzfeld), und Johannes der Täufer von 1522 (Altertumsmuseum). Mehrfach sind endlich noch gotische Fensterprofile erhalten, z. B. Webergasse Nr. 3, Ecke Altmarkt, ebenso Einwölbungen des Erdgeschosses.

DIE FRANZISKANERKIRCHE UND IHRE MITTELALTERLICHEN BILDWERKE. Weit älter als diese Reste ist die Franziskanerkirche, jetzt Sophienkirche. Leider ist sie durch die Erneuerung von 1864—68 in ihrem Äußeren verfälscht und der bezeichnenden Einzelheiten beraubt worden. Die Franziskaner oder Barfüßermönche kamen im 13. Jahrhundert nach Dresden und gründeten hier ein Kloster. Im Jahre 1265 muß das Kloster schon bestanden haben, denn damals hielt der sächsische Ordensprovinzial in Dresden ein Kapitel ab. Das Kloster erstreckte sich vom Ausgange der großen Brüdergasse bis zum Taschenberg, wo der Mönchsgarten lag. Die Kirche entstand an Stelle einer ersten kleinen unscheinbaren Kapelle von 1351 an. Sie lag inmitten der Klosteranlagen nach der Stadtmauer zu und war wie alle Bettelmönchskirchen turmlos; irrigerweise hat man ihr 1864—68 zwei Türme vorgesetzt. Überdies ruft die neue Schauseite den Gedanken an eine dreischiffige Kirche wach, während sie in der Tat noch heute zweischiffig ist. Sechs Bogen auf fünf gfrei-stehenden und zwei angelehnten Pfeilern trennen die beiden Schiffe; die östlichen vier Bogen nebst ihren Pfeilern gehören einer älteren, die westlichen beiden Bogen und drei Pfeiler einer jüngeren Bauzeit an. Die Kirche wurde nämlich im Jahre 1421 durch den Baumeister Nicolaus Möller um zwei Joche verlängert und erhielt dabei den Westgiebel in der einfachen Ausbildung , wie er bis 1865 bestanden hat. Nach 1450 wurde dann das Schiff mit reichem Rippenwerk überwölbt. Die beiden Chorhäupter mit je drei Seiten aus dem Achteck gehören der Zeit der Gründung an. Hans Erlwein hat die Kirche im Innern 1910 vollständig erneuert und ,,ihr die alte bedeutsame Raumwirkung und Ausschmückung, die sie vor der Zeit ihrer Ernüchterung und Stilreinigung besaß, zurückgegeben“. Große Weihe und feierliche Stimmung zeichnen die Kirche im Innern aus. Sie ist ,,die einzige Kirche Dresdens, von der trotz der erwähnten mehrfachen baulichen Veränderungen noch wesentliche Teile ihrer mittelalterlichen Gestaltung erhalten geblieben sind“. (Bruck.)

Besonders beachtenswert ist die Taufkapelle am Südchor, ehemals Busmannskapelle genannt. Gegründet wurde sie um 1400 von dem hochangesehenen Dresdner Bürger Lorenz Busmann, der 1387 in den Rat eintrat und bis zu seinem Tode 1412 viermal Bürgermeister war. Die unregelmäßig aus dem Zehneck gebildete Kapelle ist mit feingliedrigem Netzwerk gewölbt. Die fünf Runddienste durchbrechen in halber Höhe Konsole, die als Mann, Frau und Engel durchgebildet oder mit Blattwerk und Adler verziert sind. Zwei davon stellen den Bürgermeister Busmann und seine Frau dar, die ältesten Bildnisse von Dresdner Bürgern.

Aus dieser Kapelle stammt ein ansehnliches Werk mittelalterlicher deutscher Plastik: das heilige Grab, das 1552 aus der Franziskanerkirche in die Bartholomäuskapelle, bei deren Abbruch in das Altertumsmuseum versetzt worden ist.

