wozu “macht” man denn “einen Tahrir”?

Proteste auf dem Tahrir Platz in Kairo - Photo: Lilian Wagdy
Proteste auf dem Tahrir Platz in Kairo 2012
Foto: Lilian Wagdy

Auszug von chartophylakeion tou polemou – Danke an André

Man kann ja nicht eben sagen, dass sich Ägypten unter Marschall Hosni nicht weiterentwickelt hätte. Sehr wohl entwickelte es sich in dem Maße, in dem sich Ägypten überhaupt entwickeln kann, jedoch waren die natürlichen Folgen einer solchen Entwicklung populationsmäßig explodierende Vorstädte, Unmengen an jungen Leuten, die trotz Ausbildung in rauen Mengen umherirrten und keine Ahnung hatten, wo man sie braucht, und zum gefährlichen Sprengstoff wurden. Dazu die Verarmung der ländlichen Region.
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Dazu die Agitation der “Ichwan” (Muslimbrüder), die Kaumi oben erwähnt – ihre Autorität ist in den Vororten und ländlichen Regionen nahezu absolut, denn sie versprechen es ja, alle Probleme zu lösen. Dazu die Ambitionen der Intellektuellen, die einmal Westluft schnüffeln durften. Und vor dieser Lage hatte Ägypten einen Präsidenten, der aufgrund seines Alters und seiner Krankheiten schon kaum noch etwas zu kontrollieren in der Lage war – selbst die Kontrolle über seinen eigenen Parteiapparat war ihm entglitten, wo üblicherweise die “kapitalen Burschen” saßen. So dass allen klar war: geht der Pharao, so hat sein Sohn Gamal keine Chance mehr, die Lawine aufzuhalten. Und um die zu entschärfen, kam es zum Schmelzofen, dem Tahrir.
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Wie das Szenario es nun einmal vorschreibt, durften die Ichwan in Person des Mursi eine Weile lang am Ruder stehen, und haben von ganzer Seele gerudert, so dass die Wirtschaft nunmehr in einem Zustand ist, in dem jeder Kairoer Tagelöhner sich nach einem Tageslohn von 1.50 USD, wie noch 2011 üblich, sehnt. Übrigens sah man in den vergangenen Tagen genau diesen Pöbel, der damals noch den Pharao gestürzt hatte, wieder auf den Straßen. Pöbel, denn allein schon die vergewaltigte Journalistin und andere ihres Schicksals geben dafür ein beredtes Zeugnis ab. Die auf den ersten Blick erstaunliche Zahnlosigkeit der Ichwan erklärt sich auch: die Vororte der Großstädte zu kaufen, wie das noch vor zwei Jahren machbar war, das können sich die “Brüder” nicht mehr leisten oder wollen es nicht mehr, und aus den Dörfern karrt man auch keine Menschen mehr an, denn auch dafür braucht es Kohle, die es nicht mehr gibt.
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Im Prinzip war’s das. Buhmann Mursi hat seine Schmutzarbeit getan, zuletzt noch die Beziehungen zu Syrien abgebrochen. Ihn, den Helden von gestern, wird man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit  wegen irgend etwas verurteilen. Da findet sich auf jeden Fall etwas, man muss sich gar nichts ausdenken. Ihn und die Demokraten, die sich in den Zeiten des Triumphs der Demokratie als besonders eifrig hervogetan haben. Und die Bühne betritt der langersehnte Aliyev. Äh, Schewardnadse. Pardon. El-Baradei.
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Genau, jener Kandidat aus der IAEA, handzahm, vom Westen 2011 massiv unterstützt, und dann erstmal in den Schatten “warmgehalten”, bis der Sturm vorüberzieht. Jetzt gibt es einmahl mehr eine “Übergangsphase”, und dann, versteht sich, “demokratische Wahlen”. Die Feinheit besteht zwar momentan darin, dass bei solchen Wahlen die “Ichwan” wieder gewinnen würden – ganz einfach deshalb, weil sie die ländlichen Gebiete hinter sich haben, und das sind dreimal soviel Wähler wie in den Städten. Hier wird’s natürlich darauf ankommen, wer bestimmt, was “transparent” und “legitim” ist – reale Mehrheitsverhältnisse spielen dabei keine vordergründige Rolle.
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12 Gedanken zu „wozu “macht” man denn “einen Tahrir”?

