Sankt LULL O CRAUS – Teil II

von H.-P. Schröder

Fortsetzung der letzten Warnung

Heckel und Häckel tratschen über Darwin

Die Herren Heckel & Häckel tratschen über den geistesabweisenden Herrn Darwin

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Der Bienenkorb summte. Sie waren wie eine Jagdmeute, nur viel besser. Als sie zurückkehrten meldeten die Biodäten einen fast leeren Planeten. Winde, Gezeiten, schwache seismische Aktivitäten, Einzeller und Viren, Algen, einige Sorten von Schlammbewohnern, Moose auf dem Festland, ansonsten gab es nichts, was sich erfassen ließ. Auf und in den oberen Landmassen fanden sie Spuren von Besiedelung. lange verlassene Schutthügel, Ruinen und Kuppeln aus einem noch unbekannten Metall.
Mehr als einhundert Millionen Archäohomiden wurden ausgesetzt und verschwanden im Boden. Ihre Aufgabe bestand darin, ein vollständiges Profil der Schuttüberdeckung über den Kontinenten zu erstellen. Sie tauchten hinab bis zum gewachsenen Fels und registrierten und scannten jeden Gegenstand und vermerkten ihn auf den Karten. Sie lasen Dokumente, restaurierten, wo es bereits möglich war und kehrten an bereits bearbeitete Plätze zurück, um zu experimentieren. Zug um Zug strömten Datenkolonnen in die zentralen Speicher, vereinigten sich, verglichen sich, setzten zusammen, schieden aus. Die Blasen dehnten sich und kontraktierten. Pausenlos verließen Spähtruppwolken den Bienenkorb und verschwanden in Berghängen, im weichen Boden weiter Ebenen, in Seen und  bewegten sich auf den Grund der Tiefsee zu und tauchten dort in den Sedimenten.

Im Verbindungssaal bauten sich Profile auf, unzusammenhängende Faktoren, die eine Gleichung ergeben, die 0 zu 0 aufgehen sollte. Die aufgehen musste, ansonsten wäre die nächste Phase in Gefahr. Erforschung des Wassers war das Ziel. Zuvor mussten Abhängigkeitsverhältnisse geklärt werden. Falls welche bestehen sollten.

Den Seelentröster packte die Angst, er versuchte Ruhe zu bewahren, abzuwarten. Vielleicht lief alles gut und man benötigte ihn nicht. Er war schon lange nicht mehr gewachsen und er brachte nicht mehr jenes Maß an Unbekümmertheit auf, das eine Tätigkeit verlangt, die keine Zweifel säen darf. Glaubte er.

Der Ort war sauber. Mikroben, Viren, Proteinketten auf der Suche, einige niedere Würmer, alles ohne Bedeutung. Der Felsfuß der Kontinente lag tief unter Erdschichten begraben, was als Zeichen für hohes Alter galt, zumindest auf habitablen Umlaufbahnen um stabile Energiequellen und sofern keine Irr- oder Zwischenläufer Ablaufstörungen verursacht hatten.

Die Spähtrupps der Archäohomiden lösten sich auf, sie umflossen, zeichneten auf, erfassten das Innen und das Aussen. Sie wühlten sich durch die Zeitalter, durch Lavaströme und turmhohe Sandschichten, durch tonige  Überbleibsel einst gewaltiger Ströme, sie schwammen in Öl und vermaßen Geröllfelder, untersuchten teerige Klumpen auf Herkunft und Zusammensetzung und nahmen überall Proben mithilfe der jahrhundertealten Technik der synthetischen Duplizierung, die nichts veränderte, sondern kopierte.

 

Verlassenschaft
Verlassenschaft
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Sie durchdrangen kilometerdicke Eispanzer, bewegten sich ungesehen durch lichtlose Höhlensysteme, erforschten die Luftgürtel bis in das Fastvakuum hinein und besuchten den Nachbarn, eine atmosphärearme Hohlkugel aus Stahltitanstreben, riesigen Hallen, zerteilt durch strahlengehärtete Alusilischotten, zerkratert, bedeckt vom Staub und von Meteoritenresten, anscheinend künstlichen Ursprungs, mittlerweile leblos, vor Jahrmillionen von irgendjemandem erbaut, benutzt, ausgeschlachtet, in die Parkbahn verbracht und dann verlassen. Ein öder, oberflächenverbrannter Schrotthaufen. Genauso wasserarm, wie die meisten bekannten Körper im Großen Wohnzimmer.

So hatten sie den Zwischenraum getauft: Das Große Wohnzimmer.

Die Gruppierung der Analysen erfolgte in den Zwischenstationen. Ihre Blasen hingen bewegungslos im Datenstrom in der oberen Atmosphäre und füllten sich mit Vergleichen aus denen Komplexe wuchsen, die sich zu Arteinheiten gruppierten und Synapsen ausbildeten. Nervengeflechte entstanden, Zellen suchten Verwandte, Verwandte wurden Partner, Partner trennten sich.

