Hensel´s Sonntagsmatinée: Du bist nicht gescheitert – Teil III

von H.-P. Schröder

Oskar Panizzas Befreiung aus dem Giftschrank der frommen Denkungsart III. Teil

 

Kluge Köpfe brauchen keine Universität.

Sie bekommen, was sie wollen

und hinterlassen still

ihre Spuren in der Geschichte.“

Edward Snowden, COMPACT 08/2013

die Welt von unten

Schlipsiträger (2)

„…. da war einmal ein Dichter, der liebte Gott mehr als die Menschen.“ Und weil er Gott mehr liebte, als ihn die Menschen lieben, verzweifelte er an deren Liebe zu Gott und er rannte von Pontifex zu Pontiplex und packte jeden, den er traf und schüttelte ihn, um ihn wach zu rütteln. „Verkehrt, verkehrt, alles falsch“, schrie er „viel zuviel Flitter, Krimskrams und gepanschte Krämertugenden. Aufgepasst! Zum Himmel geht es in die andere Richtung.“ Die Berufsgenossenschaft der Fahrscheinverkäufer, aus ihrem jahrhundertelangen Verdauungs- und Verschlauungsschlaf geschreckt, reagierte schlaftrunkenträgehauruck mit Gegendarstellungen und organisierte empörte Öffenlichkeiten.

Unbeeindruckt davon schrieb der Dichter Buch um Buch über sein wichtigstes Thema der Welt. Er versuchte es zu Anfang mit der Vernunft, indem er nach den Inhalten suchte und indem er während der Suche Blendwerk und Hymnen und eine Quatrillion Ave Marias kurzerhand beiseite schiebend, eine Übersicht über die unbefleckte Empfängnis der Päpste verfasste, gefolgt von einem behäbig daherwalzenden, schneisenschlagenden Buch Kirchengeschichte, voller Jahreszahlen und Ereignissen und Begegnungen und Verhaltensweisen, das handelt von einem Herrn Michel und einem Herrn Papst, eigentlich handelt es von vielen Michels und vielen Päpsten und ist im Geiste Huttens verfasst. Aber wie das so ist mit Büchern, vor allem mit denen die nicht kitzeln und süß auf dem Lustzentrum zergehen und zudem noch Geld kosten, es wurde wenig gelesen, zu wenig und falls doch, von speziellen Sorten von Einzelenttäuschten, wie den strenggläubigen Atheisten und professionellen Opferhoppern, bei denen kaum Aussicht besteht, daß sie sich zu aufweckenden Einzeltätern hinaufschwingen. Und dann gelang dem Dichter im Jahre 1894 ein großer Wurf. Vorausgeschickt sei, er besaß eine Bibliothek von 10.000 Bänden, er unterhielt sich gerne mit geistlichen Herrn über Dieses und Jenes, er beobachtete ungläubig und er schaute dem Volk in den Kopf. Dort, im Kopf des Volkes, fand er sein Opus, den Stoff und die Umsetzung. Nur in Versformen musste der Poet das Ganze umgießen und fertig war das Posaunendrama, ein Meisterstück. Wie alle guten Geschichten spielt es im Himmel und auf Erden. Es geht so:

Der liebe Gott ist leider gealtert, seine Kräfte haben nachgelassen und er ist etwas schusselig geworden. Zudem leidet er an der Schöpfung. Nichts geht voran, nichts verändert sich, auch der eigene Körper ist nicht mehr das, was er einmal war, er zwickt und zwackt und die Beine wollen nicht mehr.

Und sein Glanzstück, die Menschheit, seine Menschheit, die läuft aus dem Ruder. Die machen was sie wollen, haben keinen Respekt und fürchten sich vor nichts, am wenigsten vor ihm. Den Alten nennen sie ihn. Am liebsten hätte der liebe Gott einen Schlußstrich gezogen, eine Flut oder eine Horde Kometen geschickt und neu angefangen, aber leider, leider, die Kräfte reichen nicht, für einen Neuanfang. Das bemerkt auch das Personal, die Cherubim steigen auf Altenpfleger um, man tuschelt hinter seinem Rücken. Kurzum, Gottvater leidet an Lebensüberdruss.

Aber da ist ja noch die Familie. Und wer gehört dazu: Jesus und Maria. Der Dichter beschreibt Jesus als hypochondrisches, blutarmes Mamakind, während Maria, knickerig, doch aufgepeppt, gut gekleidet und dominant auftretend, versucht, die Fäden zu ordnen, um zu verhindern, daß der Himmelswagen entgleist. Allerdings mangelt es ihr an Wissen, an für das Geschäft unumgänglich notwendiger technischer Begabung und an der für die Durchführung delikater diplomatischer Missionen unabdingbaren Welterfahrung. In seiner stummen Nebenrolle als vorübergende Erscheinung, tritt der Heilige Geist in Gestalt einer Feuerwerksrakete auf, die, hübsch anzusehen, ohne Wirkung funkensprühend im Niewana verpufft. Der endgültige Niedergang ist absehbar und alles stünde zum Schlechtesten, wenn da nicht noch der Teufel wäre.

