Hensel´s Sonntagsmatinée: Du bist nicht gescheitert – Teil I

von H.-P. Schröder

Panizza, Oskar

„Die Leute weinen leicht“ – sagt Mendel in seiner
Studie über die Paralise des Gehirns -.
Ja zum Henker! Warum weinen die Leute? – Weil sie
Steuern zahlen müssen. Weil sie ihren letzten
Blutstropfen für Militärforderungen hergeben
müssen. Weil ihre Familien der Willkür einer
brutalen Soldateska ausgesezt sind. Weil sie
einer avancement-hungrigen Justiz ausgeliefert
sind. Weil sie ihre Schmerzen, ihre Hilferufe nicht
mehr aussprechen, nicht mehr drucken lassen dürfen.
Weil man sie zum Anbeten des „grossen Tier`s“
zwingen will ……..“
Oskar Panizza: Psichopatia  Criminalis*, die kriminelle Psychose, 1898

*

zur Einstimmung die Vorstellung der Psichopatia Criminalis* oder Kriminellen Psychose

Monarchie ≙ Demokratie ≙ Theologie ≙ Manie

„Die häufigste Form geistiger Erkrankung ist die Manie. Man braucht nun nicht etwa dabei  zu denken, das die Leute, wie der Laie oft meint, dabei die Wand hinauflaufen müssen.  Ganz im Gegenteil. Es ist die stille Wut, das geheime, ruhige Konspirieren, das innere freche Denken, was diese Leute auszeichnet; es ist die mania anti-gouvernementalis.
Man versuche nur einmal, den Lebens- oder Bildungsgang solcher Menschen etwas genauer zu verfolgen. Das geht meist schon mit Schiller an, den sie auf den Schulen unter der Bank lesen. Es sind „die Räuber“, die frechen Frasen dieses  unreifen Halb-Schenies- der gouvernementale Goethe verabscheute das Stük – die den jungen Leuten die Köpfe verrüken. …
Hat man also einen solchen Verdächtigen in foro zu untersuchen, und ihn auf  Manie, mania simplex, hinauszuspielen – ich meine ihn von der Seite der Anklage darzubieten-, so komt es vor Allem darauf an, das man ein bischen in die Art des Angeklagten, zu reagieren, sich gesellschaftlich zu geben, oder Etwas von der Gemüts-Seite aufzunehmen, kurz in seine ganze frühere Krankheits-Geschichte eingeweiht sei…..  Man nimmt seine Manie, wo man sie findet. Und zur Beruhigung einer derartig flagranten Reizbarkeit… sind mehrere Jahre Internierung, mindestens bis über die nächste Legislaturperjode, durchaus nicht zu viel.“

