Hensel´s Sonntagsmatinée: Frischluft für die Beleuchter

von H.-P. Schröder

… nur Worte, die sich

vergeblich mühten,

Gedanken zu werden.“

E.T.A. Hoffmann, Meister Floh

Messerschmitt (2)

Eine Flugzeugzelle auf Rädern: Der Messerschmitt Kabinenroller*, in Serie gebaut ab 1953 Science Museum, London

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Täglich Geschichte im Lande Isengart

Bei einer Feier stört ein Betrunkener. Nicht nur sobald er die anderen aktiv belästigt, sondern weil sein Verhalten und sein Anblick mangelnden Respekt, Schwäche und Würdelosigkeit verkörpern.

Nicht nur im Lande Isengart.

Er war nicht eingeladen gewesen, hatte sich, ohne sich vorzustellen, wie selbstverständlich, auf einen freien Stuhl mitten zwischen die Gäste an den Ecktisch gesetzt, hatte auch nichts weiter gesagt, jedoch kräftig zugelangt. Nach einer Weile war er aufgestanden; als er nach einer Viertelstunde wiederkam, hatte er zwei Männer und eine Frau im Schlepptau. Sie forderten die Leute am Ecktisch auf, sich andere Plätze zu suchen, der Tisch sei bereits besetzt.

Die Gäste reagierten ungehalten, aber bevor sie laut werden konnten, sprang der Gastgeber herbei und bat sie, um des lieben Friedens Willen, nachzugeben. Er begrüßte die neuen Herrschaften mit Handschlag und wünschte ihnen einen schönen Tag und daß sie sich wohlfühlen sollten; dabei war unübersehbar, daß er sie noch nie zuvor gesehen hatte und daß die Leute ihm vollkommen fremd waren.

Die Gäste standen widerwillig auf, maulten vor sich hin, schnappten sich ihre Gläser und ihre Teller, um des lieben Friedens willen und stellten fest, daß nirgends mehr als zwei Plätze nebeneinander frei waren. Sie mussten sich trennen und verloren sich aus den Augen.

Gerade als die Neuankömmlinge am Getränkebuffet Flaschen zusammenrückten, um sich einzudecken, traten einige Kollegen von ihnen aus den Büschen und wurden mit Freudengeschrei begrüßt. Man fiel sich um den Hals, schluchzte, trank sich zu, vergoß einige Tränen, trank sich sofort wieder zu und so fort.

Die neuen Herrschaften hatten einige Musikinstrumente mitgebracht, die sie jetzt hervorholten. Als sie losfidelten gerieten die Paare auf der Tanzfläche aus dem Takt und als einer der Neuen anfing zu singen, brach die Musik ab. Der Gastgeber eilte zum Ecktisch entschuldigte sich, er hätte ein ernstes Wort zu sagen und fordert sie auf, mit dem Lärmen aufzuhören, oder noch besser, zu gehen, dies wäre eine Privatfeier, sie seien nicht eingeladen und jetzt sei Schluß.

Der Älteste der Gruppe stand feierlich auf, hob sein Glas, prostete dem Hausherrn zu, trank das Glas aus und warf es hinter sich in das Gebüsch. Dann griff er in die Jackentasche und entfaltete ein Blatt Papier von dem ablas:

„Anordnung: Der Inhaber dieses Dokumentes ist berechtigt, ohne Einladung und ohne Anmeldung, an jeder öffentlichen, privaten und geschlossenen Gesellschaft teilzunehmen, die er mit seiner Anwesenheit zu beehren wünscht, sich dort ohne Zeitbeschränkung aufzuhalten und sich mit Speisen und Getränken zu versorgen wie es ihm beliebt. Sollte ein längerer Aufenthalt dem Wunsche des Inhabers dieses Dokumentes entsprechen oder wegen Unpässlichkeit vonnöten sein, so hat der Gastgeber für eine behagliche Unterkunft zu sorgen. Desweiteren ist der Besitzer dieses Dokumentes berechtigt, Gäste seiner Wahl in unbeschränkter Anzahl mitzubringen. Gezeichnet Unleserlich“.