  1. NUN muss ich erst einmal zugeben, dass ich über Ägyptens Politik erschreckend wenig weiss. Trotzdem möchte ich hier meinen Senf reinschreiben, aber eher aus „globaler“ Sicht:

    Meines Erachtens hat die Gesamtentwicklung – oder besser gesagt die insgesamte Destabilisierung der gesamten arabisch-nordafrikanischen Region den Hintergrund, dass die Eu 2008 versuchte die „Union für das Mittelmeer“ zu gründen. (LINK Wikipedia:http://de.wikipedia.org/wiki/Union_f%C3%BCr_das_Mittelmeer). Dies wäre eine ernste Gefährdung für die von den USA geplante Freihandelszone mit der EU gewesen, weshalb die gesamte Region meines Erachtens unter massiver US-Mithilfe radikal destabilisiert wurde und den Wahhabiten zum Frasse vorgeworfen wurde.

    Insofen bin ich der Ansicht, dass die USA die derzeitige Absetzung der Muslimbrüder nur zähneknirschend hinnehmen und darauf hoffen, dass sich das Militär die Macht nicht mehr aus den Händen nehmen lässt, und damit weitere Aufstände provoziert werden. Alternativ dazu hält man den Wunschkandidaten in der Hinterhand bereit und hofft im Falle von evtl. Wahlen ebendiesen Wunschkandidaten mittels Manipulation in Position zu bringen.

    Zur Mittelmeerunion: Sarkozy war damals die treibende Kraft für diesen Plan und sein Gegenspieler war Gaddhafi, der natürlich genau sah, dass die EU lediglich abschöpfen wollte und die Region politisch und wirtschaftlich unter ihre Fuchtel bringen wollte. Was Sarkozy nicht sah: Dass die Amis ein fulminantes Interesse hatten, diese Mittelmeerunion zwecks eigener Freihandelszone zu verhindern. Für Sarkozy war Gaddhafis Sturz praktisch der Schlüssel zur wirtschaftlichen Gesundung der EU mittels Ausbeutung der nordafrikanischen Länder und er lief blind in die Falle der USA, die ganz schnell die gesamte Region zu destabilisieren begannen, und ihrem „guten Freund“ Sarkozy natürlich großzügige Hilfe beim Sturz Gaddhafis anboten.

    Und genau deshalb haben wir jetzt AlQuaida in Nordafrika, wobei diese AlQaida von den Saudis mit dem Segen der Amis finanziert werden. Und genau hier kanns ins Auge gehen: Die Kämpfer der AlQaida verabscheuen das saudische Königshaus wegen seines ausgeprägt westlichen Lebensstils und wären jederzeit bereit die Herrscherfamilie zu stürzen. Insofern ist das saudische Königshaus darauf angewiesen mit den Amis (= Waffenlieferanten) sehr gut Freund zu bleiben um die eigene Machtposition nicht zu gefährden.

    Ich hoffe, ich habe mich klar ausgedrückt und man kann sehen wer hier welche Ziele verfolgt und wie pervers die Amis unseren Teil der Welt an den Eiern haben.

  2. Nordafrikaner – größtenteils ungebildete Primitivlinge. Ein paar ordentliche Maschinengewehre an die richtige Stelle und dann schön reinhalten. Ehrlich, ich empfinde bei diesen Gedanken eine gewisse Sympatie für die Rothschilds und sogar für die Israelis.

    1. @ Gerald
      Du hast doch den Arsch offen… normalerweise landen solche „Beiträge“ direkt im Eimer, doch dieser Erguss ist durchgeschlüpft. Wer so über Menschen urteilt, hat sich selbst gerichtet…
      Was mangelnde Bildung betrifft, sind die betroffenen Menschen noch unschuldiger, da ihnen Möglichkeiten fehlen, die wir haben durften… das sollte uns eher anregen, ihnen zu helfen, sie zu fördern.

  3. @ jo – Ich nehme das sportlich. Mittlerweile ist das mit den Maschinengewehren sogar eingetreten. Nichts für ungut, wo ich helfen kann, da helfe ich – aber man kann nicht der ganzen Welt helfen. Wer einmal dort war, denkt ein bisschen realistischer darüber.

  4. @ jo zum 2.

    …und wie siehts dann eigentlich damit aus :

    http://julius-hensel.ch/2013/07/syrien-aktuelle-videos-6-7-13/#comment-30782

    Für diese Menschen dürfen dann aber Maschinengewehre aufgestellt werden – nicht wahr?! Schließlich wird man sich ja wohl noch wehren dürfen. ABER :

    „Was mangelnde Bildung betrifft, sind die betroffenen Menschen noch unschuldiger, da ihnen Möglichkeiten fehlen, die wir haben durften… das sollte uns eher anregen, ihnen zu helfen, sie zu fördern.“ Zitat jo Ende

    Letztendlich sind das dann doch auch bedauernswerte Menschen, denen nur etwas Bildung fehlt, welche wir geniessen durften – nicht wahr?!

