Syrien: Bericht von Marat Musin

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Danke an Armeeverkauf

ZAVTRA: Marat Masitowitsch, Sie sind der Leiter einer Gruppe von Journalisten der Nachrichtenagentur ANNA-News, und sind vor ein paar Tagen von der Frontlinie zurückgekehrt, wo sie syrischen Streitkräfte gegen die Rebellenbanden kämpfen. Wie ist derzeit die Lage in Syrien? Was passiert in Damaskus?
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Daraja – Front nahe der Hauptstadt

Marat Musin: Wir sind in Daraja, einem Vorort von Damaskus, gewesen, wo eine größere Gruppe Rebellen umstellt ist; wir sind bis in Sichtweite ihres Haupt-Kommandozentrums vorgedrungen. In manchen Augenblicken befand sich der Gegner kaum zwei Meter von uns weg, hinter einer Wand… und wir warteten auf den Angriff.
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Unter den Rebellenbanden gibt es sehr viele Ausländer. Auf jeden Fall habe ich dutzende ihrer verbrannten Leichen dokumentiert. Die Leichen der Ausländer werden verbrannt, damit man sie nicht identifizieren kann. Syrer werden hingegen beerdigt.
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Angeworben werden in diese Banden Syrer aus den kaum gebildeten Schichten und Arbeitslose – gegen ein paar Groschen und Drogen. An den Frontlinien finden wir andauernd Spritzen, Ampullen und Tabletten – sie liegen direkt auf den Straßen herum.
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Auf einem Schützenpanzerwagen kamen wir unter der Deckung von zwei Panzern zu einem eingenommenen Kommandopunkt der Rebellen heran – es handelte sich dabei um ein paar unterkellerte Gebäude, die mit Schießscharten und Schützenpositionen ausgestattet waren. Um diese Gebäude gab es 9 Tage lang heftige Kämpfe. Wir wurden auch beschossen, in der Panzerung blieben die Spuren von 12,7-Millimeter-Geschossen zurück. Hier, im Bereich der Medresse von Daraja, wurde eine recht große Einheit Salafiten vernichtet. Bei der Erstürmung sind 4 Soldaten und ein Leutnant unter schwerem Gegenfeuer in das Erdgeschoss des Gebäudes eingedrungen und haben dieses Stockwerk gesichert. Daraufhin haben acht Soldaten unter dem Kommando eines Oberst das zweite Stockwerk eingenommen. Die Rebellen zogen sich in die Kellergewölbe zurück und saßen still, ohne zu schießen. Als die Hauptmacht der Armee ins Gebäude einzog, schossen sie den Soldaten durch Ritzen und Löcher in die Beine. Acht von denen, die zu Boden gingen, wurden durch Kopfschüsse getötet. Nach dieser Episode wurden verständlicherweise keine Gefangenen mehr gemacht. Die Leute waren wirklich in Rage. Man hat später über 90 Leichen aus diesem Kellergewölbe geborgen. Der Kommandeur dieser Salafitenbrigade war ein Saudi, er und sein Sohn sind dort erschossen worden.
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Später kamen wir an Stellungen, von denen aus die Erstürmung eines befestigten Viertels der Banditen beginnen sollte. Wir haben gehört, wie sich die Offiziere mit den Rebellen im Nachbarhaus in Wortwechsel einließen; die Banditen lehnten es ab, sich zu ergeben, und antworteten mit Schimpftiraden. Die Soldaten verloren also die Lust am Verhandeln, eine Sturmgruppe ging los und vernichtete sie.
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Auf derlei Einsätze gehen bei den Syrern nur Freiwillige – das habe ich mit eigenen Augen gesehen.
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ZAVTRA: Die syrisch Armee führt unentwegt Kämpfe in Ortschaften, erstürmt die Positionen der Terroristen und unternimmt Anti-Terror-Einsätze. Wie ist Ihre Meinung zu den Fähigkeiten der Soldaten, was deren Einsätze und die persönlichen Qualitäten anbelangt?
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Motivation & Moral

