Hensel´s Sonntagmatinée: Michael Kohlhaas – Teil VI

der Novelle letzter Teil: „Apotheose“

von H.-P. Schröder

„Gerechtigkeit,- das ist der letzte Schmerz.“

Land (2)

Aber immerhin hatte der Mönch im Falle meines Herrn den Sprung gewagt und ist gerade noch zur rechten Zeit mit dem Dokument erschienen. Ganz rot im Gesicht und verschwitzt, hat er sich durch die Menge gedrängt und dabei geschrieen wie ein Verrückter: „Platz da, aus dem Weg.“ und „Aufhören, sofort aufhören, hier ist eine kaiserliche Order, der Kaiser gibt Pardon, der Kaiser gibt Pardon.“ Er rief andauernd „Lasst ab, lasst ab. Lasst ab“ Die Gestalt schwenkte keinen Ablassbrief, sondern eine Urkunde, mit Siegel und Namenszeichen und sah auch nicht aus wie der Fuchs Tetzel. Es war der Wittenberger und er schien zu allem entschlossen.

Ich muß es wissen, denn mich zog der Luther hinter sich her, mich und meinen Gefährten, durch die johlende Meute, gesattelt und mit allerbestem Lederzeug versehen, Schweif und Mähne durchflochten von bunten Bändern und alle Metallbeschläge aus blankem Silber. Die geifernde Rotte, durch die wir wateten, brüllte und schien von Sinnen, einige bekannte Gesichter erkannte ich fast nicht wieder, so entstellt waren ihre Züge. Sie hatten sich in Unmenschen verwandelt, die vergaßen und verwarfen, was sie gestern unter Einsatz des Lebens errichtet und verteidigt hatten. Und sie brüllten noch viel lauter, als die Knechte jenen losbanden, mehrmals musste man ihnen befehlen, bis sie gehorchten, die Ungläubigen, und er endlich vom Schafott herabstieg. Der Pöbel schrie immer noch durcheinander, jetzt ob des unerhörten Geschehens, bis jener die unterste Stufe erreicht hatte. Dann verstummte das Toben. Eine Gasse öffnete sich, ich trabte ihm entgegen, er ergriff die Zügel, schwang sich auf und wir ritten los, die Leute sahen uns an, begriffen nichts und standen reglos, wie betäubt, auf dem Platz, mit offenen Mündern, wir sahen über sie hinweg, ritten unbehelligt in das Land hinaus, ohne dem Wittenberger ein letztes Zeichen zu schenken. Und begaben uns nach…. .“
So war das.

Der Himmel machte bereits zu, als sie Töne hörten, wie von einer Glocke geschlagen, aber weit und breit war kein Ort, waren weder Kirche noch Kapelle zu sehen. Der Schwarze richtete seine Ohrmuscheln auf und schnaubte unruhig. Die schweren Wellen, nicht laut, aber tief, dumpf und mit unterschiedlich langen Pausen dazwischen, rollten direkt auf sie zu. Sie erklangen aus einem Wäldchen hangabwärts, das hinter unkrautüberwucherten, verlassenen Feldern lag. Ein eigenartiges Glimmen schimmerte zwischen den Bäumen hervor, veränderte sich mit den Glockenschlägen und tanzte wie eine fahle Flamme, zwischen den Bäumen hin und her. Und über allem lag ein Nebel aus dem violette Lichter wirbelten und danach wieder herabsanken, um mit der dunstigen Aureole zu verschmelzen. Der Reiter griff die Zügel fester und und drängte das Pferd zur Seite, weg vom Kurs auf jenes Wäldchen, das so bedrohlich von der dahindämmernden Umgebung abstach.

