wie transparent ist die Zulassung von Pestiziden?

bayer_hazard_2002Danke an Armeeverkauf

Pestizide müssen getestet, bewertet und gekennzeichnet werden, dann werden sie für bestimmte Anwendungen, oft mit Auflagen, zugelassen. Aber welche Tests sind vorgeschrieben, wer trifft die Entscheidungen, und in welcher Form kann ein interessierter Verbraucher oder Experte den Weg nachvollziehen? Auch eine zweitägige Internet- und Telefonrecherche reicht nicht, um diese Fragen vollständig zu beantworten. Es ist kompliziert, es sind nationale und internationale Behörden beteiligt – und es wird permanent weiter entwickelt.

Produktzulassung – In Deutschland sind das Bundesamt für Risikoforschung, das Umweltbundesamt und federführend das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit an der Überprüfung von Tests und Dossiers beteiligt, die mit dem Zulassungsantrag der Firmen eingehen.

Die antragstellenden Firmen und die von ihnen beauftragten Labors schützen die Originaldaten und das Methodenwissen als geistiges Eigentum, d.h. sie sind nicht öffentlich zugänglich.
Die Entscheidungen aufgrund der nur ihnen vollständig zugänglichen Daten lasten daher auf einer kleinen Gruppe von zuständigen Experten in den genannten Behörden.

Strukturell ungünstig erscheint, dass die Labors von den Firmen beauftragt und bezahlt werden, die ein Interesse an einer Zulassung haben und nicht von den Behörden, die ein vorrangiges Interesse an der Prüfung haben. Theoretisch könnten auch Behörden solche Aufträge vergeben und die Kosten bei der Zulassung erheben. Als Verbraucher kann man Zulassungsberichte und Pflanzenschutzmittelverzeichnisse über die Internetseite des BVL einsehen.

Bewertung und Ausschlusskriterien – Die Ergebnisse werden in diesen Berichten mit Begriffen wie augenreizend, stark schädigend oder schwach schädigend für Florfliegen oder giftig für Fische oder Algen beschrieben. Für welche Sterberaten und zu erwartenden täglichen Aufnahmemengen diese Begriffe gelten ist unklar. Auch ob stark schädigend giftig bedeutet oder dass die Tiere z.B. schlechter fliegen, wird nicht deutlich. Es finden sich aber Angaben zu Konzentrationen, die zu Sterberaten von 50% führen (LC50) oder zu Konzentration ohne messbaren Effekt.

Liest man solche Berichte, fällt auf, dass die reinen Wirkstoffe im Gegensatz zum fertigen Produkt mit allen Beimischungen nicht mehr national, sondern durch eine EU-Behörde (EFSA European Food Safety Authority) geprüft werden. Die EU entscheidet also sowohl bei der Prüfung (EFSA) als auch bei der Bewertung (Kommission), sowie durch Richtlinien und Verordnungen mit.

Die EU-Verordnung (EG) Nr. 1107/2009 legt z.B. fest, wann ein Pestizid nicht zugelassen werden darf: Das ist der Fall, wenn es schwer abbaubar ist („Persistenz“), sich in Organismen anreichert („Bioakkumulation“), toxische Wirkungen hat und weit in andere Gebiete transportiert wird. Genaue Messkriterien sind dazu angegeben. Ein Pestizid darf auch nicht zugelassen werden, wenn:

  • Persistenz, Bioakkumulation und toxische Wirkungen auf Wasserorganismen bzw. krebserregende, mutagene oder reproduktionstoxische Wirkungen oder andere chronische Wirkungen auf menschliche Organe nachgewiesen sind;
  • der Stoff sehr persistent und hochakkumulierend ist;
  • der Stoff bei sachgemäßer Anwendung toxisch für Bienenvölker ist.

Es müssen also meist mehrere Kriterien zutreffen.

Die Wirkungen auf weitere in der Verordnung nicht genannte Pflanzen und Tierarten werden von Experten hinsichtlich der Stärke und Häufigkeit bewertet und könnten nur aufgrund dieser Bewertung zu einer Ablehnung führen. Mit anderen Worten ist ein Stoff, der toxisch auf Vögel wirkt, aufgrund dieser Verordnung nicht automatisch aus dem Rennen.

Will man Genaueres wissen, über die Tests und die zu testenden Organismen, verweist die Verordnung auf Richtlinien (Test und Assessment Guidelines) der EU und der OECD. Aus diesen geht unter anderem hervor, dass keine Tests mit Amphibien erfolgen müssen. In den Test-Richtlinien wiederum wird nicht selten auf Methoden-Beschreibungen verwiesen, die nur über eine Fachbibliothek bestellt werden könnten.

bayer argentinienKennzeichnung – Welche Gefahren dem Käufer und Anwender von Pestiziden auf der Verpackung angezeigt werden müssen, wird inzwischen auf globaler Ebene durch die OECD und UN erarbeitet. Auch hier ist eine EU-Behörde zuständig, die ECHA (European Chemicals Agency): Nach deren Verordnung (EG) Nr. 1272/2008), gilt z.B. Folgendes: Auf verschiedene Gefahren für Menschen, Wasserorganismen, die Ozonschicht usw. muss nach der neuen globalen Regelung durch Kürzel oder Piktogramme hingewiesen werden; nicht aber, wenn sie giftig für Wirbeltiere oder Bienen sind oder längerfristige schädliche Auswirkungen auf die Umwelt haben können.
Der Zulassungsprozess ist kompliziert, weil die Materie komplex ist und auf vielen politischen Ebenen stattfindet. Das ist ein Hauptgrund, warum er schwer transparent zu machen ist.

Es wäre allerdings wünschenswert, wenn interessierte BürgerInnen nachvollziehen könnten, nach welchen Regeln die in den Zulassungsberichten verwendeten Einstufungen – wie z.B schwach oder stark schädigend oder toxisch – vergeben werden, d.h. welche Ergebnisse zu welcher Einstufung führen.

Dr. Gesine Schütte

Quelle: agrar-info 181

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