Türkei: Erdogans ehemaliger Weggefährte Gülen wirft ihm Verrat vor

Armenische Jugendliche reissen ein Erdogan-Poster am Märtyrerplatz in Beirut herunter - Bild: The Armenian Weekly
Armenische Jugendliche reissen ein Erdogan-Poster am Märtyrerplatz in Beirut herunter – Bild: The Armenian Weekly

erschienen bei Wall Street Journal

Ein ehemaliger politischer Wegge- fährte des türkischen Minister- präsidenten Recep Tayyip Erdogan hat massive Kritik an dessen Politik geübt. Der einflussreiche Prediger Fethullah Gülen, der seit 15 Jahren in den USA lebt, wirft Erdogan vor, seine Reformen verraten zu haben. Die Äußerungen des charismatischen Imams deuten darauf hin, dass die Differenzen zwischen beiden mittler- weile unüberbrückbar sind – und sie bergen Sprengkraft für die von einem Korruptionsskandal erschütterte Türkei.

„Das türkische Volk […] ist sauer, dass der demokratische Fortschritt der vergangenen zwei Jahre jetzt zurückgedreht wird“, schrieb Gülen dem Wall Street Journal per E-Mail. Es handelt sich um die erste Reaktion gegenüber der Presse, seit ein Korruptionsskandal im Dezember die Türkei in eine Krise stürzte. „Politische Säuberungsaktionen auf Basis von Ideologie, Sympathie oder Weltanschauungen waren eine Praxis der Vergangenheit, die die derzeitige Regierungspartei zu beenden versprochen hat“, schrieb Gülen.

Stabilität in der Türkei ist in Gefahr

Sein verbaler Frontalangriff ist der bisher stärkste Ausdruck dafür, dass die politische Zweckehe, die seine mehrere Millionen starke Anhängerschaft in der Türkei mit Erdogans Partei AKP eingegangen ist, vor einem irreparablen Bruch steht. Die Stabilität der Türkei als wichtigsten islamischem Verbündeten des Westens wäre in Gefahr.

Gülens religiöse Bewegung ist in der Türkei intern unter dem Begriff „Hizmet“ bekannt, was auf Deutsch „Dienst“ heißt, nach außen tritt sie als „Cemaat“ auf, was „Gemeinde“ heißt. In seiner E-Mail deutete der Prediger an, dass seine Anhänger nun auf einen politischen Herausforderer hofften, der der herrschenden, islamisch-konservativen AKP die Stirn biete.

Gülen wollte nicht ausschließen, dass seine Gefolgsleute Erdogan die Unterstützung versagten und sich stattdessen hinter die oppositionelle Republikanische Volkspartei CHP stellen werden. Die CHP, die vom Urvater der modernen Türkei, Mustafa Kemal Atatürk, gegründet wurde, ist Erdogans weltlicher Gegenspieler. Abgesandte beider Seiten hatten sich Anfang Dezember schon in New York zu Gesprächen getroffen – allerdings ohne anschließend eine Mitteilung zu verbreiten.

„Wenn sich die Gelegenheiten bieten, werden Cemaat-Mitglieder wie andere Bürger auch ihre Wahl auf Grundlage ihrer Werte treffen“, sagte der Imam im Interview. „Es ist möglich, dass Menschen mit gemeinsamen Grundwerten Entscheidungen mit ähnlichem Ergebnis treffen.“

Gülens Äußerungen scheinen den Zerfall der breit aufgestellten, islamisch verwurzelten Regierungskoalition vorwegzunehmen, die in der Türkei seit 2002 an der Macht ist. Im vergangenen Jahrzehnt bescherte Erdogan seinem Land eine Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs, die mit einem höheren Lebensstandard für die Bürger und einem wachsenden politischen Einfluss auf der Weltbühne verbunden war.

Erdogan führte die Türkei dabei in eine seltene Phase der Stabilität, er grenzte die Macht der Militärs ein und bemühte sich um eine Mitgliedschaft in der Europäischen Union. Immer wieder wurde die Türkei als Vorzeigebeispiel dafür zitiert, dass das westliche Demokratiemodell auch in der muslimischen Welt funktionieren kann.

Zudem ist die Türkei das einzige mehrheitlich muslimische Land im westlichen Verteidigungsbündnis Nato, ein strategischer Brückenkopf, über den die USA ihren Einfluss in der Region aufrecht erhalten konnte, während sie zugleich die militärische Präsenz dort reduzierte.

im März wird in der Türkei gewählt

Im März stehen in der Türkei nun einige Wahlen an. Sie könnten die politische Grundrichtung des Landes im nächsten Jahrzehnt vorgeben. Ausgerechnet jetzt findet sich Erdogan inmitten eines Korruptionsskandals wieder, in den Dutzende seiner politischen Verbündeten verwickelt sind.

Die Gülen-Anhänger in Polizei und Justiz beschuldigt Erdogan, sie wollten ihn um die Macht bringen. Sie hätten einen „Parallelstaat“ im Staate aufgebaut, lautet sein Vorwurf.

„Diese Verschwörung übertrifft alle bisherigen Putschversuche in der Türkei. Es ist ein Virus, der unbedingt die Macht ergreifen will“, sagte Erdogan in der vergangenen Woche vor AKP-Politikern in Ankara. „Gott sei Dank ist unser Körper gesund. Wir werden triumphieren.“ Erdogans Sprecher reagierte nicht auf die Bitte, die Äußerungen zu kommentieren.

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