Der tote Erlöser liegt lang hingestreckt vor uns im Grabe. Dahinter stehen in Halbfiguren die drei trauernden Marien. Links und rechts schwingen kleine Engel Weihrauchfässer. Ein starker Wirklichkeitssinn durchdringt die Darstellung, aber ein hoher Ernst, eine tiefedle Auffassung liegt auf dem Antlitz Christi mit den geschlossenen Augen und den eingefallenen Wangen. Bitteres Leiden ist diesem Tode voraufgegangen, aber der große Dulder hat den Tod überwunden. Die Kunst hat wenig so ausdrucksvolle Gebilde aufzuweisen wie dieses edle, von schwarzen Locken umrahmte Haupt. Nicht minder meisterhaft sind die drei trauernden Frauen gebildet. In edler vornehmer Haltung stehen sie da, das feine Oval des Gesichts vom Kopftuch umrahmt; stiller verhaltener Schmerz liegt auf den Zügen, und mit ruhiger Gebärde halten sie in den langen schmalen Händen ihre Salbenbüchsen, während sie schweigend auf den toten Erlöser hinschauen. Die meisterhafte Behandlung der Gewänder trägt nicht wenig zu der vornehmen Wirkung der drei Gestalten bei. Vier bewaffnete Krieger bewachen das Grab an seinen vier Ecken. Wie sie so bequem und lässig, ohne jede Spur von Feierlichkeit oder innerem Anteil an dem großen Ereignis dasitzen, wirken sie in dem starken Gegensatz zu dem würdevollen Ernste der Grabgruppe fast erheiternd; dazu trägt auch der kleinere Maßstab dieser Figuren bei. Haar und Tracht der Wächter kennzeichnet das bedeutsame Werk als Schöpfung der Zeit vor 1400. Zu dem Altar gehört wohl auch die kniende Frau, die gleichfalls aus der Bartholomäuskapelle in das Altertumsmuseum kam; sie mag ein Mitglied der Familie Busmann darstellen.

Gleich diesen Bildwerken bewahrt das Altertumsmuseum auch drei hölzerne spätgotische Figuren aus der ehemaligen Jakobikirche: St. Anna Selbdritt (mit Maria und Jesus auf den Armen), Johannes den Täufer und den heil. Jakobus. Ernste vornehme Auffassung eint sich in ihnen mit trefflichem Wirklichkeitssinn. Namentlich Jakobus mit seinem langen Bart, seiner kräftigen Nase und dem andächtigen Ausdruck in den Zügen wie in der eigenartigen Gebärde ist ein sehr schätzenswertes Werk. Leider sind die drei Standbilder durch den Anstrich in weißer Ölfarbe stark beeinträchtigt. Gurlitt hält den Jakobus für das letzte Werk katholischer Kunstauffassung in Dresden.

Endlich ist als eine tüchtige handwerksmäßige Schöpfung des späteren Mittelalters der Altarschrein mit der Anbetung der heiligen drei Könige zu nennen. Er stammt wahrscheinlich aus der ältesten Dreikönigskirche in Dresden-Neustadt. Das Werk ist seiner trefflich erhaltenen alten Bemalung wegen besonders bemerkenswert.

DIE BURG DER MARKGRAFEN. In der ganzen Geschichte Dresdens prägt es sich, wie Otto Richter (Geschichte der Stadt Dresden I. S. 259) richtig bemerkt, aus, daß sie ihr Dasein, ihre Bedeutung dem Landesherrn verdankt; sie behielt immer den Charakter eines fürstlichen Wohnsitzes, dessen Blüte oder Rückgang von der größeren oder geringeren Fürsorge des Herrscherhauses abhing. Willig stellten Dresdens Bürger ihrem Beschützer und Landesherrn zu jeder Zeit Kriegsmannschaft, wie sie auch zu der Befestigung des wichtigen Elbübergangplatzes stets alles Erforderliche lieferten. Allerhand Rechte und Vorteile wurden ihnen für diese Dienste zuteil. Die Möglichkeit zu größerem Erwerb lag nicht vor; verheerende Kriege und Feuersbrünste zerstörten namentlich im 15. Jahrhundert immer von neuem den Wohlstand der Stadt. So blieb denn die Abhängigkeit der Stadt von den Fürsten immer weiter bestehen.

Kein Wunder, daß die markgräfliche Burg das wichtigste Gebäude Dresdens im Mittelalter war und blieb, zumal da sie auch als Kopf der Brücke für die Verteidigung von hohem Werte war.