Jedoch der Rappe verweigerte die Erfüllung des Wunsches und stellte sich augenblicklich auf die Hinterhand. Der überraschte Reiter fing sich gerade noch ab und es gelang ihm mit Geschick, im Sattel zu bleiben. Als die Vorderbeine des Pferdes wieder den Boden berührten sprühten Funken und es schritt ungerührt auf dem eingeschlagenen Weg weiter und der Reiter fügte sich und gab seinen Widerstand auf. Sie tauchten in das flackernde Violett und passierten einige Baumreihen, bis sie eine ausgedehnte Lichtung erreichten, fast einen Morgen im Geviert. Zuerst sahen sie einen verfallenen Kamin und Teile eines Strohdaches, das auf einer Seite bis zum unteren Giebel, auf der anderen Seite bis unter den Wetterhahn, halbversunken schief aus der Erde ragte. Daneben lag ein riesiger Kupferkessel, groß genug um einen Ochsen darin zu sieden, aus dem eiserne Schlangen in das Gras krochen. Als sie näher ritten, begannen Ross und Reiter zu glühen, im selben fahlen rötlichblauen Licht und aus allen Metallteilen zuckten Lichtspeere, die sich im Dunst auflösten. Sie erblickten einen aufrecht in die Erde gerammten Reisigbesen, von dem Bilsenkrautbündel hingen, in Stein gehauen und von marmor`nen Alraunen umgeben, die seufzten, als sie vorbei ritten. Sie passierten vertrocknete Kröten mit offenen Mäulern, auf seltsam geformten Steinen sitzend, die den Kopfe wandten und sie ansahen, während ihre Zungen sich entrollten, um nach ihnen zu greifen.
Das Geläute war verstummt. Die Stille knisterte und knackte wie ein erkaltendes Herdfeuer. Asche bedeckte die Lichtung, die unter den Hufen zu umherschaukelnden Flocken zerstäubte, die in der Luft verharrten, bevor sie, schneller als in der Welt draußen, zu Boden fielen. Aus den Bäumen blickten Eulen und Käuze auf sie herab, in deren Telleraugen brennende Räder und Reisighaufen loderten. Zwischen zwei übermannsgroßen schwarzen Katzen mit Smaragdaugen tretend, wandte sich der Rappe einer uralten Eiche zu, sicher war sie einige hundert Jahre alt,  an der ein halb verbranntes Stück Pergament hing und blieb davor stehen. Der Mann beugte sich vor und begann zu lesen, während Bögen aus violettem Licht ihn umhüllten. Er las: „Auge ausstechen – fünfzig Kreutzer.“  Am Baum daneben stand, auf einen Fetzen Birkenrinde geschrieben: „ Zwei Finger abhacken – einen Taler.“ Daneben: „Fußsohlen versengen – einen Taler.“ Und sie schritten von Baum zu Baum und lasen: „Beine zerquetschen – zwei Taler.“  „Arme ausrenken – fünfzig Kreutzer“, „Hand abhacken – einen Taler.“ „Fleisch mit Zangen herausreißen – zwei Taler“ „Nase zertrümmern – fünfundzwanzig Kreuzer“ , „Hüfte mit Pechfackel verbrennen – zwei Taler.“, „Arbeit mit glühenden Eisen – ein Taler“, „Rädern – vier Taler“, „Ausweiden – vier Taler“, „Köpfen – zwei Taler“.

„Drei mal Wehe!“, schrien die Eulen und Käuze im Chor und einen Moment lang wurde es taghell auf der Lichtung, als Feuerpfeile aus ihren Augen hervorbrachen. „Abrechnung!“, Abrechnung!,  Abrechnung!“, sangen sie.

An jedem Baum hing Preis und Lohn für eine andere Scheußlichkeit, eine nach der anderen, hunderte, traten in unser Bewusstsein und wir durchlitten alle. Und die Täter wurden offenbart. Und die Medizin, um ihre Leiden zu heilen.

Dann verließen wir die Vorhölle und begaben uns zur nächsten Stadt. Ob die Erste Bamberg war, oder Augsburg, oder Nürnberg spielt keine Rolle. In der Dunkelheit sassen die Wächter neben den offenen Stadttoren, während wir geräuschlos passierten, den Marktplatz erreichten und dann durch das gegenüberliegende Stadttor, unbemerkt, auf der Landstrasse dem nächsten Flecken, der nächsten Grafschaft entgegenzogen. Hinter uns vollzog sich die Gerechtigkeit.
Der Scharfrichter erwachte von einem schneidenden Schmerz und fand sich ohne Füße mit verdrehten Gliedern, ihre Eminenz der Herr Erzbischof brannte sechs Stunden auf kleiner Flamme, unlöschbar, in seinem Prunkbett, bis er, sich die Seele aus dem Leibe schreiend, starb. Der Magistrat verlor alle Schwurfinger und Juden erstickten an Perlensträngen die in ihre Münder krochen und ihnen die Luftröhre verdrehten. Sie hatten einen leichten Tod. Alle litten gerecht.

