Türkei an der politischen Wegscheide

olala rohreerschienen bei asia times online

von Pepe Escobar

Übersetzung John Schacher

Während alle über die Möglichkeit einer tektonischen Verschiebung in den US-iranischen Beziehungen reden, und während eine Lösung für die syrische Tragödie in einem anderen Ansatz bei anstehenden Verhandlungen in Genf gefunden werden könnte, schuftet die Türkei still und konzentriert im Hintergrund. Mal sehen, was die „Sultans of Swing“ vorhaben.

Wir starten an der internen Front. Abdul Mejid I., der 31. osmanische Sultan (an der Macht von 1839-1861) hatte immer von einem unterseeischen Tunnel unter dem Bosporus zwischen Europa und Asien geträumt.

Es dauerte bis „Sultan“ Erdogan, alias Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan, um es geschehen zu lassen. Im vergangenen Monat eröffnete er – am 90. Jahrestag der Gründung der Atatürk-Republik – das 3 Milliarden US-Dollar teure 76-Kilometer-Marmaray-Rail-System, das mit den kaum hyperbolischen Worten von Mustafa Kara, Bürgermeister von Istanbul Üsküdar Bezirk (wo der Tunnel herauskommt), „irgendwann London mit Peking verknüpfen, und ungeahnte globale Verbindungen schaffen wird“. [1]

Es hilft sicherlich, dass dieses Wunderwerk der Technik genau in China extrem ehrgeizige „Neue Seidenstrassen“ (s)-Strategie passt, die, genau wie die originale Seidenstraße in Xian beginnt, und darauf abzielt, nach Europa in – wo sonst – Istanbul zu überqueren. [2]

So bleibt die Tatsache, dass „Sultan“ Erdogan einfach nicht von den Gezi-Park-Protesten im vergangenen Juni abgeschossen worden ist. Alle Megaprojekte der Regierungspartei AKP – von Millionen im ländlichen Anatolien unterstützt und von den weltlichen Eliten in Istanbul seit Jahrzehnten ignoriert – sind gesund und munter.

Bis 2025 werden mehr als eine Million Pendler die Marmaray nutzen. Die dritte Bosporus-Brücke, in der Nähe des Schwarzen Meeres, wird gebaut – trotz der Wut der Aleviten, dass sie nach Selim dem Grimmigen, einem Sultan, der ein Gemetzel an Tausenden Aleviten anordnete, benannt werden wird. Das Gleiche gilt für die neue Landebahn sechs des Flughafens nordwestlich von Istanbul. Und dann gibt es noch den 50 km langen „crazy Kanal“ (Erdogans eigene Definition), der das Marmarameer mit dem Schwarzen Meer verbindet. Dorthin kann der ungeheuerliche Tankerverkehr vom Bosporus umgeleitet werden. Die türkische grüne Bewegung beharrt darauf, dass dies komplette aquatische Ökosysteme zerstören könnte, aber Erdogan bleibt davon unbeeindruckt.

der ölige kurdische Faktor

In der übrigen Welt ist die türkische Außenpolitik nun auf Overdrive. Und unvermeidlich, denn alles geht um Energie.

Außenminister Ahmet Davutoglu lud Anfang dieses Monats den iranischen Außenminister Javad Zarif nach Ankara ein. Dann ging er nach Bagdad und traf sich mit dem irakischen Premierminister Nouri al-Maliki.

Davutoglu besuchte auch Washington, er schrieb einen Leitartikel für Foreign Policy, wo er die US-türkische „strategische Partnerschaft“ lobte, jetzt vor „einem zunehmend chaotischen geopolitischen Umfeld“ und versicherte, die US-Iran-Verhandlungen zu unterstützen.

Anfang dieser Woche tat sich Davutoglu mit Erdogan für ein hochrangiges Treffen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin und Außenminister Sergej Lawrow in Sankt Petersburg zusammen. Nächste Woche wird er in Teheran sein.

Die Frage ist, was hat Ankara will von Washington für die so eifrige Unterstützung einer US-Iran-Normalisierung?

