Hensel´s Sonntagsmatinée: die Ermordung Dresdens

von H.-P. Schröder

Dresden 1944

Dresden Februar 1945: Nach dem Massenmord

 

„Warum meine Mitkriegsgefangenen und ich nicht umgebracht wurden, weiß ich nicht.“
Kurt Vonnegut in „Mann ohne Land“, Pendo Verlag, Seite  30

 

Lieber Kurt,

erlaube mir bitte, als ein der Gnade der späten Geburt teilhaftiger, obwohl, das muß sich erst noch beweisen, das mit der Gnade…. .

Noch `mal. Erlaube mir, als ein 7 Jahre später zufällig Dazugekommener, als ein 52er der Reserve, den Versuch, eine vorsichtige Antwort auf deine Warum-Frage ohne Fragezeichen zu geben.

Warum hat man euch nicht sofort an die Wand gestellt und kaltgemacht? Verdient habt ihr es. Was sind 30 tote Feinde im Verhältnis zu 100.000 toten Freunden, 30 Gräber gegen 100.000?

1 : 3333,3333 ad infinitum im Verhältnis, rein mechanisch gerechnet.

30 kann man mit einem Feuerstoß erledigen und in die Elbe werfen. Auf die Schnelle. Sie schaukeln dann eine Weile zufrieden mit dem Strome und den Nachbarleichen, dem angekokelten Feuerwehrmann und dem Kinderteil aus Unterleib mit Schürze, gen Norden, bis sie absänken in „Nacht und Schimmel“ dem Grund entgegen sehend.

Vielleicht erreichten ein paar von ihnen Meißen, oder Torgau, die Bestgenährten kämen vielleicht bis Wittenberg und ein vortrefflich Erhaltener mit guter Gesinnung bis Magdeburg, aber alle, alle  versänken in der Tiefe. Niemals erreichten sie Hamburg und das Tor zur Welt. Niemals wieder.

Aale und das was unten haust, nähmen ein Häppchen, oder zwei, und niemals kämen sie wieder aus dem grünen Schwarz zu uns nach oben. Niemals.

Oder… …
Oder auf den Rost mit ihnen, mit den 30 Amerikanern, auf die eisernen Schienen mit ihren Kadavern, zu ihren Opfern und vereint im Rauch gen Himmel. Verdient habt ihr es. Warum ist das nicht passiert, in Dresden, im Februar `45?  30 verschwinden zu lassen, wäre damals kinderleicht gewesen. Und durchaus menschlich.

Aber 100.000? Um die zum Verschwinden zu bringen, benötigt es eines größeren Aufwandes. Das macht man nicht so nebenbei, im Affekt, mit einer Salve. Das erfordert etwas Ausgeklügeltes, Feingetuntes. Das muß komponiert werden, von langer Hand geplant, wie ein festliches Menü muß das sein.

Zuerst drei, vier Fehlalarme zum Aperitif, dann die erste Vorspeise: Ein paar Maschinen, ein leichter Angriff mit Brandbomben, so ein, zwei tausend, dazwischen gesät Sprengbomben, danach abdrehen, Sirenen, Entwarnung, Feuerwehren rücken aus, Brände löschen, alles was noch lebt kriecht aus Bunkern und Unterständen, in den Operationssälen werden die Skalpelle geschliffen, gleich kommen Wagenladungen mit heißer Fracht,  Eimerketten selbstorganisieren sich, Flüchtende passieren die noch passierbaren Strassen. Alles ist aufgescheucht, in Bewegung.

Dann erscheint das Hauptgericht: Kälberbraten, mit und ohne Knochen.

Die zweite Welle erwischt alle. Die Feuerwehren, die Ärzte und Krankenschwestern, die Flüchtenden auf den Strassen. Ganz Viertel neigen sich um sich schlagend, in die schuttfahnigen Glutkanäle, zerbersten am Grund von Schluchten, kehren Unterstes nach oben, zermatschen das Weichere zu noch Weicherem, Steine zu Geröll, Geröll zu Staub, Staub zu Asche.

Bestialisch kreischend reißt der Tod die Feuerwehrleute in Stücke, mitsamt ihren Hydranten und ihren mechanischen Spritzen und ihre Tanks verdampfen so schnell, daß keine Zeit bleibt, Feuer zu fangen.

