so viele Geheimnisse im ostchinesischen Meer

chinesischer Flugzeugträger - Projekt
chinesischer Flugzeugträger – Projekt

erschienen bei Asia Times Online

von Pepe Escobar

Übersetzung John Schacher

Es war immer schon eine Quelle grenzenloser Faszination, dem Spiel des geopolitischen Go zu folgen, das gespielt wird, seit China im ostchinesischen Meer eine Luft- verteidigungs-Identifizierungszone (ADIZ ) einrichtete.

Die Propaganda in den Vereinigten Staaten ist unerbittlich; dies sei nichts weniger als “Säbelrasseln”, eine “kriegerische” Haltung und einseitige “Provokation”. Das Pekinger Treffen von vergangener Woche zwischen dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping und US-Vizepräsident Joe Biden hat wahrscheinlich nichts bewirkt, um dies zu zerstreuen.

Das ist es, was das Weiße Haus behauptet, dass Xi und Biden besprachen; Peking veröffentlichte keine Mitschrift. An der Hysterie-Front schaffte es dieser Leitartikel  in der Financial Times, – bezogen auf einen verzerrten Konsens in der City of London – auf Prä-Weltkrieg-II-Level hochzudrehen.

Nun vergleichen Sie das mit der offiziellen Sicht chinesischer Medien, von einer versöhnlichen Haltung in China Daily bis hin zu einer tabuslosen Behauptung eigener Souveränität in der Global Times.

Was uns zu dem Szenario bringt, dass die aktuelle Provokation tatsächlich japanischen und nicht chinesischen Ursprungs gewesen sein könnte.

Herr Xi, reißen Sie diese Mauer nieder

Das ganze Drama geht bei weitem nicht nur um ein paar kleine Inseln und Felsen, die China Diaoyu und Japan Senkaku nennen, oder den entscheidenden Zugang zum kostbaren Wasser, das sie umgibt, unendlichen Reichtum an Öl und Erdgas beherbergend, sondern es betrifft nicht weniger als die Zukunft Chinas als Seemacht im Wettstreit mit den USA.

Beginnen wir mit den Fakten zu See. Dokumente der Meiji-Ära belegen ohne Zweifel, dass die japanische Regierung nicht nur zuließ, dass diese Inseln chinesisch waren (mindestens seit dem 16. Jahrhundert), sondern auch plante, sie sich zu greifen; das ist genau das, was dann im Jahr 1895 passierte, während des ersten chinesisch-japanischen Kriegs, zu einem historischen Zeitpunkt, als China extrem verwundbar war.

Nach der japanischen Besetzung Chinas im Zweiten Weltkrieg hatte Washington die Kontrolle über das Territorium. Ein Dokument, das von den Japanern unterzeichnet wurde, versprach nach dem Krieg die Rückgabe der Inseln an China. Das wurde nie eingehalten. Im Jahr 1972 übergaben die USA die “Verwaltung” der Inseln an Japan – aber ohne auszusprechen, wem sie gehörten. Auch war eine Gentlemen-Vereinbarung zwischen dem chinesischen Ministerpräsidenten Zhou Enlai und dem japanischen Premierminister Kakuei Tanaka in Kraft. Sie wurde ebenfalls missachtet.

Tokio kaufte die Inseln schließlich von einem privaten Grundbesitzer, der Familie Kurihara und verstaatlichte sie im September 2012 – nur einen Tag nach einem Gipfel zwischen dem damaligen chinesischen Präsidenten Hu Jintao und Premierminister Yoshihiko Noda – und dies, nachdem Hu Noda zugesagt hatte, den Status Quo nicht zu ändern.

Um die Lage noch zu verschlimmern, hat die Obama-Regierung erst vor kurzem noch eine weitere ihrer absurden “rote Linien” ausgegeben, indem sie bekräftigte, sie würde Japan im Falle eines Krieges um die Inseln beistehen.

chin flugzeugtrGeostrategisch ist es noch komplexer. Praktisch der gesamte chinesische Meereshandel strömt durch Engstellen, deren Grenzen entweder durch enge Verbündete der USA oder solchen Nationen kontrolliert werden, die nicht wirklich mit China verbündet sind.