Die Gerichtsschreiber verfaulten in Sekunden, ihre Glieder fielen ab, sie erbrachen Leichenteile und ihre Weiber bezahlten mit dem Verlust der Nase oder eines Auges. Dem Einen kam das Gehör durch eine glühende Nadel abhanden, dem Anderen standen die zerbrochenen Knochen im rechten Winkel vom Leibe, dem Dritten lief das Blut aus allen Körperöffnungen. Auf den Burgen und in den Schlössern sahen die Erstgeborenen aus, wie in heißem Öl gebacken, ihre Haut platzte und hing in Fetzen und der Alte schaute ungläubig in den eigenen Brustkorb, als er erwachte, auf sein Herz, während sich seine Bauchdecke öffnete, so daß das Blut bis zum Baldachin spritze, als sich eine Hand an seinem Magen zu schaffen machte und ihn mit einem Ruck herausriß.

Schlafende Folterknechte erwachten auf einen Pfahl gespießt, ohne Arme und Beine und denen, die bei der Arbeit waren, fuhren die Eisen durch die Leiber, und nagelten sie an die Fußböden und Wände. Durch Bamberg durch, auf die Herrschaftssitze und Raubnester, zu den Winkeladvokaten und bestochenen Anklägern, den herzlosen Beamten ihre Herzlosigkeit fühlbar machend, indem ihnen das Schicksal das Herz zu blutigem Brei schlug, dann weiter nach Ulm, hin und her durch die Lande, nach Augsburg, Nürnburg, dann ein Sprung nach Sachsen, in die alten Lande, in `s Anhaltinische, zum Harz, Richtung Kassel, in die Provinzen am Rhein, wo Feuer in Amts-, und Ratsstuben aufflammten mit lebenden Menschen darin, falsche Zeugen das Blut spucken erlernten, unter dem Würgegriff zusammengedrehter Stricke und Schultheißen, Seelenhüter und Urteilsprecher solange nach der Mutter Gottes schrien, bis ihnen das eiserne Kalb die Lungen verbrüht hatte; Aug`um Auge, Bein um Bein fraß sich die Gerechtigkeit in das Gedächtnis.

So zieht er den Pflug und sät, bis sich zwischen den Föhren die Nacht  bereit macht, die deutschen Lande zur Ruhe zu betten, – als  eine Lücke zwischen den jagenden Wolken eine Bahn aus Licht entlässt, die sich zur Erde hinab senkt,  vor die Füße des Rappen, der stehenbleibt, sich umwendet und den Mann anblickt. Der nickt, beugt sich nach vorne, gibt ihm einen fast zärtlichen Klaps auf die Seite und die Pferde tuen einen ersten zögernden Schritt, heben die Hufe und setzen sie vorsichtig auf die Strasse aus geronnenem Kristall, ziehen nach, erheben sich mit den Vorderbeinen, fassen Tritt und lösen sich vom schweren Boden. Und als sie eine Weile auf dem ansteigenden Pfad ausgeschritten sind, beginnen die nie vernarbten Wunden des Mannes unter den Lumpen aufzubrechen und Blutstropfen treten daraus hervor, laufen über seine Schultern, rinnen den Rücken hinunter und kreiseln hinab zur Erde und dort wo sie auftreffen, fängt die Erde an in Schlichtheit zu erblühen, Vergißmeinnicht bringt sie hervor, Männertreu und Immergrün und Edelweißfelder überziehen wie Decken aus weichsten Daunen die entferntesten Winkel der Einöden aus Eis und Wüstenstaub, auf daß nirgends mehr einer ist, der verlassen zurückbleiben muß.

Und je höher Roße und Reiter am Himmel steigen, desto breiter wird die lebendige Spur die sie ausstreuen, bis sie den Saum der Wolken erreicht haben und durch das Tor schreiten, das seither weit offen steht, auch wenn wenige Menschen es sehen können.

*

Rei 222

*

– ENDE –

*

zu Teil I

zu Teil II

zu Teil III

zu Teil IV

zu Teil V

3 Gedanken zu „Hensel´s Sonntagmatinée: Michael Kohlhaas – Teil VI

  1. Die Novelle Michael Kohlhaas von Heinrich von Kleist wurde im Übrigen im Jahr 2013 verfilmt. Als Darsteller des Kohlhaas agiert der Däne Mads Mikkelsen.

    ***de.wikipedia.org/wiki/Michael_Kohlhaas_%28Film%29
    ***kinox.to/Stream/Michael_Kohlhaas.html

  2. @garlic,
    Danke für den Hinweis. Ich kenne nur die Verfilmung mit Rolf Boysen aus dem Jahre 1967. Hast du den „dänischen“ Kohlhaas gesehen?

  3. JA, ich habe mir den dänischen Kohlhass heute Nachmittag angeschaut und mir hat die Verfilmung gefallen. Ich mach mich jetzt mal auf die Suche nach der Verfilmung mit Rolf Boysen, diese Verfilmung kenne ich nämlich noch nicht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.