Im Tiefgeschoß eines Wasserreservoirs haben BDM-Mädchen Schutz gesucht. Dort unten klingen die Einschläge wie großkalibrige Artillerie, der Turm ist gepanzert, solide, steht etwas abseits. Er schüttelt sich von Zeit zu Zeit und bewegt sich zitternd.

Sie waren lange im Inneren geblieben, dann zögernd nach draussen gegangen, gerade rechtzeitig zu spät, um nicht von der zweiten Welle erwischt zu werden.

Jetzt in eben diesem einzigartigen Augenblick sitzen sie wieder als Klumpen in der Mitte des Raumes aneinandergedrängt und versuchen zu überleben, als 2000 Kilogramm Phosphor im Turm einschlagen und in all dem köstlich frischen Naß über ihren Köpfen explodieren, es in überspannten Dampf, den Tank in glühendes Metall verwandeln und die kochende Brühe durch die Kellergeschoße jagen.

Sie werden bei lebendigem Leibe zu Tode gebrüht, bis die Trümmer herabfallen, alles zu einem Fleischbrühbrei zerstampfend, in dem blanke Knochen, von denen Haut und Muskeln abfielen, neben  Stoffetzen schwimmen. Kraftbrühe mit Fleicheinlage.

Und als dann der letzte Feind verschwand und Entwarnung nicht gegeben wurde, denn wer sollte sie geben und mit was, stöhnte das Gebirge des Mondes und ein irrlichterner Gespensterbrei floß am Grund entlang, die Stadt heulte, das Glas zersprang, Backsteine wurden weich, weicher wie  Menschenherzen, Orkane rüttelten an Säulenreihen, Glutzungen leckten an Kellerfenstern.

Saubergeleckt wurde die Stadt und fein säuberlich abgenagt den toten Bewohnern anvertraut. Passt gut darauf auf, Ihr treuen, toten Seelen. Passt auf!

Und ein kleiner Zug erschien an der Oberfläche des Mondes, untergehakt, mit blasiger Haut, in der wasserlosen Wüste halbblind den Weg ertastend, strauchelnd, in den Flammen verschwindend, Rinnsale bildend, zäh gegen den Flammenstrom anschwimmend, kleine Bäche, die zusammenflossen, „zur Elbe, zur Elbe“, zum Wasser.

Kühle, Schmerzen, Durst, die Elbe kann nicht austrocknen.

Da kam das Desert.

Kleine Scheißer aus Iowa und Kentucky, aus Maine und von den Großen Seen, großspurige Texaner und kleinwüchsige Blaßgesichter aus Nebraska, „tollkühne Männer in ihren fliegenden Kisten“ aus amerikanischen Landen, erschossen die Flüchtenden, die Wehrlosen, mit ihren Bordkanonen auf Sichthöhe im Tiefflug. Schwer Verwundete, leicht Verwundete. Frauen, Kinder, Greise, zerfetzt von Bordmaschinengewehren.

Keine Gegenwehr, keine Flak in der Stadt, die war bereits im Bodenkampf im Osten, gegen den Bolschewismus, keine leichten Flugabwehrgeschütze, keine Jagdmaschinen, die aufstiegen, um die Bomberpulks abzufangen, nichts, nichts, nichts – die Produktion der Maschinen lief im Höchsttempo, aber unsere Piloten starben, bevor sie die zum Überleben notwendigen Erfahrungen sammeln konnten.

Und ihr in Feiertagsklaulaune, „Mensch haben wir`s den Krauts aber gegeben“, gut genährt, im Warmen sitzend, es war schließlich draussen Februar, ohne Feindeinwirkung fürchten zu müssen, sicher geleitet, die Ziele markiert, ein reiner Übungsflug mit Truthahnschießen, nur daß die Truthähne meine Landsleute sind, meine Großväter, Großmütter, Onkels, Väter, Mütter, Brüder und Schwestern, das habt ihr vergessen.

Soldat Christi V (2)

Ich habe das nicht vergessen. Es geschah gestern und es geschieht morgen. So schnell kann man gar nicht die Lügen in die Geschichtsbücher schmieren, wie das Gedächtnis sie ausradiert… . Totsicher.

Kurt, du warst dabei, hast totsicher nicht alles beschrieben, was du dort gesehen und erlebt hast, das wäre kein Bestseller geworden. Jedenfalls nicht in den USA, aber vielleicht in Deutschland. Nein, unter euerem verderblichen Einfluß auch nicht in Deutschland. In Deutschland wäre es in der Schublade der verbotenen Bücher gelandet. So sicher, wie euere Piloten, nach dem Massenmord an der deutschen Zivilbevölkerung, auf ihren Ausgangsflughäfen im Engelland gelandet sind.

