die Wilden und die Wilde – Teil IV

von H.-P. Schröder

Ein naturhistorisches Sittengemälde aus dem 18. Jahrhundert

Aufgeschrieben von Madame H – t im Jahre 1755 und weitergereicht von H.-P. Schröder im Jahre

Der Eingang (2)

*

Bête: „Worauf es mir ankommt Majestät, ist,
daß Geschichten kurz sind. Zuviele Personen, fremde Namen,
der eine sagt das, der andere macht jenes, der Dritte meint dies
und der Leser fragt sich wozu und soll das alles behalten.“

Tête: „Und wo anfangen zu streichen, Majestät?„

Bête: „Genau, Majestät. Gar nicht erst groß anfangen. Von Anfang an
knapp bleiben, sachlich, ein Ding passend an das andere, nicht zuviel, nicht zu wirr.
Eine kurze Kette machen, ein Scherz dazu zum Lachen,
so lieb` ich es und so wird`s auch verstanden.“

Tête: „Und die anderen, Majestät. Die mit den Ansprüchen. Die hinter den
Dingen suchen? Ob die nicht darunter leiden?“

Bête: „Majestät! Was für ein komplizierter Unfug, “die hinter den Dingen suchen“. Und wenn schon, was werden die denn dort finden, „hinter den Dingen“ ? Andere Dinge, was sonst. Das lohnt nicht.
Die bringt man nicht unter, da muß man ja zuerst neue Dimensionen der Ordnung erschließen und Platz schaffen…… .“

Tête: „Aber die Dinge sind nun mal da, Majestät, sie brauchen Platz und nehmen Raum ein, was beweist, daß dieser ebenfalls reichlich vorhanden sein muß. Entfernen wir Dinge, schrumpft der Raum“.

Bête: „Aber Majestät, darauf will ich doch die ganze Zeit hinaus, genau dadurch wird es ja erst gemütlich.“

Tête: „Und wer entscheidet, Majestät, ich meine zu Anfang? Oder ist das bereits geschehen?“

Aus: „Tête und Bête reden mit Bête und Tête über Tête und Bête “

*

Nachher hatte Herr von Choiseul, der Bischof von Chalons, in einem Kloster, wo sie schon gewesen war, Sorge für sie und trug dort dem Herrn Cazotte, seinem Obervikar, auf, über ihren Unterricht zu wachen.

Nachdem sie dort viele Jahre zugebracht hatte und auch äußerte, eine Nonne in diesem Kloster zu werden, faßte sie einen Widerwillen gegen das Haus……(Anmerk.: Nach Madame H-t, weil sie sich vor den Nonnen schämte, da diese sie noch in ihrer „Wildenphase“ erlebt hatten und sie es auf eine harte Weise merken ließen.)

Sie erhielt die Erlaubnis, sich in ein anderes Kloster, nach Ste. Menehould, zu begeben. Bei ihrer Ankunft in dieser Stadt (selbstverständlich in Begleitung, „mit Troß“) im September 1747 (nach 16 Jahren Kloster), traf sie Herr de la Condamine, ein Mitglied der Akademie der Wissenschaften, in dem Wirtshaus, in dem sie abstieg. Er speiste dort mit der Wirtin und Mademoiselle le Blanc zu Mittag und plauderte mit ihr, ohne daß sie wusste, daß er sie gesucht hatte und daß sie der Gegenstand seiner Neugierde war. Sie sagte ihm, wie sehr sie sich dem Herzog von Orleans verpflichtet fühle, der seit 1744, seit dem Tag, da er sie auf seiner Rückreise von Metz in Chalons gesehen hatte, für ihren Unterhalt bezahle. Sie bedauerte sehr, daß man sie davon abgehalten hatte, das großzügige Angebot des Herzogs, welches er ihr damals gemacht hatte, sie in ein Kloster nach Paris zu bringen, anzunehmen. Der Herr de la Condamine versprach ihr, Seine Durchlaucht von ihren Worten und ihrer Gesinnung in Kenntnis zu setzen. Der Herzog ließ sie daraufhin … und aufgrund des Zeugnisses …. über ihr Benehmen, nach Paris kommen, verschaffte ihr in dem Nonnenkloster der neuen Catholiken, in der St. Annenstrasse, einen Platz, besuchte sie dort und befragte sie selber, um zu sehen, ob sie wohl unterrichtet wäre. Hier nahm sie zum ersten Male das heilige Abendmahl und erhielt ihre Firmung. Sie wurde dann, weiterhin unter dem gnädigen Schutz des hochseeligen Herzogs von Orleans, in das Kloster der Heimsuchung nach Chaillot gebracht, wo sie sich gerade darauf vorbereitete Nonne zu werden, als sie durch den Fall eines Fensters auf den Kopf (!) so krank wurde, daß sie in größte Gefahr geriet.

