die Wilden und die Wilde – Teil III

von H.-P. Schröder

Ein naturhistorisches Sittengemälde aus dem 18. Jahrhundert

Aufgeschrieben von Madame H – t im Jahre 1755 und weitergereicht von H.-P. Schröder im Jahre

 

Ape in the dschungle (2)

Aus meiner Monstrositätensammlung: Porträt des Sarkoze vor seiner selbstgebauten Dschungelwüste

*

Für Ihn
„Für Ihn kartographiere ich
diese Galaxis aus Staub,
die sich dreht, ohne Antwort.“

Aus einem Navajo-Gedicht

Das kleine Mädchen fiel von einer tödlichen Krankheit in die andere.** Alle rührten von unerträglichen Schmerzen im Magen und in den Eingeweiden und besonders in der Kehle her. …. Diese Schmerzen verursachten ihr bisweilen Zusammenziehungen der Nerven durch den ganzen Körper (Spasmen?) und eine Entkräftung, welche keines von den gekochten Nahrungsmitteln beheben konnte (im Gegenteil, sie wirkten wie ein Gift). Angesichts derartiger „Anfälle“, die sie tödlich bedrohten, geschah es, daß man sich entschied, ihre Taufe zu beschleunigen. Sie hat von dieser heiligen Handlung nicht die geringste Erinnerung zurückbehalten.

Sie erzählte mir, daß man ihr gesagt habe, daß sie den Intendanten der Champagne, Herrn von Beaupre und eine Dame, die man Madame Dupin nannte, oder den Bischof von Chalons, Herrn von Choiseul und Frau von Beaupre, des Intendanten Gemahlin, hätte zu Paten haben sollen, daß aber in Abwesenheit und im Namen derselben (?), der Verwalter und die Aufseherin des Hospitals von St. Maur ihre Paten gewesen wären und sie Marie Angelique Memmie le Blanc genannt hätten. Der Name Memmie stammt von dem ersten Bischof von Chalons und ist ihr deswegen gegeben worden, sagt sie, weil sie von sehr weit hergekommen war, um den christlichen Glauben in der Kirchengemeinde zu suchen, wo ihn dieser Heilige einstmals einführte; aus dem Taufschein geht aber hervor, daß ihr Pate diesen Namen hatte.

Es schien wenig Hoffnung zu geben Mademoiselle le Blanc (der Wilden) das Leben zu retten. Ihr bester Zustand war eine Mattigkeit, die ihr das Ansehen einer sterbenden Person gab. Ich habe von dem Herr von L…. erfahren, daß Herr von Epinoy, der sie retten wollte, was es auch kosten möge, ihr einen Arzt schickte, der sich bald nicht mehr zu helfen wusste und den Rat gab, man solle ihr von Zeit zu Zeit heimlicherweise rohes Fleisch geben. Weil sie das Fleisch nicht mehr schlucken konnte, kaute sie es nur, um den Saft daraus zu saugen. Bisweilen brachte ihr ein Frauenzimmer (im Original steht: „…brachte ihr ein Frauenzimmer in dem öffentlichen Haus“)…, von der sie sehr geliebt wurde, ein lebendiges Hühnchen oder eine lebendige Taube, aus denen sie unverzüglich das Blut, ganz warm, heraussaugte. Dies, so erzählte sie mir, wirkte auf sie wie ein Heilmittel, ein Balsam, der durch den ganzen Körper strömte (Lebensessenz), der die Schmerzen in ihrer Kehle linderte und ihr wieder Kräfte gab. Durch all die Mühe, die man auf sie verwandte und durch die kleinen verstohlenen Freiheiten, entwöhnte sich Mademoiselle le Blanc (ab jetzt immer öfter: Mademoiselle le Blanc) allmählich von dem rohen Fleisch und ist endlich an die gekochten Speisen, so wie wir sie essen, so vollkommen gewöhnt worden, daß sie jetzt vor dem, was roh ist, eine Abneigung hat (Freiheit im Käfig ist Dompteursfreiheit).

So lange der Vicomte von Epinoy lebte, der seine kleine Wilde allezeit sehen wollte, wenn er in Songi war, hielt er sie in einem Kloster, entweder in Chalons oder in Vitri le Francois. Ich glaube, daß er nicht lange nach ihrer Ergreifung verstorben ist, weil er nicht auf der Patenliste auftaucht und die kleine Wilde schon sieben oder acht Monate nach ihrer Ankunft getauft wurde. Er hätte sicher Taufpate bei ihr sein wollen. So viel …. ist gewiß, daß nach dem Tode des Herrn von Epinoy, die kleine le Blanc in ein Kloster nach Chalons gebracht wurde und daß bei der ersten Reise, die die Witwe des Herrn Epinoy in jenes Kloster unternahm, Herr L— sie begleitete und sie überredete, das Mädchen zu sich zunehmen, wo es ihr weniger zur Last sein würde, als es beständig in Klöstern zu halten („zu halten“!).

Frau von Epinoy begab sich in dieser Absicht zum Kloster nach Chalons und fand Mademoiselle le Blanc ziemlich gebildet und in verschiedenen Arbeiten, die sich für ihr Geschlecht ziemen (!), geschickt, so daß sie dieser Dame wohl schon einige kleine Dienste tun konnte (!), aber die Aufseherin des Klosters verhinderte, man weiß nicht, aus was für einem Beweggrund, (Aus was für einem Beweggrund ? Wegen der Seelengefahr…. Mademoiselle war ein süßes, kleines Goldeselchen. So etwas gibt man nicht in „fremde“ Hand. Höchstens von Kloster zu Kloster…., von Schein-Heiliger zu Schein-Heiligem ) … indem sie Frau von Epinoy einige kleine Streiche erzählte, welche noch nach der alten Liebe zur Freiheit in`s Wasser zu laufen und auf die Bäume zu steigen, schmeckten. Daher befürchtete die Dame, das kleine Mädchen möchte allzu schwer zu hüten sein und kam davon ab, sie mit sich zu nehmen.

Nachher hatte Herr von Choiseul, der Bischof von Chalons, ein einem Kloster, wo sie schon gewesen war, Sorge für sie und trug dort dem Herrn Cazotte, seinem Obervikar, auf, über ihren Unterricht zu wachen.

(Fortsetzung folgt)

zu Teil I

zu Teil II

zu Teil IV

*

** Aus dem Gesagten lässt sich der Schluss ziehen, daß ihre Biochemie (Aufspaltung, Umwandlung und „Verarbeitung“ der Nahrung) und die dazugehörige Mechanik, (Kauapparat, Kiefermuskulatur etc.) ihres Metabolismus, perfekt für „wilde“ Nahrung eingerichtet waren. Komplikationslos. Und weiter bedeutet es, daß die Nahrungsumstellung durch einen angenommenen Ortswechsel, an einen Ort mit einem veränderten natürlichen Nahrungsangebot, z. B. ein Umzug vom nördlichen Nordamerika oder aus den arktischen Gebieten nach Frankreich, von dem abgesehen, daß das neue Leben eine völlige Um- bis Neuorientierung auf allen Gebieten, von Klima bis Gesundheitspflege voraussetzen würde, keine Beschwerden oder zumindest weit weniger Beschwerden verursacht hat, als die Umstellung von roher auf gekochte Nahrung.

4 Gedanken zu „die Wilden und die Wilde – Teil III

  1. Wir sind in einer Zeit, in der man wieder Fabeln erzählen muss. Danke für „Die Wilde“. es werden aber die Wenigsten verstehen, denn die Wahrnehmung der (deutschen) Menschen ist gegen Null geschrumpft worden.

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