in memoriam Jacques Vergès: Live-Geschichtszeuge des XX. Jahrhunderts

vergeserschienen bei Strategic Culture Foundation – Danke an André

Übersetzung John Schacher

Jacques Vergès, der berühmteste Anwalt der Welt, starb am 16. August im Alter von 88 in Paris. In diesen Tagen eilen Berichte durch die Welt der Nachrichtenagenturen, die seinen Tod entweder mit dem Beinamen «Advokat des Teufels» oder «Terror-Anwalt» verbinden. Ich hatte eine von Gott gesandte einmalige Gelegenheit, ihn persönlich kennen zu lernen. Heute ist es meine Pflicht, der Welt von ihm erzählen und den Medien zu sagen: «Nein, er war nicht der Anwalt des Teufels. Er war der Anwalt der Dämonisierten … »

Er wurde häufig die gleiche Frage gestellt: «Wie kann man nur unhaltbare Kunden verteidigen?» Slobodan Milosevic und Saddam Hussein werden in der Regel als Beispiele angeführt … Manchmal werden diese Namen zusammen mit Klaus Barbier und Ilich Ramirez Sanchez (mehr als Carlos der Schakal bekannt) erwähnt. Vergès machte eine strikte Unterscheidung zwischen denen, die wahre Verbrecher (und seine Kunden) waren und jenen, die er sich entschieden hatte zu verteidigen, weil es ihm von seinem Herzen befohlen wurde. Er behauptet, auf die Frage, ob er Hitler verteidigt haben würde, geantwortet zu haben: «… Ich würde sogar Bush verteidigen! Aber nur, wenn er zustimmt, auf schuldig zu plädieren.» Das ist es, was Vergès war!

Er war eine sehr einzigartige Persönlichkeit, die ihn als «die lebendige Geschichte des XX Jahrhunderts» bezeichneten, hatten Recht. Das letzte Mal sah ich ihn in seinem Arbeitszimmer und spürte nur – die Atmopshäre echter Live-Geschichte. Er zeigte mir alles. Das Arbeitszimmer war eine reales historisches Museum. Er nahm einen Gegenstand nach dem anderen und sagte «dieses ist von Che Guevara, jenes wurde mir von Mao Tse Tung gegeben und das ist ein Geschenk von De Gaulle». Es war bekannt, daß er mit Pol Pot befreundet war … Einen ganz besonderen Ort gab es für Geschenke der Präsidenten der afrikanischen Länder. Das größte Ding im Studio war eine afrikanische Skulptur (hoch genug, um die Decke zu berühren), ein Geschenk von Moussa Traore, dem Präsidenten von Mali. Vergès verteidigte auch die Präsidenten Idriss Deby im Tschad, den Präsident von Gabun Omar Bongo, den Präsident von Kongo-Sassu Ngesso sowie den Präsidenten von Kamerun Paul Biya.

Als Libyen bombardiert wurde, war er in Tripolis, um Gaddafi zu verteidigen. Es war eine mutige politische Bewegung (unter Berücksichtigung, dass Frankreich unter denen war, die an der Operation gegen Libyen teilnahmen), welche seinen persönlichen Mut demonstriert. Es ging nicht nur um Gerichte und Gerichtsverfahren. Seit 2009 begann Vergès zu erscheinen … auf Theaterbühnen. Seine Serien Plaideur (1) (Serial Defender) war ein sehr beliebtes Kammerspiel. Viele seiner Präsentationen, vor allem diejenigen für Jurastudenten, waren eher wie Theaterstücke als Vorlesungen. Es kommt nicht von ungefähr, dass einer seiner besten Präsentationen «La passion de défendre» (Die Leidenschaft zu verteidigen) genannt wurde. (2) Er lebte wirklich mit Leidenschaft! Mit seiner Lebenserfahrung wäre es nur natürlich, sich an Umstände zu gewöhnen und nicht durch ungerechte Prüfungen und die Laster der Welt überrascht sein, schließlich war er seit fast 70 Jahren(!) im Geschäft. Aber nein, nicht er! Er verteidigte leidenschaftlich seine Kunden bis zum letzten Atemzug, es sah jedesmal aus, wie wenn sein Herz dort im Gerichtssaal brechen würde. (3) Seine Leidenschaft zu verteidigen war echt, ehrlich und unverstellt.

Bereits im Jahr 1960 wurde er in den Strassen-Protesten gegen die Ermordung von Patrice Lumumba, dem ersten Ministerpräsident des unabhängigen Kongo, verwundet. Später musste er denjenigen, der einen direkten Bezug zu dem Attentat gegen Lumumba hatte verteidigen – den berüchtigten Moïse Kapenda Tshombe. (4) Seine Leidenschaft erwies sich auch im Laufe des Verfahrens eines der bekanntesten Fälle in Frankreich real – dem Fall von Djamila Bouhired. Während Algerier gegen den französischen Imperialismus kämpften, wurde ihr die Beteiligung an terroristischen Aktivitäten vorgeworfen, ein Todesurteil folgte. Damals war Vergès ihr Anwalt. Er verteidigte Djamila und wurde später ihr Mann.

