Hensel´s Sonntagsmatinée: Karrieren auf den Müllhaufen der Denkfabrik (IV)

von H.-P. Schröder

Eine phantastische Erzählung in Fakten mit Illustrationen des Autors – Teil IV – Das Ende

 

Bulletproof mask II (2)

Kapitel XIV – Containerware  August 2012 Ural – Die Liga der Netzwerke

An die Zentrale Meldestelle

„Um 14:38 kam ein Anruf der Miliz aus Sowoletschje. Der Dienststellenleiter verlangte eine Verbindung nach Moskau, was wir ihm natürlich verweigerten. Wir mußten ihn beruhigen, da er außer sich war und keinen klaren Gedanken fassen konnte. Er gab zu Protokoll, daß gegen 8 Uhr morgens ein gewißer Jasputin auf der Wache in Sowoletschje  erschienen sei, der behauptete ungefähr 15 Kilometer südlich, am Fluß Ratra, als er Feuerholz suchte, um Fische zu braten mehrere Fässer, wie er sich ausdrückte „mit verdächtigem Inhalt“ gefunden zu haben. Er wollte nichts weiter sagen und verlangte, daß ihn einige Beamte dorthin begleiten sollten, was wir veranlaßten. Die Milizionäre Loskotsch und Preim fuhren mit Jasputin zu besagter Stelle in der Nähe des Ufers. Dort lagen vier blaue Fässer, wie sie zur Aufbewahrung von Chemikalien benutzt werden. Jasputin weigerte sich in die Nähe der Fäßer zu gehen, er sagte die beiden Beamten würden schon verstehen warum, wenn sie sich den Inhalt angesehen hätten. Von zwei Fässern waren die Deckel abgegangen oder abgemacht worden, so daß ihr Inhalt sich in das Gras verstreut hatte. Handflächengroße, braune mumifizierte kleine Gestalten in einer bräunlichen stechend riechenden Flüssigkeit, Formalinlösung, wie sich später herausstellte. Die beiden verschlossenen Fässer enthielten ebenfalls kleine braune Körper. Embryos. Kleine Menschen. Loskotsch und Preim riefen Verstärkung herbei und machten Meldung. Es erging Befehl, das Gelände abzusperren und Stillschweigen zu bewahren. Es wurde versäumt, Jasputins Jagdkollegen festzusetzen, die im Dorf bereits alles erzählt hatten. Als der Allesklebertrupp eintraf, waren bereits Fernsehteams und Zivilisten mit Kameras vor Ort, die Aufnahmen machten und diese weiterreichten. Auf einigen Bildern kann man die Typenbezeichnungen entziffern: Tamerlan D-43S/7, Trotz 2a, Trotz 2j, Merk 1/4a, Merk 1/4b, Merk 1/4c, Blair 27/T7, Blair 27/T8, Asht17/34 -X, Moon D/Er/38.

Die Behörde entschloß sich, in Absprache mit Sieben, Legende Q-Tipp einzusetzen, die besagt, daß es sich um unsachgemäß entsorgten Abtreibungsmüll handele und daß die Fahndung bereits auf die umliegenden Kliniken ausgedehnt wurde. Wir gingen davon aus, daß das Problem damit erledigt sei und verpflichteten Zeugen und Beamte zu Stillschweigen. Leider verursachte die Verbreitung der Fernsehbilder vermeidbare Probleme, was bei zukünftigen Fällen dieser Art früher und entschlossener einzusetzende Maßnahmen rechtfertigt (Fall Cokon). Die Produktionsreihen trugen noch ihre Identifikationsbänder mit Seriennummern und Klarnamen an den Handgelenken. Es wird keine offizielle Untersuchung eingeleitet. Wir beantragen Sonderinspektionen der Kühlhäuser und die Überprüfung der Laborprotokolle des fraglichen Zeitraumes. Zusätzliche Probegrabungen in den Dekompostierungswüsten sind bereits angeordnet.

Kapitel XIVa – Der Meteor

Eintreffen eines Quantengramms – Archivmitteilung an -++-

„Tscheljabinsk, 15. Februar 2013, Fehlermeldung. In Tescheljabinsk ist es erneut zu einer ….„

Text unvollständig, Rezipient ausgefallen. Masse löste sich in 50 Kilometer Höhe auf. Fremdeinwirkung auf Steuerung wahrscheinlich. Photonenblitz fotographisch festgehalten.
-Q-

Kapitel XV – Glücksbringer

An welchem Tag es deutlich zu werden begann, wird sich nie mehr feststellen lassen. Anzeichen trafen bereits seit Monaten ein und wurden über Wochen direkt der Plusplus Registratur zugeleitet. Dort versickerten sie. Später lief das Gerücht um, in der Erfassungsstelle und in der Plusplus Registratur hätten sich Saboteure eingeschlichen, Mitglieder der Armee der Sonderlinge, was nie bewiesen werden konnte. In Wirklichkeit handelte es sich um unmenschliches Versagen.