Gas_Station__5_ (2)Der Schlüssel ist: Irakisch-Kurdistan. Ankara will Washingtons Segen für die jetzt bekanntermassen umkämpfte 250.000 Barrel-pro-Tag-Ölpipeline aus dem Nordirak, unter Umgehung Bagdads. Diese Pipeline würde zur ständig unbeständigen Kirkuk-Ceyhan-Pipeline, kontrolliert (auf eine Art) von Bagdad hinzukommen; gegenwärtig arbeitend mit höchstens einem Fünftel ihrer offiziellen Kapazität von 1,6 Millionen Barrel pro Tag –  bombardiert praktisch jede Woche, und mit Null-Wartung.

Es geht auch nicht nur um das Öl (welches die Türkei dringend braucht) als vielmehr um die politisch/wirtschaftliche Allianz, die im Idealfall zu mehr kurdischen Stimmen für die Regierungspartei AKP bei den türkischen Wahlen 2014 führen wird.

Das (unüberwindbare) Problem ist: die Obama-Regierung hat nicht die Absicht – in der aktuellen Verhandlungs-Kreuzung – Teheran zu provozieren, indem sie ein türkisches Projekt erlaubt, das vor allem Irans Verbündeten Bagdad herausfordert. Dies ist nur ein weiteres Beispiel dafür, dass alles von Bedeutung in Südwestasien heute den Iran beinhaltet. [3]

Also hängt alles davon ab, wie weit die US-Iran-Annäherung gehen wird – Ankara darf nicht Bagdad und Teheran zur gleichen Zeit entfremden. Ankara aber ist sich aber auch seiner großen potenziellen Vorteile auf ganzer Linie bewusst. Das würde viel mehr aus dem Iran fließendes Öl und Gas als laut aktuellem langfristigen Jahresvertrag für Erdgas via Täbriz-Ankara-Pipeline bedeuten, wenn – und sobald – westliche Investoren wieder beginnen in Irans Energiebranche zu pumpen.

die Wahhabiten-Likudnik-Achse

Präsident Obama versteht sich sehr gut mit dem türkischen Ministerpräsidenten Erdogan. Doch während Obama nichts als Lob für Erdogan hat, klingt für das Haus der Saud der Namen „Obama“ jetzt schlimmer als jede Pest. Und Erdogan ist nicht gerade viel beliebter.

Erdogan unterstützt enthusiastisch Mursi und die Muslimbruderschaft in Ägypten, während das Haus der Sauds auf Seiten des Putschisten Generals Sisi steht. In Syrien unterstützt Erdogan noch einmal die mit der Muslim-Bruderschaft verbundenen „Rebellen“, während die Saudis, mit Bandar Bush an der Spitze des Packs, de facto  alle möglichen Verrückten einschließlich der Al-Kaida-Ableger Islamischer Staat Irak und der Levante (ISIL) finanzieren und bewaffnen. Erdogan hat eine extrem zerstrittene Beziehung zu Israel etwas entwickelt, während die Wahhabiten-Likudnik Anti-Iran/Syrien-Achse noch nie stärker war. [4]

Es ist leicht zu vergessen, daß vor dem ausländisch auferlegten syrischen Bürgerkrieg eine Ankara-Damaskus-Teheran-Allianz in Kraft war. Das war Teil von Davutoglu´s „Null Probleme mit den Nachbarn“-Doktrin, dann verwandelte sich diese in „alle Arten von Problemen.“ Das Haus Saud tat offensichtlich, was es konnte, um das ehemalige Bündnis mit der Karotte von mehr Handel und Investitionen in der Türkei zu untergraben. Dies gelang für eine Weile, als der Mythos eines „arabischen Frühlings“ noch herrschte, und die Türkei mit den Saudis noch ihre Unterstützung für die verschiedenen syrischen „Rebellen“ koordinierten.

syrien türkJetzt gibt es eine völlig andere Konfiguration. Nur in der Türkei finden wir verschiedene Islamisten, Säkularisten, Linke und verschiedene Liberale alle einig darüber, dass das Haus Saud ein ziemlich böser Haufen ist. Und nicht von ungefähr wurde „Sultan Erdogan“ – der angeblich die Rückkehr des Kalifats will – Non-Stop von den ganzen pan-arabischen Medien verhöhnt, die mindestens zu 90% Saudi-gesteuert sind.