Nehmen Sie an, sie wären ein chinesischer Marine-Stratege. Sie betrachten die Seegebiete um sie herum und alles, was sie sehen ist, was Strategen die Erste Inselkette nennen. Der virtuelle Bogen erstreckt sich im Norden von Japan über die Ryukyu-Inseln sowie die koreanische Halbinsel und verläuft nach Süden über Taiwan, die Philippinen und Indonesien in Richtung Australien. Es ist Ihr ultimativer Albtraum. Unter der Annahme einer ernsthaften Auseinandersetzung an diesem Bogen wird die US- Navy in der Lage sein, nur mit einer kleinen Bewegung ihrer Flugzeugträger ernsthaft Chinas Zugang zum Öl, das über die Meerenge von Malakka transportiert wird, zu gefährden.

Territoriale Streitigkeiten sind Alltag im ost- und südchinesischen Meer. Im ostchinesischen Meer liegt der Fokus auf Diaoyu/Senkaku. Im südchinesischen Meer sind es die Spratly-Inseln (China gegen Taiwan, Philippinen und Vietnam) und die Paracel-Inseln (China gegen Vietnam). Um nicht noch die derzeit auf Eis befindlichen Streitigkeiten mit Malaysia und Brunei zu erwähnen.

Aus der Sicht unseres chinesischen Marinestrategen ist das in Summa eine Art umgedrehte Große Mauer, ein Ausdruck übrigens, der in Kreisen wie dem US Naval War College sehr beliebt ist. Es ist wie eine unsichtbare Meereswand von Japan bis Australien, die theoretisch Chinas Zugang zum Pazifik blockieren könnte.

Und falls – das ist ein wichtiges, langfristiges „falls“ – es je zu einer US-Blockade kommt, wäre die chinesische Wirtschaft, wenn ihre Meerhandelsrouten geschlossen würden, in enormen Schwierigkeiten.

Peking weiss das und ist willens alles zu tun, um es zu verhindern.

auf der Suche nach guter PR

Was Biden – um die US-Medienlandschaft erst gar nicht zu erwähnen – der Weltöffentlichkeit nicht sagt ist, wie sehr das für Washington mit Okinawa zusammenhängt – jener Drehscheibe, von der aus die USA in der Lage sind, ihre Macht westlich von Japan auszuüben. Es ist, als ob Okinawa der US-amerikanische Hadrianswall wäre.

Umgekehrt ist Okinawa auch für Japan wichtig, um für die USA unverzichtbar zu bleiben. Das ist als ob Tokio das Pentagon als Söldner benutzte – genauso wie das Pentagon Söldner in seinen globalen Schattenkriegen benutzt. Nennen wir es das „geringe Kosten/hohe Renditen-Geschäftsmodell“. Japan hält damit seine Verteidigungsausgaben auf 1% des BIP (auch wenn diese derzeit steigen, während sie in den meisten Staaten ungefähr 3% oder mehr betragen).

Müsste Peking seine Lufthohheit rund um die Diayou-Inseln tatsächlich durchsetzen, wäre dies der Anfang vom Ende dieses aquatischen Hadrianswalls. Für den Moment jedoch ist ADIZ eine Botschaft an Washington, ein Teil der viel gepriesenen Xinxing Daguo Guanxi – die “neue Art der Großmachtbeziehungen”, welche langsam, aber sicher von Präsident Xi Jinping implementiert werden.

Peking mag zwar grundsätzlich im Recht sein und möchte sicherlich zur See Fakten schaffen. Was jedoch geschah, war im Wesentlichen ein PR-Desaster – die Unfähigkeit, der Weltöffentlichkeit die ADIZ überzeugend zu “verkaufen”. Absolut nichts kann jede beliebige chinesische Regierung davon überzeugen, dass es nicht darum geht, dass Japan ein Gebiet oder eine Sphäre der Souveränität antastet, die seit Jahrhunderten chinesisch war.

Statt der üblichen rituellen Pilgerfahrten, um “Helden” in Schreinen zu verehren, denen vorgeworfen wird, haarsträubende Massaker begangen zu haben, könnte Tokio das Problem leicht entschärfen, indem es seine entsetzlichen imperialen Abenteuern in Asien zugibt. Tokio könnte auch seine Rolle in Asien neu definieren, indem es sich wie eine asiatische Macht verhält – und nicht wie irgendein gehorsamer West-Appendix, so wie es von Millionen auf dem Kontinent wahrgenommen wird – und nicht nur von Chinesen.

