Archiv für das Jahr: 2015

Indogermanischer Volksglaube

Buchübersetzung aus dem Kunstmuseum Hamburg

Vorrede

Wie ich einst unter dem Eindruck jahrelang fortgesetzter kulturhistorischer Wanderungen und Studien des Volklebens im nördlichen Deutschland den Versuch gemacht habe, in der Schrift »Der heutige Volksglaube und das alte Heidentum« aus den noch jetzt herrschenden Sagen und Traditionen die niedere, volkstümliche Mythologie der betreffenden Stämme in der Anlehnung der mythischen Gestalten an die Natur zu entwickeln: so beabsichtige ich mit den Untersuchungen, welche ich mit diesem Buche beginne, in aufsteigender Linie bis zur indogermanischen Mythologie vorzudringen, d. h. in großen Umrissen den Glaubensstand zu zeichnen, welcher sich etwa für die Zeit der Trennung der arischen Stämme, als sie Kolonisatoren nach Ost und West wurden, zu ergeben scheint.

Denn wenngleich, wie ich verschiedentlich schon ausgeführt habe, die religiöse Entwickelung derselben zu jener Zeit noch nicht zu dem Begriff des Göttlichen, selbst nicht im Homerischen Sinne, vorgedrungen war, sondern sich noch mehr oder weniger innerhalb des Stadiums einer einfachen »Naturanschauung« bewegte und die mythischen Elemente selbst noch in gewissem Sinne flüssig waren, so macht sich doch daneben schon ein gewisser homogener Hintergrund in betreff einer allgemeinen, mythisch-religiösen Weltanschauung bemerkbar, der als eine gemeinsame Entwicklungsphase in dieser Hinsicht anzusehen ist, die nur dann während und mit der Zeit der Sonderung der einzelnen Stämme zu Völkem teils zurückgedrängt, teils unterbrochen wurde, so daß eben nur aus den Niederschlägen, die sie in der Tradition gefunden hat, noch ein Bild derselben zu gewinnen ist.

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Die mittelalterliche Buchmalerei des Abendlandes

Buchübersetzung aus dem Kunstmuseum Hamburg

Dieses Buch umgreift ein Jahrtausend abendländischer Kunst. Es hebt an mit den Fragmenten frühchristlicher Buchmalerei, führt von ihnen zu den phantastischen Eingebungen fränkischer und irischer Mönche, leitet von hier zu den feierlichen Evangelienbüchern der Karolinger und Ottonen, den zarten, spitzbogigen Legenden der Gotik und mündet in jene um das Jahr 1400 entstandenen naturerfüllten Stundenbücher aus, die der Jugend der Brüder van Eyck zugehören, und in denen das Mittelalter sich zu Ende neigt.

Solchen tausendjährigen Kreis umfassen zu wollen, wird Vielen als Vermessenheit erscheinen. Denn was bisher an Arbeiten vorliegt — in einer Anmerkung am Schlüsse des Werkes wird eine kurze Übersicht über die Literatur gegeben —, beschränkt sich auf die Herausgabe einzelner wertvoller Handschriften oder auf eine Zusammenfassung kleinerer und größerer Gruppen. Und auch dies wurde in selbstgewählter Beschränkung auf ikonographische, liturgische, allenfalls stilgeschichtliche Betrachtung oder eingeordnet nach Ort und Zeit der Entstehung dargeboten.

Solche Arbeit ist wertvoll und notwendig, aber es ist offenbar, daß sie — ihrer Zielsetzung entsprechend — am Rande des Kreises stehen bleibt. Für die Mönche, die die Miniaturen malten, war naturgemäß der liturgische oder ikonographische Inhalt und der „Stil“ ihres Werkes kein außerhalb seiner selbst bestehender Wert, sondern Ausstrahlung der seelischen Kraft, die sie erfüllte. So soll über die Einstellung und die Ergebnisse der Wissenschaft hinaus — die natürlich nicht übersehen werden, aber nicht als Ziel und Selbstzweck gelten sollen — hier ein erstes Mal der Versuch gewagt werden, das Schaffen dieses Jahrtausends als Ausstrahlung religiöser Visionen zu deuten.

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Die Entdeckung Amerikas durch die Nordgermanen

Buchübersetzung aus dem Kunstmuseum Hamburg

Der 400jährige Gedenktag der Entdeckung Amerikas hat allerorten diesseits und jenseits des Oceans Schriften hervorgerufen, in denen die Heldenthat des Kolumbus und die Bedeutung der neuen Welt für die Kulturentwicklung der alten gefeiert wird. Bei solcher Gelegenheit wird auch zugleich mit ein Blick auf die vorkolumbische Entdeckung Amerikas geworfen, denn dass die Nordgermanen schon Jahrhunderte vor den Spaniern ihre Schiffe an Amerikas Küste getummelt haben, ist anerkannte Thatsache, an der heute kein Verständiger mehr zweifelt. Ja, es sind Schriften entstanden, es sind Reden gehalten worden, die ausschliesslich diesem Thema galten. Noch jüngst veröffentlichte eine solche Monographie E. Gelcich in der Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin, in der der Verfasser wohl berechtigte Zweifel an die Berichte der alten Nordländer knüpft, da eine unbefangene Beurteilung der Quellen auf zu grosse nautische Unwahrscheinlichkeiten stosse. Und doch haben diese nur ihren Grund in einer falschen Auffassung der Quellen; man fusst immer noch auf dem ungesichteten Material, wie es in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts Rafn, Finnur Magnüsson und andere zusammen getragen haben, ohne die neueren Forschungen von G. Storni zu berücksichtigen, die allein einen Lichtstrahl in das Dunkel verwirrender Berichte werfen.

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Die Bildende Kunst und das Jenseits

Buchübersetzung aus dem Kunstmuseum Hamburg

Werke der bildenden Kunst sind zu allen Zeiten mit sehr verschiedenen Augen angesehen worden. So neigten und neigen die Künstler stets dazu, auch alte Kunst rein künstlerisch zu betrachten, d.h. von den geschichtlichen Voraussetzungen, unter denen das einzelne Werk entstanden ist, ganz abzusehen und seine Eigenart lediglich aus künstlerischen Gesichtspunkten zu erklären.

Bötticher sah im Tempel der Hellenen eine Schöpfung, die einmal, ein in sich geschlossenes Ganze, in die Welt getreten sei. Böcklin leitet den Mangel an Reliefwirkung in den Bildern Giottos von dem weißen Malgrund her, dessen sich der Künstler bediente. Und Adolf Hildebrand erklärt die Eigenart der Figuren Michelangelos so gut wie ausschließlich aus dem künstlerischen Bedürfnis, den größtmöglichen Lebensgehalt in einer möglichst kompakten Raumeinheit darzustellen: dieser künstlerische Zusammenhang der Erscheinung wirke bei seinen Werken so stark, daß die Bewegung als von einem inneren Vorgang motiviert oder als Ausdruck einer darzustellenden Handlung für den Beschauer gar nicht mehr in Frage komme.

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