Ankara scheint endlich erkannt zu haben, daß es im Hinblick auf seine Position zu Syrien sehr vorsichtig sein muss. Nicht sehr weit von seinen Grenzen kämpfen syrische Kurden gegen Saudi-unterstützte Dschihadisten.

Schlimmer noch: Dutzende von zukünftigen Al-Qaida-Dschihadisten – eine Mudschaheddin International – sind in einem Netzwerk von sicheren Häusern im Süden der Türkei versammelt – einschließlich Antakya, der Hauptstadt der Provinz Hatay – bevor sie über die Grenze geschmuggelt werden, um vor allem  die Gruppe Islamischer Staat Irak und der Levante (ISIL) zu bereichern. Wie vorauszusehen war, ist die NATO nicht amüsiert. [5]

es geht um Pipelineistan

Das Nummer eins Ziel der türkischen Außenpolitik ist es, sich als kritische Masse für jeden Transit von Öl und Erdgas aus Russland, dem kaspischen Raum, Zentralasien und dem Nahen Osten nach Europa zu positionieren.

Doch nun wird die Türkei von zwei widerstreitenden Pipelineistan-Entwürfen gequetscht. Einer davon ist die nie endende Seifenoper Nabucco, die im Grunde bedeutet, Erdgas von fast überall (Aserbaidschan, Turkmenistan, Iran, Irak, auch Ägypten) nach Europa zu liefern, außer aus Russland. Und die andere ist die South-Stream-Pipeline, die von Russland vorgeschlagen und durch das Schwarze Meer verläuft.

Beharrend in seiner Rolle als neutrale Brücke zwischen Ost und West, sichert Ankara seine Wetten ab. Aber nachdem die Europäische Finanzkrise ausbrach, war Nabucco für alle praktischen Zwecke zum Scheitern verurteilt. Was jetzt bleibt, ist die so genannte Nabucco-West – eine kürzere, 1.300 km lange Pipeline von der Türkei nach Mitteleuropa – und die viel billigere Trans-Adriatic Pipeline (TAP), nur 500 km von der Türkei über den Balkan nach Italien.

Das Konsortium (bestehend aus BP, Total und Aserbaidschans SOCAR) bei der Entwicklung des riesigen Felds Shah Deniz II in Aserbaidschan wählte die TAP. So liegt Nabucco jetzt fast sechs Fuß unter Bodenniveau.

Zu sagen, „das ist schon eine nette Sache für Moskau“ ist eine riesige Untertreibung. TAP bedroht Gazprom Griff auf den europäischen Markt nicht. Und außerdem kam Moskau näher an Baku heran. Dick Cheney muss seinen Schrittmacher für einen weiteren Herzinfarkt justieren; nach all seinen aufwendigen Energieplänen haben Moskau und Baku nichts weniger als den Transport von russischem Öl zu diskutieren, durch die berüchtigte Baku-Tiflis-Ceyhan-Pipeline (BTC), mit der Dr. Zbigniew Brzezinski träumte, Russland umgehen zu können. Als Krönung haben sie sich sogar verpflichtet, die Baku-Noworossijsk-Pipeline umzudrehen und russisches Öl nach Aserbaidschan zu pumpen.

Darüber hinaus ist dies das Ende der türkischen (und europäischen) Pipeline-Träume darüber, Energieversorgung aus der verrückten „Gas-Republik“ Turkmenistan über das Kaspische durch den Kaukasus und die Türkei nach Europa zu erreichen. Für Moskau ist dies nicht verhandelbar (wir steuern den Transit von zentralasiatischen Energie nach Europa…). Darüber hinaus hat  Turkmenistan bereits einen besseren Stör zu braten – über seine ultra-profitable Gas-Pipeline nach China.