Nun, es hat nicht sollen sein. Zum Beispiel hast du nichts über die frischen Brandgerüche geschrieben, über ihre Schattierungen und ihre Konsistenzen, wie sich das anroch, in der Umgebung des Wasserturms, über dieses Odeur dünnflüssiger Exkremente auf einem Hauch von Hühnerbrühe mit Fettaugen; ihr müsst damals in Dresden zu wahren Gestanksexperten geworden sein, stimmt`s Kurt?

Was ich dir an dieser Stelle endlich gestehen sollte: Ich war auch dabei. Jetzt bist du sprachlos !

Ich gehe direkt neben dir. Die ganze Zeit. Ich trage einen Schutzanzug, feuerfester und stoßsicherer als alles, was die Ingenieure in den Fabriken Amerikas jemals entwickeln werden; er wechselt die Farbe mit seiner Umgebung, deshalb kannst du mich nicht sehen.

Ich stehe in den Flammen und werde von Kapitellen und Dachstühlen erschlagen. Ohne den Anzug würde ich taub und verrückt. Ich sehe Menschen vor mir verdampfen, schmelzen, neben mir  zerreißen und zerplatzen, ich hörte die letzten Worte vom Vater an den Sohn, von der Tochter an die Großmutter, auch all` die letzten Worte in`s Leere, die niemand ausser mir versteht. Ich notiere gewißenhaft. Ich bin der Chronist. Unbestechlich, überparteiisch.

Ich sehe den Verstümmelten auf dem Rücken eines weniger Verstümmelten bis zum letzten Atemzug sich aufbäumend, vorwärtskriechend auf versengten Knien, bis eine Druckwelle beide an einem Mauerstumpf zerschmettert. Ich notiere auch das gewissenhaft. Immer wieder.

Ich spreche dich nicht an, ich belausche dich nicht Kurt. Ab und zu hörte ich euch zu, die meiste Zeit streifte ich durch die Stadt.

FÜNF 24 STUNDENTAGE LANG. Vom 12. Februar 1945 bis zum 16. Februar 1945. Ich bin ein lebender Zeuge. Ich bin alle Ruinen und alle Städte. Für immer. Ich habe mitgelebt, ich lebe mit.

Kurt, warum hat man euch nicht an die Wand gestellt? Einen, sagst du, hat man?

Warum hat man deinen Kumpel an die Wand gestellt? Wie hieß er doch gleich? Edgar Derby! Weil der sich einen verbeulten Teekessel aus den Trümmern zog, um darin Wasser zu kochen, sagst du? Darum. Plündern ist verboten. Aber das ist doch eine Kleinigkeit, ein alter Teekessel, angesichts der Umstände, und dann gleich die Todesstrafe, diese Nazis….  .

Ja, der Teekessel ist eine Kleinigkeit, eine Kleinigkeit von jener Sorte, die man heutzutage verzweifelt hochkocht, um hinter dem Teekesseldampf eine brennende Stadt mit 100.000 Toten zu verstecken. Merkt auf, Ihr Abschaum: Vergeblich.

Es war der Teekesseltropfen, der den einen Kessel platzen ließ, vermute ich ´mal. Und ihr, ihr „alle anderen“, habt instinktiv die überhitzten Teekessel gemieden, indem ihr unauffällig wurdet, feldgrau in den grauen Mondfelsen verschwindend, alle Befehl sofort ausgeführt, jawoll!, keine Beschwerden.

Seid ihr wenigstens geschlagen worden? Mal so richtig verprügelt worden? In Anbetracht der Umstände, wäre das durchaus verständlich. Was? Auch nicht. Tritte in den Hintern?

Gestrichene Essensrationen? Nein? Wenigstens eine Ohrfeige? Auch nicht? Jetzt bin ich mit meinen Fragen am Ende. Fast weiß ich nicht mehr weiter.

Eine Hälfte von mir bleibt in der toten Zone, eine bei dir Kurt, in deinem Gegenwartsjenseits und die dritte Hälfte verbringt ihre Freizeit in einer Gegenwartszukunft, die ist, als wenn nie etwas gewesen wäre.

Warum hat man euch nicht totgeschlagen, angesichts des Massenmordes, den euere Kumpels an uns verübt haben? Warum Kurt? Wie ist dieses Rätsel zu lösen?