Mittlerweile hatten sich fast alle Anwesenden um den Ecktisch versammelt und einen festen Kreis gebildet. Jedermann hörte mit ernster Miene interessiert zu. Im Hintergrund bewegte sich das Personal und räumte ab, zumindest klang es wie Besteckklappern und Schüsselrücken.

Als der Mann selbstgefällig Platz nahm, so als ob nichts gewesen wäre und allen am Tisch nachschenkte, sah sich die Gesellschaft ernst an. Es wurde still, so still, daß jetzt das Treiben der Diener übermäßig laut klang und man bemerkte, daß sich etwas näherte. Der Kreis öffnete sich. Als die Herrschaften am Ecktisch sahen, was auf sie zukam, war es zu spät.

Sie wurden gepackt, einer nach dem anderen auf einen Tisch gelegt, Hosen runter und feste d´rauf. Alles ging gerecht zu. Jeder bekam dasselbe Maß, Mann und Weib dieselbe Anzahl. Da war nur noch Heulen und Gebißgeklapper zu hören, auf dem schönen Anwesen. Und bei jedem Schlag rief ein Diener: Das ist dafür, daß ihr den Hungenden das Brot weggefressen habt. Und das ist dafür, daß ihr den Verdurstenden das Wasser weggesoffen habt und das ist dafür, daß ihr nicht aufstehen wolltet, als die Verwundeten des großen Krieges ein sauberes Kissen und einen Platz zum Ruhen brauchten.

Nachdem alle durch waren, schleppte man sie zum Tätowierer. Der schrieb ihnen mit roter Tinte, die im Dunkeln leuchtet, auf die Stirn. Zwei Mal denselben Satz, einmal von links nach rechts und einmal in Spiegelschrift: „Halte dich fern. Mein Gift ist tödlich“.

Sie brachten sie zur Landesgrenze und warfen sie dort über den Wassergraben. Nicht ohne ihnen klarzumachen, daß dies die letzte Warnung war. Danach gingen sie in die Stadt zurück, um Unleserlich aufzufinden und zu bestrafen.

Gift und gegen Gift

Wir sind Isengart, die Waffenschmiede des Imperiums, die Waffenschmiede Saurons. Wenn wir schlafen, sind wir die Sklaven der dunk`len Herrscher, denn es gibt derer mindestens zwei. Es gab und gibt immer mindestens zwei. Ohne zwei dunk`le Herrscher wären „freie“ Wahlen unmöglich.

Die freie Wahl, das ist die Wahl zwischen Diktatoren, die am selben Stamm wachsen.

Wir haben eine Menge Probleme, so viele, daß wir verzweifeln müssten, aber wir neigen nicht zum Verzweifeln. Stattdessen neigen wir zum Zweifeln.

7000 schwerbewaffnete Terroristen im Land können das nicht verhindern. Die Hetzkommandos, die Unwichtiges herausstreichen und Wichtiges wegstreichen, tarnen oder beschimpfen, Sonderrechte zuteilen, Sonderpflichten aufdrücken, Sumpfpflanzen als gärtnerische Glanzleistung vermarkten und allerlei Tierchen ausbrüten, die auf den starken Kern gehetzt werden, können nicht verhindern, daß wir zweifeln.

Lauscher lauschen, Spitzel spitzeln, wir, wir witzeln. Die Lauscher werden ebenfalls belauscht. Von wem? Wenn ich Lauscher wäre, wäre ich beunruhigt und würde das gerne wissen.