Zusammen mit seinem Freund Roland Dumas, dem ehemaligen Außenminister Frankreichs, reiste er nach Tripolis zu der Zeit, als das Land bereits von der NATO bombardiert wurde. Dumas erzählte mir später, es war das erste Mal, dass er Vergès weinen sah …

Der berühmte Anwalt war ein Verteidiger der Verfolgten und Unterdrückten. Als der Westen den totalen Krieg gegen das serbische Volk startete, war er unter den Ersten, ihre Verteidigung zu starten. Er schrieb die Bücher: L’Apartheid judiciaire: le Tribunal Strafrecht international, arme de guerre (Legal Apartheid: Internationaler Strafgerichtshof, eine Kriegswaffe) und La Justice pour le Peuple Serbe (Die Gerechtigkeit für serbische Volk) von Swiss L veröffentlicht ‚ Age d’Homme (Verlag), die einen erheblichen Einfluss auf die öffentliche Meinung im Westen ausüben.

Im Jahr 2006, gleich nachdem Slobodan Milosevic während des Verfahrens vor dem Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien getötet wurde, beschreibt sein Buch mit dem Titel Verges Kommentar veröffentlicht le Tribunal de La Haye ein Elimine Slobodan Milosevic ou L’assassinat judiciaire médicalement assisté (Wie das Haager Tribunal Slobodan Milosevic liquidierte oder das medizinisch unterstützte Attentat im Gericht) im Detail den Prozess gegen den ehemaligen serbischen Präsidenten. Das Buch enthält Dokumente zur Unterstützung der Beweisaufnahme. (5) Im Jahr 2007 arbeiteten Jacques Vergès  und ich zusammen an der Befreiung von Dr. Vojislav Šešelj, dem Führer der Serbischen Radikalen Partei. Vor den Internationalen Strafgerichtshof gestellt für das ehemalige Jugoslawien auf Basis erfundener Anschuldigungen. Seine Verteidigungshaltung hatte immer rein nach rechtlichen Begründung definiert, wenn auch manchmal seine Formulierung ein bisschen zu hart zu sein schienen. Er rief den Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien eine Hure, obwohl die Medien oft diesen König der Argumente weggelassen haben. Die Sache ist, dass seine Definition unwiderlegbar und exakt ist: es ist nicht nur die internationale Gemeinschaft (das Tribunal nennt sich deren Soldat!), sondern auch einzelne Staaten und Persönlichkeiten bei der Verfolgung ihrer eigenen Ziele, von denen das Tribunal jeweils Geld erhält. (6)

Im Jahr 2009 verteidigten Vergès und ich zusammen Omar Al-Bashir, den ehemaligen Präsidenten des Sudan, der vor den International Crimes Court geladen war. Die Welt der Rechtswissenschaft kennt keine angemessene Bewertung dessen, was passiert war und wie in diesen Tagen der Haftbefehl ausgestellt wurde. Es geschah mit Absicht, denn damals waren die Grundpfeiler der zeitgenössischen internationalen Rechtsordnung zerbrochen worden, eine Tatsache, welche die «demokratisch-gesinnten» Anwälte lieber zuzugeben scheuen. Genau darüber nachdenken – eine überparteiliche Organisation vollstreckt den Haftbefehl einer Reihe von Staaten an Nicht-Vertragsparteien des internationalen Vertrags. Dies ist eine Entscheidung von beispiellos zerstörerischen Auswirkungen! Der Al-Bashir Fall untergrub das Fundament des Völkerrechts. Es wurde gegen Länder angewendet, deren Staatschefs mittels solcher «internationaler Haftbefehle» gejagt wurden – und vom Westen durch Sanktionen und Bombardierungen unterstützt. Der Westen fürchtete Vergès, sie taten ihr Bestes, um ihn von Studien weg zu halten. Er durfte nicht den ehemaligen irakischen Außenminister Tariq Aziz verteidigen. Er hat mir erzählt, dass Tariq Aziz ihn aufforderte sein Anwalt sein, aber die US-Regierung ließ den Rechtsanwalt nicht in den Irak mittels Ablehnung seines Visums. (das wirft eine andere Frage auf: warum überhaupt ein US-Visum notwendig war, um in den Irak zu kommen).