Weißt du, man könnte auf das nahe Kriegsende hinweisen, in drei Monaten, aber ist das nahe? Nein, das ist weit, in jenem Land vor unserer Zeit, das Deutschland heißt. Man könnte verzweifeln. Kein einziger Totschlag im Affekt?

Den Schädel von Jim oder John und who knows who mit einer einzigen Armbeugung per Gewehrkolben zertrümmert. Ein Ausrutscher, entschuldigen Sie bitte, passiert nicht wieder. Auch hier – Fehlanzeige.

Lieber Kurt, du hast unser Land nicht so kennengelernt, wie wir es kennen, aber wenigstens hast du dein Land so kennengelernt, wie wir es kennen. Du hast sie beim Namen genannt und es ihnen in`s Gesicht gesagt, den Verbrechercliquen, die Amerika gehijackt haben, ohne dabei auf substantielle Gegenwehr zu stoßen. Deshalb mögen wir dich. Hast du uns gemocht? Magst du uns?

Wir haben dich und deine Kumpels nicht totgeschlagen, weil wir nicht sind, wie ihr seid. Wir sind anders. Wir sind Bergbewohner, die die Ebenen lieben, Unterwasseratmer, wir wissen, das Vakuum ist ein Zustand, kein Ort; wir sind in einem Augenblick so klein, daß wir in eine Tasse Hühnerbrühe passen und demnächst so gewaltig, daß die Schattenzwerge ihre dicksten Pinsel herauskramen müssen, um uns schwarz anzumalen.

Ohne Erfolg, ohne Erfolg.

Kein Grashalm ist uns zu gering, als daß wir uns nicht vor seiner unerreichbaren Größe freudig verneigen. Jede tote Stubenfliege hat ein Staatsbegräbnis verdient. Wir stehen Spalier und salutieren.

Deshalb haben wir euch nicht totgeschlagen. Und deshalb habt ihr uns verbrannt.

Ich denke, ich sage dir nichts Neues, jetzt, da du Bescheid weißt.

Pass` auf dich auf und lebe wohl.

In alter Freundschaft

H-P  S

*Anmerkungen zu http://julius-hensel.ch/2013/03/todeswuste-dresden-1945-ich-war-dabei/

 

13 Gedanken zu „Hensel´s Sonntagsmatinée: die Ermordung Dresdens

  1. Väter und Söhne

    PROLOG:

    Nachdem ich selbst schon Rentner und Großvater bin, habe ich erstmals Kontakt zu meinen viel jüngeren Halbschwestern und unserem gemeinsamen fast neunzigjährigen leiblichen Vater angenommen. Dabei stellte ich überraschend fest, daß unter uns Geschwistern kein Konsens aufkam, sofern er die Beurteilung der Lebensleistung unseres Vaters betraf. Ich, das Kriegskind, genauer das Nachkriegskind aus dem Westerwald, und meine Schwestern, die Wirtschaftswunderkinder aus der bayrischen Ostmarck, wir sind einfach nicht fähig, ein sachliches Gespräch zu führen. Weil diese Sprachlosigkeit sich vermehrt auch zwischen mir und meinen Söhnen einstellt, platziere ich nachfolgenden Dialog:

    VON MIR ÜBERARBEITETER DIALOG AUS LUPO CATTIVO:

    Markiko sagte

    Ich bin mir nicht ganz sicher, aber meine Eltern haben ihren Mund ja auch nie aufgemacht und sie waren als junge Menschen dabei. Mein Vater stand mit 17 vor Hitler bevor er nach Russland geschickt wurde und meine Mutter war wohl (ich weiss es nicht ganz genau in der Kinderlandverschickung), das war bevor die beiden sich kennenlernten. Leider weiss man nix Genaues, ja und leider ist keiner mehr da den man fragen könnte. Beide schon längst nicht mehr auf dieser Welt (aber hoffentlich da wo sie sich nicht mehr so schinden müssen). Jetzt ist mir gerade eingefallen, wo wir schon mal beim Thema sind:

