Hensel´s Sonntagsmatinée: Wer sind wir? Was sind wir?

von H.-P. Schröder

Was wir sind (2)

Der Kies knirschte angenehm, die Steinchen wichen zur Seite und der Fuß sank in das steinige Bett. Nicht zu tief, das Schlendern machte Spaß. Es war noch kühl zur frühen Stunde. Obwohl die Sonne sich abmühte, reichte es nur zu überzeichneter Helligkeit; für Wäme war der Winkel zu flach.

An die Schattenpartien klammerte sich sogar noch ein Hauch von Nachtfrost, um den Abschied hinaus zu zögern. Der Spaziergänger fröstelte und fasste seinen flauschigen Wollmantel fester.

Rechts die gräserne Wiese mit den Tupfen aus Margeritenweiß und dem Blau von Vergißmichnicht, begleitete ihn schon seit der letzten Wegbiegung, als er aus der lichten Morgendämmerung eines niedrigen Buchenwäldchens getreten war.

Die gedämpfte Stimme schien von hinter dem Unterholz zu kommen, da wo der kleine Pfad abbog, nie hatte er darauf geachtet, immer war er in Gedanken vorbeigegangen, geblendet von der weiten grünen Fläche zur Rechten, mit ihren Pastellönen und den grasigen Wellen bis zur Horizontlinie.

Deutlich vernahm er eine helle Kinderstimme, eigentlich ist es viel zu früh für Kinder fand er, als er, unbewußt angezogen, abbog, einige Zweige zur Seite schob und dem Pfad folgte.

Direkt nach der dunklen Hecke stieß er auf einen weiten, blendenden Kiesweg, der den Pfad querte, gegenüber drängte sich ihm eine düster wirkende Ziegelmauer entgegen, trotz der Frühmorgensonne im Halbschatten liegend, die sich nach rechts, einige Meter bis zu einem Rondell erstreckte.

Niemand war zu sehen, aber die Stimme war real gewesen. So eindringlich. Vielleicht hinter der Mauer…. . ?

„Mami, Mami, es tut so weh“. Er erschrak. In die Stille hinein, dieses Mal näher und klar verständlich. Es tut so weh… .

Hoffentlich ist nichts passiert, dachte er Er beschleunigte seinen Schritt, als die zweite Stimme einsetzte. Nicht das was sie sagte, das wie sie es sagte, stoppte ihn so abrupt, daß er fast gestürzt wäre.

Ein tiefes Timbre, nicht laut, aber kraftvoll, mit einer Wärmewelle aus fernen Tagen, so schön, so schön, so stark und mutig und sicher, niemals Zweifel, kein Schmerz, alles ist gut.

An all das erinnerte er sich nicht mehr, aber die Stimme erinnerte ihn an alles, voller Vibrato, auf einem Kissen aus Obertönen „Mein liebes Kind, hab` keine Angst, alles wird gut, ich bin bei dir, ich bin bei dir.“ „Aber Mami, es tut soo weh, so weh.“

„Ich muß wissen, wer das ist“, sagte er zu sich, „nein ich möchte es wissen, ich bin neugierig, soll ich? Soll ich nicht?“

Während er sich den Empfindungen auslieferte, machten sich seine Füße selbstständig, begannen davon zu schleichen und trugen ihn in das Licht auf den Kiesweg, zum Rondell und zum Ende der Mauer. Er blieb einen Moment stehen und lauschte, Stille, und dann machte er einen Schritt und bog um die Ecke.

Er war überrascht. Dahinter stand ein kleines Ziegelhäuschen mit einer Hecke, davor ein Hof, die Rückseite der Mauer zur Linken, alles etwas unordentlich, er erinnerte sich später an Papierschnipsel, die ein Windstoß im selben Moment hochwirbelte, sie herumdrehte und nach hinten in den dunklen Bereich des Hofes wehte.

Er stand wie festgenagelt. Seine Beine, die bisher immer eine Antwort gewusst hatten, waren sprachlos.

„Kein Angst,“ sagte die Stimme.

Die gefleckte Katze stand in einer einzigen Bewegung auf, ohne Hast und legte die Pfote auf das Kleine vor sich in der Sonne. Das hatte sich gestreckt, den Kopf nach hinten gedreht, und musterte ihn.

Er schämte sich, wußte damals nicht wieso, eine gute Reaktion, gewiß, angemesssen, dann fühlte er den Schock und dann kam die Scham erneut.