„…  ist es Pflicht des Sachverständigen, sich die leisesten Anfänge der psichopatia criminalis als Beobachtung zu eigen zu machen, und, insolange eine eigener  Lehrstuhl für die politischen Gehirnprozesse noch nicht errricht ist,  und sich unsere Disziplin unter die Fittiche der gemeinen Psichjatrie flüchten muss, keine Gelegneheit zu versäumen, um sich aus der politischen Geschichte der Volkserhebungen psichologisch und psichjatrisch zu bilden.“ Sobald die Aufrührer bemerken „dass man keine Märtirer-Kränze mehr erringen…, im Irrenhaus mit  seinem bischen Gehirn verfaulen kann, lassen sie die Hände davon und hüten sich, gegen die von Gott… eingerichtete staatliche Ordnung sich aufzulehnen.“ Bei rechtzeitig erstellter Diagnose, schreibt Oskar Panizza, und exempliert den Fall Schubart, könnte durch eine frühe „psichjatrische“ Ingewahrsamnahme von ein paar Jährchen, öffentlichen Ärgernissen vorgebeugt werden:
„Chr.F.D. Schubart, 38 Jahre alt, Kantor und Schulmeister, wie es scheint nicht  belastet, ausser durch einen unwiderstehlichen Hang Verse zu machen, von guter musikalicher Begabung, ergibt sich früh dem Trunke und der Ausschweifung, kann sich auf der Universität nicht halten, wird wegen Schulden verhaftet, nach seiner Entlassung ruhiger geworden…. . … er komt in die Residenz, wo er den Fürsten und die Hofdamen durch sein glänzendes Orgelspiel fesselt, … macht Spottgedichte auf die heiligste Litanei und den allerheiligsten dreieinigen Gott, die er in Musik setzt und mit schnörkelhaften Verzierungen dem Schlussgottesdienst anfügt. Er muss fliehen…, flieht in die nächste Reichsstadt, wo er seine Zeitung fortsezt und durch den frechen Ton derselben bedeutenden Absatz findet; er beschimpft alle 48 deutschen Potentaten auf„s Maasloseste, indem er ihre Mätresssen aufzählt und ihnen verbieten will, zur Unterhaltung ihrer Privat-Bordelle und Balett-Häuser die Landessöhne als Soldaten in`s Ausland zu verkaufen. Endlich wird der
Gauner.. …verhaftet und in Kerkerhaft abgeführt. Der Zustand bessert sich sofort. Er verlangt zum Abendmahle, betet brünstig zu Gott, lässt alles irdische Versemachen bleiben, nimmt dreissig Pfund ab; …. ein tiefer Seelenfriede zieht in sein Inneres ein. ….. Als er nach zehnjähriger Haft durch einen Zufall entlassen wird, ist er ein Anderer geworden. Als Hoforganist gelingt es ihm in meisterhafter
Weise vor der Mätresse des Allerhöchsten die Orgel zu spielen. Er gewinnt voll die Gunst seines Fürsten. ….  Geachtet von allen Ehrlichen des Landes stirbt er bald darauf dekoriert von seinem Fürsten.“

Christian Friedrich Daniel Schubarts Bild in wikipedia**:
„Christian Friedrich Daniel Schubart, 1739-1791 war ein deutscher Dichter, Organist, Komponist und Journalist

Historische Bedeutung erlangte er insbesondere durch seine scharf formulierten sozialkritsichen Schriften, mit denen er die absolutistische Herrschaft und deren Dekadenz im damaligen Herzogtum Württemberg öffentlich anprangerte. …

Weil er den Verkauf von württembergischen Landeskindern für Englands Kolonialkriege anprangerte und Carl Eugens Mätresse Franziska von Hohenheim als „Lichtputze die glimmt und stinkt“ verspottete, lockte man ihn zwei Jahre später mit Hilfe eines Spitzels nach Blaubeuren, um ihn auf württembergischem Territorium verhaften zu können. … Als man ihn im Februar 1777 auf die Bergfestung Asperg brachte und in den Kerker warf, waren auch der Herzog und Franziska zugegen, denn diese Genugtuung wollten sich die beiden Gekränkten nicht entgehen lassen.

Zehn Jahre lang war Schubart das Opfer absolutistisch motivierter Umerziehungsmaßnahmen. Er durfte in seinem Turmverlies keinerlei Besuch empfangen, und auch das Lesen und Schreiben war ihm in den ersten Jahren verboten. Trotz zahlreicher Fürbitten vieler Freunde in ganz Deutschland, die Gedichte über ihn schrieben und ihn (wie z.B. Johann Gottlieb Herder) als Freiheitshelden und Märtyrer feierten, wurde er von Carl Eugen erst im Mai 1787 wieder freigelassen – vor allem angesichts der Einmischung Preußens. …

Mit dem Tod Schubarts 1791 verbindet sich die Sage, er sei lebendig begraben worden…. .“

– Fortsetzung folgt –

Link zu Teil I+II

Link zu Teil III

Link zu Teil IV

* Alle zitierten Textstellen werden in der Originalorthographie wiedergegeben.
Oskar Panizza: Die kriminelle Psychose, genannt Psichopatia criminalis: Hilsbuch für Ärzte, Laien, Juristen, Vormünder, Verwaltungsbeamte, Minister etc. zur Diagnose der politischen Gehirnerkrankung, München (1898), Matthes und Seitz, 1985
Untertitel der Originalausgabe von 1898: „Anleitung um die vom Gericht für notwendig erkanten Geisteskrankheiten psichjatrisch zu eruiren und wissenschaftlich festzustellen. Für Ärzte, Laien, Juristen, Vormünder, Verwaltungsbeamte, Minister, etc. .“
**http://de.wikipedia.org/wiki/Christian_Friedrich_Daniel_Schubart

