Michael Winkler: Superstaat Europa

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erschienen bei Michael Winkler

Die Vereinigten Staaten von Europa – ich gehöre gerade noch zu der Generation, die mit diesen Worten die Hoffnung auf eine bessere Zukunft verbunden haben. Damals, in den Sechzigern, wurde Brüssel noch nicht als Beamtenmoloch angesehen, in dem abgehalfterte Alt-Politiker übergeschnappte Regelungen erfinden. Damals leuchteten Glühbirnen hell und freundlich, die Gurken durften wachsen, wie sie wollten, und selbst Karamel-Bonbons durften ohne eine 50.000 Worte umfassende Verordnung eingeführt werden. Wir haben das alles nicht nur überlebt, wir haben sogar ein Alter erreicht, in dem wir über sowas verständnislos den Kopf schütteln.

Jedenfalls erschien die Idee, aus ganz Europa einen einheitlichen Staat zu formen, damals überzeugend, fortschrittlich und gut. Damals waren überhaupt alle fortschrittlichen Ideen gut, in meinem damaligen Alter habe ich eben noch nicht konservativ gedacht. Eine letzte Nachwehe dieses damaligen Empfindens hatte ich 1991, als es um die Bundeshauptstadt gegangen ist. Meine Idee war, diese in Bonn zu belassen und dafür Berlin zur Hauptstadt des vereinigten Europas zu küren.

Ein vereinigtes Groß-Europa, von Portugal bis Rußland, vom Nordkap bis zum befreiten Konstantinopel, das ist eine verführerische Idee. Leider enthält diese Vorstellung ein paar Details, die nicht zu diesem Groß-Europa passen: Griechen, Italiener, Franzosen, Portugiesen, Russen, Polen, Schweden, Norweger… Diese Leute haben alle etwas, was man Mentalität nennt. Noch schlimmer, ein paar davon haben obendrein noch eine weitere unangenehme Eigenschaft: Kultur. Es wäre alles viel einfacher, wenn sie Deutsche wären. Obwohl… Sagen wir, Franken. Also so wie in Würzburg, wenn man die Leute wegläßt, die SPD oder Grüninnen wählen und für „Würzburg ist bunt“ eintreten. Ideale Deutsche eben, so wie in den Romanen Karl Mays oder Hans Dominiks.

Die Vereinigten Staaten von Groß-Würzburg, vom Atlantik bis nach Kamtschatka, von Lampedusa bis Spitzbergen. Alle sprechen Deutsch, die idiotische neue Rechtschreibung ist abgeschafft, die heutigen Politiker hüten in Paraguay Ziegen und die heutigen Gutmenschen arbeiten als Hauspersonal in Schwarzafrika. Ja, das wäre doch ein gigantischer Fortschritt. Der Fürstbischof residiert im Berliner Stadtschloß…

Kehren wir in die Realität zurück. Die Vereinigten Staaten von Europa wären ein billiger Abklatsch der Vereinigten Staaten von Amerika, wobei die VSA als Land ohne echte Geschichte und Kultur nie wirkliche Staaten gewesen sind, geschweige denn Nationen. Die letzten Überreste staatlicher Eigenständigkeit hat damals Abraham Lincoln niedergewalzt, unter Bruch der eigenen Verfassung. Ein US-Bundesstaat ist der Ort, an dem man zufällig lebt, keine Heimat im europäischen Sinne. Allerhöchstens Texas bildet da eine Ausnahme.

Deutsche haben noch 1866 gegeneinander Krieg geführt, in den Weltkriegen arbeiteten viele Deutsche für den Feind und heute arbeitet die Bundesregierung gegen das eigene Volk. Deutschland, einig Vaterland, besang die DDR-Hymne, doch außer vielleicht im August 1914 hat es diese Einigkeit in Deutschland nie gegeben. Die schlimmsten Feinde der Deutschen sind nicht die Juden, nicht die Russen oder Amerikaner, nicht die Franzosen oder Engländer, die schlimmsten Feinde der Deutschen sind die Deutschen selbst. Dabei ist es unerheblich, ob Preuße oder Bayer, ob Hanseat oder Sachse, der Riß geht quer durch alle Stämme, oft sogar quer durch Familien.

Der deutsche Wunsch nach dem vereinten Europa ist der Wunsch, diese Gegensätzlichkeit im eigenen Volk zu überwinden, die Einzelinteressen einem größeren Ideal unterzuordnen. Dafür war und ist der Deutsche bereit, bis an die Grenze seiner Kräfte zu arbeiten und zu leiden, für eine bessere Welt, für die eigenen Nachkommen, für die Zukunft.

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7 Gedanken zu „Michael Winkler: Superstaat Europa

  1. Wie immer – perfekt! Und das heisst – muss wieder zu übersetzen… 🙁
    Vereintes Europa ist ähnliches an grüne Ideologie:
    Beide Ideen sind 100% perfekt – aber die Verkörperungen sind bisschen mehr als idiotisch.

  2. Europa ist aus der Geschichte der Untergang vorhergesagt.
    Kein Reich geht in dieser Größe zu verwalten. Wenn sich zum dummen Beamten in Brüssel macht gesellt, schäut Er kein Mittel der Zerstörung.
    Die Politik kann so ein Reich nicht zusammenhalten, nur die Wirtschaft zieht die Fäden. Die Politik-der gierige Beamte-zersört aber die Wirtschaft!

  3. Sogar der hochverehrte Jochen Peiper hat an ein einiges Europa geglaubt; und sich mit dieser Sichtweise den Waffenkampf gegen den Bolschewismus gerechtfertigt.

  4. Von den „Vereinigten Staaten von Europa“ schrieb einst schon Washingtoneinen Brief an Lafayette.
    Dann kamen später Coudenhove-Kalergoi und Churchill hinzu, die von diesem Gebilde träumten.Aber gut, daß in der BRD immer vom „EU-Reich“ gesprochen wird, anstatt von einer neuen Sowjetunion, was die EU darstellt, in Funktion und Organisation.
    Da gibt es Räte(Sowjet), Kommissionen(wie die Cheka), und ein lächerliches Statistenparlament. Fast wie in der BRD(siehe GG 23), nur etwas größer.

    1. @ Žaliasis
      soll ich Herrn Winkler für Dich fragen? Die Hausregel dort war: nicht-kommerzielle Blogs dürfen seine Texte übernehmen.

      Bei Übersetzungen entsteht ein neues, eigenes Urheberrecht. Erlaubnisanfrage fällt unter „Nettiquette im Netz“, glaube ich zu wissen.

      1. @ jo
        Dankeschön! Ich hab schon das gemacht.
        Ich denke, dass solche Artikel sollten in alle EU-Sprachen übersetzt werden. Besser über unangenehme Dinge offen zu reden, als Wut akkumulieren.
        Europäische Kuh sollte nicht auf die Steaks geschickt werden, nur weil sie krank ist mit Mastitis. Mastitis muss einfach heilen.

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