Hensel´s Sonntagsmatinée: Heimat kennt keine Grenzen

von H.-P. Schröder

Eifelwanderungen: Von Kalterherberg in das Hohe Venn

 

Der Graf von R. ist ein Spezialist. Er kennt die Kirchen, die Geschichte, die Friedhöfe, die Museen und die besten Aussichtspunkte, er kann dir die Namen der Pflanzen auf Latein sagen und er scheut keine Mühe, Routen auszutüfteln, Öffnungszeiten zu ermitteln und Fahrpläne zu vergleichen. Ein Goldstück, ein Führer, ein Freund und Wanderkamerad, und ein Gourmet-Gourmand, daher etwas füllig, aber beweglich, mein Gott und was für eine Kondition er noch hat, nach 20 Kilometern bergauf bergab, da sehe ich richtig alt aus und fühle mich auch so… .

Der Herr Graf kann verlässlich Karten lesen; dies ist beruhigend, aber auch verwunderlich, aber auch nicht, denn ursprünglich entstammt er einer gutbürgerlichen Beamtenfamilie, bis er seine Adoptionsurkunde erhielt. Seither ist er Graf von R.., mit eigenem Landbesitz und eindrucksvoller Visitenkarte. Nebenher ist er noch Doktor einer Theologie, er hat uns nie verraten von welcher.

Der Graf von R. führt uns seit Jahren immer wieder neu durch die Eifel, durch dieses kleine Fleckchen handtuchbreites Land, zwischen Ruhrgebiet und Koblenz, Trier und den Ardennen. Eine winzige Provinz, und trotzdem haben wir erst so wenig davon gesehen, daß da noch Unbekanntes für Generationen bleibt.

Wir nehmen immer ein festes Quartier, für eine Woche oder so, das Führerhauptquartier, von dem aus wir die Touren angehen. In der Eifel, haben wir festgestellt, sind wir unter Freunden, nie haben wir uns in einer Unterkunft nicht wohl gefühlt. Und dann die Stille. Erfrischend. Kein Brummbrumm, Röhr-Röhr, man muss nur die Umgebung des Nürburgrings meiden, keine Industrieschlote, viel Sauerstoff, Bäche, Flüßchen, Wasser, in der Eifel strömt Trinkwasser aus den Berghängen, etwas kalt das Ganze manchmal, ja und etwas abgelegen, für die, die ihr Brot verdienen müssen, aber für die Maler und Dichter und die Stillen und die Lauschenden eine Enklave, in der man sich schnell verlaufen kann, um darin aufzugehen.

In so einer Enklave wohnen wir. In der Nähe von Monschau, an der Grenze zu Belgien, im Ruitzhof bei Kalterherberg. Mit Pferden, Katzen, Hühnern und einem standesgemäßen Hofhund. Die Ruitzhofsiedlung ist Enklave und Exklave zugleich, eine der kleinsten Exklaven Deutschland. Es bedeutet, daß der Ruitzhof in Deutschland liegt, aber nur über belgisches Staatsgebiet erreichbar ist. Heimat kennt keine Grenzen.

Es ist das Monschauer Land der Buchenhecken, sorgfältig in Form geschnitten und gepflegt, schützen sie Mensch und Tier vor den rauhen Winden, die selbst bei Sonnenschein die Temperatur absenken und frösteln lassen. In Kalterherberg blühen Bäume und Blumen etwas später, als im umliegenden Land.

Eifel 1 (2)
Übermannshohe Buchenhecken schützen Haus und Hof und Garten.

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Der 1. April beschenkte uns mit sonnigem, kaltem Aprilwetter. Zwei Tage zuvor sah es anders aus und es fühlte sich anders an, vollkommen der Umgebung angepassst, wir waren im Moor.

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Im Hohen Venn, auf der heute belgischen Seite. Die Grenze war nicht auszumachen. Wir sind immer geradeaus gefahren und plötzlich fanden wir uns in der Urzeit und im Herbst wieder.