11 Gedanken zu „Hensel´s Sonntagsmatinée: Du bist nicht gescheitert – Teil I

  1. Kannte eigentlich nur das Lied
    Die Forelle von Schubart
    wonach Schubert das wunderschöneschöne
    Forellenquintett geschrieben hat.
    (Volksliederarchiv.de):

    ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

    In einem Bächlein helle,
    Da schoß in froher Eil
    Die launische Forelle
    Vorüber wie ein Pfeil

    Ich stand an dem Gestade
    Und sah in süßer Ruh
    Des muntern Fischleins Bade
    Im klaren Bächlein zu.

    Ein Fischer mit der Rute
    Wohl an dem Ufer stand,
    Und sah’s mit kaltem Blute,
    Wie sich das Fischlein wand.

    So lang dem Wasser Helle,
    So dacht ich, nicht gebricht,
    So fängt er die Forelle
    Mit seiner Angel nicht.
    Doch endlich ward dem Diebe
    Die Zeit zu lang. Er macht
    Das Bächlein tückisch trübe,
    Und eh ich es gedacht,

    So zuckte seine Rute,
    Das Fischlein zappelt dran,
    Und ich mit regem Blute
    Sah die Betrogene an.

    Die ihr am goldenen Quelle
    Der sicheren Jugend weilt,
    Denkt doch an die Forelle,
    Seht ihr Gefahr, so eilt!

    Meist fehlt ihr nur aus Mangel
    Der Klugheit, Mädchen, seht
    Verführer mit der Angel!
    Sonst blutet ihr zu spät!

    ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

  2. Freiheit ist a priori und eben nicht empirisch zu erfassen, wie Schiller und Goethe es in den Zahmen Xenien formulierten: Freiheit ist Gnade in höchster Pflicht.

    Der Mensch, der in Freiheit geboren ist, hat keine Orientierungspunkte vor sich. Solch ein Mensch muss diese Punkte erst setzten wie die Sternbilder am Himmel, damit die anderen, die hinter ihm kommen, eine Orientierung haben dürfen.

    Das ist die Pflicht des freien Menschen.

    Der Rest ist Geschwafel.

  3. Für Schubarts Boudoir

    Beachtlich, was so alles
    vom trunk`nen Kopf
    fällt in den Schoß,
    was aus der Wimpern dunk` lem Schloß,
    entkommt
    auf einem Feuerroß.

    Schubart reitet.
    Immer noch.
    Immer noch am Uferrand,
    von Samarkand.

    Reitet auf und reitet ab,
    gibt von seinem Übermaß,
    dirigiert mit einem Zauberstab,
    schenkt Metaphern aus dem Glas,
    fischt Poesie mit wilder, leichter Hand,
    streut sie in den Meeressand,
    zu den Zitteraalen
    und in das Makrelenfaß,
    mitten in das salzverrauchte Naß,
    das sie bedeckt, entdeckt,
    im Wechsel die Erinnerung bewahrt
    und im Geheimen uns erhält,
    was irgendwo,
    zwischen Morgenland und Tand,
    aus den Fürstengrüften bellt.

    Liebe, Wein, frivoles Wort,
    Gesang und hübsches Frauenbein,
    dazu ein wenig Seelenpein
    das wär`genug gewesen
    für ein, zwei Künstlerleben.
    Doch er musste tiefer weben.

    Was man ihm tat?
    Denkt nach!
    Schubart entkam.
    Als er entkam,
    war er handzahm.

    Das hielt nur ein paar Jährchen an.
    Für uns ist er,- der wilde freie Mann.

