Reyhanli, NSU: Gladio in der Türkei?!

erschienen bei COMPACT – Danke an Armeeverkauf

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Apropos Reyhanli, apropos NSU: Ein Auszug aus COMPACT-Spezial Nr. 1

 

Natürlich denkt man beim Bombenanschlag von Reyhanli vom vergangenen Samstag (DEM Vorwand für eine Aggression gegen Syrien) sofort an den türkischen Geheimdienst und die NATO-Untergrundarmee Gladio. Aber auch beim NSU-Prozess sollte dieses Stichwort nicht in Vergessenheit geraten – siehe den CIA-Agenten Mevlüt Kar am Tatort in Heilbronn beim Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter.

Deshalb haben wir zu “Gladio in der Türkei” auch einen Text in unserer Sonderausgabe COMPACT-Spezial “Operation NSU – Neonazis, V-Männer und Agenten”. COMPACT Spezial kann man hier bestellen – und man bekommt es umsonst, wenn man COMPACT abonniert...

Am Donnerstag 16.5. diskutieren Ken Jebsen und ich zum Zwischenstand des NSU-Prozesses: 19 Uhr, Halong Hotel/Viethaus, Leipziger Str. 54/55, Berlin-Mitte, Beginn 19 Uhr.

So, nun der Auszug aus COMPACT-Spezial:

 

Gladio in der Türkei

Nirgendwo übte die NATO-Untergrundstruktur mehr Terror aus als in der Türkei. Die Verbindungen zum Rechtsextremismus und zur Organisierten Kriminalität sind traditionell.

Im Juni 2012 trat Bilkay Öney in ein Fettnäpfchen. Die türkischstämmige Integrationsministerin in der grün-roten Landesregierung in Baden-Württemberg sagte über die NSU-Affäre: „Den Tiefen Staat gibt es auch in Deutschland. (…) Um die Nazis unter Kontrolle zu halten, gab Deutschland Nazis Geld und machte aus ihnen Spione.  (…) Nun versuchen sie, diese Blamage zu unterbinden.“ (FAZ, 11.6.2012) Die CDU war entrüstet und behauptete, Frau Önay habe das Vertrauen in den deutschen Staat untergraben. Die Ministerin entschuldigte sich.

Dabei hatte sie mit dem Terminus „Tiefer Staat“ ein durchaus richtiges Stichwort geliefert: So bezeichnet man in der Türkei die klandestine Struktur aus CIA, Militärs und Rechtsextremisten, die seit Jahrzehnten immer wieder versucht, mit Morden und Gewaltakten in die Politik des Landes einzugreifen. Daniele Ganser identifiziert sie in seinem Standardwerk NATO-Geheimarmeen in Europa als Teil des geheimen Stay-Behind-Netzwerkes des westlichen Bündnisses, das auch als Gladio firmiert (vgl. S. 34ff.) „Die Geschichte der Geheimarmee in der Türkei ist brutaler als die jeder anderen Stay-behind in Westeuropa“, resümiert Ganser.

Abdullah Çatlı, Mitglied der ultra-nationalistischen Grauen Wölfe, war eine der Hauptpersonen der türkischen Gladio-Struktur. Einige blutige verdeckte Aktionen, die schließlich in den Militärputsch von 1980 mündeten, werden ihm zugerechnet. „Ihre Leute haben gerade einen Staatsstreich durchgeführt“, kommentierte US-Präsident Jimmy Carter gegenüber dem türkischen CIA-Chef Paul Henze, nachdem er von dem Umsturz erfahren hatte. Çatlı ermordete 1979 den Chefredakteur der türkischen Zeitung Milliyet, Abdi İpekçi. Der Journalist hatte im Vorfeld die CIA aufgefordert, die Unterstützung für die rechten Gruppierungen einzustellen. Catlis Komplice bei diesem Mord war ein gewisser Ali Agca. Dieser sollte am 13. Mai 1981 weltbekannt werden, als er ein Attentat auf Papst Johannes Paul II. verübte. „Bei seinen Aussagen im September 1985 in Rom enthüllte Catli, dass er Agca mit gefälschten Dokumenten ausgestattet und ihm die Pistole gegeben hatte, mit der Agca den Pontifex verwundete.“ (Ganser)

Als Anfang der 1990er Jahre immer mehr Informationen über Gladio durchsickerten, titelte die Neue Zürcher Zeitung: „Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Staates. Die Entlarvung einer Geheimarmee in der Türkei.“ Die führende Schweizer Tageszeitung berichtete, dass die geheimen türkischen Terrorkommandos ihr Hauptquartier im Gebäude des US-Militärgeheimdienstes DIA hatten. (NZZ, 5.12.1990)

Zur Gewissheit wurde die Existenz des Tiefen Staates am 3. November 1996. An diesem Tag starb Çatlı bei einem Verkehrsunfall in der Nähe der Stadt Susurluk. Zu diesem Zeitpunkt wurde er offiziell von den türkischen Behörden und von Interpol gesucht. Im selben Unfallwagen verstarben eine ehemalige Schönheitskönigin und der stellvertretende Polizeichef von Istanbul. Der einzige Überlebende war ein Abgeordneter der Regierungspartei, Sedat Bucak. In dem PKW fand man außerdem mehrere Handfeuerwaffen mit Schalldämpfern und einen Reisepass, der vom Innenminister persönlich unterschrieben war und den gesuchten Çatlı als Staatsbeamten auswies. Als der Minister die merkwürdige Situation damit zu erklären versuchte, dass Polizeibeamte Çatlı erst kurz zuvor verhaftet worden sei, wurde er schnell der Lüge überführt und musste zurücktreten. Im Parlament betonte Fikri Saglar von der sozialdemokratischen CHP, dass „die Verbindung zwischen illegalen rechtsextremen Organisationen und den türkischen Sicherheitsbehörden zu Gladio zurückverfolgt werden müssen“.

Premier Recep Tayyip Erdoğan, im Amt seit 2002, versprach, mit den klandestinen Strukturen aufzuräumen. Hunderte Offiziere und Generäle wurden als Organiatoren der sogenannten Ergenekon-Verschwörung des Putschversuches bezichtigt. Doch Kritiker werfen Erdogan vor, dass er nicht die alten CIA-geführten Seilschaften ausgeschaltet hat, sondern, ganz im Gegenteil, die US-kritischen Teile des Militärs.
(Mehr in COMPACT-Spezial zum NSU)

Quelle: COMPACT

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