Als Mann von Welt wohnt er natürlich nicht im Himmel, sondern unten, in einer verwanzten Kammer, die über eine wackelige, lebensgefährliche Hühnerleiter erreichbar ist. Der Teufel ist des Himmels Mann für`s Grobe, der alle Verhältnisse kennt, oben, unten und in der Mitte, der aber oben machtlos ist. Dort ist er Lakai unter Lakaien. Der Teufel wird nach oben befohlen und man erklärt ihm die Lage. Die Menschen seien zu selbstständig geworden, man brauche etwas, um sie in die Schranken zu weisen, so eine richtig fette Knute, die sie zwar nicht umbringt, aber wieder Mores lehrt, um sie nicht klüger, sondern gefügiger zu machen. Er solle sich etwas Teuflisches überlegen und bald wiederkommen. Der Teufel sieht seine Gelegenheit. Schüchtern wagt er Lohn anzumahnen, denn die Aufgabe sei zwar nicht unmöglich zu vollbringen, aber delikater Natur und schmutzig sei sie obendrein. Was er wolle, wird er gefragt? Zum Beispiel die Ausbesserung der Stiege, sonst würde er sich eines Tages den Hals brechen und vielleicht noch einen hübschen Teppich für sein Wohnzimmer, das wäre nett, es könnte auch ein Gebrauchter sein, denn der Alte bestünde fast nur noch aus Mottenlöchern. Vielleicht, daß man auch seine Bücher drucken lassen könnte, denn man muß sich doch äussern dürfen!

Der Himmel reagiert zurückhaltend, er solle zuerst `mal liefern.

Man erfährt, wie man im Himmel mit Dienstboten umzugehen pflegt. Fast wie in der Hölle. Genau so wie auf der Erde. Man verspricht nichts und drängt auf die Erledigung der Aufgabe. Der Teufel entfernt sich murrend und beginnt zu überlegen, was aus der Sache zu machen sei. Ein verdeckter Vorteil muß mit herausspringen, denkt er, dazu ein Klecks Rache an denen oben und das Rezept bleibt selbstverständlich im Familienbesitz. Er phantasiert sich in den Selbstekel, – vielleicht einen Triumphbogen?, einen eigenen Feiertag?, zwei, drei Prozessionen?, die Ernennung zum Kardinal? – bis eine Revolte des Magens seine Wunschvorstellungen bestraft.

In Erledigung seiner Aufgabe entscheidet sich Herr Teufel für biologische Kriegsführung, er beschließt eine bakteriologische Waffe zu bauen. Als Grundstoff benötigt er ein Weib, nicht irgendeines, oder ein attraktiv-gefälliges, nein verworfen muss es sein, je verworfener, desto lieber. Die Wand seiner Kammer verschwindet, dahinter erstreckt sich ein düsterer Gottesacker unter einem fahl glimmenden Nachhimmel, gegen den die gothic novel Friedhöfe Englands Erholungsstätten sind. Hier ruhen die großen Verworfenen der Geschichte. Eine schlimmer als die andere, oder was man so dafür hält. Der Teufel wählt Salome, weil die so hübsch gewissenlos war, holt sie aus dem Grab und zeugt mit ihr ein wunderschönes Weib, das Urbild des Weibes, ein Gefäß voller Anmut, provozierender Hingabe und erotischer Anziehungskraft. Ein Mädchen, eine Frau, bei deren Eintritt alle Frauen verstummen und alle Männerkörper zum Los rennen.

Als der Teufel die Dame im Himmel vorstellt, kommt es zu einem Eklat: Die Dame ist derart gut gemacht, daß sie ein schier unheiliges Interesse auslöst. Es fehlte nur noch, daß sich Maria nach Schminkrezepten erkundigt. Besonders ihre vom Teufel erläuterte Wirkungsweise erregt Aufsehen und nährt die Neugier. Genug!

Was macht der Teufel als nächstes: Nach der Vorstellung und der Absolution durch den Himmel bringt er sein Werk auf die Erde, nach Rom. In Rom herrscht derzeit sein Bruder im Geiste über das Christenvolk, Alexander der Sexte (1492-1503), Rodrigo aus dem Hause Borgia, ein robustes Scheusal, wie ihn manche Chronisten bezeichnen. Nichts menschliches soll ihm fremd gewesen sein, Giftmorde, Blutschande, Ämterverkauf, ein Hurenbock von Format, Lustknaben zum Frühstück und so weiter.

Dort setzt der Teufel sein Geschöpf ab. Rechtzeitig zur abendlichen Lustbarkeit im Vatikan erscheint Frau Syphilis am päpstlichen Hof und erregt ungeheu`res Aufsehen, jeder will, soviel er kann. „Tschau“, sagt der Teufel zu ihr, „ mach`s gut, bis später“. Wie es endet? Es endet, wie es enden muß:

„Straße vor dem päpstlichen Palast. Das Weib tritt leise heraus, übernächtigt und abgeschlagen, in den Ohren und am Hals reichen Brilliantschmuck. Scheu und vorsichtig schaut sie sich um. Da bricht der Teufel, der bis dahin ungesehen hinter einer Dachrinne stand, hastig hervor und raunt ihr gebieterisch zu: „Jetzt zu den Kardinälen! Dann zu den Erzbischöfen, Gesandten, italienischen und fremden! Zum Camerlengo, zu den Nepoten, Bischöfen! Dann durch alle Klöster durch! Dann zu dem übrigen Menschenpack! Tummele dich und halte die Rangordnung ein!“

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(Fortsetzung folgt)

Link zu Teil I+II

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