    Mein Vater ist April 1925 geboren, März 1980 verstorben, also knapp 55 Jahre alt. Nach der Beerdigung hab ich meine Mutter auf einen geplanten Urlaub mitgenommen. Dort, als sie etwas zur Ruhe kam erzählte sie mir folgendes: Mein Vater, sein Name war Werner, stand mit (nun gut ich weiss es nicht genau ob er 16 oder) 17 Jahre alt war in Berlin auf irgendeinem Platz in der Stadt. Parade, Hitler ist mit seiner Entourage im Anmarsch, die Jungs stehen Spalier, der Führer begrüsst jeden persönlich und fragt nach der Familie, Werner wurde vom Führer befragt “Na Junge, haste denn auch Geschwister?). “Ja Führer noch vier Brüder.” “Na dann machs mal gut Junge und komm heil wieder nach Haus”.
    Soweit war es wohl mehr oder weniger original abgelaufen. Viel später, als Hitler verteufelt wurde, mein Vater aus Russland nach endlosen Jahren zurück war, schwer verwundet, ein Auge verloren, seinen besten Freund verloren hatte und sicher noch vieles mehr was ich nicht weiss und wohl auch nie mehr in Erfahrung bringen werde, erzählte mir meine Mutter eben kurz nach seiner Beerdigung, dass er viel später danach, also nach der Begegnung mit Hitler gesagt hatte: “Ja, aber warum hat mir das denn keiner gesagt, ich hätte ihn doch abknallen können, ich hatte doch eine Waffe im Halfter, er stand doch direkt vor mir.”

    Nur eine Episode, eigentlich die einzige die ich kenne von meinem Vater. Frage an mich: Was soll ich nach den neuesten Erkenntnissen und dem neuesten Wissen davon halten? Ich denke mal, gut dass er damals nicht so gedacht hat wie nach dem Krieg gedacht wurde, sonst hätte er garantiert das Falsche getan.

    Ich bin ja dann später geboren und musste als kleines Mädel seine Traumata aushalten, aber er war schon ein armer Kerl, den Rest seines Lebens Alkoholiker, die Kinder geschlagen (wir sind 5, die anderen haben alles abgekriegt, ich weniger die Schläge, aber seine Weinkrämpfe und seelischen Erschütterungen. Ist schon schlimm als kleines Mädchen oder Jugendliche seine Ausraster mitzukriegen). Aber iich beschwere mich nicht, er war einfach ein armer Kerl und ist viel zu früh dann an Krebs verstorben. Ich bin heute schon älter als er damals war. Damit solls auch gut sein.

    Er hat zwar gaanz viel gequalmt, den ersten Tumor fand man hinterm Ohr, der wurde rausoperiert, danach halbseitig gelähmt. Danach Tumor hinter dem anderen Ohr und dann hiess es, operieren geht nicht mehr, weil wäre komplett gelähmt gewesen und es hätte nichts mehr gebracht. Mein Vater war ein grosser stattlicher Mann, hat sein Leben lang schwer malocht. Was ich lange nicht wusste: er musste mit seinen Eltern und Brüdern aus Pommern flüchten, von der Ostsee, der Ort hiess Palzwitz, mit Pferd und Wagen, Bauernhof verlasssen und immer gen Westen zu Fuss laufen bis nach NRW. Zum Schluss war er austherapiert, konnte nach Hause gehen, meiner Mutter hatte man eine Ampulle Morphium in die Hand gedrückt, sie musste dann sehen wie, wann und wieviel sie ihm gestattet zu verabreichen. Letztendlich war er nur noch ein klapperiges Gerippe und ist elendig verreckt, kurz vor seinem 55. Geburtstag. Ich hab ihn noch mal gesehen, als er im Sarg lag – er sah aus wie mindestens 100 Jahre alt. Jetzt muss ich fast schon wieder weinen, ein trauriges Leben. Am 29.3. ist er schon 33 Jahre nicht mehr unter uns.

    Auf der Flucht hat sein jüngster Bruder Selbstmord begangen. Das hab ich erst vor 2 Jahren erfahren. Der Bruder, den ich nicht kannte, natürlich nicht, hiess Fritz. Ab dann wollte mein Vater immer Fritz genannt werden von Freunden und Bekannten. Erst vor kurzem habe ich also verstanden warum und woher immer dieser Fritz kam.

    MEINE ANTWORT:

    @ Markiko

    Beim Lesen Deiner Zeilen war sie wieder da, unsere chaotische Nachkriegskindheit. Wer die nicht verinnerlicht hat, der kann die Generation der 1920-iger deutschen Eltern überhaupt nicht verstehen. Meine jüngeren Verwandten jedenfalls, die wissen nur eines, und das wissen sie täglich um so besser, nämlich daß der alte Vater ein Unmensch ist.