    Warum dann diese höhnischen Videos, wenn das doch nur bedauernswerte Menschen ohne Bildung sind, welche Gaddafi abschlachteten und welche nun in Ägypten in Form der Moslembruderschaft das Gleiche durchziehen wollen wie in Syrien?

    Ehrlich jo, ich schätze Deinen Blog. Aber was Dir und den meisten Bloggern fehlt, ist die Erfahrung der Lebenswirklichkeit in diesen Ländern. Hier entsteht sehr oft ein schöngefärbtes Weltbild, welches in der Praxis keinen Bestand hat. Ich kenne etliche „Alt68iger“, welche durch ihre praktischen Lebenserfahrungen – z.B. als Ärzte in Kriegsgebieten dieser Regionen – zu Rassisten geworden sind. Gutmenschentum funktioniert nur im Bereich eines geschlossenen Systems. Frag doch mal die Soldaten unserer Bundeswehr, welche aus Afghanistan zurückkommen, wie sie darüber denken. Die kommen vollständig deillusioniert zurück.

    Ich bin nicht sauer auf Dich, aber es gibt nichts von dem oben Geäußerten zurückzunehmen. Ich bin gegen jede Art von Gewalt aber ich kann die Realität nicht ausblenden und an mir oder Dir wird die Welt nicht deswegen genesen, weil wir ein gutes Herz haben. Hier koppelt sich Dein Denken vollkommen ab von der Lebenswirklichkeit.

    1. @ Gerald
      sorry für die rauhe Eröffnung des Dialogs. Es hat aber nichts mit Gutmenschentum zu tun, sich dem Vergiessen von Demonstrantenblut entgegenzustellen, sondern das gehört in den Bereich der Normalität. Ich habe – entgegen Deiner Annahme – meine Jahre im Ausland ebenfalls hinter mir und meine Erfahrungen gemacht. Nicht nur gute…
      Wenn nun in Ägypten die Menschenmassen über ihre Lebensbedingungen protestieren, weil – wie ich dazu lese – es dort schwierig bis unmöglich geworden ist, die üblichen 1-1,5 Euro Stundenlohn zu erhalten, kann ich diesen Unmut gut verstehen und sehe nicht ein, weshalb in eine Hungerdemo geschossen werden sollte. Da muss ich kein Gutmensch sein, sondern nur ein Mitmensch…
      Völlig anders sieht es aus, wenn Waffen, Gewalt oder Zerstörungswut im Spiel sind. Da sind radikale Gegenmassnahmen nötig und in Ordnung. Es ist auch nicht akzeptabel, Araber etc. als Menschen zweiter Klasse zu sehen. Ich bewundere eher den Mut dieser Menschen, sich offen zu stellen und gegen Unrecht aufzubegehren. Dass hierdurch die Manipulatoren noch leichteres Spiel haben, ist leider eine Begleiterscheinung…

  5. @jo – man nähert sich bei diesem Thema sehr schnell der Frage, was die Welt zusammenhält. Der Mob, oder Pöbel, oder die Menschenmasse welche ihr Existenzminimum nicht mehr erarbeiten kann bestimmt nicht. Ich habe gute Freunde in Nordafrika aber die Mehrzahl der Menschen da sind einfach – legt man unsere Maßstäbe an – dumm und dreist. Es ist nicht so, das ich fremde Kulturen nicht respektiere – im Gegenteil. Guck Dir einfach die Gesichter in den Terroristenvideos zu Syrien an. Diese Leute sind einfach nur dumm, stumpfsinnig und stupide. Vernünftigen Erklärungen nicht zugänglich – nicht weil sie eine religiöse Hirnwaschung erhielten – sondern weil die und ihre Sippschaft schon immer dämlich waren. Gegen diese Leute ist kein Kraut gewachsen. Die verstehen nur die Knute! Übrigens kann Rußland und Putin ein Lied davon singen. Da gibt es viele Parallelen. Fährst Du mit dem Auto über die polnische Ostgrenze, beginnt eine andere Welt. Menschenleben zählen dort nicht mehr soviel.

    https://www.youtube.com/watch?v=WD2Dhnu3tP0

    Wir lachen darüber. Aber das trifft es in etwa. Europa hört dort auf und damit auch unsere Vorstellungen von Humanität. Das klingt hart, aber Gnade uns Gott, wenn noch mehr dieser Leute hier einfallen. Dann wirst Du mir irgendwann LEIDER rechtgeben müssen. Übrigens rufe ich nicht zu Gewalt auf und distanziere mich hiermit nochmals ausdrücklich davon. Ich habe nur Verständnis für diese Art der „Staatsführung“ in besagten Ländern.

    So. Bis dann.

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