Seit der letzten Schlacht im Großen Krieg hat man unsere Heimat Zug um Zug in ein Minenfeld verwandelt. Blindgänger montieren Sprengfallen in soziale, wirtschaftliche, technische und ethnisch-religiöse Schwachstellen, durch die jedes Jahr Tausende zu Schaden kommen. Schwulelesbenhandygenderblenderfeminismusreligionauslandseinsätzesozialhilfeeinwanderungsas–ylkonsumsozionazis kriechen durch Städte und Gemeinden und machen sich an denselben Gehirnen zu schaffen, die wir uns bemühen zu schützen.

Die dunk`len Herrscher veranstalten von Zeit zu Zeit eine Massenbelustigung, bei der sie sich an Massen belustigen, ein Feuerwerk, eine Volksbelustigung bei der Treibsätze in den Köpfen gezündet werden. Sie kümmern sich um uns. Bald soll Gebotsschildermaler im zweiten Bildungsweg angeboten werden. Das nennen sie Fortschritt.

Doch der Klaumauk hilft nichts. Wir zweifeln. Und sie wissen nicht genau, was wir bezweifeln. Denn sie sind auf Ahnungen angewiesen. Das steigert die Fehlerquote. Sie sind weit zurückgeblieben, in der Kunst des Ahnens.

Noch ein Stahlwerk auf das Wackelsteiner Ländchen und noch eins und noch eins, sang Franz Josef Degenhardt. So sehen ihre Lösungen aus. Dieselben untauglichen Rezepte verkündet der jeweilige Geiselsprecher. Geiselsprecher Merkel! Geiselsprecher Kohl! Geiselsprecher Steinbrück! Tolle Wortschöpfung. Meinen Dank dafür an die Stammbesatzung von Neuschwabenland.

Mensch Tiermensch, höre einen Moment zu, die Welt wäre nicht trostlos ohne Bebop-Steinbeck-Warhol, aber ohne Goethe-Schiller-Mozart-Beethoven wäre sie ein Wüstenplanet, ein dürrer Ort, an dem das Leben kriechen muß, um zu überleben.

Ami aus Amiland, wenn man morgen Mickey Mouse der Blutschande mit Kleinkindern überführt, in einer euerer Kulturgaskammern desinfiziert, wenn morgen alle Broadwaymusicals zu ewiger Einzelhaft verurteilt werden und die Pulitzerpreisträger und Psychodramatiker auf kleiner Flamme entsorgt sind, zusammen mit Kogon`s SS-Staat und Fest`s Hitlerbiographie, so wäre nichts verloren.

Denn das muß man sich klarmachen: Die europäischen Völker sitzen auf einem Gebirge aus Geist, sie schöpfen aus einem unerschöpflichen Vorrat, sie sind auf ihrem gewaltigen Weg zum schöpferischen Urgrund vorgedrungen. Schaut euch alleine die atlantischen Marmorplastiken Griechenlands an, ein Blick genügt, um die Sphärenmusik wahrzunehmen, Mensch Ami wach` auf. Ihr seid Eintagsträume. Ihr seid nichts, ihr habt nichts. Für euch ist Bodensatz gut. Wir bezweifeln, daß Bodensatz gut ist.

Konsultiert die gute Fee, da es euch an Verstand mangelt. Sie wird es euch verraten: Euere Gegenwart hat keine Zukunft. Dem Tauben nützt das Lauschen nüscht!

Mondschwindelkapsel II (2)

1972: Letzter „Mondflug“ mit Nieten – Apollo 17 Kapsel mit Apollo 17 Logo – Science Museum London

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Die Unmündigen

Man redet immer von der und jener Partei, von Parteiprogrammen und Parteivorsitzenden, von Parteitagen und Volksparteien, die sich Sozialdemokraten, Christliche Union oder Grüne, Linke, Freie Demokraten oder Alternative nennen und nennen lassen. Kunstnamen, Kunstparteien, Kunstprogramme. Was ihre geäusserten parteiischen Absichten betrifft, so mögen diese unterschiedlich klingen, ihre Programme sich in den Zielangaben unterscheiden, ihre Methodik ist doch dieselbe und sie sitzen alle einträchtig beieinander, lassen sich aushalten und verführen durch ihre Scheingefechte, Teile des Volkes dazu, sich als Anhänger verauszugeben. Treffender wäre: Anhängsel.