    Spontan erinnere ich an die Vereinsvermögen, welche bei der Gleichschaltung der Vereine mit der HJ vor den Nazis in Sicherheit gebracht wurde. Bei uns hatte der CVJM ein wunderbares Vereinsgelände, das ein frommer Christ seiner evangelischen Kirche für einen Gotteslohn abkaufte, um es nach dem Ende der NS-Zeit brav an den CVJM zurück zu übertragen. Leider konnte sich der religiöse Eiferer aus der Vorkriegszeit nach 1945 überhaupt nicht mehr an diese Abmachung erinnern. Daher wartete er, bis aus dem großen Gelände Bauland wurde und mutierte dann zu den neuen Kriegsgewinnlern. Mein eigener Turnverein verlor so den Jahnplatz, eine Wettkampfstätte vom Allerfeinsten. Und fast überall ging auf solch schäbige Weise das ehemalige genossenschaftliche Vereinsvermögen in die Hände von modernen Finanzoptimierern über.

    Ebenso läßt mich die Erinnerung an das massenhafte Rückgratbrechen unserer väterlichen Vorbilder aus der Kriegszeit nicht los. Da mußten aufrechte Männer je nach ehemaliger Glaubenszugehörigkeit sowohl in der katholischen als auch in der evangelischen Kirche sonntags öffentlich vor der versammelten sogenannten Kirchengemeinde erscheinen und vom Nationalsozialismus abschwören, bevor sie erneut ihre angestammte Arbeitsstelle aus der Vorkriegszeit antreten durften. Widerstanden oder seelisch verkraftet haben das nur wenige. Gut, die Post-45-er-Polizei achtete damals streng auf Einhaltung der neuen Besatzungsregeln. Schließlich saß die Mehrheit dieser Besatzungsknechte bis zum Einrücken der Alliierten selbst im Gefängnis, weil sie rechtmäßig von der deutschen Justiz dazu verurteilt worden war. Als aber die feindlichen Truppen auch die Gefängnisse einnahmen, sperrten diese einfach die davor entwaffnet wartenden ehemaligen Polizisten ein und ernannten die entlassenen Kriminellen zur neuen Ordnungsmacht.

    Dann waren da die Selbstmorde. Man kann sich das heute gar nicht mehr vorstellen, in welcher Häufigkeit die begangen wurden. In unserem Nachbarhaus hing sich um 1950 ein Vater mit seinen beiden kleinen Töchtern auf. Der Gymnasiallehrer für Geschichte beendete sein Leben mit Zyankali. An der abgelegenen Flußaue fand man bis Mitte der Fünfziger regelmäßig erhängte Männer. Ein Verwandter, 14/18 hochdekoriert wählte 51 den Freitod im Stauwehr. Dann gab es die vielen, welche den berühmten Gashahn aufdrehten. Bei diesen und vielen sogenannten Arbeitsunfällen wurde der eigentliche Selbstmord gerne verschleiert. Ich kann mich noch lebhaft daran erinnern, daß meine Mutter sich zusammen mit mir von einer Staumauer stürzen wollte.

    Zum täglichen Mangel kamen die Kriegsschäden, die es zu beseitigen galt. Ich erinnere mich noch an Hundertschaften von deutschen Männern, die ehemalige Kampfgebiete mit dem Spaten umgraben mußten, um nach Menschenresten und Munitionsresten zu suchen. Die halbverwesten Menschenteile kamen auf einen Haufen und das gefundene Metall auf einen anderen Haufen. Hieronymus Bosch hätte hier allerbeste Motive vorgefunden. Trotz derartiger frühen Kindheitserfahrungen kam ich von einem Besuch im zertrümmerten Köln völlig verstört zurück.