Man bezweifelte, daß sie überleben würde und auf den Rat des Arztes, den ihr der Herzog geschickt hatte, wurde sie….. nach Paris in das Kloster der Gastfreien, in der Vorstadt St. Marceau, gebracht, wo sie die Hilfe, die ihr Zutand erforderte, bequemer erhalten konnte. Der Herzog von Orleans erwies ihr die Gnade, sie der Aufseherin und den Krankenpflegerrinen zu empfehlen und verpflichtete sich, neben dem Kostgeld, auch zur Übernahme aller Arzneimittel und aller anderen Dinge, die man für nötig halten würde.

Dieser Prinz hat sicherlich den Lohn für seine Mildtätigkeiten in der jenseitige Welt empfangen, aber Mademoiselle le Blanc hat in der hiesigen Welt, keine großen Vorteile davon gehabt. Sie fand sich jetzt (nach dem Tod des alten Herzogs), gewissermaßen von allen verlassen, in einem öffentlichen Haus, wo man sich in der Hoffnung gefiel, einen Prinzen zum Beschützer und in ihrer Person, eine gute Bürgschaft für eine garantierte jährliche Zuwendung, erhalten zu haben. Da sie nun an diesem Ort krank und schwach zurückblieb, wo man diese Aussicht aufgeben musste und sie weder zu Verwandten noch zu Freunden Zuflucht nehmen konnte, gesund oder krank, um Hilfe zu finden, so gebe ich zu bedenken, was in ihr vorgegangen sein muß und wieviele Geringschätzung, ja sogar Kränkungen sie jetzt auszustehen hatte, von den Leuten, die in Vorleistung getreten waren und jetzt fürchteten, nicht bezahlt zu werden.

In diesen traurigen Umständen sah ich sie zum ersten Mal. Das war im Jahre 1752 (21 Jahre nach ihrer „Gefangennahme“). Ihr Zustand hatte sich wenig gebessert, als sie wieder ein wenig zu Kräften gekommen war und mich besuchte, um mir die Nachricht zu überbringen, daß der neue Herzog von Orleans, ein Erbe der hohen Tugenden seines Vaters, es auf sich genommen hätte, die ausstehenden Forderungen für die neun Monate, seit dem Hinscheiden des alten Herzogs, zu begleichen und man ihr Hoffnung mache, daß ihr …. ein Jahrgeld von 200 französischen Ps. versprochen sei. Sie fügte hinzu, daß dies noch bis zum Januar des folgenden Jahres dauern würde und sie deshalb ein Zimmer, das ihr von einer Privatperson angeboten worden sei, beziehen werde.

Aber wovon wollen sie denn zwei Monate oder noch länger in diesem Zimmer leben, fragte ich, da sie ja eben erst gesund geworden sind ? Warum, antwortete sie, mit einem Vertrauen, das mich in Verwunderung versetzte, sollte Gott mich gesucht und von den wilden Tieren weggenommen und zu einer Christin gemacht haben ? Will er mich nun, da ich es bin, verlassen, daß ich Hungers sterben soll ? Das ist nicht möglich. Ich kenne niemanden als ihn; er ist mein Vater, die heilige Jungfrau meine Mutte. Sie werden für mich sorgen. (Ob wahr oder „eine fromme Legende“, in diesen Worten äussert sich das Wesen einer Christin oder Nichtchristin, die sich ohne „fremde“ Hilfe, mit dem Ursprung in sich selbst, verschmolzen hat.)

Das Vergnügen, welches ich bei ihrer Antwort empfinde, entschädigte mich im Überfluß für alle Mühen, die ich mir gegeben habe, dasjenige, was man hier bisher gelesen hat, in Ordnung zu bringen. ….