Funktion der Parteien ist es, zu zersplittern, was ursprünglich eine naturgegebene Einheit bildet. Deswegen wurde auf die Farbenlehre zurückgegriffen, Parteifarben, Fahnen, Reden, Musik, Bühnen, alle warten auf „den“ Redner-in, sinneverführender Klaumauk soll von der Sinnlosigkeit ablenken.

Ein böses Spiel, um in Unmündigkeit zu halten, um, was frei geboren ist, sich von sich selbst entfernt zu halten.

Die Parteien sind Zersplitterungsparteien, sie zwängen die, die ihnen auf den Leim gehen, in Rollen, wollen Brüche und stehlen den Menschen Lebenszeit, weil sie vom eigenen Leben ablenken, was sich selbst entdecken sollte. Die Hampelmänninen der Zersplitterungsparteien sind zwar die ersten Opfer des Parteiprogrammierers, aber das darf keinen Ausweg in mildernde Umstände öffnen, denn sie sind, neben den Kunstreligionen, Mitverursacher seelischen Massenelendes. Von der auch dem Leichtgläubigsten erkennbaren Tatsache einmal abgesehen, daß es sich immer um dieselbe Partei handelt, um Fraktionen derselben Partei, die in Fraktionen zerlegt, Eigenständigkeit und ein „Profil“ vortäuscht. Ein fraktales Schema, aus einer einzigen Täuschung bestehend.

Profile waren nie vorhanden. Profile orientieren sich an Wirklichkeit, nicht an Schein. An der Wirklichkeit der Lebenslinien, der Wirklichkeit der Wunder dieser Welt, der Wirklichkeit der Möglichkeiten des Einzelnen, an der Wirklichkeit der Wege zur Unabhängigkeit, zu persönlicher Stärke.

Elementare Fragen, wie „was ist wichtig, was unwichtig für dich?“, werden weder beantwortet noch gestellt. Sie werden ignoriert, werden von Parteien und ihren Wortverführern verschwiegen, verschüttet, in Abrede gestellt, um weiterhin mit „Sachfragen“ (= sächlich) Tricksen und Täuschen zu können. Was sagt das über den geistigen Zustand von Parteien aus? Jemanden der 95 % der Wirklichkeit ausblendet und 5% als 100% ausgibt, den kann man nur als umnachtet bezeichen. Die Erfinder von „Verschmutzungsrechten“ und diejenigen, die sie kaufen und verkaufen, sind nicht nur Verbrecher, sie sind geisteskranke Verbrecher. Das ist kein Widerspruch.

In unserer Gemeinschaft findet keine evolutive Entwicklung mehr statt. Ent-Wicklung, das bedeutet die Abrollung, des uns übergebenen Knäuels, des Fadens der Ariadne, der uns durch und aus dem Labyrinth führt. Im Gegenteil scheint alles verwickelter zu werden, zu schrumpfen, „Probleme verdichten sich“. Das ist mit das Werk der Zersplitterungsparteien. Es sind ihre künstlichen Probleme, die uns verdichten sollen. Wer sich identifiziert, wird infiziert.

Anstatt Menschen zu helfen, für sich selbst Partei zu ergreifen, beeinflussen sie Menschen gegen Menschen und damit gegen die eigenen Interessen zu handeln, um sie soweit zu bringen, sich in die Parteiwelt einzuordnen. Parteien stammen aus der Unterwelt. Wobei nichts gegen CDU-Wähler gesagt sei, die stammen einfach nur aus bildungsfernen Schichten. Das läßt sich ändern.

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Link zu Teil II

4 Gedanken zu „Hensel´s Sonntagsmatinée: Frischluft für die Beleuchter

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