Plötzlich ergaben sich Veränderungen. Disharmonien, Unpässlichkeiten. Fluktuationen stockten, der Fluss suchte nach Auswegen, er verstrickte sich in Umwege. Eine Blase verformte sich, Ausstülpungen erschienen, die sich auffächerten und zerteilten und um sich griffen. Dünne Schnüre peitschten die Leere. Es sah aus wie ein tastender Hilfeschrei. Es kam zu Kontakten, Kopien entstanden und lagerten unbemerkt in Nischen. Die Nachbarblasen verliessen ihre Plätze und wichen vor der Unruhe zurück. Sie gruppierten sich um und rückten dann gemeinsam vor. Aus ihren Hüllen strömtem silbrige Kügelchen, drangen durch die Membran der Entarteten und schwärmten in die zentrale Sammelstelle. Dort vereinigten sie sich und begannen mit der Übernahme. Die Tentakel erschlafften, bildeten sich zurück, Beulen verschwanden und die ursprüngliche Gestalt baute sich wieder auf. Ein Untersuchungseam machte sich bereit; die Entartete wurde stillgelegt und eine Wache installiert. Die Analysen liefen weiter.

 

Menschliches

Menschliches
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Er begegnete ihr neben dem Empfangsraum, wo sie eine Tasse in der Hand, mit einem Regulator sprach. Er wartete, bis sie die Unterhaltung beendete und trat ihr in den Weg. „Bitte geben sie mir Gelegenheit mich für meine manchmal etwas zu direkte Art zu entschuldigen. Würden sie mir die Freude machen und mit mir essen gehen ?“

Sie zögerte, sah ihn zweifelnd an und er bemerkte, wie sie zu entgleiten drohte. „Ich verspreche ihnen, daß ich mich benehmen werde. Geben sie mir eine Chance. Sie werden es nicht bereuen. Bestimmt.“

Er sah sie direkt an. Sie drehte den Kopf und entgegnete nach einer Pause. „Gut, ich danke ihnen. Reden wir. Wohin ?“ „Zwei Ecken weiter sind wir ungestört. Darf ich vorausgehen?“ Ohne abzuwarten setzte er sich in Bewegung. Sie folgte.

Sie nahmen einander gegenüber Platz und genossen den Blick in die Ebene, während sich das Gebäude drehte. Es ist kein Gebäude in unserem Sinn. Auch in ihrem Sinn ist es kein Gebäude.

Er neigte den Kopf. „Zuerst möchte ich  ihnen dafür danken, daß sie meine Unhöflichkeit nicht bestrafen aber ich bin besorgt. Heute mehr denn je.“ Er neigte sich ihr entgegen: „Haben sie es gehört?“ Sie sah auf. Makellos, dachte er. „Entschuldigen sie bitte“, sie schaute ihm in die Augen, „ich war in Gedanken. Was sagten sie?“ Haben sie davon gehört? “Von was?“ „Man setzte sie nicht davon in Kenntnis ?“

„Es gab einen Zwischenfall. Man hat ein Bergungsteam losgeschickt.“

Sie wich zurück und richtete sich auf. „Was geschah ?“ „Das Untersuchungsteam forderte es an.“ „Das Untersuchungsteam? Welches Untersuchungsteam?“

„Sie scheinen keine Ahnung zu haben… Wirklich nicht oder tun Sie nur so?“ Sie zuckte zusammen, „Wollen Sie anfangen zu streiten? Meine Abteilung macht ihre Arbeit. Wir sind für die Bestandserhaltung zuständig, nicht für Erkundung. Wir geben Empfehlungen und arbeiten an den Entwürfen von Richtlinien mit, – wenn wir eingeladen werden. Ansonsten bleiben wir aussen vor, das wissen Sie doch.“

Ihre Stimme hatte sich erhoben. „Im Gegensatz zu Ihnen verfügen wir über keine Zusatzleitungen, oder sollte ich sagen Beziehungen?  Weder über welche hinein noch über welche hinaus.„
Als er sie fixierte, spürte er ihre ehrliche Empörung.

„Und wer hat die Bluthunde in die Atmosphäre entlassen?“ Sie erstarrte.

Über die Purpurschatten legten sich weiche Orangetöne, die Berge veränderten ihre Form. Beide sahen aus dem Fenster. „Sie hat nichts damit zu tun“, dachte er, „ich muß die Dinge beschleunigen.“

„Werden Sie mich unterrichten, sobald sich Neues ergibt?“, sagte sie. Sie sah ihn nicht an. Ihre Züge verkrampften sich, die Lider flatterten, sie zitterte.

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(Fortsetzung folgt)

zu Teil I

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