Bastet A (2)

Bastet
*

Er wurde zum Kunstguß in Menschengestalt. Überwältigt in die Form gebannt. Die Beiden blickten ihn an, unbeweglich, stumm, wortlos, bis er – unerträglich geworden – den einen Zuvielschritt zurücktrat, aus dem Bann hinaus Fahrt aufnehmend, wieder lenkten ihn seine Füße, sein Kopf bewegte sich vor und zurück und zur Seite, seine Beine beschleunigten, um fortzueilen, in die Drehung hinein und in der Bewegung des Drehens und Eilens sah er aus den Augenwinkeln, vom Liguster her, eine rotbraune Kugel, groß wie ein Fußball, auf sich zufliegen.

Sie traf ihn im Rücken, krallte sich in seinen Mantel, eine schwere Unwucht, die sich verhakte, im Bemühen nach oben zu klettern. Sie fauchte und grollte und ließ sich nicht abschütteln.

Schwer hing sie in der Mitte, er fühlte ihr Gewicht, fühlte ihr Hin und Her im Stoff, er wedelte, die Hände in den Taschen mit seinen Mantelschößen, vergeblich! – während seine Füße von der einen Seite zur anderen Seite sprangen, im Bemühen die Last abzuschütteln. Vergeblich.

Er wußte, es war der Kater, der, von ihm unbemerkt, unter der Hecke im Halbschatten liegend, alles beobachtet hatte. Er fühlte die Wut in seinem Rücken steigen.

 

 

 

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Dialog

Blogbetreiber: „mal ganz ehrlich:
was will uns der Autor damit sagen??
ich blick es nicht…“

 

Autor: „Daß ein Sinn nicht genügt?“

„Wollen wir unser Gespräch, zwecks Aufhellung, unter die Geschichte setzen?

Ratlose Leser sind potentiell gefährlich, äusserst ratlose Leser hinwiederum in der Lage, sich neu zu konfigurieren.“

 

Hallo HPS,
Antwort bringt mich erkenntnistheorethorisch nicht weiter – erbitte Auflösung
herzlich
jo

 

Lieber Jo,

Was wir sind

Die Erzählung basiert auf einem Traum, der sich im Wesentlichen so ereignet hat. Sie, die Erzählung, schildert den Beginn des Einbruches einer umfassenderen, nach einem Prozess der Schocküberwindung als erweitert erfahrbaren Realität, die in der Folge den Zwang des Gewohnten, des Abgewohnten, Zerschlissenen im Spaziergänger fühlbar machen wird Der 2. Schock!

Die Weltseele spricht. Und die Titelfigur, der behandlungsbedürftige Kranke, flieht. Zunächst. Er wird zur Ruhe kommen. Verändert.

So spricht die Weltseele: Alles lebt. Wir negieren das Leben um uns und das Leben in uns. Das beliebteste Argument lautet „Wir müssen uns aus Selbstschutz so verhalten“. Wir dürfen keine Depressionen bekommen und bekommen auch keine Depressionen, wenn wir krachend eine Schnecke samt ihrem Haus (ein Wunder, es wächst mit ihr mit) zertreten, obwohl wir dummplumben Buben und Mädels das kleine Wesen hätten bemerken können, bemerken müssen. Wir sind doch die angeblich Überlegenen. Also hätten wir ausweichen müssen.

Überall zerstören wir Leben. Jeder Schritt ein Weltuntergang. Was wir als Aufbau betrachten, ist Zerstörung. Ein Spatenstich in die Ackerkrume, 6 Millionen Tote. Und angeblich bemerken wir nichts davon. Angeblich.

Da überall Leben existiert ist auch überall Entwicklung. Man nehme einen Eimer Erde ohne organische Beimischung (das ist natürlich unmöglich), koche das Ganze unter ständigem Rühren in heißem Wasser gut kochend durch, schütte es anschließend in den Garten. Man nehme eine Glasscheibe und schaffe sich ein Sichtfenster in das Innere und verfolge, was passiert. Man kann die Entwicklung fotographisch dokumentieren. Wie die Siedler anrücken und gearbeitet wird. Und selbst dann bleibt die Mikroebene mit all den Pilzfäden, Kleininsekten, Ein-, Zwei-, Fünfzellern, unsichtbar.

Wir sind die groben Klötze. Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil. „Wer sind wir?“, „Was sind wir?“ möchte ein grober Keil sein.

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