Hensel´s Sonntagsmatinée: Heimat kennt keine Grenzen II

von H.-P. Schröder

 

Eifelwanderungen mit dem Grafen von R. Teil II:

von gebrannter Erde und der Unterwelt von Remouchamps

Wasserschloß (2)

Hinter dem Wassergraben: Das Töpfereimuseum in Raeren *
http://www.rheinische-keramik.de/

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Unser Gastgeber serviert eigenhändig das Frühstück. Beiläufig erwähnt er seine jahrelange Tätigkeit für den Bundesnachrichtendienst. Wir schauen uns an und reden über Pferde. Ponys, Kaltblüter, Reitpferde, dicke Pferde, dünne Pferde. Die Luft ist immer noch diesig, aprilig vorösterlich, erst morgen soll es besser werden. In den Winkeln glitzert noch Rauhreif, während wir im warmen Glashaus sitzen und uns die Brötchen reichen.

Wenn es draußen hagelt oder schneit,
wenn die Luft vor Kälte glänzt,
wenn die Sonne wieder schwänzt
der Regen sich an Fenstern reibt,
man ganz gern im Zimmer bleibt.

Einfach sitzenbleiben, wär` das schön, …….aber der Herr Graf hat Pläne entworfen, großartige Pläne, Marschpläne, Exkursionspläne, in denen das Wetter die Variablen und Öffnungszeiten die Konstanten bilden. Jeder Tag soll, muß, mindestens ein Abenteuer und ein gutes Essen bringen.

„Heute ist ein guter Tag, um unter die Erde zu gehen“, sagt er, während er hinter einem Berg von Karten und Prospekten hantiert, „dort ist es 12 Grad und genauso feucht wie draußen. Kein Unterschied.“ Er wendet sich an unseren Gastgeber und beginnt ein Gespräch. Wir wundern uns immer wieder. Egal wo, wenn er mit Einheimischen spricht entwickelt er so etwas „einheimisches“, manchmal ist er dann noch einheimischer, als die Einheimischen, vor allem was die Ortskenntnisse angeht.

Wir beschließen den Tag mit Pötten zu beginnen und gegen Mittag die Grotten von Remouchamps zu besuchen. Pötte? Ja, Pötte. Jeder braucht Pötte, man wundert sich, wie es sich in einer Zeit lebte, die noch keine Pötte hatte. Das muß sehr lange her sein, die Spuren der ersten Töpfereierzeugnisse verlieren sich in einer Vergangenheit, die uns verschlossen bleibt. Die glasierten Mosaikziegel des Ishtartores, heute in Berlin zu bewundern, bezeugen bereits eine hohe Brennkultur und deuten auf einen langen Entwicklungsprozess, dessen Wurzeln sich verlieren.

Wir, die wir immer Linearität erwarten, Darwins Dogma lässt grüßen, stehen unter einer Bewusstseinsblendung. Wir suchen allenthalbennach Übergängen, die nicht existieren und sehen Lücken, in die keine Annahme passt. Der Fachmann wundert sich und ignoriert. Trotzdem – ebenso wie in der Metallurgie und in der Glaskunst, haben wir es beim Tonbrennen mit komplizierten chemophysikalischen Gesetzmäßigkeiten zu tun, die „rezeptuale“ Abfolgen verlangen. Wer hat sie entwickelt? Durch Irrtum zur Erkenntnis? Eine Milliarde Experimente und die Ergebnisse werden dann, über Hunderte von Generationen, mündlich an aufnahmefähige Interessierte weitergegeben, die das Unbrauchbare vom Ausbaufähigen trennen? Was wiederum Experimente erfordert. Ohne die richtige Erde keine Scherbe. Wo findet man die? Woher weiß man, daß sie sich zum Brennen eignet, wenn man von der Brennkunst keine Ahnung hat? Ohne richtige Behandlung der richtigen Erde oder eines Erdgemisches kein Überleben der Form in der Hitze. Ohne den richtigen Brennstoff keine Temperatur. Ohne Kenntnis der dem jeweiligen Material angemessenen richtigen Temperaturverläufe, keine brauchbare Irdenware. Wie baut man einen Ofen, der den Brennprozess überlebt? Mit welchen Materialien? Wie werden die entwickelt? Durch eine Million Experimente. Und der Formaufbau, die Glasur, die Brenndauer, die Erfindung der Töpferscheibe, der Übergang vom Nutzen zur Schönheit… . Alles stammt aus der Erde.
Wir fahren nach Raeren.