Der «Terror Advocate» Dokumentarfilm wurde zum ersten Mal im Jahr 2007 bei den Filmfestspielen in Cannes gezeigt. Er beschrieb ausführlich das Leben von Jacques Vergès. Der Film enthält die herausragendsten Momente des Lebens. Vielleicht ist dies sogar der beste historische Film über das XX. Jahrhundert auf der Lebensgeschichte des Mannes namens Jacques Vergès basierend. (7)

Er war ein bemerkenswerter Schriftsteller bei der Bearbeitung verschiedenster Themen. Er konzentrierte sich vor allem auf Lehrbücher für Rechtswissenschaft, aber es gab auch Bücher über Politik und Recht, wie zum Beispiel, Sarkozy sous BHL (Sarkozy unter BHL) (8) oder «Crimes et Fraudes de Côte d’Ivoire» (Verbrechen und Betrug in Cote d’Ivoire), die fast sofort veröffentlicht wurden, als Frankreich militärische Interventionen in Libyen und Côte d’Ivoire ins Leben gerufen hatten. (9) Die Bücher waren relevant und haben großen Einfluss auf die öffentliche Meinung in Frankreich. Viele seiner Werke sind von Interesse für die breite Öffentlichkeit, zum Beispiel Justiz Et Litterature (Justiz und Literatur), wo er oft Feodor Dostojewski zitiert. Dieses Jahr hat sein Buch genannt Souvenirs et Rêveries (Erinnerungen und Träumereien) (10) das Licht gesehen.

Ich bin meinem Schicksal dankbar, dass ich eine Möglichkeit hatte, diesen großen Juristen und bemerkenswerte Persönlichkeit kennenzulernen. Er ist unvergleichlich und einzigartig, in einem gewissen Sinn. Ich erinnere mich an den Abschied von ihm im Jahr 2012, als wir uns das letzte Mal in Paris trafen. Er verabschiedete mich an der Treppe und sang unvermittelt einen Vers aus einem Lied über Stalin für mich. Er hatte eine einzigartige Stimme und – egal er in seiner 90er Jahre war – sang überraschend schön…

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5 Gedanken zu „in memoriam Jacques Vergès: Live-Geschichtszeuge des XX. Jahrhunderts

  1. Ich habe mal quer durch die Presse die Nachrufe gelesen, es ist schon bezeichnend wie an Verges erinnert wird: überwiegend negativ, ohne daß man jedoch die eigene Faszination an diesem starken Charakter verbergen könnte. Oder ist es Neid auf den Begabteren: „Ausgerechnet in jenem Zimmer, in dem am 30. Mai 1778 der Philosoph der Aufklärung seinen letzten Atemzug tat, verstarb nun der Advokat des Teufels. Ein gelungener Abgang.“ (Die Welt: „Jacques Vergès – Der Anwalt der Schlächter“)
    Einzig die Süddeutsche: „Leidenschaft für die Hoffnungslosen“ läßt Sympathie für Verges erkennen: „Der hoch gebildete, feinsinnige Genießer, Kunstliebhaber und Ästhet mit der teuren Havanna im Mund war einer der brillantesten Anwälte von Paris. Seine schulbuchwürdigen Plädoyers für Gewaltherrscher und Verbrecher sind nach dem Muster gestrickt: Die Gesellschaft ist im Grund kaum besser als der Angeklagte. Vom bloßen Dandy unterschied ihn ein Kern aufrichtiger Überzeugung, der für Freunde wie für Feinde jedoch unfassbar blieb.“
    Danke Jo für die Übersetzung.
    Eine Empfehlung ist auch das auf strategic-culture.org angehängte Interview wert, in dem zu einigen der Prozesse nochmal einige Hintergründe erläutert werden (Milosovic, Rote Khmer, Elfenbeinküste, Kongo..)

  2. Bin ich wohl auch der Erste, der sich verneigt? Wir dürfen ja nicht vergessen, welche Diebe und Agenten nun alles unternehmen, um die Zustände, wie im Iran herzustellen, bei uns unterwegs sind! Und siehe, die Waffenhersteller, die machen doch mit Jedem Geschäfte! Ein Geheimnis, aber, das kennt nur der wahre Mensch, es dreht sich alles nur um deren EGO! Statt im Frieden leben zu wollen, wird gehetzt was das Zeug hält! John Schacher, ich glaube, Du bist auch ein sehr angenehmer Mensch und Freund, so sehen wir uns auch bei einem Met im Kreise Wotans oder neben dem Schöpfer! Glück Auf, meine Heimat!

  3. Es geht einem doch wohl am Arsch vorbei, siehe Ägypten und nun das selbige Verhalten, wie in Afghanistan! Nur Zerstörung zählt, aber Nichts für das Volk! Und die Reiter, Agenten der NWO, also USA und ISRAEL! Also immer noch und seit Kolumbus Indianer und Afrika, Kolonie von wem? Wem gehört das Land und wer arbeitet in dem Land? Diese Menschen werden, wie wir seit 1000en von Jahren nicht überzeugt sein, das der Jude von Gott ist! Hinterhalt und Mord, das ist sein Werkzeug, wie auch seiner Allierten! Und Befreiung, Westerwelle, ohne Staatsangehörigkeit im eigenem Land und auch mit Verrat am Grundgesetz, wie auch der Versprechen der FFDP, sollte er sich doch zurücknehmen, siehe meine Geschichte zu Algeriern und Ägyptern. Diese Menschen haben nur einen Feind und der zeigt sich mit bezahlten Mörderbanden und auch nun mit Westergalle!
    Man kann das letzte Jahrhundert auch bezeichnen als Befreiungsstraße für die Judanei!
    Kein Glück Auf, und noch den Beitragsschreibern einen Dank, sie haben recht!

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