    Der 1888 geborene Großvater kämpfte 14/18 und 39/45 im Westen wie im Osten. Als SS-Mann gelang es ihm, zunächst seine Gefangennahme zu verhindern. Er schaffte es, sich bis in die französische Zone durchzuschlagen. Als seine buckelige Verwandtschaft davon hörte, sorgte der mit ihm verwandte Pastor dafür, daß man ihm in Dietz an der Lahn seinen preußischen Ungeist aus dem Balg prügelte. Seine Abwesenheit nutze seine Scheinheiligkeit aus der nahen Klosterkirche dann dazu, allen im Dorf zu erzählen, daß der Heimkehrer in Polen die allergrößten Verbrechen begangen habe. Seine im Sterben liegende Schwiegermutter knickte ein und vermachte dem Kloster nach langem Abwerkampf die besten Ackerflächen. Daraufhin mutierten Ehefrau und Kinder zum Vaterhasser aber vor allem zum Deutschlandhasser. Als der Herr mit gebrochenem Rückgrat in Dietz entlassen wurde, empfing ihn seine Familie wie eine Partisanenbande. Er hatte praktisch hinfort nichts mehr zu sagen. Und wenn er doch mal seinen Willen durchsetzen wollte, dann drohte sein eigenes Fleisch und Blut damit, ihn beim Franzmann für die angeblichen Untaten in Polen anzuzeigen, von denen der Pfaffe zuvor großmäulig phantasiert hatte. Natürlich durfte er nicht in seinen Beruf an der Post zurück, wo er bis zur Kapitulation eine leitende Funktion bekleidet hatte. Jetzt sollte er die Trümmern der zerstörten Bahn beseitigen. Ich weiß, daß er mehrmals den Anlauf machte einige Widersacher ins Grab zu befördern. Die dazu passenden Mordinstrumente hat er mir mehrfach gezeigt. Aber irgendwann war ihm alles gleichgültig.

    Als 1950 die ersten Flüchtlinge aus dem Osten kamen und ich mich mit deren meist völlig verstörten Kindern anfreundete, drohte auch ich seelisch zu vergehen. Bis dahin hatten wir nur Flüchtlinge aus Elsaß-Lothringen. Die gab es wirklich, auch wenn das heute niemand mehr wahrhaben will. Wenn ich abends einschlief, hatte ich immer das Gefühl, daß ich zusammen mit den Ostflüchtlingskinder im Fegefeuer auf den Teufel warten würde. Damals habe ich beschlossen einfach schon mal zu sterben. Auf jeden Fall wollte ich mich vor der Unsicherheit befreien und klar Stellung beziehen: Das heißt ich wechselte innerlich auf die Seite der Besiegten, um dort meinen klitzekleinen kindlichen Abwehrkampf zu beginnen. Ich erklärte mich einfach selbst für zum Tode verurteilt und hatte seit dem auch keine Angst mehr vor dem Sterben. Gut, dem Tod begegnete man damals im Alltag fast täglich. Auch im Kino wurden minutenlang Erschießungen und Erhängungen von Deutschen durch die Alliierten gezeigt. Dorthin schleppten die Erwachsenen damals Kleinkinder, nichtsahnend welche Schäden solch ein Kinobesuch verursachen würde. Ganz selbstverständlich wurde im Alltag haupsächlich und andauernd von unterschiedlichen kriegerischen Grausamkeiten gesprochen, so daß mich eigentlich kaum noch etwas erschüttern konnte als Klassenkameraden Weinkrämpfe bekamen, wenn sie von den Schrecken des Krieges hörten

    Aber heute, werte Marikiko, ist das alles gar nicht mehr wahr. Es interessiert sich auch niemand für Deine und meine Geschichte, und die wenigen, die mich verstehen wollen, die glauben mir nicht. Selbst die jüngeren Geschwister halten mich für einen Phantasten und den Vater und Opa für Unmenschen. Wie gut, daß ich eigentlich schon lange tot bin!

    Quelle: http://lupocattivoblog.com/2013/03/22/d … /#comments

  2. Man baute in der US-amerikanischen Wüste deutsche Mehrfamilienhäuser nach und erkannte an Hand dieser, dass man die deutschen Innenstädte nicht zerbomben kann, sondern zunächst lediglich in kleinen Teilen mittels Sprengbomben Schaden anrichten kann, um danach in einer zweiten Welle in diesen zerstörten Stadtteilen mittels Phospor-Bomben (mehrfacher Verstoß gegen die Haager Landkriegsordnung) das die eigentliche Zerstörung bringende Feuer zu entfachen.

    Als optimal galt die Schaffung eines sogenannten Feuersturms, eines gigantischen Feuers, in welchem hektargroße Wohnquartiere, ja ganze Stadtteile, in einem einzigen Feuer brannten, und welches so viel Sauerstoff und Luft benötigte, dass sich um diesen Feuersturm herum regelrechte Orkane bildeten. Orkane, die den flüchtenden Müttern die Kinder aus den Händen rissen. Ein Feuersturm, der Menschen die dorthin blickten, sofort die Augäpfel vertrocknete, ein Feuersturm, der flüchtende Menschen im flüssigen Asphalt kleben blieben lies, wo sie jämmerlich verreckten.