  4. Oskar Panizza: Psichopatia Criminalis*, die kriminelle Psychose, 1898

    Kannte ich noch nicht, bei der Suche ein freies E-Buch gefuden nur komme ich da nicht weiter … http://www.amazon.de/Psichopatia-Criminalis-ebook/dp/B004WLG6SS/ref=sr_1_2?s=books&ie=UTF8&qid=1379854771&sr=1-2

    —–

    lesenswert:

    Der Mörder von Rosenheim
    10. September 2013 von ki11erbee

    http://killerbeesagt.wordpress.com/2013/09/10/der-morder-von-rosenheim/

    so auch zu
    Gießen: “Meine Oma mag auch Sinti & Roma” gelangt

    http://www.giessener-anzeiger.de/lokales/stadt-giessen/nachrichten/13438755.htm

    Klaro, „Enkeltrick“ endlich rufen mal mehr Kinder an ….

  5. Lieber HPS.

    Der Kurz-Vers als pädagogisches Stilmittel ist seit dem neunzehntem Jahrhundert aus der Mode geraten.

    Der „Totengräber“ dieses Stilmittels war Friedrich von Hardenberg, genannt: Novalis, weil dieses Genie deutscher Sprache den Zeilenumbruch zu einer durchgängigen Geschmeidigkeit geführt hat.

    „Du hast im mir den edlen Trieb erregt, tief ins Gemüt der weiten Welt zu schauen.
    Mit deiner Hand ergriff mich ein Vertrauen, das sicher mich durch alle Stürme trägt…“

    Goethe sagte einmal, wenn man mich den König der Dichter nennt, dann ist Novalis der Kaiser.

  6. Panizza: Psichopatia Criminalis
    war mir nicht bekannt, danke.

    Wen´s dabei vielleicht interessiert:
    Lobaczewski – Politische Ponerologie
    Cleckley – Mask of Sanity
    Dabrowski – Positive Disintegration
    sind teils frei, teils deutsch, teils englisch im Internet verfügbar.

  7. Als Beispiel für den Fünfheber:

    Was sind das nur für widerliche Viecher,
    Das Merkeltier und andere Arschkriecher.

    Wer fasst dass noch mit sauberen Verstand
    Und hat den Strick nicht schon geknüpft zur Hand?

    Und so weiter…

  8. Vielen Dank für den Hinweis, leider bin ich in Bezug auf Mode, Stilform und Versmaß als ungebildet zu bezeichnen. Es bevorzugt die freie Form. Es kommt heraus, wie es ihm gefällt.

  9. Oskar Panizza
    Die kriminelle Psychose, genannt Psychopatia Criminalis (und andere merkwürdige Schriften)
    Berlin, Matthes & Seitz, 2. veränderte Auflage 1985 .
    ISBN 8885957102
    Preis 6,50, Porto 2,20

    Erhältlich bei
    I-Net-Antiquariat K.Bigge
    Steubenstr. 7
    D-44137 Dortmund
    Deutschland
    Telefon: +49 231 / 2 86 05 56
    E-Mail: INetAntiquariat@versanet.de

  10. Das macht nichts Herr Schröder.

    Übrigens ist das Sonnet mit Hexa- und Pentametern eines der unangenehmsten Versmaße:

    „Natur und Kunst, sie scheinen sich zu fliehen,
    Und haben sich, eh man es denkt gefunden.
    Der Widerwille ist auch mir verschwunden.
    Und beide scheinen gleich sich anzuziehen.“

    (Goethe, Das Sonnet)

    Der lyrische Versuch ist auch immer der Versuch an sich selbst: Wie klingt und schwingt die Seele? Und manches mal ist es einfach nur dunkel.

    Von Westen nach Osten in drohender Nacht
    der Nachkriegsjahre `rüber gemacht`.

    Die Gründe im Dunkel der Zeiten dahin.
    Es fasst und begreift nicht und wo ist der Sinn?

    Ein Flüstern, ein Wispern, der Nebel dazu,
    Ein Schatten, da huscht er -noch ist keine Ruh`.

    Das Töchterchen mitten, von Schönheit befreit,
    Doch stramm eingewickelt zum Kader bereit.

    Erst krabbeln, dann schleichen und gut denunzieren,
    Zum Amt eines Kanzlers geht`s nur auf den Vieren.

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