Letztlich bleibt als einzige Möglichkeit, das Diaoyu/Senkaku/ADIZ-Problem zu entschärfen, dass Peking und Tokio sich an einen Tisch setzen und einen Sicherheitsvertrag für dies ostchinesischen Meerstrassen erarbeiten – im Idealfall von den Vereinten Nationen vermittelt. Das Problem ist: Tokio gibt einfach nicht zu, dass es ein Problem gibt. Pekings Strategie läuft nun dahin, die Japaner dazu zu zwingen. Vielleicht sollte Peking überlegen, dafür eine amerikanische PR-Agentur zu engagieren, so wie es alle machen.

Quelle: Asia Times Online

Pepe Escobar ist der Autor von Globalistan: Wie sich die globalisierte Welt in flüssigem Krieg auflöst (Nimble Books, 2007), eine Momentaufnahme von Bagdad während der Belagerung: Red Zone Blues (Nimble Books, 2007), und Obama baut Globalistan (Nimble Books, 2009).

7 Gedanken zu „so viele Geheimnisse im ostchinesischen Meer

  1. Ich glaub kaum dass die USA von Japan nach 45 so viel Souveränität übrig gelassen hat, damit sie allein entscheiden können.

    Die Mauer hat aber ein Loch in den Kurilen als nette Gegenantwort auf japans Haltung würde ich zu den Russen gehen und dort eine Durchfahrt mit vertrag beantragen, dann wäre der Ganze US – Japan Zirkus um die Inseln ein ordentlicher Schuss nach hinten und eine Rute im Fenster Japans die grauen Gehirnzellen anzustrengen.

  2. China wird kein zweites Taiwan zulassen.
    Jetzt hat China mit seiner wachsenden Industrie andere Strategien zu fahren als unter Mao.
    Bodenschätze braucht man selbst und lässt sich diese nicht vor der Haustür wegnehmen. Die USA greifen ihre Bodenschätze in Nordamerika kaum an. Die plündern erst andere Länder, das hat noch den „Vorteil,“ daß Kriege ausgelöst werden und man das Land besetzen und ausrauben kann ohne Verträge zu machen. Um den Schutz der Natur wird sich da nicht gekümmert.
    Der Gewinner ist die US Rüstungsindustrie, die hat Lager durch den Krieg geräumt und kann jetzt wieder auf Halde produzieren.
    Jeder vierte auf der Erde ist ein Chinese. Mao hat gesagt: 50 Mio. chinesische Soldaten in einem Krieg zu verlieren ist nicht zuviel!
    Da Ami sollte da den Taschenrechner benutzen, wenn Er im Kopfrechnen schwach ist!

  3. Mao hat gesagt: 50 Mio. chinesische Soldaten in einem Krieg zu verlieren ist nicht zuviel!

    Mao war ein Irrer, der glücklicherweise tot ist. Glücklicherweise sowohl für die Chinesen wie auch für alle anderen. Darüberhinaus: 50 Millionen tote chin. Soldaten bedeuten noch lange nicht, daß auch der Feind in einem solchen Konflikt 50 Millionen Soldaten verliert. Wäre ich Stelle der Chinesen, würde ich zusehen, daß ich energiepolitisch autark werde – ob durch ‚Freie Energie‘ oder durch Erdwärme für die Grundlast … oder meinethalben auch durch einen Mix zusammen mit Windrädern und ähnlichem – und mir meine Bodenschätze auch aus dem Weltraum holen kann bzw. am besten schon gleich dort oben vorverarbeiten. Wird sowieso kommen … ist nur die Frage, wer die Sache politisch durchsetzen will … und wir sind und wollen leider nichts davon.

  4. @gassner: strategischer Unfug. China braucht Zugang zur offenen See im Ost- und vor allem im Südchinesischen Meer. Ein Angriff auf Japan würde über Nordkorea vielleich Sinn machen, aber freien Zugang zum Pazifik gibt es da nicht zu holen.

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