Raeren liegt in Ostbelgien, 10 km von Eupen entfernt. In einer alten Wasserburg aus dem 14. Jahrhundert befindet sich das Töpfereimuseum Raeren. Rheinisches Steinzeug, ein Markenname, bekannt und berühmt. Ganze Dorfgemeinschaften haben es jahrhundertelang hergestellt. In Raeren, Frechen, Langerwehe. Die aufblühenden Städte mit ihren Menschenmassen benötigten Krüge, Becher, Schüsseln, hohe Vorratsgefäße und Pötte. Hunderttausende, wahrscheinlich Millionen. Mehr und mehr wurde verlangt, bis die halbindustrielle Massenfertigung die bäuerlichen Brenngemeinschaften ab – und auflöste, von denen kaum etwas zurückblieb, ausser Scherbengruben, in denen man die Brandopfer, die beim Brand Verunglückten, die Zerbrochenen und Mißgebildeten bestattete und die heute Gegenstand archäologischer Grabungen sind.

In Raeren findet der interessierte Besucher einen Querschnitt durch 500 Jahre regionaler Töpferkunst bis in die Gegenwart, bis zu modernen Formen, die vergessen lassen, daß sie aus einem spröden Stoff bestehen. Jedes Jahr wird hier der Euregio-Keramikpreis verliehen. Werke der Preisträger 2013 sind noch bis zum 16. Juni in einer Sonderausstellung im Haus Zahlepohl in Raeren zu bewundern.

Und seit 18 Jahren findet im September der Euregio-Keramikmarkt statt, bei dem man die Chance hat, eine verschwenderische Form- und Farbfülle nichtalltäglicher bis avantgardistischer Kunst- und Gebrauchswerke  direkt beim Schöpfer zu erwerben. Objekte, die man normalerweise nur in Museen oder Privatsammlungen zu Gesicht bekommt.

Wie war das mit der Schöpfung? Adama, der Mensch, geschaffen aus Erde, dem der Schöpfer seinen Odem einhauchte. Das wirkt und wirkt und wirkt…. . Steinzeug. Aus derselben Erde wurde Darwin geschaffen. Übergangsweise.

Bartmannskrug (2)
ein alter rheinischer Bartmannskrug….

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Bartmann (2)
…. und ein moderner Bartmann

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Tatzenkreuz (2)
das alte Tatzenkreuz….

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Korallenvase (2)
…. und die Vase mit Koralle, ein handwerkliches Meisterstück

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On the road again passieren wir die Grenze, ein, zwei Mal, grüßen ein verwittertes Schilderhäuschen in Schwarzrotgold im Vorbeirauschen und reihen uns, ohne zu wissen, was uns erwartet, in die Besucherreihe vor dem Kassenhäuschen in Remouchamps ein. Ich werde nichts verraten. Nur soviel: Wasser, Fluß, farbige Lichter, Fußmarsch, Bootsfahrt, dunkel. Abenteuer.
Abenteuer! Eine Bootsfahrt auf einem unterirdischen Fluß.

Wenn ich mir vorzustellen versuchte, wie sich das Ganze in der BRD GmbH abspielen würde…. mit TÜV und Sicherheitsbelehrung, die Schwimmwesten, die Ausgrenzungen und die Altersbeschränkungen: Kleinkinder unter 5 Jahren und Alte über 70 bleiben draussen und dürfen sich erzählen lassen, wie es war. Nein, danke.

Unter (2)

auf dem Rubicon

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unter II (2)

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unter III (2)

http://www.grottes.be/

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Beiderseits der Grenze sind die Männer normal. Keine Luschen. Und die Weiber nicht zickig. Die desintegrierenten Mannweibermännermädchen bleiben weg oder machen mit und haben Spaß. Das ist toll. Sogar die Luft fließt leichter in die Lungen. Fahren Sie hin. Warten Sie nicht zu lange. Jetzt ist der Moment. Vielen Dank Herr Graf.

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*Die Fotos wurden von meiner Frau mit einer Canon Powershot A 3000 (Mini-) Kamera, teilmanuelle Funktionen möglich, Makro bis 2 cm Abstand, ohne Stativ aufgenommen. Die Kamera kostete vor einigen Jahren ca 100 Euro.

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Link zu Teil I

Ein Gedanke zu „Hensel´s Sonntagsmatinée: Heimat kennt keine Grenzen II

  1. Herzlichen Dank und Oberschlesien kennt auch solche Töpfergeschichten, mußte es doch auch unter Tage Fachmänner gegeben haben, die über der Erde die Familien ernährten! Der heiligen Barbara sei Dank!
    Glück Auf, meine Heimat und Segen auf alle Friedliebenden!

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