Bis der erste AusMenschgemachte Alarm auslöste, verging Zeit. Nie zuvor hatte Zeit eine Rolle gespielt. Etwas war außer Takt geraten. Amplitudenverschiebungen, minimale Frequenzschwankungen, zu Anfang, vor den Aufschaukelungen nichts Ernstes. Die üblichen selbstorganisierten Turbulenzen, die sich glätten werden. Dachten sie. Völlig normal, in dem Stadium des Projektes, dachten die in der Plusplus Registratur. Man gab sich routinesicher und legte ab. In den Fächern rumorte es. Das Problem entstand dadurch, daß die in der Plusplus Registratur abgelegten, Ableger und Sortierer sind, – keine Denker. Als es offenkundig wurde, weil alle Lampen ausfielen und die Notbeleuchtung ansprang, war es zu spät. Flugzeug fielen vom Himmel, Massenverhaftungen füllten die Gefängnisse, eine Selbstmordwelle umrundete den Globus wie ein Tsunami und löschte hoffnungsvolle Nachwuchstalente noch auf den Fließbändern aus. Die Panik verbreitete sich, bis die Notabschaltung der Autoklavkolonisten ansprang und allem ein Ende setzte. Das Personal strömte aus den unter- und außerirdischen Fakultäten, Verzweifelte wollten die Bestechungsgelder loswerden und versuchten sie an ahnungslose Passanten zu verschenken; die Temperaturregler an den Brutkästen sanken auf Unternull.

Das Personal begann sich seiner Sünden zu schämen und verließ den Arbeitsplatz. Niemand schaute dem langjährigen Kollegen in die Augen, niemand schaute zurück. Aus den Luftschächten drang kolossales Gebrüll, Hilferufe in unbekannten Sprachen, manches klang gar nicht wie Sprache, Laute, Töne, Lärm, Gekreisch, Verzweiflung, Tierlaute. Die Kreuzungen und die Halbmontierten starben in ihren Laufställchen. Die Klimaanlagen bliesen Frischluft, bis ihnen die Puste ausging. Die Zentrale Meldestelle lag verlassen. Hier wurde es noch stiller, seit die AusMenschGemachten unter Hinterlassung menschlicher Gliedmaßen abgerückt waren. Erst der Einmarsch der Armee der Sonderlinge brachte wieder Leben in die Buden.

Überall wo Bewegungen verebbten, wurden die Fratzen fühlbar. Volksnahe Präsidenten versuchten sich zu retten. Noch während ihrer leidenschaftlichen Ansprachen demaskierten sie sich und wurden abgeführt. Nach der Verhaftungs- und der Selbstmordwelle rollte die Erleichterungswelle heran und spülte den Unrat in die unterirdischen Schächte zurück. Die Luft, sauerstoffreich und plötzlich atembar, brachte kräftige Farben hervor, verdrängte alle Grauanteile. Plötzlich wurde Klardenken Mode. Und Mode war nicht länger Ausdruck von gehetzter Uniformität, sondern die respektierte Ansicht eines Einzelnen. Des Modeschöpfers. Und das war`s.

Die Seelencontainer erschöpften sich weiterhin, wie wenn nichts geschehen wäre. Nur für Kindergartenplus gabe es keine Zuschüsse mehr. Es gab auch kein Kindergartenplus mehr. Dafür gab es plötzlich Gegenwart und Zukunft mit Sinn. Und markierte Psychopathen ohne Einflussmöglichkeiten.

Kapitel XVI – Epi Prolo Log – Vorläufiger Abschlußbericht der Verwaltung

Die Abteilung mußte umziehen. Molecular Simulations- und Biosymzym-Einrichtungen sind sofort zu demontieren, die Unterlagen an die Rauschunterdrücker zu übergeben. Um die Geräte und Einrichtungen kümmern sich die annihilatorischen Kolonnen. Die Räume sind besenrein zu hinterlassen.

Alle Unterprojekte laufen weiter. Die Beobachtungsbojen funktionieren immer noch einwandfrei. Wie vorhergesehen, sind  Leute aus der zweiten Reihe vorgetreten und haben freigewordene Plätze eingenommen. Obwohl die Platzhalter  routinemäßig vor Ablauf der Garantie ausgetauscht werden, lassen sich durch die Notbesatzung die ursprünglichen Produktionszahlen nicht erreichen. Die Talentsuche geht weiter. Was die Armee der Sonderlinge betrifft, so ist hier  Aufklärung dringend notwendig. Es gelangen bisher weder Gefangennahmen noch Fernbefragungen. Das muß Ursachen haben, die sich den hohen Rängen nicht erschließen. Woher beziehen Sonderlinge ihren Antrieb, wer leitet sie? Können wir sie dienstverpflichten? Wir erlitten Verluste durch Überläufer. Ganze Industriekomplexe haben sich kampflos ergeben, sobald der Schutzschirm zusammenfiel, während die Armee der Sonderlinge ungestört weiter operierte. Es gab keinen einzigen Überläufer aus den Reihen der Sonderlinge, es gibt keine Leichen, keine Gefangenen.