Das älteste Modell Dresdens zeigt uns denn auch die Burg als beherrschendes Bauwerk der ganzen Stadt. Die älteste Burganlage erstreckte sich vom Elbtor, dem heutigen Georgentor, längs der Elbe bis zum jetzigen großen Schloßturm, dem sogenannten Hausmannsturm, d. h. Wächterturm, dem festesten Teil der Burg. Von diesem Hausmannsturm, dem nordwestlichen Abschluß der Burg nach der Elbe zu, ist noch der Unterbau erhalten, auf dem sich der jetzige große Schloßturm erhebt. Die gesamte Burg war in einfachen Formen gehalten und hatte nach allem, was wir darüber wissen, keine künstlerische Bedeutung. An den Hauptbau wurden weiter zwei Flügel angesetzt, zunächst der längs der Schloßstraße, sodann von 1471 an der westliche Flügel, der vom Hausmannsturm abzweigtb und u. a. die Kapelle enthielt, worin Martin Luther am 25. Juli 1517 vor dem streng katholisch gesinnten Herzog Georg gepredigt hat. Endlich erhielt das Schloß noch seinen südlichen Abschluß durch den vierten Flügel, der mit Erkern und Balkons geschmückt war und das Torhaus enthielt, das nach seiner Gestalt die Laterne hieß, ein Werk Arnolds, das ist vermutlich der berühmte Architekt Arnold von Westfalen. Diese Erweiterungen ergaben sich aus dem erst allmählich sich steigernden Bedürfnis an Wohnräumen. Denn keineswegs haben die meißnischen Markgrafen dauernd in Dresden gewohnt. Zuerst tat dies Heinrich der Erlauchte im letzten Jahrzehnt seines Lebens 1277—88, dann sein Sohn Friedrich Clemme (f 1316), der den Namen Herr von Dresden führte, dann aber nach langen unruhigen Zeiten erst wieder Markgraf Wilhelm I., der von 1387—1407 in Dresden wohnte, und schließlich die beiden Brüder Ernst und Albrecht, die von 1464 an gemeinsam und einträchtig regierten, bis sie 1485 zur Teilung schritten, welche die wettinischen Lande für immer zerriß. Offenbar hat die gemeinsame Hofhaltung der beiden Brüder zur Erweiterung der Burg 1471—83 geführt. Zu gleicher Zeit ließ übrigens Albrecht durch Arnold von Westfalen die Albrechtsburg in Meißen bauen.

Text und Bild aus dem Buch: Dresden (1922), Author: Schumann, Paul. Das Buch kann hier herunter geladen werden.

Kapitelübersicht:
Dresden im Mittelalter
Dresden im 16. JAHRHUNDERT
Dresden im 17. JAHRHUNDERT
Dresden im 18. JAHRHUNDERT
Dresden VON 1830 BIS ZUR GEGENWART

Siehe auch:
Alte Stadtansichten Dresden Teil 1, Teil 2 und Teil 3.

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Führer für Pilzfreunde (1896)

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Die Frau als Hausärztin: ein ärztliches Nachschlagebuch der Gesundheitspflege und Heilkunde in der Familie, mit besonderer Berücksichtigung der Frauen- und Kinderkrankheiten, Geburtshilfe und Kinderpflege (1911)

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Bilder-Atlas des Pflanzenreichs nach dem natürlichen System (1901)

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Asiatische Monumental-Plastik

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2 Gedanken zu „Dresden im Mittelalter

  1. Wirtschaftslehren im Mittelalter II

    https://youtu.be/kJEsCYLYOSc

    Vorlesung an der Johannes Kepler Universität Linz 24.10.2012

    Inhalte:

    1. Exkurs: Ökonomische Fragestellungen bei Aristoteles (II)
    2. Die „Kunst des Haushaltens“ bei Aristoteles
    3. Die thomistische Wirtschaftslehre: Quellen der Erkenntnis, bene vivere, avaritia als ökonomische Sünde, misericordia als ökonomische Tugend
    4. Die Lehre vom gerechten Preis (iustum pretium)
    5. Das Prinzip der kommutativen Gerechtigkeit
    6. Die Lehre vom gerechten Arbeitslohn
    7. Die Lehre vom unrechtmäßigen Profit
    8. Die Lehre vom Privateigentum
    9. Die Lehre vom Geld
    10. Die Lehre vom Wucher (usura): das kanonische Zinsverbot, mit vier Argumenten (Eigentums-, Verbrauchs-, Unfruchtbarkeits- und Zeit-Argument)
    11. Die „Hausväterliteratur“

  2. …auch sehr interessant!
    Vorlesung Wirtschaften im Mittelalter
    https://youtu.be/5Olb99NmsfI
    Wirtschaftsgesinnung im Mittelalter: Wirtschaftsgesinnung und Welt-Bild Einstellungen zu Reichtum und Armut Arbeit- und Freizeit Bewertung von Arbeiten

    Wirtschaftsordnung im Mittelalter Integration der Wirtschaft in das gesellschaftliche Leben „Grundherrschaft“ Fronhöfe — Meierhöfe — Bauernhöfe Keine „Raum-Ökonomie“: „Fleckerlteppich“ Salland — Zinshufen — Allmende Das „Haus“ (oikos) als gesellschaftliche Kategorie Die Sonderform der Stadt Die Unterbrechung des Fernhandels Der Aufstieg Venedigs ab dem 9. Jhd., 1. Kreuzzug 1096 Die Entstehung des des Handelskapitalismus

    Vorlesung an der Johannes Kepler Universität Linz 17.10.2012

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