Mademoiselle le Blanc äussert sich dahin, daß sie erst zu denken angefangen habe, nachdem sie einige Erziehung gehabt habe und daß sie die ganze Zeit, die sie in den Wäldern verbracht hatte, fast keine anderen Begriffe gehabt habe, als die Empfindungen ihrer Bedürfnisse und das Verlangen, sie zu befriedigen. Sie besinnt sich weder auf Vater noch auf Mutter, noch auf irgendeinen Menschen von ihrem Vaterland; ja fast auch nicht auf ihr Vaterland; ausser, daß sie sich nicht erinnert, Häuser dort gesehen zu haben, sondern nur an Löcher in der Erde und gewisse Arten kleiner Hütten, wie Baracken,…..in welche man auf allen Vieren hineinkriechen mußte. Sie hat eine Empfindung davon, daß diese Hütten mit Schnee bedeckt waren. Sie setzte hinzu, daß sie sich oft auf den Bäumen befunden habe, entweder um sich vor den wilden Tieren zu schützen, oder desto besser, von Weitem die Tiere auszuspähen, die für ihre Kräfte und Möglichkeiten erreichbar waren und sie dann zu jagen, damit sie Nahrung hatte. Die ersten Eindrücke, die Vorstellungen von ihrer ersten Wohnung, waren so tief in ihr Gehirn eingegraben, daß sie zu der Zeit, als sie anfing, das Französische zu verstehen, aber sich noch nicht ausdrücken konnte, was sie ja auch erst lange nach ihrer Ergreifung (!) lernte, auf die Frage, aus welchem Land sie wäre und wer ihre Eltern wären, auf einen Baum wies, sofern einer in der Nähe war und auf die Erde unter ihren Füßen (! Ehemals Ungeformtes, gestaltlos Fließendes in Begriffe zwingen, heißt, es zu verfälschen, führt zur Unkenntlichmachung, zur Unerkenntlichmachung. Trotzdem ist diese Stelle interessant. Ein Baum und die Erde unter ihren Füßen. Gibt es da nicht einen Baum, der durch neun Welten reicht?, eine Weltenachse die Himmel, Mittelwelt und Unterwelt miteinander verbindet ?).

Als sie noch sehr klein war, sagt sie, hätte sie in dem Meere, oder in dem Fluße…. ein großes Tier gesehen, das sei mit zwei Klauen geschwommen, wie ein Hund, der Kopf desselben wäre rund gewesen, wie an einem großen Hunde und es hätte große funkelnde Augen gehabt. Da sie sah, daß es auf sie zu gekommen wäre, sie zu fressen, hätte sie sich zur Rettung an Land begeben und wäre weit weggelaufen (Trotz einer derart dramatischen Erfahrung, die sich einprägt, muß gefragt werden: Daran erinnert sie sich, jedoch weder an Vater, noch an Mutter, noch an andere Menschen ?)…. Diese Beschreibung kommt dem Seewolf sehr nahe (Seehund). Die starke Neigung der Mademoiselle le Blanc, die sich viele Jahre nach ihrer Ergreifung hielt, nämlich in`s Wasser zu springen, mit den bloßen Händen darin zu fischen und ungeachtet der Kälte und des Eises, wie ein Fisch, darin herum zu schwimmen, die Begierde nichts anderes als rohe Dinge zu essen, die Ohnmachten, welche sie anfangs (in Gefangenschaft) überfielen, wenn sie der Hitze des Feuers oder der Sonne ausgesetzt war, scheinen mir gewisse Beweise zu sein, daß sie in den nordischen Gegenden um das Eismeer herum geboren ist, wo man die Seewölfe fängt und viele andere Beobachtungen …. bringen mich auf die Vermutung, daß sie von dem Volke der Eskimo* sein muß, welche in dem Lande Labrador, gegen Norden von Kanada, wohnen.

(Fortsetzung folgt)

zu Teil I

zu Teil II

zu Teil III

*

 

*Obwohl Madame H – t`s Ansicht Hand und Fuß zu haben scheint, unterliegt Madame leicht einem Trugschluss. Ihr Trugschluss wird einigermaßen verständlich, wenn man das Wissen der damaligen Zeit in Rechnung stellt, was das Leben und Sterben der Völker am Polarkreis angeht, zumal Madame die Bäume völlig ausser acht lässt und die (angeborene?) Geschicklichkeit des kleinen Mädchens, beim Leben in den Bäumen, vergißt, ausserdem ihr weltrekord-verdächtiges Lauftalent nicht berücksichtigt und davon auszugehen scheint, daß nordsibirische Völker oder Eskimos zum Jagen zwischen die Eisberge in das Meer springen und nicht erfrieren, wenn sie aus dem Kajak fallen. Eskimos kennen Werkzeuge, Waffen und das Feuer.

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