M.M.: Die syrischen Soldaten und Offiziere legen Beharrlichkeit und Heldenmut an den Tag. Mitunter grenzt ihre Aufopferung an Leichtsinn. Doch diese Eigenschaft zeugt ohne viele Worte von ihrer Furchtlosigkeit und der Bereitschaft, sich für ihr Vaterland zu opfern.
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menschenrechte syrienAls wir unterwegs durch eine gefährliche Gegend waren, wurden wir von einfachen Soldaten, die nicht einmal Schutzwesten trugen, rechts und links abgeschirmt. Unser Begleiter hat uns dann und wann einfach gewarnt: “Vorsicht, hier ist es gefährlich!” und uns durch seinen eigenen Leib abgeschirmt. In Daraja gerieten wir unter Scharfschützenfeuer. Wir mussten über eine Straße sprinten, die durchschossen wurde. Beinahe wäre unser Kameramann erschossen worden. Der Scharfschütze tat einen Fehlschuss. Als ich auf dieser Strecke stolperte und fiel, kamen sogleich zwei Soldaten heran, um mich aus dieser Lage zu retten. Beide waren auf offener Straße in der Schußlinie. Dabei kenne ich nicht einmal die Namen dieser Soldaten.
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Und solche Fälle gibt es viele. Unter den einfachen Soldaten gibt es wirklich Helden. Wir kamen einmal unter Sperrfeuer. Unser Begleiter, ein junger Mann von vielleicht 20 Jahren, wurde von einer Kugel kurz unterhalb des Herzens getroffen. Die Wunde war schrecklich, alles war zerrissen. Er überlebte, verbrachte drei Monate auf der Intensivstation und kam später in seine Einheit zurück, mit Kalaschnikow und Pistole. Er hat sich eben entschieden.
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ZAVTRA: Woher haben die Rebellen in Syrien denn so viel Waffen?
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M.M.: Waffen haben sie genug. Scharfschützengewehre, Panzerabwehrwaffen, Maschinengewehre – alles ist da. Es gab viel alten Plunder, denn z.B. aus Libyen kamen frachterweise Waffen, darunter auch aus US-amerikanischer und israelischer Produktion. Weiterhin ist der Kanal aus der Türkei offen. Wir haben selbst gesehen, wie die Syrer Lufteinsätze flogen, und die Rebellen beharkten sie mit Boden-Luft-Raketen.
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Die syrische Aufklärung hat Informationen darüber, dass in den Flüchtlingslagern in der Türkei britische und amerikanische Instrukteure Al-Kaida-Leute ausgebildet haben, welche denn auch mit den MANPADS ausgerüstet wurden. Die Rebellenbanden benutzen auch Flammenwerfer, eine Waffenart, die ich bei den Syrern nicht gesehen habe. Sie besitzen auch hochpräzise, weitreichende Scharfschützengewehre und Computersysteme zur Steuerung derselben, Panzervernichtungswaffen… Die Syrer benutzen hingegen unsere Panzer, T-72 mit dynamischer Panzerung. Sie kämpfen und besiegen diese aufgepeppte internationale Militärmaschinerie.
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ZAVTRA: Trifft es zu, dass es unter den Rebellenbanden eine große Zahl an Ausländern gibt?
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Freiheit für Palästina = Terror gegen Syrien?

M.M.: Das trifft zu. Dabei denken viele von denen sogar, dass sie.. auf dem Territorium Israels für die Freiheit Palästinas kämpfen! Da gibt es beispielsweise Afghanen, die gar nicht wissen, was Syrien überhaupt ist. Ich habe unzählige solcher Leichen gefilmt, die sie nicht zu verbrennen geschafft haben. Saudis und Pakistanis kann man zum Beispiel oft an den mit Henna gefärbten Bärten erkennen. Wir finden auch unentwegt Geld in ausländischen Währungen, aus Libyen, dem Sudan, der Türkei.
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Die geheuerten Söldner sind vor allem Islamisten aus Problemgebieten. Das Anwerben kostet nicht viel: für 400-500 US-Dollar gehen sie in den Tod. Schuhada werden gekauft. Väter verkaufen einfach ihre Söhne, damit diese sich irgendwo in Syrien in die Luft sprengen. Aktiv sind auch und vor allem irakische Zellen der Al-Kaida. Ich habe insgesamt 12 Mann interviewt, die Kommandeure verschiedenen Ranges in der sogenannten Al-Nusra-Front waren. Vor ungefähr einem Monat hat das US-State Department diese Struktur auf die Liste der terroristischen Organisationen gesetzt. Das ist wie der Klassiker: “Ich habe dich geboren, ich werde dich auch töten.” (Anspielung auf Nikolaj Gogols “Taras Bulba” – apxwn.)
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ZAVTRA: Was denken Sie, wird der Zustrom von Söldnern nach Syrien noch zunehmen, oder ist die Spitze bereits hinter uns und die Zahl dieser Gruppierungen wird sinken?
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2 Gedanken zu „Syrien: Bericht von Marat Musin

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