Der Fratant ist im Obersten Rat mit der Theorie hervorgetreten, daß es sich bei der Armee der Sonderlinge um eine Immunreaktion handelt, mit deren Hilfe sich die Originalspezies von Parasiten säubert, um ungestört eine Aufgabe ausführen zu können, deren Zielrichtung und Zweck uns verborgen bleibt. Sollte dies zutreffen, existiert ein Mitspieler, über den absolut nichts bekannt ist. Wir könnten, wie die Menschen, ebenfalls ein Teil seiner Strategie, seiner Planung sein. Man hat den Fratant sofort verbrannt. Häretiker haben bei uns nichts zu suchen. Sie stören das Ungleichgewicht.

Tschel I (2)

Tschel II (2)

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Link zu Teil I

Link zu Teil II

Link zu Teil III

9 Gedanken zu „Hensel´s Sonntagsmatinée: Karrieren auf den Müllhaufen der Denkfabrik (IV)

  1. Fühle mich überfordert mit dieser Erzählung.
    Sehr sprunghaft und kaum inhaltlicher Zusammenhang bzw. Überleitungen oder Erläuterungen.

    Ich kann damit wenig anfangen, trotzdem sehr kreativ.

  2. Werter Leser,

    daß mir, bei der Schilderung der Begegnungen der Karrieristen aus den Müllhaufen der Denkfabriken mit der Armee der Sonderlinge, die Worte für die sanften Übergänge fehlen, muß mangelndem Talent und latenter Faulheit zugeschrieben werden und kann durchaus als Unhöflichkeit dem Leser gegenüber und als nicht den Zielen förderlich, angesehen werden. Der Autor riskiert Unverständlichkeit, die das Gemüt des Lesers forteilen lässt, zu eingängigeren Elementen, anstatt ihn anzuziehen. Dieses Risiko muß man eingehen. Eingängige Gewalt ist nicht mein Metier.

    Die geschilderten Vorgänge als Teile einer Ereignisfamilie, eines Ereignisses, bei der es mächtiger Anstrengungen bedarf, es eingängig zu verpacken, verdienen mindestens 800 Seiten auf Pergament. Doch wozu die Anstrengung ? Wer würde 800 Seiten lesen, wenn der Text nicht in Ludlumscher best Seller Manier von „Höhepunkt“ zu „Höhepunkt“ eilend, am Ende alle Erwartungen, „überraschenden“ Wendungen , Rätsel, die angelegt sind, zu Höherem zu führen, zusammenrührt und nach einem Sturm in der Glasmenagerie, zerschlägt, deren Zersplittern den Leser nach der letzten Seite verletzt, aus Fleischwunden blutend, am selben Punkt in das eigene Leben zurückwirft, an dem er stand, als er die erste Seite aufschlug und das noch so geschickt, daß der Leser nicht bemerkt, soeben um 15 Stunden Lesezeit und 24 Euro 90 Cent betrogen worden zu sein ? Ist das normal? Ja es ist normal. Davon lebt der Buchhandel. Nein, so etwas ist absolut abnormal. Zwei diametral entgegengesetzte Aussagen. Wo bleiben da die Übergänge? Es gibt keine Brücken, nur Netze. Entweder ist man Teil eines Netzes, des Netzes, oder man ist Wassermann. Es gibt keine Übergänge.Nicht in dieser Zeit. Die Welt wird wieder jung und Ihr seid dabei.

    „Die Zeit ist wie ein Bild von Mosaik,
    Zu nah beschaut, verwirrt es nur den Blick.
    Willst Du des Ganzen Art und Sinn verstehn,
    So mußt Du`s Freund, aus rechter Ferne sehn.“

    Emanuel Geibel.

  3. „Der Autor riskiert Unverständlichkeit“? Das ist eine zarte Untertreibung!

    Denn diese Texte des Autoren sind nicht nur der Zeit voraus, sondern auch dem phantastischen Vermögen der Leser dieser Texte.

    Das Urteil eines Literaturliebhabers würde lauten: `bunte Fragmente mit Knochen und Fleisch aber leider ohne warmes Blut; wer kann es zusammen schauen?`.

    Wer die Zukunft deuten möchte, muss tief gelitten haben und dieses Leid gefühlvoll mitteilen können. Das berührt die Herzen und regt anschließend zum Nachdenken an.

    Reine Kopfgeschwader irritieren den modernen Menschen nicht mehr.

  4. Werter Autor,
    ich für meinen Teil bekenne gerne, daß ich die Texte sehr wertschätze und um Fortsetzung bitte.
    Zwar ist es richtig, daß die Texte kein Fastfood sind, aber ich persönlich meide Fastfood ohnehin wo immer möglich. Und wer sich nicht der Mühe unterziehen will, eine alternative, andere, bessere oder auch nicht – wer weiß das schon vorher, vielfältigere Erzählung über das Weltgeschehen mit zu schaffen, der wird dort aufwachen (oder auch nicht), wo die vielfach einfältige, gängige und eingängige weil herrschende Erzählung halt hinführt: in der globalen Sklaverei.
    Darum weiter so Herr Schröder.

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