Fazit: Russland bekommt immer noch mehr Aufwind im Kaukasus gegenüber der Türkei – die fast alles an Öl, Kohle und Erdgas importiert – und dadurch in puncto Energie noch mehr von Russland abhängig wird. Russland liefert der  Türkei fast 60% bei Erdgas – Tendenz steigend. Iran liefert 20%. Moskau ist sich sicher, die Türkei wird bald Deutschland als größten Energie-Kunden überholen.

Das ist sicher das, was Erdogan ausführlich vergangenen Mittwoch in Moskau besprach. Und dann ist da der ehrgeizige türkische Plan 23 Atomkraftwerke bis 2023 zu bauen. Ratet mal, wer vorn liegt? Moskau natürlich. Nicht nur als Baumeister, sondern auch als Hauptlieferant von Kernbrennstoffen. Kein Paket von westlichen Sanktionen scheint am Horizont.

So scheint Ankara (stillschweigend) hektisch an allen Fronten zu arbeiten. Erdogan wird seinen Freund Obama sorgfältig pflegen – sich selsbt als eine privilegierte Art von Boten positionierend. Erdogan unterstützt das zivile Atomprogramm des Iran – was ihn sofort als höchst verdächtig in den Augen der Wahhabiten-Likudnik Achse der Angst und Abscheu platziert. Das ist der Hauptgrund für die fortschreitende Entfremdung zwischen Ankara und Riad.

Ankara´s Wunsch, ein wichtiger Akteur bei einer eventuellen US-Iran-Annäherung zu sein, entspringt einer einfachen Berechnung. Mit enormen politischen, wirtschaftlichen und sicherheitstechnischen Barrieren konfrontiert, kann die Türkei den Wunsch ihrer Entwicklung zu einem privilegierten Ost-West-Energie-Transitkorridor nur mit dem Iran an ihrer Seite erfüllen.

Hinweise:
1. Asien und Europa zu Bosporus Bahnverbindung zu bekommen, wie Marmaray öffnet , Hürriyet Daily News, 28. Oktober 2013.
2. New Silk Road beginnt mit Xian , South China Morning Post, den 29. Oktober 2013.
3. Deal or No Deal, den der Iran Stock Keeps Rising , Al-Akhbar Englisch, 20. November 2013.
4. Die Wahhabiten-Likudnik Terrorkrieg , Asia Times Online, 20. November 2013.
5. Das Geheimnis Dschihad-Schmuggelroute über die Türkei , CNN, 5. November 2013.

Pepe Escobar ist der Autor von Globalistan: Wie sich die globalisierte Welt in flüssigem Krieg auflöst (Nimble Books, 2007), eine Momentaufnahme von Bagdad während der Belagerung: Red Zone Blues (Nimble Books, 2007), und Obama baut Globalistan (Nimble Books, 2009).

 

Ein Gedanke zu „Türkei an der politischen Wegscheide

  1. Etwas darf dabei auch nicht vergessen werden, die geheimen Abkommen der BRD, ich selbst kenne sie aus der DDR und da aus den politischen Schriften, die selber da auch unter Geheimhaltung den Gesellschaftsentwicklern, wie Dozenten und Historikern angebraten wurden, und das von der UNO seit 1964 laufende Vernichtungsprogramm der deutschen Reichsgeschichte! Und da, was kam über die Institute der politischen Bildung aus Ägypten? Sie wurden unter Verdacht stehend geschlossen, wegen derer NWO-Politik, nicht aber der Deutschen und Ihrer Geschichte, dort dann als Agenten bezeichnet! Hier aber eine fundamentale Entscheidung:http://koptisch.wordpress.com/2013/11/24/hass-auf-turkei-steigt-unter-den-agyptern/, wie auch, das die EU nicht die Türkei aufnehmen werden kann, siehe Polen und Österreich! Schön, das man sich auch in Russland an Zeiten gewöhnt, die Türken als Partner zu sehen, sah es doch auch fast so aus, als das man das Schicksal der Armenier vergessen machen wollte! Glück Auf, meine Heimat!

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