Die Mischung aus Graspolstern und stehenden Tümpeln wirkt unheimlich. Gespenster tauchen aus dem Nebel auf, strecken ihre Äste nach uns aus und verschwinden hinter uns im Dunst. Wir sind allein.

EIFEL 13 (2)
Wie das wohl war, mit einer funzeligen Blendlaterne das ungezähmte Moor zu durchqueren? Sich den Gespenstern auszusetzen? Viele müssen über die Zeiten umgekommen sein, erst den unmarkierten Weg verloren, dann versunken, ertrunken, erfroren.

EIFEL 31 (2)
Das Sterben hörte erst auf, als Glocken den Weg wiesen und Menschen am Rande des Moores siedelten, die zu Hilfe eilen konnten. Heute ist das Moor gezähmt, ein zahnloser, entwässerter, geschrumpfter Rest Anschauungsmaterial. Heute ist alles bestens geordnet. Die Stege führen narrensicher nur in zwei Richtungen. Das Verlassen der Wege ist verboten.

EIFEL 21 (2)

Überall tropft es. Keine Tiere, keine Vogelstimmen. Wasserland. Der Nebel verschluckt unsere Schritte, die Bohlen quietschen, das braune Wasser in den stehenden Pfützen sieht eisenhaltigsäuerlich aus.

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Flechten (2)

Was kommt mir in den Sinn, als wir uns schweigsam einer hinter dem anderen durch die schweigende Landschaft bewegen? Ich denke an Poe, an den Untergang des Hauses Usher, an das bedrückende Bild, das Poe von der Umgebung des alten Hauses malt. Es könnte hinter der nächsten Wegbiegung warten, zwischen Zwergbirken und verkümmertem Geäst, das Haus Usher… .

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EIFEL 5 (2)

Stattdessen wachsen dort Osterglocken und an einem Zweig brechen Weidenkätzchen aus ihrer Hülle. Fort mit trüben Bildern, morgen wird die Sonne scheinen und die Tümpel zum Funkeln bringen und den Nebel wegwischen.

Am Kreuz der Verlobten machen wir halt. Direkt daneben, schief im Boden steckend, steht eine zwei Meter hohe Steinsäule, ein Markierungstein aus dem Jahre 1839, der die Grenze zwischen Preussen und Belgien anzeigt. Damals reichte Deutschland bis an diesen Platz, Teile des Hohen Venns gehörten zu Deutschland. Damals. Und in hundert Jahren? Wo gehören wir dann hin? Wer weiß… .
EIFEL 26 (2)

Heimat kennt keine Grenzen.

Neubeginn (2)

*Die Fotos wurden von meiner Frau mit einer Canon Powershot A 3000 (Mini-) Kamera, teilmanuelle Funktionen möglich, Makro bis 2 cm Abstand, ohne Stativ aufgenommen. Die Kamera kostete vor einigen Jahren ca. 100 Euro.

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zu Teil II

3 Gedanken zu „Hensel´s Sonntagsmatinée: Heimat kennt keine Grenzen&8220;

  1. DER WESTWALL, EIN DEUTSCHES KULTURWERK:

    In den Sechzigern des letzten Jahrhunderts wanderte Deutschlands Jugend noch den Westwall-Wanderweg. Um 2000 herum arbeitete ich einige Wochen lang mit einem ehemaligen Bundeswehr-Berufs-Offizier im Raum Monschau zusammen. Dieser großmäulige Bursche hatte noch nie etwas vom Westwall gehört.

    http://www.google.de/search?hl=de&tbm=isch&source=univ&sa=X&ei=uDJ9UdOWLsqR0AWXroHwCg&ved=0CDQQsAQ&biw=1215&bih=861& q=westwall%20bunker

    http://www.google.de/search?q=schlacht+im+h%C3%BCrtgenwald&hl=de&tbm=isch&tbo=u&source=univ&sa=X&ei=FTV9UYCJD8aa1AWVxYD4Dg&sqi=2&ved=0CD0QsAQ&biw=1215&bih=861

    http://www.vogelsang-ip.de/

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