    Ein Feuersturm, welcher Keller übrig ließ, in welchen –Monate später von Trümmern befreit und geöffnet- obenauf das erkaltete Menschenfett lag, während darunter wie in einem übergroßen Kochtopf Fleisch und Knochen der elend zerkochten Menschenleiber zum Vorschein kamen.

    http://schwertasblog.wordpress.com/2012/11/10/warum-frieden-die-falsche-option-ist/#more-18776

    Und nichts wird vergessen. Danke an Jo, Waffenstudent sowie den anderen Schreibern.

  3. Dresden war eine lebend Verbrennung von fast einer Million Menschen.
    Die 25 000 Toten, von tausenden Bombern lebendig verbrannten, wäre der größte Fehlschlag dieses mörderischen Planes gewesen!
    Kapiert!!!????

  4. Damit ihr euch keinen Illusionen hingebt…. . So sieht EIN Gesicht des Feindes aus.
    Die Illegalen in das Land lassen und die eigenen Leute ( obwohl, IHR seid mit uns nicht verwandt) drangsalieren und unterdrücken…..

  5. Doch damit nicht genug, im Stadtarchiv ist weiteres zu diesem Themenkomplex gehöriges, bisher zugängliches Archivgut für 80 (achtzig!) Jahre gesperrt.

    Schriftliche Anfrage vom 10.6.2013 an den Leiter des Dresdner Stadtarchivs, Thomas Kübler:

    Betr.: Sachverhalt zu den Arbeitsunterlagen der Historikerkommission und anderen Archivbeständen.

    Sehr geehrter Herr Kübler,

    meine früheren Anfragen und entsprechenden Antworten betreffend, benötige ich ergänzende Auskünfte:
    Ist es zutreffend ist, daß sämtliche Arbeitsunterlagen der Historikerkommission (Protokolle, Expertisen, Quellenvermerke, Rechercheunterlagen, öffentlich zugegangene Augenzeugenberichte usw.) für 30 Jahre unter Verschluß gehalten werden? Wenn zutreffend, von wem und seit wann angeordnet?

    Weiterhin bitte ich um Auskunft, ob die „Sammlung der IG 13. Februar 1945“ noch zugänglich ist und das Findbuch des „Zeitzeugenarchiv des Stadtarchivs“ mit überschlägig 64 Eintragungen den ursprünglichen Bestand dieses Archivs (z.B. den von 2006) repräsentiert.

    Mit freundlichen Grüßen und Dank für Ihre Bemühungen

    [handschriftlich]Gert Bürgel

    … und hier die Antwort des Stadtarchivs:

    Sehr geehrter Herr Bürgel,

    ja, es ist zutreffend, dass die Arbeitsunterlagen der Historikerkommission für die Benutzung nicht zugänglich sind, da es sich um dienstliches Schriftgut handelt. Dieses wird nach dem „Archivgesetz für den Freistaat Sachsen“ in Anlehnung an das Bundesarchivgesetz erst nach 30 Jahren Archivgut und dann zur Benutzung freigegeben.

    Die Sammlung der „IG 13. Februar“ enthält vorwiegend Erlebnisberichte zu den Bombenangriffen. Da dort von den Berichterstatteten keine Einverständniserklärungen für die Benutzung vorliegen, richtet sich die Benutzung nach dem Sächsischen Archivgesetz. Das bedeutet, dass die Unterlagen erst 10 Jahre nach dem Tod oder 100 Jahre nach der Geburt der Betroffenen benutzbar sind. Da wir über diese Daten nicht verfügen, muss eine Sperrung auf 80 Jahre vorgenommen werden.

    So verhält es sich auch bei den Erlebnisberichten im Bestand „Zeitzeugenarchiv“. Diejenigen Berichte, bei denen eine Einverständniserklärung vorliegt, sind benutzbar und im Findbuch erfasst. Alle anderen Berichte, auch die mit Einschränkungen versehenen Einverständniserklärungen, sind nicht im Findbuch ersichtlich.

    Mit freundlichen Grüßen

    Anett Hillert
    SB Vorfeld und Erschließung

    http://www.dresden-dossier1945.de/archivsperrungen.php

  6. Na also, ein weiterer Sargnagel. Danke. Staatsdiener müssen so etwas wie eine aussermenschliche Spezies sein, wenn nicht gar eine antimenschliche. Anders lassen sich Charakterdeformationen, Untertanengeist, Feudalverhalten und Empathieunfähigkeit wohl schwerlich erklären.

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